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Frauen und Macht: Es ist Zeit, uns zu nehmen, was uns zusteht!

Frauen und Macht passen für viele immer noch nicht zusammen. Unsere Community-Autorin fragt sich, warum es uns so schwerfällt, selbstbewusst unsere Position einzufordern und plädiert für einen Gedankenwandel.

 

Frauen sind zu nett, um mächtig zu sein 

Dürfen Frauen mächtig sein? Das ist eine Frage, die sich die Gesellschaft immer wieder zu stellen scheint. Und die Antwort scheint mit starken Vorurteilen verbunden zu sein. Mal angenommen, ich nenne dir drei Begriffe: Geld, Macht, Karriere. Stell’ dir vor, das sind Werte, die einer dir unbekannten Person besonders wichtig sind. Welche Assoziationen kommen dir spontan? Denkst du eher an eine männliche oder eine weibliche Person? Und wie sympathisch findest du diese Person?

Spielen wir das gleiche mit drei anderen Begriffen durch: Familie, Liebe, Sicherheit. Was denkst du spontan? Ist die Person in deiner Vorstellung eher weiblich oder männlich?  Und wie sympathisch findest du eine Person mit diesen Werten? 

Alle Begriffe, bzw. Werte, wie man sie im Coaching nennt, sind mit persönlichen Meinungen und Haltungen verbunden. Mit Macht assoziiert man häufig etwas völlig anderes als mit Liebe. Im Coaching wird in der Regel angenommen, dass die Person mit den ersten drei Werten – Geld, Macht, Karriere – männlich sei. An sich ist das weder richtig noch falsch. 

Darf eine Frau mächtig sein? 

Wenn du eine Frau bist: Wie glaubst du, wärst du, wenn du mächtig wärst? Darfst und willst du so sein? Welche Befürchtungen hast du dabei?

Und wenn du ein Mann bist: Wie wirkt eine mächtige Frau auf dich? Was macht die Vorstellung mit dir? 

Gute Frauen – Böse Frauen

Erinnerst Du dich an das Buch „Gute Mädchen kommen in den Himmel, böse überall. Warum brav sein uns nicht weiterbringt” von Ute Ehrhardt? Es erschien 1994 und hat damals für Aufsehen gesorgt. Ich habe es vor Monaten aus dem Bücherregal meiner Mutter gezogen. Was Ute Ehrhardt schreibt, ist in meinen Augen aktueller denn je und behandelt ein Grundthema, das auch Sheryl Sandberg in „Lean In” beschreibt: Frauen, die sich aus fadenscheinigen Gründen, häufig unbewusst und aus der Angst heraus, anzuecken, so sehr zurücknehmen, dass sie sich selbst verraten.

Was mich in „Gute Mädchen kommen in den Himmel, böse überall hin” am meisten bewegt, ist das Kapitel über Frauen und Macht. Ehrhardt schreibt, Frauen würden auf Macht verzichten, weil sie Angst davor hätten. Und sie stellt eine provokante These auf, die für mich voll ins Schwarze trifft:

„Alte Machtstrukturen bleiben bestehen, und Frauen tragen ungewollt erheblich dazu bei.”

Die Angst vor der Macht

Mit Macht sind Vorurteile verbunden. Laut Ute Ehrhardt sind es Denkfallen, die Frauen davon abhalten, ihre eigene Macht voll anzunehmen und auszuleben. „Macht macht einsam.”, „Wer mächtig ist, unterdrückt andere.”, “Macht ist böse.”, sind dabei nur einige gängige Vorurteile oder Ängste. Meine Frage an dich als Leserin: Anführen, sich in den Vordergrund stellen, bestimmen, Ansagen machen, dominant sein, kurzmächtig sein – erlaubst du dir das?

Sheryl Sandberg erzählt in „Lean in” offen, dass sie sich peinlich berührt fühlt, wenn davon die Rede ist, wie „herrschsüchtig” sie als Kind gewesen sein soll: „Wenn ein Mädchen versucht, Führung zu übernehmen, wird es häufig als herrschsüchtig bezeichnet. Jungen werden selten so genannt, da ein Junge als Chef niemanden überrascht und stört. Als jemand, der einen guten Teil seiner Kindheit als herrisch bezeichnet wurde, weiß ich: Das ist kein Kompliment. Die Geschichten über mein herrschsüchtiges Auftreten als Kind werden wieder und wieder erzählt. (…) Selbst als wir schon in unseren Dreißigern waren, konnten mich meine Geschwister am einfachsten ärgern, indem sie mich an dieses Verhalten erinnerten.”

Ein Verhalten, das ich auch aus dem Coaching kenne. Eine Klientin äußerte neulich, dass jemand sie vor Jahren als herrschsüchtig bezeichnet hätte. Seitdem befürchtet sie, sie könne wieder so rüberkommen. Sie kontrolliert diesen Teil in sich. Von Außen betrachtet, sitzt ganz klar eine Führungspersönlichkeit vor mir. Sie sieht das aber anders. Und da sieht man sie: die Angst mit dem eigenen Verhalten anzuecken.

Wann ändern wir unsere Einstellung zu Macht? 

Bei so vielen Empowerment-Programmen, die es für Frauen gibt, könnte man meinen, dass der negative Blick auf Frauen und Macht mittlerweile überholt wäre. Ist er aber nicht. Ich glaube, dass viele Frauen weiterhin Macht als solche ablehnen, um sich selbst davor zu schützen, als dominant und herrschsüchtig bezeichnet zu werden. 

Anpacken, sagen, wo’s langgeht, beides wird auch heute noch eher Männern als Frauen zugesprochen. Dabei brauchen wir genau das und da kann uns auch keine Frauenquote helfen. Die Macht müssen wir uns schon selbst erlauben. Wer sich mit der eigenen Macht beschäftigt, kann sich zuerst fragen, welcher Begriff für einen selbst gut funktioniert: „Führung übernehmen”, „eine Führungsposition besetzen”, „etwas bewirken können”, „Einfluss nehmen”, „bestimmen”… Was funktioniert für dich?

Mut zur Macht 

Angenommen, du stärkst dein natürliches Führungstalent: Wofür würdest du es nutzen? Was wäre möglich, das jetzt vielleicht noch unmöglich erscheint? Wer in deinem Umfeld führt auf eine Art, die dich inspiriert? Was schaust du dir davon ab? Wer bestimmen will, wer mächtig sein und andere führen will, läuft Gefahr, dass nicht alle einen mögen, dass man aneckt, sich Schrammen holt und womöglich als herrschsüchtig bezeichnet wird, ja. Aber das ist okay. 

Frag‘ dich ehrlich, an welchen Ecken und Enden in deinem Leben du deine eigene Macht unter den Scheffel stellst. Wo würdest du dich viel mehr zeigen, wenn du keine Angst hättest? Was würdest du tun, wenn du eine sympathische, einflussreiche und mächtige Frau wärst? Facebook leiten oder dein eigenes Unternehmen aufziehen vielleicht?

Ich kenne die Scham, die mit dem Begriff Macht verbunden ist, aus eigener Erfahrung. Es ist 20 Jahre her und es brauchte eine zufällige Begegnung mit einer tollen Frau, die vor mir saß und strahlend verkündete: „Ich liebe es, Chefin zu sein.” Da war sie, die Erlaubnis, dass ich sehr wohl anpacken und Führungsverantwortung übernehmen gehen darf. Wir Frauen sollten uns trauen, Macht für uns zu beanspruchen – schenken wird sie uns nämlich niemand. 

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