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Impostor Syndrom: Wann merken die anderen, dass ich nicht gut in meinem Job bin?

„Wann merken die da oben wohl, dass ich gar nichts kann?“ Das Hochstapler-Syndrom ist ein psychologisches Phänomen, das viele Menschen kennen. Es beschreibt die Angst, dass man irgendwann als der*die Hochstapler*in auffliegt, als den man sich selbst sieht. Was ist da los?

Das erste Mal bin ich im privaten Umfeld auf das Hochstapler-Syndrom gestoßen, als eine mir nahe, seit langem arbeitende und erfolgreich die Karriereleiter erklimmende Person eines Tages zu mir sagte: „Ach weißt du, manchmal habe ich Angst, dass die irgendwann darauf kommen, dass ich gar nicht so gut bin, wie sie denken. Dass ich mich bisher einfach irgendwie durchgemogelt habe.“ Ich war baff. Denn nicht nur, dass ich es hier mit einer gestandenen Führungsperson zu tun hatte, nein, ich weiß auch ganz genau, wie viel Zeit und Energie diese Person in ihre Arbeit steckt. Ich lachte auf, und sagte: Was redest du da? Am anderen Ende der Telefonleitung wurde es still.

Wer gut ist, wird Erfolg haben, nicht wahr? Nun ja, wir wissen alle, dass diese Idee manchmal zu romantisch gedacht ist und neben den eigenen Fähigkeiten auch Glück und gute Beziehungen entscheidend dafür sein können, wo man auf dem Karrieretreppchen landet. Aber was ist, wenn man den eigenen beruflichen Erfolg überhaupt nicht mit den eigenen Skills verbinden
kann, sondern alleine mit Glück und vielleicht sogar Wohlwollen? Klingt komisch? Ist aber ein ganz normaler Gedanke von Menschen, die von dem Hochstapler-Syndrom (auch unter dem englischen Begriff Impostor-Syndrom bekannt) geplagt werden – und davon gibt es gar nicht so wenige. Eine Studie hat gar zum Ergebnis, dass etwa 70 Prozent der Menschen darunter leiden.

Doch ganz gleich, wo wir uns hier mit den Zahlen bewegen: Es handelt sich um etwas, das man definitiv ernst nehmen sollte. Denn auch wenn ich selbst ebenfalls überrascht lachte: Wer sich in der Denkfalle des Phänomens befindet, leidet oft sehr darunter und hat auf der Arbeit ein enorm hohes Stresslevel. Schließlich hat man stets das Gefühl, etwas vertuschen zu müssen: die eigene Unfähigkeit. Aber wie kommt es dazu und wer ist betroffen?

Wer ist für das Syndrom anfällig?

Wer aber ist dafür anfällig? Wirklich in Gänze untersucht ist das Phänomen noch nicht. Doch  einige Studien legen nahe, dass es vor allem beruflich erfolgreiche Frauen sind, denn sie schätzen ihre Leistungen oftmals geringer als Männer ein und schreiben Erfolg häufiger externen Faktoren zu, als es Männer tun. Aber besonders begünstigt wird das Denkmuster durch eine Leistungsgesellschaft, in der wir uns alle in einer ständigen Vergleichssituation befinden, wie die Professorin Birgit Spinath, die zu dem Thema forscht, der Süddeutschen Zeitung erklärt.

Und genau da liegt auch der Grund, warum gerade erfolgreiche Menschen an dem Syndrom leiden: Denn sie geben meist sehr viel Energie in ihren Job, identifizieren sich stark mit ihrer Arbeit und haben einen Hang zur Perfektion. Ihnen geht es oftmals besonders nahe, wenn etwas nicht funktioniert – was dann natürlich vor allem mit den eigenen Unzulänglichkeiten verknüpft wird, ganz im Gegensatz zum Erfolg, der für sie meist wenig mit ihnen selbst zu tun hat.

Andere Studien verknüpfen das Syndrom mit einer Erziehung, die das Hochstapler-Syndrom begünstigt. Nämlich dann, wenn man seine Kinder vor deren Augen allzu oft in den Himmel lobt – diese sich aber gar nicht in diesem beschriebenen Wunderkind wiederkenne können. Auch werden Mädchen leider immer noch häufig in 50er Jahre-Manier erzogen: Was zählt ist dass du lieb und hübsch bist – nicht deine Leistung.

Was kann Betroffenen helfen?

Wie es dazu kommt, ist also noch nicht wirklich erforscht – erschwerend wirkt etwa auch, dass das Hochstapler-Syndrom keinen permanenten, sondern einen temporären Zustand beschreibt, der besonders dann auftritt, wenn man angespannt ist. Was aber kann helfen? Ein Ansatz, um dem Hochstapler-Syndrom zu entkommen, ist die Ursachenforschung.

Das sollte man im Ernstfall natürlich mit Hilfe von professioneller Seite tun, kann aber im Anfangsstadium auch mit der Unterstützung von Freunden und Familie geschehen. Es hilft, sich wirklich ehrlich die Fragen zu beantworten, welche Faktoren für Erfolg und Misserfolg, für (kleine) Siege und Rückschläge verantwortlich sind. Denn wer das nicht mit seinen üblichen Glaubenssätzen abtut, sondern sich objektiv mit dem Thema befasst, wird hier bald bessere Antworten finden als: „Ich habe einfach nur Glück gehabt.“

Ist das Hochstapler -Syndrom vielleicht sogar was Gutes?

Die gute Nachricht: Die Verbindung, die sich von Erfolg mit dem Hochstapler-Syndrom zeigt, beweist auch, dass gerade die Menschen, die diesem Denkmuster verfallen sind, überhaupt keine Ängste haben müssten, nicht zu genügen. Sie sind durch ihren hohen Antrieb und ihren Anspruch an sich selbst meist eben genau deshalb weit gekommen. Und das Selbstbewusstsein der anderen muss auch mitnichten immer mit den besseren Skills zusammenhängen, sondern könnte ebenfalls an einem Mangel daran liegen, sich selbst wahrzunehmen – nur dass sie ihre Misserfolge eben in umgekehrter Richtung deuten.

Und doch bleibt grundsätzlich zu sagen: Nehmt diese Denkmuster ernst und versucht sie zu durchbrechen – und belächelt das Gegenüber nicht, wenn ihr das Syndrom bei ihnen feststellt. Denn das Hochstapler-Syndrom kann stark ausgeprägt zu enormen mentalen Leiden führen. Und so weit sollte es niemand kommen lassen.

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