Foto: Kay Blaschke

„Jeder findet es befremdlich, wenn sich ein Mann lüstern in Kartoffelchips räkelt“

Anke Domscheit-Berg zeigt in ihrem neuen Buch, wie TV, Kino, Werbung und Computerspiele immer noch absurde Geschlechterklischees zementieren.

Überall stereotype Schubladen

Frauen werden seltener Chefs, verdienen weniger als Männer und tragen die Hauptlast unbezahlter Arbeit in Haushalt und Familie: Das ist das Resultat einer Gesellschaft, die Männer und Frauen in stereotype Schubladen steckt. Ob Spielzeug, Werbung oder Medien – überall werden Frauen sexualisiert, als schwach und weniger kompetent dargestellt. „Ein bisschen gleich ist nicht genug! Warum wir von Geschlechtergerechtigkeit noch weit entfernt sind. Ein Weckruf“ lautet der etwas umständliche Titel von Anke Domscheit-Bergs gerade erschienenem Buch. Der Titel mag ein wenig pessimistisch klingen, doch im Buch geht es nicht nur darum, was heute noch alles schief läuft beim Thema Geschlechtergerechtigkeit, sondern es zeigt konstruktiv und voller Energie, wie Frauen und Männer sich für mehr Gleichberechtigung einsetzen und von ihr profitieren können. Anke Domscheit-Berg hat eine ziemlich bewegte Karriere hinter sich, sie war Lobbyistin für Microsoft und Politikerin der Piratenpartei. Neben ihrem Engagement für Frauen ist sie eine Frontfrau der digitalen Szene und setzt sich für Open Government ein. Wir veröffentlichen einen Auszug aus ihrem neuen Buch:

Perfektes Paar: Medien und Sexismus

SEXism sells

Nirgendwo können wir der Werbung entfliehen, zahllose Werbeeindrücke wirken jeden Tag auf uns – von Plakaten, aus Zeitschriften, Fernseh- oder Radiowerbung, als Wurfsendungen im Briefkasten, in Schaufenstern, auf Verpackungen, Bussen und Autos sowie online – einfach überall. So sind selbst Kinder in Deutschland jährlich der Wirkung von 20.000 bis 40.000 Werbespots ausgesetzt. Und Werbung hat selbstverständlich eine Wirkung, sonst würden Unternehmen überall auf der Welt nicht Milliarden dafür investieren, etwa 25 Milliarden Euro allein in Deutschland. Die Autor*innen des Buches „Die Rosa-Hellblau-Falle“, Almut Schnerring und Sascha Verlan, bringen es in ihrem sehr empfehlenswerten Werk treffend auf den Punkt: „Den größten Einfluss auf unseren vermeintlich persönlichen Geschmack hat die Werbung. Sie schafft willkürlich Kategorien, innerhalb derer möglichst alle gleich sind, das Gleiche mögen, das Gleiche wollen.“

Hersteller von Kinderkleidung oder Spielzeug haben wohl gegrübelt, wie sie ihre Umsätze trotz schrumpfender Geburtenraten weiter steigern können. Ihre Strategie: die Zielgruppen nach Geschlecht aufzuspalten und in der Werbung den altbekannten Stereotypen gemäß zu adressieren. Angeblich werden nur angeborene Unterschiede angesprochen. Alles klar, weibliche Babys haben selbstverständlich einen ganz natürlichen Hang zu rosafarbenen und männliche Babys zu hellblauen Stramplern und Lätzchen – was für ein himmelschreiender Unfug! Selbst ob sich Fernsehwerbespots an Jungen oder Mädchen als Zielgruppe richten, kann man eindeutig an der Farbe unterscheiden: Rot und Blau dominieren in den Spots für die Jungen, die Bonbonfarben Pink, Rosa und Hellgrün bei den Mädchen. Im Mädchenspot dudelt dazu softe Kindermusik oder bestenfalls Pop, bei den Jungs gibt’s die härtere Gangart: Rock, Metal oder Filmmusik. Jungenspots spielen überwiegend draußen, Mädchenspots in der häuslichen Umgebung. Geht es noch ein bisschen stereotyper?

