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Hört endlich damit auf, nur für den perfekten Lebenslauf zu leben!

Wir hetzen von einem Praktikum zum nächsten Job. Wir designen unseren Lebenslauf. Wir üben uns in Perfektion. Doch es ist nicht genug. Was macht die Burnout-Gesellschaft mit uns?

 

Immer höher, immer weiter 

Dein Lebenslauf ist perfekt, sagen dir alle. Trotzdem fordert jede/r von dir, dass du noch mehr leistest. Um an dein Ziel zu kommen musst du nun mal hart arbeiten, sagen sie dir. Du strengst dich an. Du fällst. Du stehst wieder auf. Du kämpfst. Doch so sehr du dich auch anstrengst, in manchen Phasen des Lebens will es einfach nicht. Was ist zu tun, wenn du an deine Grenzen gerätst? Die vergangenen Monate, nein Jahre, meines Lebens haben mich zwischen Sinn und Irrsinn gesellschaftlicher Forderungen getrieben.

Du bringst dein Bachelor-Studium erfolgreich hinter dich, ergatterst heiß begehrte Praktika und Jobs, verbringst Auslandsaufenthalte in den USA oder europäischen Hauptstädten, zeigst soziales Engagement, du absolvierst ein Förderprogramm nach dem anderen, deine Masterarbeit schließt du bald mit Auszeichnung ab, sie soll für einen Preis nominiert werden und du hast bereits Aussichten für zukünftige Karriere-Projekte – alles läuft bestens. 

Und dann schlägt das Schicksal zu

Bis du zu einem bestimmten Punkt gelangst: Gegen Ende der Masterarbeit zeigen sich bei dir allmählich Anzeichen von Burnout. Du hängst dich Tag für Tag rein. Nebenbei treibst du Sport, kaufst bewusst ein, kochst gesund, bist sozial aktiv, führst eine Beziehung, kümmerst dich um deine Familie, pendelst zwischen drei Städten. Du bist eine Kosmopolitin. Aber irgendwann kriegst du Herzrasen. Wenn es um dich herum zu laut wird. Wenn du den nächsten Zug erwischen musst. Wenn deine Mitbewohnerin wieder nach Hause kommt und dir von ihren Problemen mit der Chefin erzählen will. Du bekommst einen Hautausschlag. In der Magengegend fängt es an zu kribbeln. Du reagierst überempfindlich bei Lautstärke, das ist neu. Du bist beim Aufstehen schon unruhig. Fühlst dich den ganzen Tag über gehetzt. Verdammt, nächste Woche muss das Kapitel endlich fertig werden. Du lernst dann viel über Achtsamkeit und übst dich in Gelassenheit. Konzentration auf der Zielgeraden. Und endlich schaffst du die Abgabe. 

Dann schlägt dir das Schicksal ins Gesicht. Zuhause erkrankt ein geliebter Mensch. Dein Leben gerät aus den Fugen. Es ist so, als ob du Monate lang durch die Hölle gehst. Dann, dein geliebter Mensch muss irgendwann nicht mehr leiden. Und du ihn nicht mehr leiden sehen.

Vom Boden aufstehen

Aber wo warst du nochmal stehengeblieben? Ach ja, du hast dein Studium beendet, wolltest gerade mit voller Fahrt voraus in die Karriere. Wo fängst du nun an? Du musst dein Leben ganz schön umgestalten.

Okay, du hängst dich rein. Ein Schritt nach dem Anderen. Deine Mutter hat noch nie selber Anträge gestellt, deine Geschwister haben erst Abitur oder sind gerader erst am Anfang ihres Studiums. Du trittst in die Fußstapfen deines Vaters, sagen deine Tanten, Onkel, Freunde der Familie. Mit diesen Werten bist du aufgewachsen. Diese bedeuten dir auch viel und du willst sie leben. „Okay. Das schaffe ich”, sagst du. Du stehst auf vom Boden. Innerhalb von sechs Wochen regelst du die wichtigsten Sachen zuerst. Beerdigung. Nachlass. Das Geschäft abgeben. Probleme ums Haus, ums Auto. Finanzierungsfragen.

Dann Konzentration auf die Karriere. Aber du kannst nur Schritt für Schritt wieder Fuß fassen. All deine vorherigen Projekte musstest du auf Eis legen. Kein Problem, du bist optimistisch. Es gibt immer neue Möglichkeiten. Du hängst dich rein. Innerhalb von sechs Wochen baust du Netzwerke auf, schreibst Bewerbungen, hast Vorstellungsgespräche, jobbst als Bloggerin, erhältst Traineeangebote und erstklassige Praktikumszusagen für deinen Traumberuf Journalistin.

Die anderen verlassen sich auf dich

Du stehst auf und du machst das alles. Du bist voller Elan, voller Enthusiasmus. Du verfolgst deine Träume, lebst deine Werte. Aber was sagen die dir Nahestehenden?

Die Familie sagt, du musst noch dies erledigen, das erledigen und dort etwas erledigen. Dein Freund sagt, du investierst zu wenig Zeit in die Beziehung, er fühle sich vernachlässigt. Deine Berufskollegen fragen: Warum hast du noch keinen richtigen Job? Wohin soll das führen? Das Kribbeln fängt wieder an. Die Überempfindlichkeit bei zu lauter Musik. Aber Achtung. Da war doch was, das nannte sich Achtsamkeit.

Innehalten und Kraft schöpfen

Hier zeigt sich die Widersinnigkeit unserer Gesellschaft: Burnout und Depressionen sind weit verbreitet in westlichen Industriegesellschaften, sie sind Grundlage zahlreicher ärztlicher Atteste. Doch sie gehören auch zu den am meisten unterschätzten Krankheiten im Alltag. Es sprudelt nur so von Büchern, Magazinen und Hörbüchern über Achtsamkeit und Gelassenheit, um Burnout und Depressionen entgegenzuwirken. Das neue Bewusstsein für Achtsamkeit wirkt schon fast wie eine Modeerscheinung. Doch wenn du dich in Achtsamkeit übst, kommt der Druck von woanders: Familie, Freund, Berufskollegen. Was ist da zu nur machen?

Wichtig ist: Du musst dir selbst auf die Schulter klopfen können. Du bist keine Maschine. Du machst schon zehn Sachen gleichzeitig, du kannst nicht hundert machen. Du bist nur ein Mensch.

Was mich die Erkrankung meines Vaters auf jeden Fall gelehrt hat: Es nützt nichts, alles in deinen Beruf, deinen Freund oder deine Familie zu investieren, wenn deine eigene Gesundheit leidet. Denn genau das hat er getan: Arbeiten, arbeiten, arbeiten – bis er umgefallen ist. Wortwörtlich. Für mich bleibt nun nur eines übrig: Das Leben, das mein geliebter Vater mir ermöglicht hat, leben. Wie? Ich setze mich in einen Park und blicke in die Ferne. Sehe Bäume und Sonnenstrahlen, azurblauen Himmel, höre Vögel zwitschern, genieße die Schönheit des Lebens.

Die Aufgabe der Burnout-Gesellschaft ist es genau das zu erlernen. Jede/r mit sich selbst und mit seinen/ihren Mitmenschen. Zu verinnerlichen: Physische und psychische Gesundheit sind eins. Halte dem Sinn und Irrsinn der Gesellschaft stand, indem du auf deine Bedürfnisse hörst. Gönne dir Ruhe, wenn du es brauchst. Halte Ausschau nach Dingen, aus denen du Kraft schöpfst. Klopf dir ruhig mal auf die Schulter. Du machst alles richtig.

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