Foto: Sebastian Geis

Was würden wir tragen, wenn wir uns nur für uns selbst anziehen würden?

Unsere Kolumnistin stört die Behauptung, alle unsere Entscheidungen, auch in Bezug auf Mode, seien abhängig vom Außen. Sie findet: Wenn das wirklich so wäre, würden wir heute weder Miniröcke tragen noch oben ohne an Badeseen herumliegen.

Ziehen wir bestimmte Kleidungsstücke nur für uns selbst oder in erster Linie für andere an? Diese Leser*innen-Frage aus der Community stellt ein aktuelles Dilemma ganz wunderbar dar: Nämlich diese megamoderne Vorstellung Linker, wir, unsere Entscheidungen, ja unser gesamtes Sein sei nichts weiter als eine Reaktion auf das Außen. Die Feuilletons sind voll mit diesen Vorstellungen: Uns selbst gibt es eigentlich gar nicht. Wir sind gefangen in einem System, das uns zu dem gemacht hat, was wir heute sind. Wir haben keine individuelle Freiheit, keinen eigenen Willen, wir sind Unterworfene und das System unser*e Unterdrücker*in. Unser Handeln ist immer nur Antwort, aber niemals Frage. Keine erste Bewegung, kein Moment des Aufbruchs.

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Mit Verwirrung und gewissem Argwohn schaue ich auf diese Vorstellung und verstehe sie nicht. Nicht als Wissenschaftlerin, nicht als Philosophin, nicht als Historikerin. Das liegt auch daran, dass ich Kantianerin bin. Seit meinem 15. Lebensjahr nämlich, seit ich die beste Entscheidung meines Lebens traf und Philosophie in der Oberstufe belegte. Wir hatten keine philosophischen Bücher zuhause, niemand in meiner Familie hatte vor mir Philosophie studiert, im Gegenteil, ich lebte mit Nicht-Akademiker*innen zusammen. Und trotzdem entschied ich mich dazu, freiwillig an diesem Kurs teilzunehmen. Ich hatte Fragen, die mir niemand in meinem Umfeld befriedigend beantworten konnte, also ging ich hoffnungsvoll in den hässlichen Klassenraum dieser schrecklichen Schule, an die ich bis heute kaum gute Erinnerungen habe.

Raus aus der Unmündigkeit

Meine Lehrerin, eine sehr große Frau mit sehr kurzen Haaren, teilte in der ersten Stunde Kants Aufsatz „Was ist Aufklärung?“ aus und ich erinnere mich sehr gut daran, wie ich die darauffolgenden Nachmittage kiffend im Park verbrachte, mit verschiedenfarbigen Textmarkern bewaffnet, und versuchte diesen Aufsatz zu verstehen. Der erste Satz lautet „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“ und der zweite lautet „Unmündigkeit ist das Unvermögen sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen“.

Zu diesem Zeitpunkt jedenfalls, 1996, hatte ich pink gefärbte Haare, trug die meiste Zeit schwarze Schlaghosen aus Elastan, genauso wie man es gerade wieder tut, und Buffalos mit ordentlich Plateauabsatz. Niemand in meiner Klasse sah so aus. Niemand in meiner Stufe sah so aus. Die meisten machten sich über meinen Style lustig. Jeden einzelnen Tag. Aber mir war das egal. Vielleicht berührte mich dieser Aufsatz damals deshalb so sehr, weil er mich in meinem Denken bestätigte. Dass es Selbstwirksamkeit gab und Gemeinschaft gleichermaßen. Dass es ein Außen gibt, das mich beeinflusst und gleichzeitig keinerlei Rolle spielen muss, weil ich immer noch eigene Entscheidungen treffen kann.

Wer bestimmt wen?

Die Frage, was wir tragen würden, wenn es da draußen niemanden geben würde, ist völlig irrelevant. Sie ist deshalb irrelevant, weil sie für unser Leben niemals eine Rolle spielen wird, denn wir leben mit anderen Menschen in einer Gemeinschaft. Die Gemeinschaft ist Teil von uns und wir sind Teil von ihr. Aber dieses Zusammenleben ist ein Kreislauf, ein Fluss, wie Heraklit es beschreiben würde. Ohne Anfang und Ende. Ohne oben und unten. Und dass dies so ist, wurde gerade im Zuge der Pandemie besonders deutlich. Aufgrund der Verschiebung ins Homeoffice begann ein rasanter Trend zu Lounge Wear. Nicht nur wollte jede*r zuhause komfortablere Kleidung tragen, sondern das Tragen der komfortablen Kleidung wurde mit einem Mal der Standard-Look. Marken mussten umdenken. Statt Blazer wurden nun Jogginghosen in Kaschmir produziert. Wer bestimmte also wen? Wer zwang wen zum Umdenken?

„Wenn man vor hundert Jahren als Frau noch keine Hosen anziehen durfte und dies heutzutage möglich ist, dann liegt das daran, dass es immer Individuen gab, die gesellschaftliche Normen hinterfragten und sich diesen aktiv entgegenstellten.“

Die Pandemie zwang Betriebe und Unternehmen dazu, neue Wege zu gehen, darauf reagierte das Individuum und forderte vom Markt, sich den neuen Bedürfnissen anzupassen. Boom! Ein Kreislauf. Kein schwarz und weiß. Keine klaren Machtverhältnisse. Wenn wir nun über Mode nachdenken und darüber, wer wann was wie tragen kann, dann müssen wir diese Fragen immer vor dem Hintergrund einer historischen Kontextualisierung stellen und beantworten. Wenn man vor hundert Jahren als Frau noch keine Hosen anziehen durfte und dies heutzutage möglich ist, dann liegt das daran, dass es immer Individuen gab, die gesellschaftliche Normen hinterfragten, sich diesen aktiv entgegenstellten und so Veränderung ermöglichten.

Ohne Macht und Möglichkeiten?

Wäre es nämlich wirklich so, wie heutzutage behauptet wird, dass wir ohne Macht und Möglichkeiten dem System unterworfen sind, dann würden wir immer noch in Höhlen leben, jagen und sammeln und arrangierte Ehen eingehen. Wir würden nicht oben ohne an einem Brandenburger See liegen, nicht Miniröcke tragen und uns nicht die Haare färben können.  

Was also würden wir tragen, wenn wir uns nur für uns selbst anziehen würden? Ganz einfach: Das, was wir wollen!

Mode – Was wir anziehen wollen.

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Mirna Funk, 1981 in Ostberlin geboren, studierte Philosophie und Geschichte an der Humboldt-Universität. Sie arbeitet als freie Journalistin und Autorin und lebt in Berlin und Tel Aviv. Für den Roman „Winternähe“wurde sie mit dem Uwe-Johnson-Förderpreis 2015 für das beste deutschsprachige Debüt ausgezeichnet. Im September 2018 produzierte der BR ihr Hörspiel „Auf einem einzigen Blatt Papier“
und im Dezember erschien ihr Kinderbuch „Wo ist Papa?“, das von der Vielfältigkeit moderner Familien erzählt.

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