Foto: Julie Aagaard | Pexels

Selfie, Selfie an der Wand – wer ist die Schönste im Social-Media-Land?

Schönheits-OPs, Schminktutorials und Social-Media-Filter – auch im Jahr 2019 wird der Wert einer Frau noch immer an ihrem Aussehen bemessen. Das hat nicht nur großen Einfluss auf unseren Selbstwert, sondern auch auf unseren Sex. Eine neue Kolumne von Theresa Lachner. 

Ist das wirklich Empowerment?

Vielleicht liegt’s an mir. Ganz bestimmt sogar – ich arbeite lange genug in der Medienbranche, um mit geübtem Blick in Sekundenbruchteilen ein Urteil zu fällen, und als ich an diesem Tag wie fast immer als Letzte in den Flieger steige, registriert der: Filler, Hyaluron, Botox, wirklich viel Filler. Viermal „was gemacht“ bis ich auf meinem Platz angekommen bin – der ist wohlgemerkt in Reihe fünf und ich hab nur in die Gesichter geschaut.

Sofort schimpft mich meine innere intersektionale Feministin, dass ich auf so etwas überhaupt achte, dass ich doch gar nichts über diese Frau weiß, deren umgestülpte Lippen ihre komplette untere Gesichtshälfte einnehmen. Für sie bedeutet vielleicht genau das Empowerment: Mit ihrem Körper zu machen, was sie will, und wenn’s Gift spritzen ist – von dem man noch gar nicht genau weiß, wie der Körper das wieder abbauen kann – was ja auch einfach nicht mein Bier ist. Und doch fällt es mir einen Moment lang schwer, Luft zu holen.

Das Spiel mit dem Aussehen kann man als Frau eigentlich nur verlieren

Ich weiß nicht, ob es nur mir wie ein Schlag ins Gesicht vorkommt, wenn wieder irgendein Medium vorschlägt, dass „wir Mädels“ uns in Bezug auf unser Äußeres doch bitteschön „echt mal locker“ machen sollen – hey, just embrace! Toller Tip, ehrlich, wären wir da doch mal früher drauf gekommen. Ich habe gerade ein ganzes Buch geschrieben über dieses oft ziemlich ambivalente Aushalten-mit-sich-selbst in einer Welt, die das Gegenteil von uns will. Ein Memoir über meine Zwanziger, ich nenne es auch „das sehr ehrliche Selfie“ und bekomme jeden Tag Dankes-Emails von Frauen, denen ich damit aus der Seele spreche.

Gleichzeitig weiß ich: Dieses Spiel mit dem Aussehen ist eins, das man als Frau – und zwar egal ob man es thematisiert oder komplett ignoriert – eigentlich nur verlieren kann. Bei einer Präsentation sagt eine Buchhändlerin zu mir: „Na zum Glück siehst du gut aus, das hilft natürlich auch immer sehr beim Verkauf.“ Was ich in diesem Moment höre: „Sprich, wenn es kein Bestseller wird, war ich wohl einfach doch zu hässlich.“ Bei einem anderen Event wundert sich der Moderator erst mal ausgiebig: „Na aber so dick sind Sie doch gar nicht! Sie haben doch Wohlfühlgewicht!“ Ich frage mich, ob Houellebecq sich sowas auch schon mal angehört hat.

Auch 2019 wird mein Wert an meiner Fuckability bemessen

Ich kann all diese Dinge in Interviews thematisieren und ein Bild meines sehr durchschnittsdeutschen Größe-42-Körpers dazu veröffentlichen, weil yes, #representationmatters, und dabei das aussprechen, was sehr viele Frauen denken. Ich kann aber ebenso wie das Amen in der Kirche vorhersagen, dass darunter dann irgendein anonymer Eberhard „Reiß dich gefälligst zusammen und streng dich mehr an mit dem Abnehmen, anstatt hier so ein ungesundes Ideal zu propagieren“ kommentieren wird und mir irgendein Manfred per Mail so ein gönnerhaftes „Na ich würd mich schon dazu herablassen dich zu ficken“ hinterher schickt – gern auch noch gepaart mit diesem auf sehr vielen Ebenen äußerst gruseligen „echte Männer mögen Kurven, nur Hunde spielen mit Knochen“-Spruch. Weil sich mein Wert als Frau auch 2019 noch daran bemessen soll, dass irgendein alter Mann lieber mit mir Sex haben möchte, als mit einer anderen Frau, die einen anderen Körper hat als ich.

