Foto: Nathalie Dampmann

Lisa Harmann: „Dem Scheitern begegne ich mit Humor“

Auf „Stadt Land Mama“ dreht sich alles um den Familienalltag. Wir haben mit Mitgründerin Lisa Harmann über die täglichen Herausforderungen gesprochen.

 

Was bringt schon Perfektion?

Die Uni-Klausuren meistern, ein Buch schreiben, Arbeiten, Kinder großziehen, einen Blog gründen – und ach ja, da ist ja auch noch der Partner. Es ist nicht immer einfach, alles zu meistern, was man sich vornimmt. Bisweilen ist es sogar einfach nur verdammt schwer. Wer aber ein Netzwerk aus tollen Helfern und eine Menge Motivation hat, kann so einiges aus den uns täglich zur Verfügung stehenden 24 Stunden herausholen.

Das ist zumindest die Erfahrung von Lisa Harmann, die nicht durch eine Sache, sondern mit der richtigen Mischung aus verschiedenen Aufgaben glücklich wird. Mit einem System, welches das eigene Scheitern zulässt, in dem Perfektion nicht notwendig ist und Begeisterung für die einzelnen Themen eine wesentliche Rolle spielt. Sie macht den Auftakt für unsere Interview-Serie mit Mama-Bloggerinnen.

Lisa, du betreibst gemeinsam mit Katharina den Blog Stadt Land Mama, seit wann und wie ist es, sein Familienleben quasi öffentlich zu machen?

„Genau, Katharina ist die neue Stadtmama an meiner Seite, sie ist seit September 2014 mit an Bord. Gegründet habe ich Stadt Land Mama 2012 zusammen mit Caroline Rosales. Wir hatten gerade unser gemeinsames Buch „Ich glaub, mich tritt ein Kind“ zu Ende geschrieben, als wir überlegten, unseren Buch-Dialog einfach in einem Blog weiterzuführen. Da ich in dieser Zeit mit Mann und drei Kindern von Berlin-Prenzlauer Berg ins Bergische bei Köln zog, war die Idee einen Stadt-Land-Blog zu gründen sehr schnell in unseren Köpfen. Mittlerweile ist es aber viel mehr als das. Stadt Land Mama ist ein Blog-Magazin, das verschiedene Themen in unterschiedlichen Stilformen zum Thema Elternschaft bietet, vom Interview mit der Startup-Gründerin bis hin zu witzigen Anekdoten des Scheiterns oder nachdenklichen Gastbeiträgen. Eine Wundertüte eben. Eine, bei der wir auf die Privatsphäre unserer Familien achten. Unsere Kinder und Ehemänner haben im Blog weder Namen, noch zeigen wir sie erkennbar auf Fotos. Das ist in unserem Falle auch nicht wichtig, weil wir nicht tagebuch-bloggen, sondern Themen allgemeiner angehen. Dadurch, dass Caro sich Zeit für ihren ersten Roman nehmen wollte, ist Katharina nun an ihre Stelle getreten, auch Journalistin, wie Caro und ich.“

Was könnt ihr auf eurem Blog behandeln, für das es in anderen Publikationen keine Plattform gibt?

„Für uns ist Stadt Land Mama zum einen ein Ventil, wir können dort Emotionen loswerden und Dinge verarbeiten, ungefiltert. Außerdem ist die Nähe zum Leser in einem Blog einfach unschlagbar, wir bekommen sehr genau mit, was in der Elternbranche gerade los ist, was für mich, die ich als Journalistin über Familienthemen schreibe, sehr wertvoll ist. Auch ist es schön, einfach frei Schnauze schreiben zu dürfen, ohne dass jemand in die Texte reinredet oder sie kürzt. Des Weiteren können wir damit sehr schnell reagieren, wir schreiben und können sofort veröffentlichen. Es ist aber auch eine ganz wunderbare Visitenkarte für uns. Eine, die uns sichtbar macht, wir sitzen schließlich beide im Home Office und arbeiten zwischen ferngesteuerten Feuerwehrautos und Bauklötzen. So können wir zeigen: Hallo, hier sind wir. Es sind auch schon wirklich schöne Jobs dadurch entstanden.“

Als Frau ohne Kinder hört man immer wieder von dieser eingeschworenen Gemeinschaft von Müttern, einem Club dem man beitritt sobald man Kinder hat. Ist die Solidarität untereinander tatsächlich so gut?

