Katja Lewina sitzt mit Schuhen und Jacke auf einer Heizung neben einer Klopapierrolle.
Foto:Lucas Hasselmann

Wie können sich Männer endlich aus den Fängen des Patriarchats befreien?

Um Männer zu verstehen, braucht es welche, die Klartext reden. Katja Lewina begibt sich auf die Suche und spricht mit ihnen über ihre sexuellen Erfahrungen, Ängste, Komplexe und Wünsche, um so mit Stereotypen zu brechen. Ein Auszug aus Katjas Buch „Bock – Männer und Sex“.

Was wollen Männer wirklich? Eine Frage, auf die bereits unzählige Ratgeber versucht haben, eine Antwort zu finden. Aber es gibt noch jede Menge andere drängende Fragen: Wie gehen Männer mit toxischer Männlichkeit um? Wieso wird Schwul-Sein immer noch als Schwäche und mit Abneigung von Hetero-Männer angesehen? Und was ist, wenn das beste Stück mal versagt?

Um all das zu klären und dem Mann-Sein auf die Spur zu kommen begleitet Katja Lewina einen fiktiven Mann vom Kindesalter bis zum Ruhestand. Dafür hat sie mit verschiedenen Männern gesprochen. Vom heterosexuellen Cis-Mann, trans Mann, einem Orgasmus-Coach bis hin zum Urologen und Priester ist alles dabei.

Sie hat mit ihnen über ihre Sexualität, ihre Sehnsüchte, Geheimnisse und vor allem über ihre Sex-Erfahrungen gesprochen. Humorvoll, direkt und schambefreit zeigt Katja Lewina Stereotypen auf und zerschlägt sie gleich im nächsten Satz. Sie geht darauf ein, welche Rolle unsere Sozialisierung und gesellschaftlichen Erwartungen spielen. Und vor allem: Wie können sich Männer endlich aus den Fängen des Patriarchats befreien?

Im folgenden Buchauszug wird der junge Mann gerade erwachsen. Und was braucht ein Mann nach Ansicht der Gesellschaft, um erwachsen zu werden? Genau: Sex.

Eine Jungfrau ist kein Mann

Das erste Mal – was für ein sagenumwobenes, herbeigesehntes und doch gefürchtetes Ereignis. Von allen ersten Malen unseres Lebens (und da gibt es bekanntlich viele) ist die erste Runde Geschlechtsverkehr das prominenteste. Nicht umsonst wusstet ihr alle sofort, welches erste Mal ich hier meine, und dass es wohl nicht darum gehen wird, wie ihr euch zum ersten Mal den Finger in den Po gesteckt habt. Mit „Reinstecken“ sind wir trotzdem schon mittendrin. Denn genau darum geht es ja. Nicht ums Streicheln, nicht ums Rubbeln, das alles gerne vorher, aber wenn wir von Sex reden, dann meinen wir damit die Penetration der Vagina. Das, wovon die Babys kommen. Wofür wir Menschen auf dieser Welt sind. Das Schwert muss schlussendlich in die Scheide, so zumindest die Sehnsucht jedes sexuell erwachten Hetero-Jugendlichen. Und wenn man das hinter sich gebracht hat? Dann ist man endlich ein „echter Mann“. Hat den Übergang ins Erwachsenenleben geschafft. Kann sich selbst auf die Schulter klopfen.

Bei den Mädchen ist die Sache ein wenig anders gelagert. Die werden schon zur Frau erklärt, sobald ihre Periode eingesetzt hat: „Yes, du kannst jetzt Kinder kriegen! Herzlichen Glückwunsch!“ Wenn die Welt ein gerechter Ort wäre, würde man den Jungen zum Mann erklären, sobald er sich nächtens die Pyjamahose vollgespritzt hat. Denn zeugen kann er nun, der Gute. Aber die Welt ist kein gerechter Ort. Das Mädchen also muss bluten. Und der Junge, der braucht Sex.

Kaum drin, schon abgespritzt

Lange hatte er sich ausgemalt, wie triumphal seine Männlichkeitswerdung sein würde. Und dann das: eine endlose Peinlichkeit, erinnert sich Peter: „Das war für mich keine so positive Erfahrung, und ich kann mir schwer vorstellen, dass es irgendwem anders geht, weil man einfach so unerfahren im Sex mit einer Frau ist, dass man total überreizt ist. Das ist körperlich absolut überfordernd. Es war sehr schnell vorbei bei mir, und das war super unangenehm. Ich war körperlich auch nicht in der Lage, noch mehr rauszuholen, und hatte nicht die Erfahrung, um die Situation so elegant zu lösen, dass ich mich ihr noch anders gewidmet hätte. Das war alles einfach nur peinlich.“

Kaum drin, schon abgespritzt – das ist wohl fast Standard. Wie soll man auch mit all den Reizen klarkommen, die da plötzlich auf einen einprasseln? Doch diese Reize können auch genau den gegenteiligen Effekt haben. Wie bei Franz, als es mit seiner Flamme auf dem heimischen Sofa plötzlich konkret wurde: „Wir hatten einen oder zwei Joints geraucht, es war mitten in der Nacht, und wir fingen an, uns gegenseitig auszuziehen. Das Problem war aber, dass ich nicht richtig einen hochbekam, und das lag weniger am Gras, sondern mehr an meiner Aufregung. Später hatte ich keine Probleme mehr damit, aber in dieser Situation war ich so nervös, dass er nur halb stand. Ja, und dann? Haben wir trotzdem Sex gehabt. Ich kam aber nicht zum Schuss, weil ich so aufgeregt war.“