So lernen Mädchen und Jungen früh, welche Spiele, Kleidung oder welches Verhalten ihrem Geschlecht angemessen ist: So ist ein richtiger Junge! So ein richtiges Mädchen! Und weil Kinder die an sie gestellten Erwartungen erfüllen möchten, entsprechen sie dem Werbedruck und wünschen sich genau das, was die Industrie ihnen gern verkaufen möchte: Prinzesschen und Pferdchen für das Mädchen, Monster und Technikbaukästen für den Jungen. Aber was passiert, wenn Kinder diesen Erwartungen nicht entsprechen wollen? Immer wieder gibt es Mädchen, die sich mit Briefen bei Unternehmen wie Lego darüber beschweren, dass das für sie vorgesehene Spielzeug langweilig ist, dass es bei Lego kaum weibliche Minifiguren gibt, die spannende Dinge tun. Immerhin haben Mädchen noch gewisse Spielräume, wenn sie ihre Rosa-Nische verlassen möchten. Sie können normale Überraschungseier kaufen und Lego für Jungs. Wenn sie Schuhe für Jungs tragen, wird das vermutlich keiner merken, weil es einfach funktionale Schuhe sind. Wenige Mädchen werden von Jungenbildern auf einer Verpackung abgeschreckt, denn sie sind es gewöhnt, dass Jungen auf allem möglichen drauf sind, was nicht ausschließlich für Mädchen ist.

Umgekehrt haben Jungen diese Freiheit praktisch nicht. Ist ein Spielzeug oder Kleidungsstück als „Mädchenvariante“ gestaltet und ein Junge möchte es benutzen oder tragen, so muss er leider damit rechnen, gehänselt zu werden. Selbst die eigenen Eltern sind verunsichert, manche haben sogar Angst, ihr Sohn wird schwul, wenn er „Mädchensachen“ verwendet. Im Kindergarten und in der Schule wird es oft Bemerkungen geben. Aber warum ist das so?

Dahinter steckt die tief verwurzelte Vorstellung von einer Hierarchie der Geschlechter. So wurde den Autor*innen von „Die Rosa-Hellblau-Falle“ von einer Vertreterin von Kosmos erklärt, dass deren „Produkte, Spiele oder Experimentierkästen, die sich an Mädchen und Jungen richten, niemals nur mit einem Mädchen auf dem Cover beworben werden. Mädchen akzeptierten auch ein Produkt, auf dem ein Junge abgebildet ist, bei Jungen dagegen stoße das auf Ablehnung, sie seien nur interessiert, wenn auch oder ausschließlich Jungen abgebildet seien.“

Für ein Mädchen gilt es als Aufwertung, wenn es sich mit „Jungsdingen“ assoziiert. Ein Mädchen ist cool, wenn es auf Bäume klettert, den Todesstern aus Lego baut oder einen Roboter programmiert. Ein Junge ist dagegen total uncool, wenn er sich mit „Mädchendingen“ umgibt, weil das als Abwertung verstanden wird. Es scheint eine Erniedrigung des Jungen, mit Mädchenspielzeug zu spielen, Mädchenkleidung zu tragen oder als Erwachsener in einem typischen Frauenberuf zu arbeiten. Deshalb sind Jungen viel häufiger als Mädchen Ziel von Angriffen, Herabsetzungen und Spott, wenn sie rollen stereotype Verhaltensmuster verlassen, und deshalb hüten sich so viele Jungen davor. Ein männlicher Teenager erzählte mir begeistert von seinem Schülerpraktikum in einem Kindergarten. Die Kinder hätten ihn geliebt, und ihm hätte es großen Spaß gemacht. Nein, wehrte er meine Frage ab, niemals im Leben würde er darüber nachdenken, daraus einen Beruf zu machen. Jungs machen so was nicht, die würden dafür ausgelacht, auch wenn er, sagt er, das bestimmt super gut könnte. Von freier Wahl und freien Entscheidungen kann man da nicht mehr wirklich reden.

