Das Foto zeigt die Kolumnistin Anna Dushime in einem blauen Anzug. Zudem enthält das Bild den Hinweis, dass die Kolumne auch als Audioversion verfügbar ist.
Foto: Ari Christmann | Collage: EDITION F

Warum ich lange glaubte, alle anderen seien kreativer als ich

Kreativität ist mächtig – und magisch, findet unsere Kolumnistin. Im Brief an ihre Schwester beschreibt sie, warum sie sich lange nicht als kreativ wahrgenommen hat und wie sich ihr Selbstbild gewandelt hat.

Liebe Amanda,

seit ich denken kann, warst du immer die Kreativste in unserer Familie. Du konntest schon als Kind sehr gut zeichnen, malen und Gedichte schreiben; später kam noch rappen und komponieren dazu. Ein Bild (Pun intended), das mir immer im Kopf bleibt, ist, wie in deinem Zimmer früher immer coole Zeichnungen von dir hingen. Als ich 13 war, hing in meinem Zimmer ein Cannabis-Poster, das ich zur Konfirmation geschenkt bekommen habe, weil ich cool sein wollte – das erste Mal richtig gekifft habe ich mit Ende 20.

Wirklich kreativ fand ich mich nie. Schließlich habe ich irgendwann sogar Marketing studiert, was – wie wir alle wissen – an Einfallslosigkeit nur durch BWL überboten wird. Meine Lieblingsfarbe ist schwarz, und wenn es nicht schon vor zehn Jahren als absolut peinlich gebrandmarkt worden wäre, würde ich auch sagen, dass ich meist Chartmusik höre. Kreativ sind die anderen, ich nicht. Ich bin oft, um ehrlich zu sein, ziemlich basic. Kann man basic sein und trotzdem kreativ?

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Ich habe schon immer mit der Definition von Kreativität gehadert. Was bedeutet Kreativität? Kannst du dich noch an diesen Kunstlehrer an unserer Schule erinnern? Herr S., der aussah wie ein weißer Jesus? Bei ihm habe ich mal eine Vier oder Fünf bekommen und spätestens da war ich mir sicher, dass ich nicht kreativ bin. Kreativität = Leistung im Kunstunterricht. Ich habe Kreativität auch immer mit Basteln verwechselt. Und du, die meine Window-Color-„Kunstwerke“, meine selbstgebastelten Kerzen und Taschen gesehen hast, kannst bezeugen, dass sie – sagen wir mal – sehr eigenwillig waren. Ja, okay, sie waren hässlich. Deine Bilder hingegen waren immer so schön, besonders und naja, halt kreativ.

„Ich habe Kreativität immer mit Basteln verwechselt.“

Das ist doch kein Skill

Selbst in Bewerbungsgesprächen, wo man es mit der Wahrheit üblicherweise nicht so genau nimmt, habe ich mich noch nie als kreativ bezeichnet. In meinem ersten richtigen Job, beim Tech-Start-up ResearchGate, habe ich anfangs Sales und Marketing gemacht und irgendwann auch Datenanalyse. Ich war nicht besonders gut in Letzterem, aber die Zahlen haben mich fasziniert. Ich wollte  die Zusammenhänge verstehen und mich vor meinen Kollegen beweisen. Als junge Frau in dieser männerdominierten Branche und speziell in der Analytics-Abteilung, in der ich arbeitete, wollte ich mich unbedingt durchsetzen und lehnte alles, was ich für Soft Skills hielt, häufig ab.

Was sollen Soft Skills überhaupt sein? Für mich waren sie nicht wirklich greifbar, Trostpreise, keine wirklichen Kompetenzen und vor allem etwas, was eher Frauen zugeschrieben wird. „Sie kann ganz gut mit Menschen“ ist doch kein Skill, dachte ich oft verächtlich (glaub mir, Amanda, ich weiß es inzwischen besser.) Nachdem ich Kreativität als Teenie erstmals abgeschrieben hatte, kam zur Frustration ob meiner mangelnden Kreativität noch eine ablehnende Haltung dazu. Kreativität ist eh ein Soft Skill, ich brauch keine Soft Skills, so meine etwas trotzige Einstellung.

„,Sie kann ganz gut mit Menschen‘ ist doch kein Skill, dachte ich oft verächtlich (ich weiß es inzwischen besser).“

Kreativität ist Macht

Dann begann ich bei BuzzFeed zu arbeiten und musste mir ständig unterhaltsame Posts ausdenken. Da habe ich zum erstem Mal darüber nachgedacht, ob meine Arbeit nicht vielleicht doch ein kleines bisschen kreativ sei. Trotzdem zöger(t)e ich, mich selbst als kreativ zu bezeichnen, weil ich einen Riesenrespekt vor Kreativität habe.

