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„Natürlich lautet die offizielle Version: Kein Kind wird zurückgelassen. Aber in Wirklichkeit ist das eine komplette Lüge“ – ein Gespräch mit Herbert Renz-Polster

Autor*in
Sandra Siehl

Erziehung prägt die Gesinnung

Wir erleben in Deutschland, aber auch in vielen anderen Ländern weltweit, einen Rechtsruck. Rechtspopulistische Parteien etablieren sich und auch der politisch-gesellschaftliche Diskurs scheint weiter nach rechts zu rücken. Wie konnte es so weit kommen? Wie entstehen autoritäre Haltungen und Strukturen? Der Kinderarzt und Wissenschaftler Herbert Renz-Polster hat sich genau mit diesem Thema auseinandergesetzt und ein Buch geschrieben: „Erziehung prägt Gesinnung“. Ich habe mich mit ihm getroffen, wir haben über Politik, Gesellschaft, Bildung und Pädagogik gesprochen und darüber, wie all das miteinander zusammenhängt.

Ich habe dein Buch gelesen: „Erziehung prägt Gesinnung“, und darin beschäftigst du dich mit rechtspopulistischen Strömungen – wie wir sie gerade in Europa und in den USA erleben – und mit Kindheit. Wie bist du darauf gekommen, dass es zwischen unserer Kindheit und unserer politischen Gesinnung einen so wichtigen Zusammenhang gibt?

„Wenn man sich mit Kindern beschäftigt, steht oft auch gleich die Wertefrage im Mittelpunkt. Also, die Frage der Eltern, wie sie ihr Kind erziehen möchten, damit es ihre moralischen Vorstellungen annimmt. Und natürlich kommt man da auch ganz schnell auf die Behandlung des Kindes. Ein Kind, das zum Beispiel wohlwollend behandelt wird, wird auch anderen Menschen gegenüber wohlwollend sein. In der Politik werden ebenfalls Werte verhandelt. Auch da geht es um die Frage eines Miteinanders und von welchen Werten unsere Gesellschaft getragen werden soll. Dann kommt noch eine zweite Sache hinzu, nämlich, dass die Familie ja so etwas wie ein Herrschaftssystem darstellt. In der Familie werden Alltagsbeziehungen hergestellt und gestaltet, Kinder haben es mit mächtigeren und überlegeneren Menschen zu tun und es geht für sie darum zu verinnerlichen, wie das Miteinander gestaltet wird. Kinder lernen in ihren Familien also im Grunde, wie Gemeinschaft funktioniert. Es liegt einfach nahe, dass das Familiensystem ein Modell für Kinder darstellt. Und ja, so bin ich auf die Kindheit gekommen.“

Im Buch beschreibst du, dass ökonomische, soziale und kulturelle Erklärungen nicht ausreichend sind, um die Entwicklung des Rechtspopulismus zu verstehen. Ist es aber nicht so, dass gerade Menschen in prekären Lebenslagen, also Menschen, die gesellschaftlich abgehängt sind oder auch die sogenannten Bildungsverlierer*innen, anfälliger für rechte Bewegungen sind?

„Jein. Natürlich sind Menschen, die aus ihrer Sicherheit herausgeschleudert werden, anfälliger gegenüber autoritärem Denken. Aber nur dann, wenn sie schon einen Keim für diese autoritäre Reaktion in sich tragen. Es gibt viele abgehängte Menschen, die das bestmögliche aus ihrer Situation machen und konstruktiv damit umgehen. Zum Beispiel gründen sie Dörfer oder stellen sich ganz neu auf. Andere wiederum, die abgehängt sind, fangen auf einmal an, Flüchtlinge abzuwerten oder Kategorien, wie zum Beispiel Nationen, aufzuwerten. Diese Menschen sichern sich durch Hierarchien und Konventionen ab. Menschen reagieren also auf äußere Entfremdung oder Verluste extrem unterschiedlich, die einen geben sich den Verlockungen nach Größe und Anerkennung hin, zum Beispiel ,Make America Great Again‘, andere wiederum machen das nicht. Das bedeutet für mich, da muss irgendeine Grundlage sein, ich nenne es auch Haftgrund, der solche Verlockungen attraktiv macht. Ich sage dabei nicht, dass die äußeren Einflüsse keine Rolle spielen, aber sie sind für mich eher Auslöser und keine tiefen Gründe.“

Kannst du diese tiefen Gründe näher beschreiben?