Zum Glück lassen sich nicht alle Jungen und Mädchen von klischeehaften Rollenbildern in ihrer freien Persönlichkeitsentfaltung einschränken. Aber auf die Mehrheit wirkt die Werbung genau so, wie sie es soll: Sie zwingt uns in Schubladen, die ein standardisiertes Verhalten vorschreiben. Sie vermittelt uns, worauf es bei einer Frau wirklich ankommt. Nicht schlau muss sie sein, nicht erfolgreich im Beruf, nicht selbstbewusst. Mädchen lernen früh, was heute vermeintlich eine Frau ausmacht: Sie soll sexy und attraktiv sein, um Männern zu gefallen. Unrealistisch dünne und makellose Models in spärlicher (oder fehlender) Bekleidung, oft in aufreizenden Posen, helfen der Wirtschaft, alles zu verkaufen, von Bier über Autos bis zu Baudienstleistungen oder Deos. Die Frau dient als sexy Deko. Meist ist sie nicht einmal als ganzer Mensch abgebildet, es fehlen häufig gerade die Körperteile, die sie als Persönlichkeit erkennbar machen: der Kopf und ihr Gesicht. Was letztendlich dahintersteckt: Es geht nicht um die Frau als Individuum, sondern allein um äußere Merkmale. Sie wird objektifiziert, sie wird zu einem Gegenstand, der einen anderen Gegenstand aufwerten soll.

Auf YouTube kann man sich nachgestellte Werbefilmchen ansehen, in denen Männer die Rollen von Frauen in den echten Werbespots spielen. Das Ergebnis ist absurd. Jeder findet es befremdlich, wenn sich ein Mann auf einem Bett lüstern in Kartoffelchips räkelt und dann aufreizend in einen Chip hineinbeißt. Den echten Spot mit einer Frau fand die Mehrheit der Betrachter wohl völlig normal. Normal bedeutet hier der Norm entsprechend, die die Werbung erzeugt, indem sie Rollenklischees unablässig wiederholt. Aber solche Normen machen krank. Essstörungen sind ein wachsendes Problem gerade bei jungen Mädchen und Frauen. Sie sind die tödlichste psychische Erkrankung. Noch nie waren so viele Mädchen mit ihrem Körper und ihrem Aussehen unzufrieden. Schon viele Grundschulmädchen machen Diäten. Teenager denken über Schönheitsoperationen nach. Sie vergleichen ihr Spiegelbild mit einem Photoshop-Ideal, das in vielen Fällen nicht einmal lebensfähig, ganz bestimmt aber nicht gesund wäre. Werbung vergiftet das Körpergefühl und das Selbstverständnis von Mädchen und Frauen. Eine gigantische Industrie vermarktet ihre Produkte mit der Strategie, Millionen Frauen zu verklickern, wie defizitär sie sind und wie der Erwerb von irgendetwas dieses vermeintliche äußerliche Defizit verringern könnte. Was für ein perfides System!

Um das Grundrauschen konkurrierender Werbung zu durchdringen, werden Werbedarstellungen immer expliziter, immer drastischer, bis hin zu Darstellungen sexualisierter Gewalt. Der Werberat unternimmt dagegen fast nichts. Von dem mit großer Mehrheit männlich besetzten Gremium gibt es bei Beschwerden gern den Rat, das Ganze doch mal von der ironischen Seite zu sehen. Tatsächlich jedoch birgt diese Art objektifizierender, hypersexualisierter und Frauen abwertender Werbung auch eine große Gefahr. Denn die Abwertung und Entmenschlichung einer Bevölkerungsgruppe führt dazu, dass direkte Diskriminierung und physische Gewalt gegen diese tolerierbarer werden. Mechanismen, die man vom Rassismus kennt, lassen sich auch auf Sexismus übertragen. So wie Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe Opfervon Gewalt werden, sind auch Frauen allein aufgrund ihrer Geschlechtszugehörigkeit Gewalt ausgesetzt (…).