Liam wiederum ging es irgendwann nur noch darum, es endlich hinter sich zu bringen: „Ich war recht spät dran, ich glaube, ich war 21 oder 20. Ich war sehr froh, dass es dann vorbei war, denn ich hatte mich so unter Druck gesetzt! Ich dachte: Boah, alle haben Sex. Alle wissen, wie das geht. Ich werde als Jungfrau sterben. Es wird einfach nicht mehr passieren.“ Passiert ist es am Ende dann doch noch, nur sagen wir es diplomatisch: Der Outcome war eher mittel. Wer sich wie Liam vor dem langersehnten Akt erst mal auf einer Party wegballert, muss sich nicht wundern, wenn das Ding nicht stehen will. Worüber wir uns viel mehr wundern sollten, ist die Frage, warum es für Jungs im Gegensatz zu Mädchen so wahnsinnig wichtig ist abzuspritzen, und zwar nicht einfach mit sich selbst, sondern mit ihr. In ihr. Nicht, dass sie in ihm kommen könnte. Aber es gibt doch einen eklatanten Unterschied, wenn wir uns das Mysterium „Erstes Mal“ getrennt nach Geschlechtern ansehen.

Sex und Männlichkeit

Für Jungs, genauso wie später auch für Männer, ist sexuelle Erfahrung etwas, das sie in ihrer Männlichkeit bestätigt. Darum kannst du als Junge quasi auch nicht zu früh dran sein mit deinem ersten Sex. „Was, du warst 13? Krasser Dude. Wie hast du das nur angestellt?“ Bewunderung, wohin man nur blickt. Ganz anders bei den Mädchen. Da hat Jungfräulichkeit noch einen Wert, den man sich besser für den „Richtigen“ aufspart. Für die große Liebe. Natürlich ist Sex für die meisten von uns mit einer Person, die wir wirklich gern haben, tausend Mal schöner als mit irgendeinem Spontan-Aufriss, und beim ersten Mal erst recht. Aber das müsste eigentlich für alle Geschlechter gelten.

Doch weit gefehlt. Für Jungs ist das vielleicht noch optional, ein Nice-to-have, das sie in ihrem natürlichen Streben nach Sex jedoch auf keinen Fall behindern sollte. Die Mädchen jedoch … Ach, die Mädchen. Nicht zu früh, nicht zu schnell, nicht mit irgendwem. Der Schriftsteller Anselm Neft beschreibt das so: „Wenn du als 15-Jähriger eine Frau oder ein Mädchen klarmachst, dann bist du ein toller Kerl. Das Mädchen hingegen muss aufpassen, dass sie in der Schule nicht als Schlampe gilt. Sex scheint etwas zu sein, wodurch das Mädchen etwas hergibt, einen Wert verliert und der Junge an Wert gewinnt. Das ist also ein einseitiges Tauschgeschäft. Zumindest kenne ich das aus der Pubertät so, und in den Pornofilmen wird es genau- so dargestellt. Die Frau wirkt ein bisschen billig und benutzt nach der ganzen Angelegenheit. Und der Mann ist irgendwie noch toller als vorher. Im Türkischen gibt’s für ,Jungfräulichkeit‘ verlieren‘ den Ausdruck ,den Diamanten verlieren‘. Ein Diamant ist ja etwas sehr Wertvolles. Das heißt, das Mädchen verliert etwas, und ich frage mich: Wo ist der Diamant dann hin? Hat ihn vielleicht der Junge bekommen? Denn der wird ja offenbar nicht wertloser, wenn er seine Jungfräulichkeit hinter sich lässt.“

„Es gibt kein männliches Äquivalent, keinen ,Jungmann‘. Das ganze Konzept der Jungfräulichkeit ist auf Personen weiblichen Geschlechts ausgerichtet.“

Der Junge gewinnt, das Mädchen verliert. Was im Übrigen auch erklärt, warum es für manche Männer so eine heiße Vorstellung ist, ein Mädchen oder eine Frau zu entjungfern – und sich an seinem eigenen Narzissmus aufzugeilen, der Erste gewesen zu sein. Einen neuen Kontinent entdeckt und natürlich auch erobert zu haben. Fahne drauf, meiner. Andersherum würde sich niemals eine Frau damit schmücken, einem Jüngling seinen ersten Ritt verpasst zu haben. Gott, wer steht schon explizit auf männliche Jungfrauen?

Allein der Begriff „Jungfrau“ zeigt schon, wo der Hase langläuft: Es gibt kein männliches Äquivalent, keinen „Jungmann“. Das ganze Konzept der Jungfräulichkeit ist auf Personen weiblichen Geschlechts ausgerichtet, und die Tatsache, dass man dieses Wort inzwischen auch für Jungs benutzt, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass es nicht für sie gemacht ist. Eine männliche Jungfrau ist vor allem eins: kein Mann. Für einen Jungen besitzt dieser Zustand keinerlei Wert, also gilt es, ihn so schnell wie möglich hinter sich zu lassen. Und wer dieses Drängen nicht verspürt, der spürt bald etwas anderes: das unheimliche Gefühl, vielleicht nicht ganz normal zu sein. Denn wenn du bei der Abi-Feier noch immer nicht gevögelt hattest, so erinnere ich das zumindest, dann warst du nicht nur uncool. Du warst ein echter Loser.

Das neue Buch von Katja Lewina „Bock - Männer und Sex" mit grünem, gestreiften Cover

Katja Lewina: Bock: Männer und Sex.  DuMont Verlag, August 2021, 20 Euro und als Hörbuch.

Das Buch ist natürlich auch bei lokalen Buchhändler*innen eures Vertrauens zu finden. Support your local Book-Dealer!

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