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Kinderwunsch trotz psychischer Erkrankung – schaffe ich das?

Bin ich als psychisch kranke Frau stabil genug für ein Baby? Oder vererbe ich vielleicht meine Neigung zu Depressionen? Wie es sich anfühlt, wenn sich Vernunft und Herzenswunsch streiten.

 

Wann bin ich bereit für ein Kind? 

„Erstmal werde ich stabiler und dann kann ich über Kinder nachdenken.“ Diesen Gedanken hatte ich mit Anfang zwanzig. Eine gute Grundlage schaffen, gesünder werden, ausgeglichener und belastbarer sein – und dann könnte es losgehen. So war der Plan. 

Jetzt bin ich 33. Und denke diesen Satz immer noch mantraartig vor mich hin. Während um mich herum gestrickte Söckchen und gehäkelte Mobiles meinen Instafeed überschwemmen, übe ich mich in – ja, in was eigentlich? Vernunft?  

Das Thema Kinderwunsch trotz psychischer Erkrankungen ruft einen Cocktail aus Hoffnung und Resignation in mir hervor, der mich schon viele Jahre begleitet. Heute will ich darüber schreiben, wie es sich anfühlt, wenn man zwischen zwei Polen hin- und hergerissen ist. Wenn sich nichts wirklich richtig anfühlt.

Wenn ich erst mal meine Ängste im Griff habe … 

Mein zwanzigjähriges Ich war noch geduldig. Das Erwachsenwerden war etwas, dem man erst noch in Ruhe entgegen reifen wollte. Zahlreiche Therapien, aber auch zahlreiche Krisen später muss ich erkennen: Der mysteriöse Tag X, an dem ich mich für stabil und gesund genug halte, um zu versuchen, ein Kind zu bekommen – er kommt nicht.

Im Laufe meines Lebens habe ich das Thema Kinderwunsch in allen möglichen Facetten gedanklich durchgekaut. Angefangen bei dem Herzenswunsch und der selbstsicheren Aussage: „Klar, will ich mal Kinder.“ Das war damals, als Teenager, als ich die Zukunft hinaufblinzelte und darin eine Menge wunderbarer Dinge sah, die ganz sicher eintreten würden, wenn ich erstmal diese Ängste und meine emotionale Instabilität in den Griff bekommen haben würde. 

Jedes Mal ein Stich in meinem Herzen 

Dieser Glaube hielt eine Weile an und ging dann nahtlos in eine durch uneingestandene Verzweiflung genährte Phase über, in der ich mir meine Kinderlosigkeit schön redete. Ich fand irre viele Argumente, die gegen Kinder sprachen: „Ich will mich doch beruflich verwirklichen!”, „Ein Künstlerdasein und Kinder, das passt nun wirklich nicht zusammen!”, „Ich verdiene gar nicht genug für eine Familiengründung!”, „Man ruiniert sich die Figur (ja, auch eine Feministin kann solche Gedanken haben)!” Aber all diese, teilweise sicher auch berechtigten, Punkte konnten an einer Sache nichts ändern: dem Stich im Herzen, wenn die nächste Periode kam. Wenn ich einen Kinderwagen sah. Oder mir eine Freundin eröffnete, dass sie schwanger sei.

Während all dieser Zeiten ging ich brav in meine Therapien, machte mal kleine, mal große Fortschritte, übte, konfrontierte, meditierte und liebte mich selbst, mal mehr, mal weniger erfolgreich. So ungefähr ab meinem 30. Geburtstag gab ich meinen eigenen Widerstand gegen meinen Kinderwunsch dann auf. Ich habe ihn. Ich spüre ihn. Er lässt sich nicht wegrationalisieren und mit ihm kommt eine Menge Schmerz mit auf den Tisch. Denn mein heutiges Ich hat durchaus seine guten Phasen, in denen Außenstehenden vielleicht nicht einmal auffallen würde, dass ich an psychischen Erkrankungen leide. An schlechten Tagen aber sind selbst meine Katzen eine Belastung für mich. Und das sind nur KATZEN.

Die Ängste wurden mehr, nicht weniger 

Manchmal überkommt mich der Gedanke, ob ich es nicht einfach Anfang zwanzig hätte machen sollen. Denn mit dem Alter steigen meine Ängste. Ich weiß jetzt so viel mehr über mich, über das Leben, den Planeten, die menschliche Psyche, Geburtsvorgänge und Erziehungsfehler. Als Studentin wäre ich in dieses Abenteuer irgendwie hineingepurzelt. Und hätte es bestimmt gewuppt. Mittlerweile kann ich gar nicht mehr guten Gewissens von einem wachsenden Bauch träumen. Es sind schon zu viele Sorgen darin. 