„Der tiefere Grund ist eine bestehende Bereitschaft, eine bestehende Verletzlichkeit. Also, dass man sich bei einem äußeren Verlust von Anerkennung oder Verlust von Sicherheit in autoritäre Rezepte flüchtet: Ich habe Bedeutung, weil ich zu einer besonderen Gruppe gehöre. Die, die da nicht dazugehören, sind schlecht und unterlegen, die bekämpfe ich. Anders kann ich die ganzen politischen Daten auch nicht interpretieren. Wenn wir uns das Wahlverhalten anschauen, dann sammeln sich zum Beispiel bei den Rechtspopulist*innen nicht nur abgehängte, sondern da sind auch sehr arrivierte Menschen dabei. Die Soziologin Cornelia Koppetsch geht so weit, dass sie sagt, es ist der Aufstand der Arrivierten, also derer, die in der Gesellschaft bisher eine bedeutsame Rolle gespielt haben. Außerdem ist es von Land zu Land unterschiedlich, zum Beispiel ist es in Österreich so, dass man unter den Rechtspopulist*innen – vielmehr bei den FPÖ-Wähler*innen – kaum Akademiker*innen findet. In Deutschland dagegen findet man bei den stramm Rechten alle gesellschaftlichen Gruppen, vom Hochadel bis zum*r Arbeitslosen.“

Gibt es bei jungen Menschen eine Tendenz zum Konservatismus oder sind sie vielleicht sogar anfälliger für rechte Bewegungen?

„Nein. Wenn jemand Resistenz zeigt – in fast allen Ländern – dann sind das die Jungen. Ja, natürlich haben wir einen Rechtsruck, diese Flucht ist auch erklärbar, denn wir haben tatsächlich eine durcheinandergeratene Welt. Eine Welt, in der die ganze Sicherheitsarchitektur im Schwund ist. Wir hatten einmal Zeiten, in denen man sagen konnte, ich bin Teil der aufstrebenden Bundesrepublik. Und auf der Ostseite konnte man sagen, ich bin Teil des kommunistischen Blocks, ich bin versorgt, ich gehöre zu einer recht einheitlichen Volksgemeinschaft und Arbeitslosigkeit gibt es nicht. Aber mit Beginn einer wildgelassenen, eigentlich einer ungeregelten Globalisierung, sind diese Strukturen komplett durcheinander geraten. Wir haben eine neue Sicherheitsarchitektur, wir trauen nicht einmal unserem eigenen Staat mehr, der vor den Märkten zittert und wir blicken auf Investoren, in deren Hände unser Schicksal liegt, denn wehe die nächste Finanzkrise kommt. Alles ist durcheinandergeraten, wir haben keine homogene Mittelschicht mehr, die Position für jede*n Einzelne*n in der Gesellschaft ist nicht mehr sicher und das ist das, was Menschen dazu bringt, in die autoritäre Reaktion zu gehen. Aber die autoritären Haltungen gehen insgesamt am zurück und das ist ein Generationeneffekt. Wenn es bei der Europawahl nur nach den unter 25-Jährigen gegangen wäre, dann hätte die AfD in Deutschland nur fünf Prozent gehabt.“

Das bedeutet, da gibt es einerseits einen Rechtsruck und rechtspopulistische Strömungen, aber andererseits gibt es auch einen Rückgang autoritärer Haltungen und Einstellungen. Wie passt das zusammen? Ich habe zum Beispiel das Gefühl, überall in Europa und vor allem hier in Deutschland steigen die Rechten auf.

