Foto: Delia Baum

„Ich habe Instagram so satt“ – ein Gespräch mit der Satire-Influencerin Toyah Diebel

Toyah Diebel spricht im Interview über ihr neues Buch „Weiber“, erzählt, warum sie privat kein Instagram mehr nutzt und ruft zu mehr Ehrlichkeit rund um das Thema Schwangerschaft auf.

Dinkelmütter in humorvoll

Toyah Diebel ist Influencerin, Bloggerin und seit neuestem auch Autorin. Solche gibt es zwar viele, Toyah sticht jedoch aus der Masse heraus, denn sie verbindet starke gesellschaftskritische Meinungen mit humoristischer Eleganz. Mit ihrem Instagram-Account toyagurl zeigt sie satirisch gesellschaftliche Missstände auf. Auf den ersten Blick würde man das Buch ganz und gar nicht als feministisch einordnen. Bereits der Titel „Weiber: Von Dinkelmüttern, Powerfrauen und anderen Emanzen” lässt eher das Gegenteil vermuten. Doch es überrascht und zeigt gekonnt Tiefen auf, wo man zunächst nur Unterhaltung erwartet.

In ihrem Buch beschreibt Toyah, die im August Mutter geworden ist, das Leben von 24 Frauen mit verschiedenen Hintergründen in Kurzgeschichten. Jedes Kapitel ist mit dem Namen der Protagonistin betitelt. Es geht um Urlaube im Nudist*innen-Camp, Momentaufnahmen auf der Club-Toilette und in einem Geburtsvorbereitungskurs, aber auch um Abnehmwahn, Alkohol- und Drogenkonsum, Vergewaltigung und die Dysfunktionalität unserer Leistungsgesellschaft. All die Frauen in ihrem Buch haben etwas gemeinsam: Sie haben zu kämpfen – mit ihrem Körper, Männern, gesellschaftlichen Rollenbildern, Vorurteilen, Einsamkeit, ihren inneren Dämonen. Toyah vermittelt diesen Kampf unverfroren ehrlich, sprachlich gekonnt und mit einer guten Portion Humor – und regt die Leser*innen dabei an, über ihr Verhalten gegenüber sich selbst und anderen zu reflektieren. Im Interview spricht sie über den provokativen Titel ihres Buches, das Mutterwerden und darüber, warum sie Instagram nervt.

Toyah, der Titel deines Buches hört sich zunächst etwas abwertend Frauen gegenüber an. Dein Buch hat jedoch eine starke feministische Message. Was hat es damit auf sich?

„Der Begriff ,Weiber‘ ist eigentlich ein Begriff, den meiner Meinung nach hauptsächlich Männer in abwertender Art und Weise benutzen. Männer meinen damit dann Frauen, die viel gackern. Auch die Begriffe ,Dinkelmütter, Powerfrauen und anderen Emanzen‘ kamen dazu, weil sie zu den vielen Begriffe gehören, die alleine Frauen zugeschrieben werden – meist von Männern. Den ,Powermann‘ gibt es zum Beispiel nicht. Es gibt so viele Bezeichnungen für Frauen, die wahrscheinlich Männer erfunden haben, um eine Frau zu kategorisieren. Diese Stereotype zu beschreiben war der Schritt danach. Auch das Wort Emanze hat heute noch einen negativen Beigeschmack, obwohl es einfach nur bedeutet, dass man emanzipiert ist. Auch dieser Begriff wird eher für Frauen genutzt. Warum kann ein Mann keine Emanze sein?“

Die Frauen in deinem Buch sind ja alle sehr unterschiedliche Charaktere. Wie konntest du dich in diese Persönlichkeiten reindenken?

„Bis auf die Geschichte über Barbara und Susa sind alle fiktiv. In jeder Geschichte steckt jedoch ein bisschen Wahrheit, die ich entweder selbst erlebt habe oder die jemandem in meinem Freund*innen- oder Bekanntenkreis passiert ist.“

Foto: Delia Baum

Dein Buch ist schonungslos ehrlich und spielt auch in verstörenden oder traurigen Momenten mit Humor. Sollten wir uns nicht so ernst nehmen?

