Foto: Leah Kunz

Wann hören wir endlich auf, so zu tun, als seien wir längst gleichberechtigt?!

In ihrer Kolumne schreibt Camille Haldner über alles, was ihr auf den Keks geht. Dieses Mal: Leute, die Feminismus übertrieben finden, obwohl wir noch meilenweit von Gleichberechtigung entfernt sind.

Schlagzeilen und Jubelrufe wirbelten durchs Netz, als sich Angela Merkel im September erstmals öffentlich als Feministin bezeichnete. Dass sie diese Selbstbezeichnung mit einer Relativierung („in dem Sinne bin ich eine Feministin“) kombinierte, tat dem Statement keinen Abbruch. Die Tatsache, dass dieses lauwarme Bekenntnis zum Feminismus Anlass für so viel Freude und Beachtung war, spiegelt deutlich wider, welch schwierigen Status die Bewegung gesamtgesellschaftlich noch immer hat. 

Da mittlerweile selbst mainstreamige Modeketten Shirts mit feministischen Slogans verkaufen, entsteht mancherorts der Eindruck, sich für Gleichberechtigung einzusetzen, sei eine coole Selbstverständlichkeit. Ist es aber nicht. Das merke ich immer dann, wenn ich die feministische Blase verlasse und mit Menschen ins Gespräch gehe, die wenig Berührungspunkte mit dem Thema haben. Wenn auch nicht unbedingt für offene Ablehnung, sorgt mein Bekenntnis zum Feminismus häufig für Irritation. Oft gefolgt vom Wunsch nach einer Erklärung für meine „radikale Einstellung“.

Feminismus, (k)eine Selbstverständlichkeit

Gern wird dann in meiner Biografie nach Beweggründen für die Auseinandersetzung mit feministischen Themen gesucht. Als ob es nicht auch unabhängig von persönlichen Bezügen eine Selbstverständlichkeit sein könnte, sich dafür zu engagieren, dass alle Menschen die gleichen Rechte, Chancen und Freiheiten haben und vor Diskriminierung geschützt leben können.

„Deine Großmutter hatte es 1961 nicht leicht mit einem unehelichen Kind … und dann bist du mit einer alleinerziehenden Mutter groß geworden … Deshalb ist Feminismus also so ein Thema für dich“, meinte eine Bekannte kürzlich bei einem Gespräch, in dem es nicht mal um Politik an sich, sondern lediglich um die Frauen in meiner Familie ging.

In der vermeintlichen Erkenntnis meiner Bekannten deutlich hörbar: ihre Erleichterung darüber, dass sie für mein in ihren Augen „radikales“ politisches Ansinnen nun endlich eine Erklärung gefunden hatte. Ihre Interpretation ließ mich so perplex zurück, dass ich erst später die Worte dafür fand, die mir in dem Moment fehlten: Wer wirklich glaubt, feministisches Engagement ließe sich nur durch persönliche Bezugspunkte erklären, hat nichts verstanden. Wir sollten anderen nicht nur dann helfen wollen, wenn individuelle Berührungspunkte oder direkte Betroffenheit vorhanden sind, sondern unsere Privilegien als Grundlage dafür nutzen, das Leben anderer zu verbessern.

„Wer wirklich glaubt, feministisches Engagement ließe nur durch persönliche Bezugspunkte erklären, hat nichts verstanden.“

Gleichberechtigung wird nicht gelebt

Weltweit sind mehr als 70 Prozent der Frauen von Armut bedroht, die gleichgeschlechtliche Ehe ist nur in 29 Ländern erlaubt und laut Weltwirtschaftsforum wird es noch 135,6 Jahre dauern, bis Frauen gesellschaftlich, politisch und wirtschaftlich Männern gleichgestellt sind. Zahlen zu Personen, deren Geschlechtsidentität nicht dem binären System von männlich und weiblich entspricht, werden in Studien und Umfragen meist gar erst nicht erhoben.