„Wie gesagt, natürlich, wir haben eine autoritäre Reaktion, die auch am Wahlverhalten abzulesen ist. Aber die ist relativ gelinde, zumindest in Mitteleuropa. Wenn wir uns die Wahlergebnisse hierzulande anschauen, dann sind es 13 Prozent Rechtspopulisten, in manchen Bundesländern mehr, in anderen weniger. Meist mittelalte und alte Männer übrigens, Frauen sind ja deutlich in der Unterzahl. Aber ich würde nicht wie das Kaninchen auf die Schlange starren und sagen, dass alles schlimmer geworden ist. Wir hatten einmal eine NPD in sieben Landtagen! Und ,Kinder statt Inder‘, das war konservativer Mainstream, da brauchte niemand eine Partei wie die AfD.  Es stimmt einfach nicht, dass wir heute autoritärer oder rechtspopulistischer sind. Verglichen mit wann denn? Blicken wir doch zurück, dann sind da zwei von Deutschland ausgehende Weltkriege, die sind das Erbe eines tiefgreifenden Autoritarismus, unterlegt mit brutalster Behandlung von Kindern und allen Minderheiten. Und das war Mainstream. Wir sind ein Volk, das die Augen zugedrückt hat, vor den größten menschlichen Katastrophen, der Vernichtung der Jüd*innen etwa. Wir haben die Augen verschlossen, weil Autoritarismus absoluter Teil des Alltagsdenkens war. Wenn wir heute meinen, wir hätten ein Autoritarismusproblem, da kann ich nur sagen, ihr kapiert die Geschichte nicht. Wir sind heute wahrscheinlich die am wenigsten autoritäre Gesellschaft, die jemals auf deutschem Boden war.“

Gab es nicht Zeiten in Deutschland, insbesondere in den Jahren des wirtschaftlichen Aufschwungs, in denen der Autoritarismus kaum eine Rolle gespielt hat?

„Wir hatten viel Rückenwind in der Gesellschaft und in dieser Zeit hat der Autoritarismus geschlummert, wie eine zufriedene Katze oder ein Kettenhund, der nichts zu tun hatte. Trotzdem war er da und messbar. Ich bin ein Kind der 60er-Jahre und ich habe mitbekommen, wie die Gastarbeiter*innen behandelt wurden. Sie haben in Barracken gelebt, wie man es heute in Südafrika sieht. Was man zu denen gesagt hat, will ich gar nicht wiederholen. Das waren rassistische Bemerkungen und ich bin hundert Prozent sicher, dass wir Menschen heute nicht mehr so behandeln würden, dass wir das nicht mehr über unser Herz bringen würden. Natürlich haben wir einen Sockel von Menschen, gerade in der mittleren und älteren Generation, die in die autoritäre Reaktion getrieben sind. Das möchte ich nicht klein reden. Aber das Problem sind nicht die Rechtspopulist*innen, sondern vielmehr, dass sie mit ihrer Meinung dafür sorgen, dass andere im vorwegeilenden Gehorsam deren Politik umsetzen. Wir haben auch eine Radikalisierung der rechten Seite und die macht mir übrigens viel mehr Angst. Aber so paradox es klingen mag, geschichtlich betrachtet haben wir eigentlich eine positive Wende genommen. Der Großtrend unserer Zeit ist eben nicht Autoritarismus, sondern Liberalismus.“

Wenn wir uns das politisch rechte Spektrum anschauen, dann gibt es ja auch die Neue Rechte. Sie bezeichnet sich selbst als intellektuell und ihre Haltungen begründen sie philosophisch…

„… Natürlich. Bildung schützt leider vor keiner noch so un-menschlichen Lebenseinstellung. Zumindest formale Bildung nicht. Es wird zwar immer gesagt, das Bildungsziel sei eine humanistische Bildung umzusetzen, aber wenn dem so wäre, dann ist es eine große Enttäuschung, dass auch gebildete Menschen menschenverachtende, antiaufklärerische Gedanken haben.“

Können wir nicht sagen, dass gerecht verteilte soziale Chancen einen Schutzfaktor darstellen und dass dadurch vielleicht der Autoritarismus eingedämmt werden kann? Der Besuch von Bildungseinrichtungen wird von der Politik als Orte der Chancengleichheit angepriesen. Du sagst aber, dass eine Chancengleichheit allein durch den Besuch von Bildungsinstitutionen nicht gegeben ist.

