Foto: Andi Weiland | Gesellschaftsbilder.de

#AbleismTellsMe: Behinderte Menschen teilen Diskriminierungserfahrungen

Menschen mit Behinderung werden diskriminiert – im Bus, bei der Arbeit, auf dem Amt. Ein Hashtag sorgt jetzt für Aufmerksamkeit. Endlich, meint unsere Kolumnistin. Auch, weil Ableismus alle angeht.

Es passiert alltäglich und überall. In der Familie, unter Freund*innen, im Job, auf der Party und im Club. Normative und stereotype Bilder von Behinderung und Nichtbehinderung werden uns um die Ohren gehauen. Wir werden mal für inkompetent, bedauernswert, leidend und hilflos, mal für bewundernswert und übermenschlich gehalten. Auf Twitter tauschen sich derzeit behinderte Menschen über ihre Erfahrungen mit Diskriminierung unter dem Hashtag #AbleismTellsMe aus. 

Diskriminierungserfahrungen behinderter Menschen

Gestartet hat den Hashtag Kayle Hill, eine 23-jährige behinderte Studentin aus den USA. Anfang September ging #AbleismTellsMe durch die Decke, nicht nur in den USA, sondern vor allem auch in Deutschland. Das fiel auch Kayle Hill selbst auf, die ein bisschen besorgt bemerkt: „The strangest thing about ,AbleismTellsMe‘ ist just watching it *take off* in Germany“. Hunderte Tweets versammelt der Hashtag mittlerweile, darunter sehr viele auf Deutsch. Viele nichtbehinderte Twitter-User*innen sind schockiert über die zum Teil krassen Diskriminierungserfahrungen behinderter Menschen. Dennoch wird #AbleismTellsMe hierzulande nur wenig geteilt.

Vielleicht liegt das daran, dass „Ableism“ im deutschen Diskurs ein noch neuer Begriff ist. Vielleicht auch daran, dass beim Thema Diskriminierung zwar an Sexismus, Rassismus, Antisemitismus und an die Diskriminierung von LGBTQI gedacht wird, Behinderung aber meist außen vor bleibt. Nur selten wird Behinderung als politisches Thema gedacht. Auch in den Augen vieler kritischer und aufgeklärter Menschen gehört Behinderung immer noch in den Bereich von Pädagogik, Fürsorge und Medizin. 

Nur selten wird Behinderung als politisches Thema gedacht.“

Bevormundet und gleichzeitig bewundert

Es ist also Zeit, sich diesen neuen Begriff einmal näher anzuschauen. Ableism oder „Ableismus“, wie er im deutschen Kontext oft heißt, wird meistens gleichgesetzt mit Behindertenfeindlichkeit. Im Kern geht es um diskriminierende Handlungsweisen gegenüber behinderten Menschen, um abwertende Urteile, um stereotype Zuschreibungen. Die Tweets unter #AbleismTellsMe und viele andere Erfahrungen behinderter Menschen zeigen jedoch, dass uns nicht immer offen „feindlich“ begegnet wird. Eher haben wir es mit einer ambivalenten Mischung zu tun: Kompetenzen werden uns abgesprochen, wir werden bemitleidet, bevormundet und infantilisiert, auf unsere Behinderung reduziert und dabei gleichzeitig wohlwollend gelobt oder bewundert, oft für alltägliche Dinge. 

Kompetenzen werden uns abgesprochen, wir werden bemitleidet,  bevormundet und infantilisiert, auf unsere Behinderung reduziert und dabei gleichzeitig wohlwollend gelobt oder bewundert, oft für alltägliche Dinge.“

Der Begriff Ableism bildet dies etwas genauer ab, denn er geht über Behindertenfeindlichkeit hinaus. Genau wie zum Beispiel Rassismus und Sexismus hebt Ableism auf ein Denken und Handeln ab, das aus machtvollen gesellschaftlichen Verhältnissen entsteht, an denen wir alle täglich teilhaben. Ableism leitet sich ab vom englischen Begriff „ability“, Fähigkeit. Er meint zunächst erstmal ein Denkmuster, das Menschen in behindert und nichtbehindert einteilt und ihnen entlang dieser Einteilung bestimmte, meist negative Eigenschaften zuschreibt.

Wer ist schon immer leistungsfähig?

„Behindert“ und „nichtbehindert“ wird gleichgesetzt mit „fähig“ oder „nicht fähig“ – und damit orientiert sich Ableism am Maßstab eines normativ funktionierenden, handlungsfähigen und unabhängigen Körpers und Geistes. Ein Ideal, das kaum jemand erreichen kann: Wer ist schon immer leistungsfähig? Sind nicht alle Menschen in vielen Situationen abhängig von der Hilfe und Unterstützung anderer?

Das Ideal des voll einsatzfähigen, autonomen, nichtbehinderten Menschen kann niemand wirklich erreichen – und dennoch ist es so wirkmächtig, dass wir uns alle danach ausrichten. Forscher*innen der Disability Studies sprechen auch von „compulsory ablebodiedness“, frei übersetzt „Zwangsnichtbehinderung“: Genauso wie wir eigentlich alle idealerweise heterosexuell und weiß sein sollen, sollen wir auch bitteschön nichtbehindert sein. 