„Ich denke wirklich, dass das Ansichtssache ist. Junge Mütter befinden sich in einer emotionalen Ausnahmesituation, ich glaube, das kann man so pauschal sagen. Nicht pauschalisieren lässt sich, wie sie auf verschiedene Dinge reagieren. Das lässt sich anhand der Frage „Na, stillst Du noch?“ ganz wunderbar zeigen. Die eine Mutter vermutet hinter dieser Frage einfaches Interesse und antwortet mit „Ja“ oder „Nein“. Die andere vermutet dahinter einen stillen Vorwurf und reagiert genervt mit einem „Das ist ja wohl meine Sache“. Und die nächste sieht es als Anfang eines wunderbaren Gespräches von Mutter zu Mutter „Oh ja, ich stille noch und ich hab keine Ahnung, wie ich dem Kind das jemals abgewöhnt bekommen soll. Wie machst Du das denn?“

Ich gehöre wohl zur Gruppe der letzten und kann deswegen sagen: Ja, es fühlt sich wirklich so ein bisschen an, wie ein Club. Ein Club der Verstehenden. Erkläre mal einem Kinderlosen, warum man sich abends drei Stunden lang in ein dunkles Kinderzimmerloch legt, Händchen hält, sich den Nacken verspannt und Lalelu singt. Als Kinderlose hätte ich vermutlich gesagt. „Quatsch! Irgendwo hört der Spaß ja auch mal auf.“ Aber als Mutter kann ich anerkennend nicken und ein Glas Sekt anbieten, wenn mir eine andere Mutter von solchen Abenden erzählt. Weil ich selbst weiß, dass es manchmal eben drei Stunden braucht, bis ein Kind ruhig schläft. Das erklärt dann auch, warum ich mich immer so unbändig freue, wenn mir jemand im Freundeskreis von einer Schwangerschaft erzählt. Denn für mich heißt das dann: Ah, ein weiterer Versteher wächst da in unseren Club hinein. Man darf sich die Grenzen dieses Clubs aber nicht als hohe Mauern vorstellen. Jeder darf eintreten und jeder darf auch mal raus, wenn das Kinderthema anfängt, trotz eigener Mutterschaft zu nerven.“

Du hast drei Kinder, arbeitest, hast ein Buch geschrieben und dazu noch studiert. Welchen Stellenwert hat eine gute Organisation in deinem Leben und wie sieht die aus?

„Tja, da lebe ich manchmal wirklich von der Hand in den Mund. Ich muss jeden Tag aufs Neue Prioritäten setzen. Und die liegen bei mir ganz klar bei der nächsten Klausur oder dem nächsten Reportage-Abgabetermin – weniger beim Fensterputzen. Das muss dann halt auch mal länger warten. Ich muss akzeptieren, das manches geht und manches eben nicht. Manches kann ich gut und manches nicht so gut. Konzentrier Dich auf Deine Stärken. Und mach eins nach dem nächsten. Das Studium ist jetzt nach vier Jahren beendet. Und natürlich ist da eine Erleichterung, dass die Lernerei wegfällt. Andererseits vermisse ich jetzt diese Herausforderung, diesen Input, der mal nichts mit Kindern zu tun hat und den Kontakt zu erwachsenen Menschen, den ich im Home Office nicht täglich habe. Ich könnte natürlich jetzt die Fenster putzen. Aber… nun ja.“

Gab es Momente, in denen du gerne alles hingeschmissen und einfach „nur“ Mutter gewesen wärst?