„Der eigentliche Bildungsvermittler oder Bildungsvernichter ist der familiäre Hintergrund. Der soziale Ausgleich in den Einrichtungen – Krippe, Kita, Schule – ist in Deutschland minimal. Es wird immer gesagt – und das ist auch die Hoffnung –, dass Krippen sozialkompensatorisch seien, aber hierfür müssten sie anders aufgestellt sein.“

Was bedeutet das?

„Wir haben eine pädagogische Segregation und es wäre eigentlich Aufgabe der Politik, diese zu beenden. Die Politik müsste Ausgleiche schaffen und zum Beispiel jenen Kitas deutlich mehr Unterstützung gewähren, die besonders viele Herausforderungen haben. Also die Einrichtungen im hohen Maße unterstützen, die vor allem Kinder aus prekären Verhältnissen haben. Die brauchen mehr Mittel, die brauchen mehr Personal, die brauchen mehr Beziehungskonstanz und eben nicht nur Aushilfskräfte, die mal da sind und mal nicht. Das schafft die Politik leider nicht. Aus der Wirtschaft weiß man, dass man gerade die Niederlassungen, die am meisten zu kämpfen haben, mehr unterstützen muss, damit sie nicht pleitegehen. Wir arbeiten mit der Gießkanne, die Miste und die Brache bekommen gleich viel ab. Deshalb sind wir pleite, was den sozialen Ausgleich angeht.“

Was müsste sich in den Einrichtungen der Frühpädagogik verändern?

„Wir brauchen Kitas, in denen das Stressniveau nicht irre hoch ist. Das schafft man mit einem guten Personalschlüssel, mit einer guten Teamarbeit, die demokratisch ist. Kitas sind von ihrer Grundstruktur her aber dummerweise sehr hierarchisch, und durch die Hintertür können da auch mal richtig autoritäre Verhältnisse einziehen. Mittelständische Betriebe zum Beispiel könnten sich diese Hierarchien, wie wir sie in vielen Kitas vorfinden, ja gar nicht leisten. In vielen Kitas entscheidet die Leitung strikt von oben, und vor der Leitung zittern nicht wenige Erzieher*innen. Angst ist keine gute Voraussetzung, um gut zu arbeiten. Ja, wirklich, wer es da aushält, der schließt so viele Kompromisse mit sich selbst, und was ist dann für die Kinder übrig? Für mich wäre es deshalb wichtig, dass man attraktive Kitas schafft, also Kitas, in denen jede*r sich geschützt und zuhause fühlt, ob Kinder oder Personal. Und ja, ich würde auch Kitas öffnen, vielleicht auch stärker an Schulen angliedern und ich würde mir wünschen, dass Teenager mitmachen. Ich glaube, Ideen gäbe es genug, aber wir müssen dann auch wirklich viele Ressourcen in den Kitabereich einbringen, statt immer nur die Mär vom Segen der frühen Bildung nachzuplappern. Der stellt sich nämlich nur ein, wenn das Menschliche stimmt.“

Ich erlebe häufig, dass in pädagogischen Einrichtungen mit den sogenannten Verstärkerprogrammen oder mit Bestrafungen gearbeitet wird. Diese Methoden sind nachweislich kritisch zu bewerten, andererseits scheinen sie zu funktionieren. Warum ist das so und gibt es hier einen Zusammenhang zum Autoritarismus?