In einer Welt, in der es nach wie vor genau zwei Berufe gibt, in denen Frauen im Schnitt besser verdienen als Männer – als High Class Escort und als Model – ist es nahezu unmöglich, dem eigenen Aussehen keine Bedeutung zuzumessen und gleichzeitig dafür immer und immer wieder um Anerkennung zu ringen. Spätkapitalismus, neoliberale Selbstverantwortungslogik und Social Media stellen die Regeln dafür auf, was es bedeutet gesehen und gehört zu werden, wer wichtig ist, und dafür wie bezahlt wird. Noch nie waren die Parameter dafür anhand von Likes, Matches und Followings transparenter durchschaubar als heute. Wer sich ein bisschen mit der Materie befasst, versteht, warum dünne Frauen im Internet mit einer Flasche Weichspüler kuscheln.

124 Likes für ein Selfie – das ist der Schnitt, bei dem das eigene Ego statistisch gesehen befriedigend gepusht wird. Ebenfalls Statistik: Die meisten erreichen gerade mal ein Fünftel davon. Auch das hat mal jemand wissenschaftlich eruiert: Ziemlich viele Bilder mit dem Hashtag #nofilter sind eben, yes, sehr wohl gefiltert. Und die Suche nach „no make up“ ergibt erst mal sehr viele Schminktutorials, mit denen man nach viel aufwendigem Strobing, Baking und Contouring schließlich aussehen so soll wie ungeschminkt. Nur geiler halt, sowieso klar.

Bis uns die eigenen Eltern nicht mehr wiedererkennen

Wir alle kennen unsere Schokoladenseiten – Frauen machen von oben Fotos, um zarter zu wirken und Männer von unten, weil klar, harter starker Typ. Ein bisschen Facetune sorgt im Zweifelsfall für noch mehr Flammen-Emoji-Kommentare – bis eine Version unserer selbst beklatscht wird, die unsere eigenen Eltern nicht mehr wiedererkennen würden, und wir beim Blick in den Spiegel einen Schreck bekommen. Sich mit der künstlich erzeugten Perfektion anderer Menschen zu vergleichen ist ja das Eine – aber an der eigenen Diskrepanz zwischen Wahrnehmung und Realität zu scheitern, hat inzwischen sogar einen Namen: Selfie-Dysmorphie.

Doch dafür gibt es zum Glück Facebookwerbung: Einmal mit Schwung durch den Feed gescrollt, werden mir neben Billoklamotten aus Polyester auch pseudohedonistische Transfettorgien-Kochvideos (Was zur Hölle ist bitte ein Taco Mac’n Cheese Garlic Bread Pie?) und die entsprechenden Abnehmprogramme, mindestens zwei Coachingangebote, mit denen ich mich endlich „genug“ fühlen soll (gern geleitet von einer Frau, die ihr eigenes Gesicht nicht mehr richtig bewegen kann), sowie ein Yogaretreat und schließlich auch eine Schönheitsoperation als Lösungsvorschläge suggeriert.

Lippenfiller, voll easy in der Mittagspause, 290 Euro, ein Klick zum Terminkalender der Praxis bei mir um die Ecke. Aber Hauptsache, niemand darf auf seiner Website über Schwangerschaftsabbrüche informieren.

Was niedriger Selbstwert mit Sex zu tun hat

Was das mit Sex zu tun hat? Irgendwie leider alles. Es gibt nämlich nicht nur Studien über den Zusammenhang von hoher Social-Media-Nutzung und niedrigem Selbstwert, sondern auch über Körpermodifikationen, Onlinedating und „riskantem Sexualverhalten“. Um es ganz banal runterzubrechen: wer sich mies fühlt, sucht mehr nach Bestätigung von außen und tut dann auch eher Dinge, die er*sie vielleicht eigentlich gar nicht unbedingt möchte und verhütet dabei auch seltener.

Und deswegen verstehe ich die Ladys in Reihe eins bis vier. Diesen Wunsch nach Stromlinienförmigkeit, um solchem Schwachsinn so wenig Angriffsfläche wie möglich entgegenzusetzen, ihm mit Alienbabygesichtern die Stirn bieten. Vermutlich wird es wirklich nicht mehr lange dauern, bis dieses „was machen lassen“ zur gefühlten moralischen Verpflichtung wird und nicht-modifizierte Körper so „ungepflegt“ wirken wie heute ein nicht rechtzeitig nachgefärbter Haaransatz.

Aber es macht mir Angst. Angst, dass wir alle irgendwann ziemlich gleich aussehen, und dann eben trotzdem beim Blick in den Spiegel erschrecken.

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