Wenn ich über die genetische Komponente von Depressionsneigung nachdenke, zum Beispiel. Meine beiden Elternteile leiden an Depressionen und vor einiger Zeit habe ich meine Mutter einmal gefragt, ob meine Eltern denn nie darüber nachgedacht haben, ob sie diese Veranlagung meiner Schwester und mir mitgeben würden. Tatsächlich haben sie das nicht und natürlich muss es auch nicht zwangsweise so kommen – aber meine schwierige Kindheit hat wohl ihr übriges getan, um diese genetische Achillesferse zu aktivieren.

Und was, wenn das bei meinen potentiellen Kindern auch so wäre? Was, wenn ich eines Tages diese Traurigkeit in den Augen meines Nachwuchses entdecken würde oder mit ansehen müsste, wie sie eine ähnlich große Angst vorm Leben entwickeln, wie ich sie habe?

Ist ein Kinderwunsch trotz psychischer Erkrankung nicht total egoistisch? 

Halt – ein Kinderwunsch ist doch immer egoistisch. Angesichts der Lage der Welt muss man das ehrlicher Weise sagen. Verzichten tun aus ethischen Gründen aber die wenigsten. Unser Fortpflanzungstrieb ist eben eine verdammt archaische Sache. Und auch ich hätte vermutlich schon lange versucht, Mutter zu werden, wenn meine eigene Geschichte mich nicht derart hemmen würde.

Was, wenn wir die genetische Komponente einmal völlig außer acht lassen? Würde sich mein Verhalten trotzdem auf die Kinder übertragen? So sehr man sich bemüht, Gelassenheit auszustrahlen – sicher würde mir das auch nicht immer gelingen. Wie umgehen mit Panikattacke und Kind an der Hand? Was tun, wenn das Noro-Virus im Kindergarten grassiert? Meine Emetophobie (Angst vorm Erbrechen, mehr Infos dazu in meinem Artikel über meine Brechphobie) ist ein wichtiger Aspekt, wenn es an das Kinderthema geht. Fremde Kinder im Bus beäuge ich meist misstrauisch. Kindergartengruppen im Ausflugsmodus sehe ich als wandelnde Virenträger. Von möglicher Schwangerschaftsübelkeit mal ganz abgesehen!

6 bis 7 Prozent der Frauen in Deutschland sind laut ExpertInnen von Emetophobie betroffen. Drei Viertel davon vermeiden aus diesem Grund eine Schwangerschaft. Das ist eine beträchtliche Zahl! Die Angst, das eigene Kind im Krankheitsfall nicht versorgen zu können, treibt auch mich um. Ich kenne betroffene Mütter, die berichten, dass sich die Angst vorm Erbrechen durch ihren ängstlichen Umgang damit auch auf die Kinder überträgt. Auch hier gilt natürlich: kann, aber muss nicht!

Gibt es einen „richtigen” Weg? 

Und so lebe ich weiter mit dieser Diskrepanz zwischen Gebärmutter auf der einen und dem Verstand auf der anderen Seite. Entfolge regelmäßig Frauen auf Instagram, sobald das erste Babybauch-Bild gepostet wird, weil ich es einfach nicht mehr ertragen kann. Natürlich sollte ich mich nicht vergleichen. Schließlich haben diese Frauen ganz andere Startvoraussetzungen ins Leben gehabt. Und natürlich ist es eigentlich ein Grund zur Freude, dass sie schwanger sind – wenngleich ich eine übertriebene Glorifizierung der Mutterschaft auch kritisch sehe, aber das ist ein ganz anderes Thema. 

Trotzdem treibt der Neid mir seinen giftigen Stachel ins Herz. Das sind schwierige Tage. Dann stehe ich manchmal mit einen Kissen unterm T-Shirt vorm Spiegel und frage mich, wie es wohl wäre, wenn … Vorfreude flutet meine Venen und die Zuversicht brüllt mir durchs Megaphon in die Ohren, dass ich das doch ganz bestimmt schaffen würde! Bis ich das Kissen wieder hervorhole, auf dem Sofa an seinen angestammten Platz lege und mir in Erinnerung rufe: Es geht eben nicht nur um mein Glück. Es geht auch um die Frage, ob ich glaube, einen guten Glücksgrundstein für das Leben eines anderen Menschen legen zu können.Klar, ich habe Unmengen an Liebe zu verschenken. Und mit ziemlicher Sicherheit wäre ich eine verständnisvolle und warmherzige Mutter. Aber bevor ich das vielleicht eines Tage sein kann, muss ich erstmal einen soliden Vertrauensgrundstein in mein eigenes Leben legen.

Dieser Beitrag erschien bereits auf kea-schreibt. Wir freuen uns, ihn auch hier veröffentlichen zu können.

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