„Humor ist ein sehr gutes Mittel, um auf Missstände hinzudeuten. Ich nutze dieses Werkzeug gerne, weil ich glaube, dass man durch Humor Aufmerksamkeit an Stellen erzeugen kann, wo sie vielleicht anders hätte nicht erzeugt werden können. Ich bezeichne mich ganz klar als Feministin. Was mir jedoch auffällt ist, dass viele Menschen Angst vor diesem Begriff haben. Das sind nicht nur Männer, sondern auch Frauen. Ich glaube, diese Menschen kann man mit Humor abholen. Man muss jemandem den Feminismus nicht militant um die Ohren hauen, man kann es auch leichter machen. Mein Buch spiegelt diese Denkweise wider. Viele Menschen, die es zum ersten Mal in die Hand nehmen, denken nicht, dass es in irgendeiner Art und Weise Tiefe hätte (lacht). Und genau damit spiele ich. Ich überrasche Menschen mit dem Buch.“

Dein Buch hat viele positive Rezensionen bekommen. Es wurde jedoch kritisiert, dass die Geschichten zu kurz sind und vieles offengelassen wird.

„Genau das ist meine Intention gewesen. Ich denke, dass Menschen mal selbst nachdenken müssen, wie sie in gewissen Situationen gehandelt hätten. Ich muss nicht jeder*m vorportionieren, wie er*sie eine Geschichte zu lesen haben. Wenn ich eine Geschichte offenlasse, dann lasse ich dem Menschen die Freiheit weiterzudenken. Ich glaube, das ist gerade bei dem Thema Emanzipation sehr wichtig, die Menschen müssen individuell über ihre Rolle in der Gesellschaft nachdenken.“

Manchmal muss man eine Gesellschaft aber auch aufrütteln und Probleme offen ansprechen, oder nicht?

Die Missstände in den Geschichten sind meiner Meinung nach klar ersichtlich, nur muss ich nicht immer die Universallösung des Problems anbieten – kann ich auch gar nicht. Ich habe genug Vertrauen in meiner Leser*innen, dass sie über den Tellerrand hinausblicken.“

In der letzten Geschichte deines Buchen schreibst du über Runa, die ein tolles Date mit einem Mann hat, den sie mit nach Hause nimmt. Die beiden küssen sich leidenschaftlich, doch die Protagonistin gibt nach kurzer Zeit zu verstehen, dass es ihr zu schnell geht, da sie den Mann gern hat und sich ein wenig zu betrunken fühlt, um den Sex zu genießen. Sie schlafen gemeinsam ein. Sie wacht davon auf, dass der Mann in sie eindringt. Sie lässt es über sich ergehen. Wie war es für dich, eine solche Geschichte aufzuschreiben?

„Diese Geschichte war die schwierigste für mich. Es wird oft gesagt, dass eine Frau entweder freiwillig Sex mit jemandem hat oder sie vergewaltigt wird. Ich glaube, dass es zwischen diesen zwei Polen ganz viele Nuancen gibt, bei denen man nicht genau sagen kann: War das richtig oder nicht? Hat sie jetzt Ja gesagt oder nicht? Wenn eine Frau fünf Mal Nein sagt und das sechste mal Ja, ist es dann freiwillig gewesen? Hat sie sich überreden lassen? Oder war das eine Vergewaltigung? Ich glaube, dass über diese Nuancen viel zu wenig gesprochen wird, auch Frauen selber tun das nicht genug. Als junges Mädchen hatte ich mit sehr vielen Männern Sex, wovon ich mir die Hälfte hätte sparen können. Ich habe einfach Ja gesagt, weil ich mich nicht getraut habe Nein zu sagen. Ich wollte eine Geschichte aufschreiben, die sich mit diesen Grenzen auseinandersetzt und die Leser*innen zum Nachdenken bringt.“

Während du dein Buch geschrieben hast, warst du mit deinem ersten Kind schwanger. Wie hat die Schwangerschaft den Entstehungsprozess deines Buches beeinflusst?

