Foto: Jonathan McIntosh | Flickr

Gegen Diskriminierung: Warum wir uns jetzt aufregen sollten

Weiß, männlich, hetero. Wer ist eigentlich privilegiert und was macht das mit unserer Gesellschaft?

Unsere Privilegien – und wie wir damit umgehen

Einige haben vielleicht jetzt schon aufgehört zu lesen. Andere haben Angst vor dem, was nun kommen mag. Wieder so eine Feministin, die Dir gleich „check your privilege“ ins Gesicht schmettert und anfängt über „heterosexuelle, weiße Männer“ zu reden?

Fast. Obwohl, vielleicht nicht ganz so schlimm. Und ja, es wäre in der Tat viel einfacher, das alles als „linke Gutmenschen-Ideologie“ abzutun. Denn dann muss man sich nicht mit den eigenen Privilegien auseinandersetzen, die die meisten von uns genießen, ob bewusst oder auch komplett unbewusst. Unbewusst, weil man vielleicht noch nie darüber nachgedacht hat, welche Vorteile uns eine Gesellschaft aufgrund unserer Hautfarbe, unserer sexuellen Orientierung, unseres Geschlechts, unserer Religion, unseres körperlichen Zustands und anderer Faktoren gewährt. Im selben Atemzug muss nun auch Diskriminierung genannt werden. Denn implizite oder auch explizite Diskriminierung bezüglich eines Merkmals, oder auch mehrerer, erfahren all die Menschen, die eben nicht alle der von einer Gesellschaft favorisierten Eigenschaften haben. Intersektionalität beschreibt dann den Zustand, wenn verschiede Formen von Diskriminierung  zusammenspielen.

Niemand kann etwas für seine Privilegien

Auch ich, als weiße, heterosexuelle, ‚able-bodied’ Frau, die der englischen Sprache mächtig ist, genieße eine Vielzahl an Privilegien in einer Welt, in der Eigenschaften wie „weiß, heterosexuell, männlich, Englisch sprechend, able-bodied“ jemanden in den Olymp an Möglichkeiten und Vorteilen gegenüber anderer, die diese Charaktereigenschaften nicht vorweisen können, katapultiert. Niemand kann etwas für die Privilegien, die sie oder er selbst genießt. Da diese eigenen Privilegien jedoch gleichzeitig Diskriminierung für andere bedeuten und deren Möglichkeiten im Leben substantiell limitiert, ist es wichtig, sich deren bewusst zu werden.

Es ist wichtig, den Erfahrungen derer zu lauschen, die von bestimmten Formen von Diskriminierung betroffen sind. Gerade wenn wir selbst diese Erfahrungen nicht gemacht haben. Denn: „Privilege is when you think something is not a problem because it’s not a problem to you personally“. Auch bei uns kann diese Personifizierung von Privilegien beispielsweise in den Führungsetagen von Politik und Wirtschaft beobachtet werden: weiß, männlich und fehlender Migrationshintergrund sind unter anderem auch dort die dominierenden individuellen Eigenschaften.

Jon Greenberg schrieb einen Artikel für Everydayfeminism.com, in dem er seine eigenen Privilegien als weißer Mann beschreibt und mit Statistiken belegt. So befürchtet er beispielsweise weder nachts noch tagsüber, belästigt zu werden und der Gedanke, auf dem nächtlichen Nachhauseweg vergewaltigt zu werden, ist ihm ebenso fremd. Auch die Tatsache, dass sein männliches Auftreten – sein ‚gender’ – Autorität vermittelt macht ihm das Leben einfacher. Denn wir werden in einer Welt sozialisiert, in der die Machtpositionen überwiegend von Männern besetzt sind – von klein an assoziieren wir somit Macht mit Männern.

Wir brauchen Aktivisten, die den Status Quo in Frage stellen

Auch Jon Greenberg kann nichts dafür, dass er in eine Gesellschaft hineingeboren wurde, die ihn anderen Menschen gegenüber privilegiert. Doch er kann darauf aufmerksam machen und den Status Quo in Frage stellen. Immer mehr, vor allem junge Menschen, wollen sich die gegenwärtigen Machtstrukturen nicht länger gefallen lassen. Die Energie aus eigenen Erfahrungen schöpfend kämpfen beispielsweise Kübra Gümüsay, Betül Ulusoy sowie Soufeina Hamed gegen anti-muslimischen Rassismus, Raul Krauthausen für Inklusion und Tarik Tesfu gegen Homophobie und Sexismus – und es gibt noch viele weitere Kämperinnen und Kämpfer da draußen. Das ist der Grund weshalb eine Freundin von mir unsere Generation im „Der Tagesspiegel“ einmal, wie ich finde sehr treffend, als den „Satan unter den Generationen“ bezeichnet hat. Denn wir wollen nicht länger in der Gesellschaft leben, in die wir hineingeboren wurden, mit ihren ungerechten Privilegien und ihren Diskriminierungen.