Ableism betrifft somit alle Menschen – dennoch sind seine Auswirkungen sehr unterschiedlich; je nachdem, ob man gesellschaftlich als behindert oder als nichtbehindert einsortiert wird. Wie wenig offen eine Gesellschaft ist, die sich an einer nichtbehinderten Norm ausrichtet, zeigen die Tweets von #AbleismTellsMe deutlich. Sind wir sichtbar behinderte Menschen wie zum Beispiel Rollstuhlfahrer*innen, blinde und taube Menschen, dann müssen wir uns immer wieder mit Bewertungen unserer Lebensqualität auseinandersetzen.

Viele Lebensentwürfe und Berufe werden uns nicht zugetraut, oft wird uns Sexualität abgesprochen. Sind wir chronisch kranke, psychisch beeinträchtigte und neurodiverse Menschen, dann müssen wir hingegen eher dafür kämpfen, dass unsere Behinderung überhaupt anerkannt und ernst genommen wird („Du siehst gar nicht behindert aus!“). 

Ein Thema, das uns alle betrifft

„Toll, wie du dein Leben meisterst – ich könnte das ja nicht!“, „Wie selbstlos von deinem Mann, dass er sich um dich kümmert!“, „Diesen Job kannst du dir abschminken“, „Mutter kannst du aber nicht werden!“ Sätze wie diese hören nichtbehinderte Menschen dagegen wohl kaum. Sie haben das Privileg, sich mit einer behindernden Gesellschaft nicht beschäftigen zu müssen. Dabei reicht ein Unfall oder eine Krankheit, um Teil des exklusiven Clubs der behinderten Menschen zu werden – darin unterscheiden sich die Bedingungen von Ableism von zum Beispiel Sexismus oder Rassismus.

Spätestens im Alter machen alle Menschen Bekanntschaft mit Beeinträchtigungen. Aktivist*innen der Behindertenbewegung nennen nichtbehinderte Menschen daher auch „TAB“ – „temporarily able bodied“, nur zeitweise nichtbehindert. Kein Wunder, dass einem das bedrohliche Szenario „Behinderung“ vielleicht doch etwas nähergeht, als man denkt und dass man es eher von sich fernhalten möchte. Ableistische Praktiken und die Markierung von anderen als behindert, leidend und unfähig schaffen Distanz. Es wird also Zeit, dass nichtbehinderte Menschen sich mit Behinderung und Ableism beschäftigen, gerade weil es irgendwann auch Teil ihres Lebens sein wird.

Unser Titelbild zeigt Methap Yalcin, sie hat Lernschwierigkeiten. Diskriminierung erlebte sie bei der Agentur für Arbeit, als sie einen Job auf dem ersten Arbeitsmarkt suchte. Foto: Andi Weiland | Gesellschaftsbilder.deFoto: Andi Weiland | Gesellschaftsbilder.de

Zum Weiterlesen:

Was heißt Ableism?
Zeitschrift für Inklusion
Ableism erkennen und begegnen
Tanja Kollodzieyski: Ableismus
Behindertenfeindlichkeit
Gendering Disability: Intersektionale Aspekte von Behinderung und Geschlecht

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  1. Vielen Dank für die wahren Worte. Ich selbst finde meine Erlebnisse und Erfahrungen überall im Text wieder.
    Ich habe auchvgenai das Gegenteil erlebt: Vor einem Bewerbungsgespräch teile ich der Personalerin mit, das ich mit dem Rollstuhl kommen werde. Das war in der Bewerbung nicht sofort ersichtlich, ich hatte es vergessen.
    Die Reaktion der Personaletin am Telefon war ehr verwundert, das ich dafür anrufe. „Ja, macht nix, wir haben doch einen Lift.“ Entgegnete die mir.
    Heute arbeite ich in der Firma und das sehr gern. Natürlich gab es zu Beginn Verunsicherung auf beiden Seiten, aber da ich um direkte Ansprache bitte, habe ich die Ehrlichkeit und Offenheit in meiner Firma erlebt, die es auch schon vor mir gab. Ich bin dabei, über Inklusion wird nicht gesprochen, die war schon vor mir da. Doch bin ich bis jetzt der einzige Rolli Nutzer, nicht aber der einzige mit Behinderung.
    Natürlich muss über bestimmte Dinge gesprochen werden, aber
    das geschieht auf einer ganz normalen Ebene.

    Die Diskriminierung im Alltag erlebe ich täglich außerhalb …

  2. Ehrliche offene Worte. Das findet man nicht oft. Denn Diskriminierung erfährt man vor allem dann, wenn man sich selbst ganz normal verhalten und auch ganz normal wahrgenommen werden möchte. Warum wird immer soviel Aufheben darum gemacht? Es ist keine „Behinderung“, es ist , wenn man es so will, ein „Handicap“, mit dem wir Betroffenen zu leben wissen.

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