„Ich habe den Vertrag für mein Buch unterschrieben, als ich schon schwanger war und dachte zu diesem Zeitpunkt noch, dass ich das alles locker schaffen würde. In den ersten Monaten war die Schwangerschaft noch sehr entspannt. Ab dem Zeitpunkt, als ich den Vertrag unterschrieben hatte, ging es bergab (lacht). Mir ging es psychisch sehr schlecht, die Hormone während der Schwangerschaft haben mich stark mitgenommen. Ich hab bestimmt jeden Tag fünf Mal geheult und oft bereut, dass ich mich darauf eingelassen habe, das Buch in dieser Zeit zu schreiben. Ich habe den Stift an dem Tag fallen gelassen, als mein Kind geboren wurde. Ich würde es niemandem empfehlen und auch nie wieder so machen. Aber vielleicht war dieser psychische Ausnahmezustand quasi das Feuer in diesem Buch.“

Du schreibst auch über eine Schwangere und die vermeintlichen schönen Seiten der Schwangerschaft, die sich dann später als komplett falsch erweisen.

„Dieses Kapitel habe ich noch vor der Geburt geschrieben und mir quasi ausgemalt, wie es im schlimmsten Fall sein könnte. Es kam noch viel schlimmer. Es wird uns oft vermittelt, dass das Schwangersein die schönste Sache der Welt ist. So ist es aber nicht, die Geburt ist scheiße! Da braucht man auch nicht um den heißen Brei reden. Es wäre viel einfacher für Frauen, wenn man das offener kommunizieren und sagen würde ,Du schaffst das trotzdem!’.“

In dem Buch porträtierst du 24 Frauen aus unterschiedlichen Altersgruppen und sozialen Schichten. Jedoch wird das Thema Migrationshintergrund und Race nur ein Mal angesprochen. Warum?

„Ich glaube ich habe sehr viele Themen ausgelassen. Natürlich würde ich gerne noch über weitere hundert Themen und Missstände schreiben, jetzt haben es erstmal nur 24 geschafft. Ich habe tatsächlich noch viel mehr Geschichten, die ich gerne in einem zweiten Band verpacken würde.“

Scrollt man durch deinen Instagram-Feed, sieht man kein einziges Foto deines Kindes, im Gegensatz zu manchen anderen Influencer*innen, die ihre Kinder stark in ihre Social-Media-Präsenz integrieren. Warum hast du dich dazu entschieden, dein Kind aus Instagram rauszuhalten?

„Die Persönlichkeitsrechte eines Kindes werden verletzt, wenn man ungefragt Bilder von diesem postet. Man kann nicht bei all seinen*ihren Follower*innen die Hand ins Feuer legen und wissen, was diese damit anstellen. Das ist unverantwortlich. Dazu weiß man nicht, ob das Kind überhaupt damit einverstanden wäre, dass die Identität im Internet präsent ist. Man kann Bilder nur schlecht löschen, auch wenn viele Blogger*innen das Gegenteil behaupten. Das ist naiv, zeigt fehlende Medienkompetenz und dient nur dem eigenen Drang nach Aufmerksamkeit. Mein Kind soll irgendwann selbst entscheiden, ob oder wann es im Internet gesehen werden möchte. Viele Eltern vergessen einfach, dass ihre Kinder nicht ihr Accessoire, sondern eigenständige Menschen mit eigener Identität sind, über die sie das Recht haben selbst zu verfügen.“ 

Du nutzt ja berufsbedingt rund um die Uhr Social Media. Kannst du die Netzwerke eigentlich noch außerhalb der Arbeit zum Vergnügen nutzen?

„Nein. Ich muss zugeben, dass ich Instagram, mein Hauptmedium, privat überhaupt nicht mehr nutze. Ich habe Instagram so satt, mich nervt das alles. Natürlich hat das auch etwas damit zu tun, wem man folgt. Aber jede*r, der*die mehreren hundert Seiten folgt, weiß wie kompliziert und zeitaufwendig es sein kann, sich einen Feed zusammenzustellen. Ich kann es nicht mehr sehen, diese Selbstdarstellung, diese ständigen Filter. 99 Prozent von Instagram ist Müll, der dich verdummen lässt. Nach dem einsamen einem Prozent muss man stark suchen. Aber natürlich gibt es auch noch coole und wichtige Seiten. Zudem war Instagram auch schon mal schlimmer, so vor drei bis vier Jahren, als es nur um Schminke und Selfies ging. Es gibt mittlerweile auch viel bildenden Content, der auf Missstände hinweist. Man sollte Instagram immer mit Bedacht nutzen, sich stets selbst reflektieren und sich bewusst sein, dass es nicht die Realität ist. Die ist da draußen.“

Toyah Diebel, Weiber: Von Dinkelmüttern, Powerfrauen und anderen Emanzen, S. 220, 18 Euro

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