Auch mein Engagement gründet auf persönlichen Erfahrungen. Ich möchte es nicht mehr hinnehmen, dass ich – so wie all diejenigen, die sich als Frauen identifizieren – aufgrund meines Geschlechts statistisch gesehen sehr wahrscheinlich mein Leben lang Sexismus erfahren werde. Sexuelle Belästigungen, weniger Gehalt, Degradierungen. Eines der Privilegien, die Jon Greenberg auch in seinem Alltag erkannte, war: „Seeing Myself Widely and Positively Represented in the Media“. Wenn beispielsweise die einflussreichsten Zeitungen unserer Gesellschaft Mitmenschen des eigenen Geschlechts grundsätzlich respektvoller darstellen als Menschen anderer Geschlechter, dann ist das eben ein Privileg. Denn diese Zeitungen beeinflussen Millionen von Menschen.

Das Privileg, Vorbilder zu haben

Als wir beide noch Kinder waren, genoss also schon mein Zwillingsbruder mir gegenüber das Privileg, auf echte Vorbilder in Deutschlands einflussreichster Zeitung BILD aufzublicken. Auf Männer die Sport machen und die Welt regieren. Ich saß neben ihm am Küchentisch meiner Oma. Doch die größte Aufmerksamkeit für eine Frau in BILD wurde einem Oben-Ohne Modell zugesprochen, das dazu da war, die Lust heterosexueller Männer zu befriedigen. Damals noch auf Seite Eins. Auch heute noch werden Frauen in BILD nur dann Aufmerksamkeit und Beachtung geschenkt, wenn sie jung, nackt und ‚sexy’ sind. Und dafür manchmal erst gar nicht gefragt und dennoch einem Millionenpublikum als Sexobjekt verkauft werden. Privileg und Diskriminierung können extreme Auswüchse annehmen. Zum Beispiel dann, wenn Frauen auch noch selbst die Schuld für die eigene Objektifizierung und Degradierung bekommen.

Ich bin es leid, dass Frauen in der meistgelesenen ‚Zeitung’ Deutschlands fast ausschließlich auf deren Körper und ihre Sexualität reduziert werden und somit täglich einem Millionenpublikum eine eindeutige Message gesendet wird: „Frauen sind zur männlichen Bedürfnisbefriedigung da – sie verdienen es nicht, dass über sie gleich respektvoll berichtet wird, wie über Männer“. Deshalb habe ich eine Petition online gestellt, die von BILD Chefredakteur Kai Diekmann verlangt, das BILD-Girl abzuschaffen und auf Sexismus zu verzichten. Mehr als 35.000 Frauen und Männer haben die Petition bereits unterschrieben und eine Vielzahl an Bundestagsabgeordneten, Organisationen und Aktivist*innen unterstützt das Anliegen offiziell. Sexismus ist nicht nur unmenschlich, er wird ebenso vom Pressekodex sowie dem Grundgesetz verboten. Aus der Petition hat sich nun die 19-köpfige StopBildSexism-Kampagne entwickelt. Den Sexismus in BILD sowie dessen Zusammenhänge mit sexueller Gewalt haben wir auf BILDblog ausführlich beschrieben.

Die Gesellschaft wächst an denen, die Fragen stellen

Tarik ist einer unserer Unterstützer und auch selbst Aktivist. Als nicht-weißer, homosexueller Mann hat auch er viele Erfahrungen mit Privilegien – beziehungsweise dem Fehlen davon – gemacht. Frei nach dem Motto „die Gesellschaft wächst an denen, die sie in Frage stellen“ stellt er die Heteronormativität und als bekennender Feminist den Sexismus in unserer Gesellschaft in Frage. Wöchentlich befindet sich Tarik in der Genderkrise und stellt das herrschende Geschlechterverhältnis gewaltig auf den Kopf.

Auch Tarik ist also solch ein ‚Satan’. Wir brauchen noch mehr davon – wir brauchen noch viel mehr Menschen, die sich für gegenseitigen Respekt und Toleranz engagieren. Nie waren unsere Waffen so gut. Spätestens seit #Aufschrei wissen wir, wie viel Kraft in den Sozialen Netzwerken steckt. Nie standen die Erfolgsaussichten für David gegen Goliath besser. Wie man die Hebelwirkung der Sozialen Netzwerke nutzen kann zeigt uns beispielsweise gerade Stevie mit ihrer NGO Pinkstinks in ihrem Kampf gegen die Show Germany’s Next Topmodel, die Essstörungen sowie ein eindimensionales Frauenbild fördert.

Unsere Generation ist besser ausgebildet und wir haben mächtigere Waffen als je zuvor. Wir dürfen nun nur nicht aufhören laut zu sein und uns gegen Ungerechtigkeiten, Diskriminierung und Privilegien auszusprechen.

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