Foto: Marlene Sørensen

Marlene Sørensen: „Es ist sehr leicht, Mode als etwas Banales abzutun“

Ihr Stil ist lässig, sie geht gerne mal im Seidenpyjama aus und sie liebt an Mode, dass mit ihr das Versprechen einhergeht, sich immer wieder neu erfinden zu dürfen. Ein Stil-Interview mit Autorin Marlene Sørensen.

 

„Mein Stil ist minimalistisch, entspannt und von Männern inspiriert“

Es ist sehr leicht, Mode als etwas Banales abzutun – und doch kommunizieren wir alle jeden Tag über das, was wir uns entschieden haben zu tragen, sagt Marlene Sørensen. Die Journalistin und Autorin schreibt für viele große Frauenmagazine und Zeitungen und hat mit ihrem Buch „Stilvoll: Inspiration von Frauen, die Mode lieben“ einen Bestseller gelandet, von dem es auch bald einen Nachfolger geben wird.

Wir haben uns mit ihr über ihren eigenen Stil, Mode und Identität unterhalten sowie darüber gesprochen, ob es so etwas wie eine Mode-Sünde überhaupt gibt.

Wie würdest du deinen Stil beschreiben?

Minimalistisch, entspannt, von Männern inspiriert. Was jetzt vermutlich nicht so aufregend klingt, als hätte man lange danach gesucht. Tatsächlich gibt es Teile in meiner Garderobe, die ich schon lange gerne trage: weite Männerhemden, Anzughosen, eine gute Bikerjacke, die Farbe Schwarz. Es hat nur eine Weile gedauert, bis ich in meinen Vorlieben einen Stil erkannte statt einen Anlass, ständig etwas Anderes auszuprobieren.“

Wie sah der Weg dahin aus, was hast du in deiner Teenager-Zeit besonders gerne getragen?

„Als Teenager trug ich eine Zeit lang Hennarot gefärbte Haare, einen Nasenring und gebatikte Schlaghosen. Der Weg von dort nach hier war, wie man sieht, ein langer und hat ein paar interessante Abzweigungen genommen, über Sienna-Miller-Boho-Kleider und Kate-Moss-Skinny-Jeans, Schluppenblusen und Haremshosen. Diese Experimente gingen nicht immer gut – ich wiederhole: Haremshosen! Wobei ich es mich nach wie vor inspiriert, wie sich andere Frauen anziehen. Und es Teil meines Jobs ist, Trends zu verfolgen. Ich muss bloß nicht mehr alles mitmachen.“

1. Trenchcoat von Ivy & Oak

2. Schmale Jeans von Nudie Jeans (Fair)

3. Riemchen-Pumps von Unisa

Gibt es für dich so etwas wie eine Modesünde?

„Es ist ja so: Sobald man eine Behauptung aufstellt wie ‚Crocs gehen gar nicht!’, kommt ein Designer wie Christopher Kane daher, verziert die Schlappen mit Kristallen und die Modebranche kreischt vor Entzücken. Extremes Beispiel, zeigt aber: Was Sünde ist und was nicht, ist oft Geschmackssache. Ich werde voraussichtlich dennoch niemals Crocs tragen, und ebenso an Jeggings, Kropfhalsbändern oder bauchfreien Tops schnurstracks vorbeigehen. Auch weil nichts davon gut an mir aussieht. Viel wichtiger als die Frage, ob etwas gerade angesagt ist, ist die Frage: Steht mir das? Eines finde ich allerdings tatsächlich unerlaubt: einen Anlass nicht zu respektieren. Wenn man etwa zu einem schicken Dinner eingeladen ist, sollte man schlicht nicht in der ollsten Jeans auftauchen.“

Was trägst du, wenn es morgens ganz schnell gehen muss?

„Jeans, Pullover, Turnschuhe und darüber einen wirklich guten Mantel, der alles andere hoffentlich zielstrebig gewählt aussehen lässt, statt bloß wie zufällig auf dem Boden gefunden. Die Anzahl der wirklich guten Mäntel, die ich besitze, steht übrigens in direktem Zusammenhang mit der Tatsache, dass ich seit drei Jahren Mutter bin.“

1. Hemdkleid von Someday

2. Clutch von Moss Copenhagen

3. Pantolette von Pavement

„Mode ist ein oberflächliches Thema!“ Kannst du mit der Aussage etwas anfangen?

