Foto: Seb | Unsplash

Warum ich als Mann zähle, wie viele Frauen in Filmen auftreten

„Bin ich Feminist wenn ich auf jedem Foto zähle wieviel Männer bzw. Frauen zu sehen sind?“, fragt der Chefredakteur der Welt Ulf Poschardt auf Twitter und erinnert mich daran, wie ich zum Zählen gekommen bin.

Frauen sind im Fernsehen massiv unterrepräsentiert

Es war ein Tweet der Schauspielerin Jasmin Tabatabai im Januar 2018, in dem sie auf ein Missverhältnis zwischen Männern und Frauen im Fernsehen hingewiesen hat. Nur 33 Prozent der Rollen würden von Frauen gespielt. „Das kann nicht sein,“ war mein erster Gedanke. Ich schaue fast jeden Tag Fernsehen. Dieses Missverhältnis wäre mir doch bestimmt aufgefallen. Auch meine Frau ist sich dieses Unterschieds nicht bewusst. Ein Krimi fängt an und ich rufe spontan: „Ich zähle jetzt mit.“

Meine Frau lacht und meint, dass es in diesem Film auf keinen Fall so schlimm sein kann. Es ist eine moderne Serie, die wir häufiger schauen und in der Frauen eher moderne Rollen spielen. Sie zählt die Stammbesetzung auf und tatsächlich werden 50 Prozent dieser Rollen von Frauen gespielt. Beim genaueren Blick ist die Hierarchie jedoch eindeutig männlich geprägt: erfahrener Kommissar und seine Vertreterin; der junge Kollege und die Polizeischülerin. Bei Staatsanwaltschaft und Kriminaltechnik sieht es genauso aus.

Bald gehen mir an meiner „Männer-Hand” die Finger aus

Der Handlung beginnt und das Mordopfer ist eine Frau. Die Stammbesetzung tritt auf und, wie erwartet, ist das Verhältnis ausgeglichen. Im Krimi kommen aber mit den Angehörigen und Verdächtigen auch viele andere Rollen vor, die von Film zu Film wechseln. Ich zähle die Sprechrollen. Die eine Hand für die Männer, die andere für die Frauen.

Das Ermittler-Team findet schnell heraus, dass das Mordopfer eine lesbische Frau war. Ich überlege, ob es ein Kennzeichen einer modernen Serien ist, dass man Homosexualität überhaupt thematisiert, entscheide mich aber dagegen. Nicht das Mordopfer sollte ab und zu mal homosexuell sein, sondern eine*r der Stammschauspieler*innen sollte eine homosexuelle Rolle spielen. Das wäre statistisch richtig. Aus lauter kleinen Situationen (Anruf der Ehefrau, Flirt mit einer Verdächtigen usw.) weiß ich aber, dass alle Rollen in dieser Serie heterosexuell besetzt sind.

Die Handlung schreitet fort, das Umfeld des Opfers wird ermittelt, Tatverdächtige vernommen und bald gehen mir an meiner zählenden Männer-Hand die Finger aus. An meiner Frauen-Hand bewegt sich bis zum Ende des Films kein Finger mehr. Am Ende sind 75 Prozent der Sprechrollen mit Männern und nur 25 Prozent mit Frauen besetzt – meine Frau hat nicht gezählt und schätzt auf jeweils 50 Prozent

Der Widerspruch zwischen Realität und Wahrnehmung schockt uns

Dieser Widerspruch, zwischen Realität und Wahrnehmung schockt uns beide. Plötzlich fallen uns lauter Unstimmigkeiten in der Handlung auf. Die Familie des Mordopfers wird nicht thematisiert und nach einer aktuellen Beziehung oder ehemaligen Partnerin erst gar nicht gesucht. War Eifersucht nicht mal ein beliebtes Mordmotiv? Das ist es immer noch, denn das Mordopfer hat als Treuetesterin gearbeitet. Jetzt wissen wir nicht, ob wir darüber lachen oder weinen sollen. Natürlich sind alle Männer, die die Frau beruflich gedatet hat, verdächtig. Aber selbst das erklärt immer noch nicht die hohe Männerquote, denn die Treuetesterin wurde doch eigentlich von den (Ex-)Partnerinnen der Männer beauftragt, was wieder zu einem ausgeglichenen Verhältnis führen sollte. Aber Frauenrollen werden offensichtlich weitgehend ignoriert.

Natürlich macht es keinen Sinn, nur einen Film statistisch auszuwerten und so zähle ich jetzt die Sprechrollen von Frauen und Männern in jedem Film, den ich anschaue. Es dauert Wochen, bis es einen Film gibt, der ein ausgeglichenes Verhältnis der Geschlechter zeigt.

Zählen sensibilisiert für Ungerechtigkeiten

Während dieser Zeit werden mir auch weitere Ungerechtigkeiten immer bewusster. Sowohl Homosexuelle als auch Menschen, die nicht „Thomas“ oder „Sabine“ mit Vornamen heißen, müssten in jedem Film mehrfach auftreten. Sie kommen aber nur punktuell vor. Menschen mit Behinderung sieht man praktisch überhaupt nicht.

Es gibt den Verein „Pro Quote Film“, der sich für eine gerechtere Verteilung im Film einsetzt. Auf der Homepage erfahre ich, dass die Rollenbesetzung relativ gesehen noch die „gerechteste“ Position beim Film ist. Vom Drehbuch über Regie bis zur finanziellen Förderung – in praktisch allen Bereichen sind Frauen unterrepräsentiert und werden benachteiligt.

Natürlich ist man nicht automatisch Feminist*in, wenn man Frauen und Männer auf jedem Foto zählt, wie Ulf Poschardt fragt. Dazu muss man Gleichberechtigung in vielen Bereichen fordern und fördern, wenn man kann.  Aber Zählen hat meinen Blick geschärft. Es hat mich aktiviert, mich stärker für eine gerechte Repräsentation von Frauen einzusetzen. Und Zählen hat mich eindeutig mehr zum Feministen gemacht. Also, zählt!

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