„Klar, das ist ein autoritäres Bild von Entwicklung. Den Kindern werden Vorgaben gemacht, die sie erfüllen müssen und dafür werden sie belohnt oder bestraft. Und das ist eigentlich nichts anderes als Autoritarismus. Auch wenn man sagt, die Kinder haben eine Wahl, haben sie in Wirklichkeit keine. Die Wahl ist mit dem Programm zu gehen und der Präferenz des Erwachsenen nachzukommen. Autoritarismus muss auch nicht mit Schimpfen einhergehen, sondern ist zunächst eine Haltung.“

Das Argument ist häufig, dass Kinder einen strukturierten Tagesablauf benötigen und dass diese Struktur nur von den Erwachsenen beziehungsweise Pädagog*innen vorgegeben werden kann.

„Natürlich ist es so, dass unter bestimmten Ressourcenverhältnissen Kitas nur funktionieren, in dem man ein Regelwerk aufstellt und dafür sorgt, dass die Regeln eingehalten werden. Aber dabei passiert keine Entwicklung. Es gibt Kinder, die äußerlich genau das machen, was ich möchte, aber innerlich in ihrer Entwicklung dadurch keinen Millimeter vorankommen. Die sagen dann ,Danke‘, weil sie, wenn sie es nicht tun, Nachteile erfahren. Aber eigentlich wünschen wir uns Kinder, die ,Danke‘ empfinden. Und so ist es in allen Bereichen. Wir wollen eigentlich, dass Kinder innerlich weiterkommen, dass sie sozial kompetent sind, dass sie selbstbewusst sind und zu sich stehen können. Werden Kinder nur von außen gesteuert, kann sich das nicht entwickeln und ich glaube nicht, dass das für die Zukunft etwas taugt.“

Kinder lernen in Bildungseinrichtungen vor allem sich anzupassen, aber nicht kritisch zu denken?

„Natürlich wollen das die wenigsten, die mit Kindern pädagogisch arbeiten. Aber die Gefahr ist eindeutig da. Und es ist für mich sogar ein Grundproblem der Schule. Das sind ja Einrichtungen, denen es vor allem um die Erfüllung äußerer Pläne geht. Es geht ja nicht wirklich um die Pläne der Kinder. Also verbringen Kinder die Tage vor allem damit, Fragen zu beantworten, die sie nicht gestellt haben. Und wie sollen Kinder selbstbewusst werden und sich als Persönlichkeiten entwickeln, wenn sie in ein Programm eingenordet sind, in dem sie immer nur liefern müssen. Da braucht es schon wirklich beziehungsstarke, den Kindern zugewandte und auch widerständige Lehrer*innen, die den Entwicklungs- und Bildungsfragen der Kinder Raum geben können. Oft genug den äußeren Vorgaben zum Trotz. Das ist aber gar nicht so einfach, denn für die Einhaltung des gesetzten Programms  werden die Kinder ja benotet und bewertet. Und dieses Bewertungssystem läuft der menschlichen und sozialen Entwicklung sogar regelrecht zuwider.“

Warum?

„Die Bildungsforschung zeigt ganz deutlich: Die Kinder, die bereits durch ihr Elternhaus gut bewertet sind und die, die Talente und Fähigkeiten mitbringen, die in der Schule abgeprüft werden, bekommen in der Schule dann Rückenwind, gute Noten, Lob. Aber von der Idee der Sozialkompensation her gedacht, müsste man eigentlich jene Kinder aufwerten, die nicht schon alles haben. Schulen haben einen doppelten Boden, weil sie zwar eigentlich Bildungseinrichtungen sind, aber in Wirklichkeit sind sie Ausleseeinrichtungen. Und somit schießt die Institution Schule hartnäckig quer gegen ihren Bildungsauftrag, weil sie einen Teil der Kinder benachteiligt. Die Schulen müssen eigentlich komplett umdenken.“

Ich stelle mir gerade vor, was gerade diejenigen Kinder, die eigentlich besonders viel Unterstützung brauchen, aus unseren Schulen und Bildungseinrichtungen mitnehmen und was sie verinnerlichen. Sie verinnerlichen doch, dass sie nichts wert sind, dass sie es ja eh nicht schaffen. Aber von außen wird ihnen gesagt, dass es jeder schaffen kann, wenn er sich nur anstrengt.