„Dazu fällt mir direkt ein weiteres Klischee über die Mode ein, nämlich, dass sich alle Leute, die etwas damit zu haben, aufführen wie in ‚Der Teufel trägt Prada’. In der Rede, die Miranda Priestly in dem Film über den blauen Pullover hält (hier nachzusehen), steckt allerdings etwas Wahres: Es ist nicht gerade schwer, etwas Leichtes als banal abzutun. Aber jeder von uns zieht sich jeden Morgen an und trifft eine Entscheidung darüber, was er trägt und was er damit kommunizieren will. Vielleicht will er kommunizieren ‚Mode ist mir egal’. Das ist als Statement aber halt auch nicht tiefgründiger als auszudrücken ‚Mode ist mir immens wichtig’. Und jemand, der eine Kellerfalte von einer Plisseefalte unterscheiden kann, kann womöglich auch den aktuellen Stand der Brexit-Verhandlungen analysieren, eine dezidierte Meinung zum französischen Autorenfilm vertreten oder die Abseitsregel im Fußball erklären. Wobei: Abseitsregel, das ist vielleicht doch zu oberflächlich.“

Wie hängen für dich Mode und Identität zusammen?

„Die Frage würde ich gerne an mein 15-jähriges Ich weitergeben. Damals wollte ich unbedingt eine 501 von Levi’s haben, so wie die vermeintlich coolsten Mädchen in der Klasse, mein Taschengeld reichte aber nur für eine Wrangler. Das Drama! Inzwischen habe ich gelernt, dass Mode dabei helfen kann, sich zu finden und zugehörig zu fühlen, zu zeigen, wo man hingehört und tatsächlich seine Identität zu definieren. Das ist ein großes Vergnügen an Mode: Sie beinhaltet das Versprechen, sich immer wieder neu zu erfinden. Ebenso schön ist aber das Gefühl, mit Kleidung einfach die Person auszudrücken, die man ist. Heute, wo die 501 wieder entsetzlich angesagt ist und ich sie mir leisten könnte, habe ich bisher keine gekauft. Sie ist schlicht nicht die richtige Jeans für mich.“

Was würdest du in der Mode-Industrie ändern, wenn du könntest?

„Wo anfangen? Vielleicht mit dem Mangel an Vielfalt, denn es gibt so viel mehr Schönheit als die, die weiße Haut hat und Größe 34 trägt. Vielleicht mit der Vorstellung, dass bei einem T-Shirt für drei Euro nicht jemand anderer auf der Welt gewaltig draufzahlt. Vielleicht mit der vermeintlich perfekten Welt auf Instagram. Vielleicht mit mir selbst. Ich muss mich von bestimmten Mustern auch noch lösen und will gar nicht behaupten, dass etwa bei meinen Kaufentscheidungen das Wohl der Welt an erster Stelle steht. Aber gerade wenn man in der Branche arbeitet, kann man sich nicht aus der Verantwortung nehmen. Sicher kann ich noch mehr tun, aber ich habe in den letzten Jahren z.B. viel weniger, dafür von besserer Qualität und von engagierten Marken gekauft.“

Hast du ein Power-Outfit, in dem du dich immer wohl fühlst?

„Anzughose, Seidenhemd, Jackett, High Heels. Wobei sich das ‚Wohlfühlen’ bei den High Heels eher auf das erhöhte Selbstbewusstsein als auf den erhöhten Komfort bezieht.“

1. Weich fallender Trenchcoat von Vila

2. Schlichtes Oberteil von Lauren by Ralph Lauren

3. Lässig geschnittene Stoffhose von Weekday

Gibt es ein Teil in deinem Kleiderschrank, das dir sofort gute Laune macht?

„Ein Seidenpyjama, den ich aber nicht zu Bett trage, sondern zum Ausgehen. Eine Freundin hat dazu mal gesagt: ‚Du siehst aus wie eine exzentrische englische Landadelige’. Wie soll man da nicht sofort gute Laune bekommen?“

Hast du ein Signature-Teil das du immer trägst oder auch eines, das dich schon sehr lange begleitet?

„Signature? Auf jeden Fall nötig: meine Brille.“

Wenn du früher im Kleiderschrank deiner Mutter gestöbert hast, welches Teil hat dich da warum besonders angezogen?

„Seit ich mich erinnern kann, hat meine Mama viel von ihrer Garderobe selbst gemacht. Dieses Talent habe ich leider nicht von ihr geerbt und vielleicht mochte ich die Teile gerade deshalb schon immer so gern. Eine weiße Bluse aus Leinen mit gehäkelter Schulterpartie habe ich ihr als Teenager gemopst und seitdem fast jeden Sommer so oft getragen, dass sie nun fast kaputt geliebt ist.“

Hast du ein Stil-Vorbild?

„Phoebe Philo. Nicht mal so sehr, weil ich beinahe alles, was sie trägt (und entwirft) auf der Stelle anziehen würde, sondern vor allem, weil die Ausstrahlung von jemandem hat, der komplett bei sich ist.“

Marlene Sørensen: Stilvoll – Inspiration von Frauen, die Mode lieben, Callwey Verlag.

Alle Artikelbilder: Marlene Sørensen | Spruced

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