Das Thema Ungleichheit lässt sich auch gut auf ein fortschrittliches, demokratisches Land wie Deutschland runterbrechen, in dem so gern behauptet wird, dass wir längst gleichberechtigt seien. Spoiler: Gleichberechtigung wird nicht automatisch gelebt, nur weil Menschen per Gesetz die gleichen Rechte haben. 

„Gleichberechtigung wird nicht automatisch gelebt, nur weil Menschen per Gesetz die gleichen Reche haben.“

Tatsache ist: Frauen verdienen im Schnitt 18 Prozent weniger als Männer; Schwangerschaftsabbrüche sind laut Gesetz noch immer rechtswidrig und nur unter erschwerten Bedingungen straffrei möglich; Transgeschlechtlichkeit wird in Deutschland bis heute als psychische Krankheit gewertet, trans Personen müssen sich weiterhin langwierigen und pathologisierenden Begutachtungsverfahren unterziehen, um Personenstand, Namen oder Geschlecht zu ändern; der Frauenanteil in den DAX-Vorständen beträgt gerade mal 16,6 Prozent; Schwarze, indigene und Menschen of Color erfahren täglich Rassismus; jeden dritten Tag wird eine Frau von ihrem (Ex-)Partner getötet; Menschen mit Behinderung finden bei Jobverlust schwerer in den Arbeitsmarkt zurück als nichtbehinderte Personen – im Schnitt sind behinderte Menschen 100 Tage länger arbeitslos. 

Und falls sich jemand fragen sollte, was all diese Beispiele mit Feminismus zu tun haben: Mit der Gleichstellung der Geschlechter allein ist es längst nicht getan. Viele Menschen sind nicht nur auf einer, sondern auf mehreren Ebenen von Diskriminierungen betroffen, beispielsweise von Sexismus, Rassismus und Ableismus zugleich. Die Professorin Kimberlé Crenshaw etablierte dafür den Begriff der Intersektionalität. Sich überlagernde Diskriminierungen im Blick zu haben, ist wichtig für einen Feminismus, der nicht nur für manche Benachteiligte kämpft, sondern eben für alle. 

Keine Angst davor, als extrem verschrien zu werden

Die Liste an existierenden Diskriminierungen und Ungleichheiten ließe sich noch durch zahlreiche Absätze erweitern. Warum es radikal sein soll, etwas an diesem ungerechten Ist-Zustand ändern zu wollen, erschließt sich mir nicht. Für mich wirkt diese Abwertung von Feminismus eher wie eine Ausrede, um sich nicht mit den existierenden Ungerechtigkeiten befassen zu müssen.

„Fortschritte wurden meist nicht dadurch erreicht, dass Feminist*innen höflich um Gleichberechtigung gebeten haben, sondern keine Angst davor hatten, als radikal verschrien zu werden.“

Gleichstellungspolitische Meilensteine wie das Frauenstimmrecht wurden vor gar nicht allzu langer Zeit als übertriebene Forderungen abgetan, heute gelten sie hierzulande als Selbstverständlichkeit. Diese Fortschritte wurden meist nicht dadurch erreicht, dass Feminist*innen höflich um Gleichberechtigung gebeten haben, sondern keine Angst davor hatten, als radikal verschrien zu werden. Also lasst uns darüber nachdenken und sprechen, wo wir radikal neue Ansätze brauchen, um eine Welt zu gestalten, in der alle Menschen gut leben können.

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Seit 2019 schreibt Camille Haldner für EDITION F über gesellschaftspolitische und zwischenmenschliche Phänomene, widmet sich Kultur-, Arbeits- und Körperthemen und trägt Inhalte weiter auf die Social-Media-Kanäle des Magazins.

In ihrer Kolumne „Wann hören wir endlich auf ... ?“ thematisiert die Redakteurin all die Dinge, die ihr in Gesellschaft und Politik so richtig auf den Keks gehen.

Die Wahlberlinerin und Heimwehbaslerin hat vor, während und nach dem Studium (Journalismus & Kommunikation, ZHAW) für verschiedene Schweizer Publikationen und Medien gearbeitet, zuletzt für die Kulturredaktion des Schweizer Radio und Fernsehen (SRF).

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