Ein objektifiziertes Frauenbild, das sich an den äußerlichen Merkmalen Schönheit und Jugend definiert, hat weitere unangenehme Folgen. Es wertet Frauen, die mit diesen Merkmalen nicht dienen können, ab. Männer reifen, Frauen verwelken, heißt es etwa. Verwelkte Blumen wirft man auf den Kompost. Ältere Frauen werden dagegen unsichtbar, am Arbeitsmarkt weniger akzeptiert. Selbst für Schauspielerinnen und Fernsehmoderatorinnen gibt es Altersschallmauern. Die Chefredakteurin der Frankfurter Rundschau, Bascha Mika, hat dieses Phänomen unlängst umfassend in einem Buch beschrieben. Werbung ist nicht harmlos. Mehr denn je erzeugt Werbung eine Kultur der extremen Geschlechterdifferenzierung und Abwertung von Frauen, sie basiert zugleich auf einem negativen Männerbild und schreibt es fort. Sie prägt so Stereotype und behindert direkt eine gesellschaftliche Entwicklung zu mehr Geschlechtergerechtigkeit– wenn sie nicht in den meisten Fällen sogar zu einer Verschlechterung beiträgt.

Geschlecht macht Nachricht

Immer noch sind Frauen in der meinungsbildenden Berichterstattung – sei es als Berichtende oder als Objekt der Berichterstattung – eklatant unterrepräsentiert. Männer machen News, jedenfalls mehrheitlich und insbesondere in den „harten“ Themen wie Wirtschaft und Politik. Es geht dabei um nichts weniger als die Interpretationshoheit in einer Wissensgesellschaft. Seit 2012 fordern 350 Journalist*innen mit ihrem Aufruf „Pro Quote“, dass bis 2017 mindestens 30 Prozent aller journalistischen Führungspositionen mit Frauen besetzt sind, von der Ressortleitung bis zur Chefredaktion. Länger schon ist die Mehrheit der Absolvent*innen von Journalistenschulen weiblich. Aber ihre Arbeit beurteilen männliche Chefs, und dabei geht es natürlich „immer nur nach Kompetenz“ – was dann im Umkehrschluss offensichtlich heißen soll, dass Journalist*innen schlechter arbeiten als männliche Kollegen. Aber allein mit Kompetenz kann es nicht zu tun haben, dass nur zwei Prozent der Chefredakteure in Deutschland weiblich sind.

Pro Quote nahm deshalb die Frauenanteile in den vier höchsten Führungsebenen von 16 wichtigen deutschen Redaktionen unter die Lupe. Nur Die Tageszeitung aus Berlin kam auf eine paritätische Besetzung. Die Hälfte aller untersuchten Medien hatte einen Frauenanteil in den Führungspositionen von unter 20 Prozent, renommierte Blätter wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung und die Süddeutsche Zeitung kamen nicht einmal auf zehn Prozent. Aber neben der Frage, wer die News schreibt, ist zu fragen, über wen geschrieben wird und wie. Hier sind die Befunde ähnlich ernüchternd: Weltweit, in Medien aus über hundert Ländern, machen Frauen nicht einmal ein Viertel der Personen aus, über die berichtet wird. Es ist nicht erklärbar, warum 86 Prozent aller in Leitmedien befragten Expert*innen in Deutschland Männer sind, als gäbe es keine Frauen, die kompetent sind. Aber dafür dürfen wir als Opfer in Erscheinung treten, da machen wir nicht nur mickrige 14, sondern fast 60 Prozent aus, obwohl nicht nur die Täter*innen in Deutschland mehrheitlich männlich sind, sondern auch ihre Opfer, aber das passt nicht so gut ins Bild.