„Ich glaube nicht. Und wenn, dann war der Anfall nicht gravierend genug, als dass ich mich an ihn erinnern würde. Nein, ich bin kein Mensch, der in einer einzigen Sache komplett aufgeht. Die Mischung macht´s in meinem Leben, ich bin auf so vielen Ebenen so neugierig, dass ich am liebsten nichts verpassen würde. Wenn ich viel Stress im Job hatte, nehme ich meine Kinder als Ausgleich wahr. Wenn ich viel Stress mit den Kindern hatte, nehme ich meinen Job als Ausgleich wahr. Natürlich wird mir manchmal alles zu viel. Oft sogar. Aber in diesen Momenten denke ich nicht: Wäre ich doch bitte NUR Mutter. Da denke ich eher: Wäre ich doch nur eine Bettdecke und könnte den ganzen Tag im Schlafzimmer liegen bleiben.“

Wie wichtig war dein Partner in dem Moment und wie habt ihr euch aufgeteilt, dass du das schaffen kannst?

„Der Partner war bei mir natürlich immens wichtig. Und überhaupt ein Netzwerk aus Helfern und sehr netten Großeltern. Der Partner war nach meinem Uni-Abschluss auch – wenn ich mich recht erinnere – derjenige, der sich am lautesten gefreut hat. Sagen wir so: Meine Laune war vor Prüfungsphasen bestimmt nicht immer die Beste. Besonders, wenn dann zwei Tage vorher der Lernmarathon von Magen-Darm-Kindern unterbrochen wurde. Aber: Es hat geklappt! Irgendwie ging dann doch immer alles. Und im Rückblick klopfen wir uns beide zusammen auf die Schulter. Ein wichtiger Faktor war aber sicherlich auch, dass mir Spaß gemacht hat, was ich tat. Ich fand das Studium spannend, das eigene Buch erfüllend, die Arbeit sinnvoll und die Mutterschaft für mich alternativlos, weil: das Beste.“

Gerade hast du einen Post über das Scheitern als Teil des Eltern-Alltags geschrieben. Wann scheiterst du und wie gehst du damit um?

„Ich nehme wahr, dass da ein großer Druck auf vielen Eltern lastet. Deswegen finde ich es wichtig, uns als Eltern als menschlich darzustellen und nicht als perfekt. Denn wer ist schon perfekt? Und im Übrigen halte ich Perfektion für überflüssig. Ich scheitere oft, täglich. Ich scheitere daran, ein Ordnungssystem für Kinderschränke zu erfinden, da fehlt mir wohl ein Gen. Ich scheitere oft daran, gelassen auf meine Jobsituation zu schauen, ich will meist noch mehr oder etwas anderes. Ich scheitere durch die eingeschränkteren Freiräume für mich auch schon mal daran, mein Selbstbewusstsein auf einem gleichbleibenden Niveau zu halten. Wie ich damit umgehe? Oft mit Humor. Manchmal mit Verzweiflung. Mal mit dem Willen, etwas zu ändern. Und gelegentlich einfach mit einer Portion Schlaf (hilft immer!).“

Scheitern klingt immer gleich so hart. Ist es nicht einfach so im Leben, dass Pläne nicht aufgehen? Oder hat das mehr mit einem Anspruch an sich selbst zu tun?

„Ach, ich bin kein Mensch, der im Nachhinein Dinge bereut. Dafür bin ich vermutlich zu optimistisch. Ich sehe einfach lieber das Positive in und an den Dingen. Und ich mache keine großen Pläne. Ich weiß nicht, wo ich in fünf Jahren stehen werde, ich lasse mir gern Dinge offen. Einfach, um im Jetzt möglichst wenig zu übersehen oder gar zu verpassen. Mein Scheitern sehe ich eher in den kleinen Dingen, ich kann mir nicht vorstellen, je zu sagen, dass ich im Großen gescheitert wäre. Und wenn eine neue Buch-Idee abgelehnt wir, dann ist das für mich kein Scheitern, sondern gehört dazu. Wer weiß, was ich in der Zeit stattdessen machen werde! Vielleicht ja etwas viel Besseres.“

Was war denn die nervigste und was die schönste (Lebens-)Änderung, die du mit dem „Mamasein“ erfahren hast?

„Die Nervigste? Hm. Vielleicht die große Verantwortung. Die Schönste? Vermutlich die große Verantwortung.“

 

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