„Genau das ist doch unser Grundproblem! Dass Schulen im Grunde doch das Matthäus-Prinzip umsetzen: wer hat, dem wird gegeben. Natürlich, das ist die offizielle Version: Kein Kind wird zurückgelassen. Aber in Wirklichkeit ist das Lüge, komplette Lüge – auch wenn sich viele Pädagog*innen dagegen stemmen. Die Bildungsforschung jedenfalls zeigt: Gerade die Kinder, die Hilfe am meisten brauchen würden, die werden zurückgelassen, und zwar systematisch. Viele Schulen scheitern ja schon, wenn ein Kind Legastheniker*in ist. Und das wäre eine lächerlich einfache Herausforderung gegenüber den sozialen Problemen, die manche Kinder in die Schule mitbringen, das schlechte Selbstwertgefühl, die Scham, die fehlende Selbstkontrolle … So wie es ist, können die pädagogischen Einrichtungen dagegen kaum etwas ausrichten, und ich finde, wir können uns damit einfach nicht zufrieden geben! Dass nämlich der Bildungserfolg schon von vornherein präjudiziert ist – durch die Schicht, durch das Elternhaus. Das bedeutet doch, wenn ich in einer Bildungseinrichtung bin, die nur verstärkt, was ich schon habe, dann ist deren Bildungskraft in Wirklichkeit mau, oder? Deshalb ist auch der sozialkompensatorische Effekt der Schule so mager. Seit den 70er-Jahren ist dieser Effekt immer weiter zurückgegangen und das ist ein Armutszeugnis.“

Dieses Wissen ist bekannt und doch ändert sich nichts …

„Es ändert sich nichts, weil wir unser Grundproblem nicht lösen können. Unser Grundproblem ist, dass wir alle meinen, wir müssten in einer Konkurrenzgesellschaft leben. Und so lange das gesetzt ist, wird die Bildung ein Konkurrenzsystem sein. So lange wir meinen, dass wir uns im angeblich freien Wettbewerb verwirklichen können, in der Auswahl von Sieger*innen und Verlierer*innen, so lange werden Schulen so aussehen. Und wir werden weiterhin genauso scheitern, wie wir jetzt scheitern. Die Gesellschaft ist doch ein Abbild davon: the winner takes it all.“

Ein Plädoyer, das ich aus deinem Buch mitnehme, ist, mutig zu sein. Fehlt es in unserer Gesellschaft an Mut?

„Natürlich. Klarheit und Mut. Ich muss ja nur aus dem Fenster schauen und stelle fest, dass wir irre Probleme haben. Wir haben ungelöste Probleme, wir haben eine Klimafrage, wir haben gleichzeitig auch eine soziale Frage, die für mich sogar noch mehr im Vordergrund steht. Wir fallen als Gesellschaft auseinander, werden immer ungleicher, teilen uns wieder auf in Diener*innen und Herr*innen. Und wir haben darauf keine Antwort. Wir blicken auf die Politik und da ist kein Lösungsansatz. Es fehlt Klarheit. Wir schreiben ins Grundgesetz ,Eigentum verpflichtet‘, aber in Wirklichkeit sind wir noch die alten Untertan*innen. Und wir meinen, wir können so weitermachen. Es  gibt Menschen, die an dem, wie wir leben und wie wir die Erde zerstören, absolutes Interesse haben. Sie verdienen daran, ganz einfach. Die bekommen wir nicht dazu, andere Wege zu gehen, außer wir schaffen neue Gesetze, neue Regeln und somit neue Machtverhältnisse.“

Wenn wir die Machtfrage stellen, wie könnte es dann weitergehen?