Die Art und Weise, wie Frauen in Medien vorkommen, wirkt unterbewusst auf uns alle und zementiert veraltete Rollenbilder. Bei Frauen scheint relevant, ob sie allein leben oder nicht, wie sie aussehen und was sie anhaben, sie werden häufig leicht bekleidet oder nackt abgebildet. Es spielt eben doch eine Rolle, wer die News macht. Dazu gibt es wenige Zahlen, aber 2013 hat die Berliner überregionale taz einmal vier Erscheinungswochen lang genau gezählt, wer ihre Texte schreibt und über wen. Das Ergebnis war selbst für die eher feministisch geprägte Zeitung mit einer der wenigen Chefredakteurinnen an der Spitze ernüchternd:

• 65 Prozent aller 197.703 Textzeilen waren von Männern geschrieben.

• 78 Prozent aller Textzeilen im Ressort Wirtschaft/Umwelt und

• 89 Prozent aller Textzeilen im Ressort Sport stammten von Männern.

• 72 Prozent aller 865 Hauptprotagonist*innen, um die es in den Texten des Blattes ging, waren männlich.

• 67 Prozent aller 776 auf Fotos abgebildeten Menschen waren Männer.

In der taz debattierte man diese Erkenntnisse, um Konsequenzen daraus zu ziehen, und mehr Vielfalt zu erreichen. Ein erster Schritt.

TV, Kino, Literatur: So entstehen Prägungen

Höchstwahrscheinlich gibt es einen Zusammenhang zwischen den vielen Ermittlerinnen im Tatort und in Vorabendserien und der stark angestiegenen Attraktivität des Polizistenberufs für Mädchen. Das Beispiel zeigt, wie mächtig Medien wirken können und dass sie einen Einfluss auf die Lebensgestaltung Jugendlicher haben. Deshalb ist das Fehlen von Vorbildern ein häufig zitierter Faktor, der die Berufswahl von Jungen und Mädchen beeinflusst. Es reicht eben nicht, ab und an eine Kommissarin oder Pathologin im Fernsehen zu sehen, wenn ansonsten überwiegend alte Stereotype bedient und sogar massiv verstärkt werden und wenn vor allem die Erzählperspektive der Frauen fehlt. Heldinnen gibt es nach wie vor sehr wenig. Die wenigen vorhandenen haben eines gemeinsam: Sie sind auf jeden Fall schön und sexy.

Die Autor*innen von „Die Rosa-Hellblau-Falle“ beschreiben die Problematik sehr ausführlich und zitieren eine ganze Reihe erschreckender Studien. Unter anderem die weltweit größte Medienanalyse zum Kinderfernsehen, die nachweist, dass von 26 500 Hauptfiguren in 24 Ländern nur 32 Prozent weiblich waren. In Kinofilmen für Kinder ist nicht einmal ein Drittel der Sprechrollen weiblich. 75 In Deutschland sind wir besonders schlecht – 31 Prozent der Hauptfiguren im deutschen Kinderfernsehen sind weiblich, die ARD kommt sogar nur auf 24 Prozent. So finden Mädchen schon rein quantitativ weniger Identifikationsfiguren, aber darüber hinaus ist selbst dieser kleine Anteil meist nicht geeignet, Kindern ein starkes und vielfältiges Mädchenbild zu vermitteln. Prinzessin Lillifee, die schwerelos durch eine Märchenwelt schwebt und mit der man zusammen Perlen suchen oder ein Schmetterlingsrennen veranstalten kann, ist nur ein buntes, oberflächliches Abziehbild. Im Online-Gewinnspiel gibt es Silberkettchen und bespielbare Kleiderschränke. In den Lillyfee-Magazinen gibt es neben „Elfentanz“ und einem „glitzernden Zauberwald“ auch „köstliche Rezepte“. Die Bastelbeilage ist ein glitzernder Klebstoff. Im Onlineshop des Verlages sind von den 276 Lillifee-Fanartikeln 276 in der Farbe Rosa. Die Produktpalette reicht vom Radiergummi in Edelsteinringform bis zu Spiegelchen, Bürstchen, Nagellack oder gleich einem ganzen Beautyset. Die Zielgruppe ist drei bis sieben Jahre alt!