Kreativität bedeutet für mich auf eine Art auch Macht. Kreative Menschen lassen ihren Gedanken freien Lauf, bis sie etwas finden, betrachten, daran festhalten, darüber nachdenken und dann mit etwas anderem verknüpfen. Aus dieser Verbindung entsteht ein kreatives Produkt, das dann den gleichen Vorgang bei anderen auslöst. Das ist doch Macht und irgendwie auch magisch – oder zumindest beeindruckend. Um eines meiner Lieblingsmemes zu zitieren: THE POWER THAT THAT HAS. 

Ich war sehr glücklich, die kreativen Ergüsse anderer aufzusaugen, zu konsumieren und mich davon beeinflussen zu lassen, aber ich habe immer geglaubt, dass ein schöner Song, ein cooles Bild, ein genialer Artikel, eine rührendes Gedicht, eine schöne Blume nur das bleiben und keinen kreativen Prozess bei mir auslösen. Ich konnte es nie nachvollziehen, wenn Menschen sagten, dass sie von etwas inspiriert seien.

Was ich brauche, um kreativ zu sein

Irgendwann merkte ich aber, dass ich an manchen Tagen mehr (und bessere) Posts schreiben konnte. Ich versuchte herauszufinden, was an diesen Tagen anders war. Gut, ich war an meinen Performer-Tagen nicht brutal verkatert und hatte in produktiven Phasen meist gute Laune. Aber ich wusste, dass es das alleine nicht sein konnte. I know clever kombiniert, Sherlock. Du ahnst es vielleicht, an den Tagen wurde ich von etwas inspiriert und dare I say: war sogar kreativ.

Nach BuzzFeed wechselte ich zu einer kleinen Werbeagentur. Der damalige CEO hatte mich abgeworben und mir einen Job als Creative Director angeboten. Auch da hielt ich mich nicht für kreativ. Und obwohl ich bei der Werbeagentur irgendwann die kreative Abteilung leitete und „kreativ“ buchstäblich in meinen Job-Bezeichnungen steckte, bezeichnete ich mich selbst immer noch nicht als kreativ. Kreativ sind die anderen, ich bin basic und hab manchmal gute Ideen, die ich in Geschichten verwandeln kann. Ich weiß nicht, wann der Moment kam, an dem ich Kreativität für mich geclaimed habe. Es gab – glaube ich jedenfalls – keinen speziellen Moment, es war ein schleichender Prozess.

„Ich entdecke immer noch Seiten an meiner Kreativität, zum Beispiel was ich brauche, um kreativ zu sein (schnelles Internet und meine Ruhe) und was meiner Kreativität gar nicht gut tut (sehr langsames Internet und stressige Menschen).

Heute würde ich mich als kreativ bezeichnen und bin froh darüber. Ich wünschte, ich könnte genau sagen, seit wann es so ist, es an einer bestimmten Situation festmachen, an Feedback oder Lob, das ich von jemandem bekam. Die Wahrheit ist, dass ich einfach irgendwann aufgehört habe, mich ständig zu fragen, ob ich nun kreativ sei oder nicht.

Ich entdecke immer noch Seiten an meiner Kreativität, zum Beispiel was ich brauche, um kreativ zu sein (schnelles Internet und meine Ruhe) und was meiner Kreativität gar nicht gut tut (sehr langsames Internet und stressige Menschen). Aber vor allem genieße ich es, manchmal irgendwo zu liegen, nachzudenken, live meinen Gedanken zu folgen und dabei zu sein, wenn etwas Schönes entsteht. Nur für mich.

Kreativität – Das Glück der perfekten Idee und wie wir immer wieder neu um Ecken denken können.

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Anna Dushime ist in Ruanda geboren und lebt heute in Berlin. Sie ist Redaktionsleiterin für die Funk-Formate „Browser Ballett“ und „Aurel Original“ bei der Berliner Produktionsfirma Steinberger Silberstein. Als leidenschaftliche Podcasterin (u.a. „hart unfair“, „1000 erste Dates“, „Notaufnahme“) beschäftigt sie sich mit den Themen Politik, Popkultur, Dating und Diversität. Ihre Kolumne „Bei aller Liebe” erscheint alle zwei Wochen in der taz – und seit Juli 2021 ist Anna auch Kolumnistin für EDITION F PLUS und schreibt dort monatlich einen Brief.

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