„Wenn wir die Machtfrage stellen, dann müssen wir uns Fragen stellen, wie zum Beispiel: Warum sollen Vermögen unantastbar sei? Warum wollen wir, dass die soziale Kluft immer weiter auseinander geht? Warum wollen wir nicht gegensteuern? Warum erheben wir nicht auf jede Investition zum Beispiel eine Abgabe von – egal, sagen wir zwei Prozent? Und die geht dann in einen Fonds, der allen gehört und alle absichert, egal wie alt oder wie reich. Dann hätte jedes Neugeborene zum Beispiel gleich einmal einen Grundstock – auch wenn es nicht im Villenviertel geboren wird. Dann landen die Früchte der Wertschöpfung auch bei denen, die verdammt noch mal dazu beitragen, dass die Gesellschaft überhaupt funktioniert. Dass es überhaupt Kinder gibt zum Beispiel. Oder dass wir unsere Alten versorgen und nicht vollends in die Barbarei abgleiten. Jetzt sind diejenigen fein heraus, die möglichst wenig soziale Verantwortung übernehmen und Fürsorgepflichten erst recht nicht. Das kann es nicht sein. Wir brauchen ein System, das den sozialen Ausgleich schafft. Aber das würde eine ganz andere Denke voraussetzen.“

Warum schaffen wir es nicht, die Machtfrage zu stellen?

„Ich glaube, das ist unser tiefstes Problem. Um die Machtfrage zu stellen, braucht es bestimmte Fähigkeiten. Es braucht vor allem bestimmte innere Fähigkeiten. Wenn ich die Menschen beobachte, sehe ich viele Menschen, die an allem mögliche interessiert sind. Zum Beispiel an Konsum um ihre Wunden zu heilen. Ich sehe auch Menschen, die sich nur in dem Leben einrichten können und auf das Leben setzen, das wir gerade führen und davon nicht wegkommen wollen, weil sie nicht wegkommen können. Weil das Mut erfordert. Um für seine Interessen einzustehen braucht es Menschen mit Rückgrat – die also das haben, was die Entwicklungspsychologie als die Ziele der Persönlichkeitsentwicklung des Kindes benennt: Kreativität, Selbstkontrolle, soziale Kompetenz, Mut im wahrsten Sinne des Wortes. Das fehlt vielen Menschen und deshalb bekommen wir auch die Kraft nicht zusammen, ein neues System zu etablieren oder neue Prioritäten zu setzen. Warum hängen wir noch immer im Neoliberalismus fest? Wo wir doch tagtäglich sehen, wie er Gesellschaften auseinandertreibt. Genau – weil wir zu Fairness, Ausgleich und Änderungen gar nicht in der Lage sind. Meine Hoffnung für eine Veränderung ist der Blick auf die Familie und die Kinder. Dass wir in unseren Haltungen zu den Kindern noch weiterkommen. Dass wir unsere Kinder so behandeln, um sie wirklich mit Rückgrat ins Erwachsenenleben zu begleiten und dass diese Kinder dann irgendwann sagen: Leute, wir müssen anders handeln, weil wir sonst keine Zukunft haben.“

Das machen ja gerade sehr viele junge Menschen mit der Bewegung „Fridays For Future“…

„… Ja. Und wenn man deren Sozialisation anschaut, dann sehen wir gute Bedingungen, die die jungen Menschen gestärkt haben. Sie kommen ganz häufig aus Familien, in denen sie gute Erfahrungen gemacht haben. In denen Mitsprache eingeübt wurde. Für mich ein Hinweis, dass das Gerede von Emanzipation in der Gesellschaft doch nicht umsonst war. Wir müssen uns reinen Wein einschenken und uns klar sein: Wenn wir Kinder nicht wohlwollend behandeln, dann wird daraus auch keine wohlwollende Gesellschaft. Dann fehlt uns einfach die Kraft.“

Mehr über Herbert Renz-Polster, seine Texte und Bücher gibt es auf seinem Blog.

Sandra Siehl ist Sozialpädagogin (B.A.) und beschäftigt sich mit entwicklungspsychologischen und gesellschaftspolitischen Themen. Sie hat eine Ausbildung in systemischer Kinder- und Jugendlichentherapie und macht aktuell einen Master in Erziehungswissenschaft.  Sie hat eine Schwäche für Bücher und Serien. Ende 2018 hat sie ihren eigenen Blog gegründet, um ausgewählte Texte zu veröffentlichen.

 

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