Tanzen, schön sein, rosa tragen, glitzern, kochen und backen – das ist die Welt der „Feen-Freundinnen“ oder das soll sie einmal werden. Nichts gegen Glamour, Glitzer und rosa, aber wenn Mädchen immer nur Glamour, Glitzer und rosa präsentiert bekommen, finden andere Interessen weniger Resonanzflächen für ihre Entfaltung. Ihre Spiel- und Fantasiewelt wird eintöniger. Wer die letzten 15 Jahre Kindermedien beobachtet hat, konnte das miterleben. Wirklich erschütternd, wie viel Geld sich mit geschmacklosem rosa Kitsch verdienen lässt: So ein Lillifee-Ranzenset für die Schule kostet 199 Euro, das Lillifee-Magazin hat mit einer Auflage von fast 100 000 Stück, 13-mal im Jahr, einen jährlichen Vertriebsumsatz (ohne Werbeeinnahmen) von 4,4 Millionen Euro.

Es sind Fernsehserien wie Germany’s Next Topmodel, die dazu führen, dass (fast) eine ganze Generation Mädchen sich defizitär fühlt, trotzdem von einer Modellkarriere träumt und künftigen Erfolg und Anerkennung damit verbindet, wie dünn und hübsch sie aussehen. Maya Götz wertete viele Studien zum Kinderfernsehen aus, unter anderem hinsichtlich der Körperformen von männlichen und weiblichen Figuren. Das Ergebnis ist zum Weinen. So wurde das Verhältnis von Taille zur Hüfte von realen Frauen verglichen mit dem Verhältnis der Fernsehfiguren: Prozent der Fernsehmädchen und -frauen haben Körper, die physisch überhaupt nicht erreichbar und „definitiv nicht normal“ sind. Ihre Taillen sind dünner als die von Barbie. Bei einigen hätte nicht einmal eine Wirbelsäule Platz. Mehr als die Hälfte hat Beinlängen, die es in der realen Welt nicht gibt. Man könnte argumentieren, dass es ja schließlich um Fantasiefiguren gehe und nicht um Dokumentarfilme, aber der Vergleich mit den Jungencharakteren ernüchtert sofort.

Denn nicht einmal sechs Prozent von ihnen haben einen Körper, der physisch unrealistisch ist. 81 Jungen haben also Identifikationsfiguren, die zumindest was ihre Körper betrifft, mit ihnen vergleichbar sind. Es gibt darunter eine hohe Vielfalt, dicke und dünne, lange und kürzere. Für jeden Jungentyp ist etwas dabei. Mädchen jedoch sehen sich konfrontiert mit unfassbaren weiblichen Körpern, die sie mehrheitlich niemals erreichen könnten, egal wie viel sie hungern, Sport treiben oder sich operieren lassen. Die Figuren scheinen eher den etwas verqueren Wunschvorstellungen männlicher Zeichner und Filmemacher zu entsprechen als den Bedürfnissen von Kindern. Maya Götz beschreibt die Wirkung von Kindersendungen als „Trojanisches Pferd“, denn sie transportieren neben der offensichtlichen Geschichte immer auch eine subtile Botschaft, deren stereotype Einseitigkeit der Vielfalt von Persönlichkeiten unter Jungen und Mädchen nicht gerecht wird. Beide Geschlechter nehmen damit Vorbilder auf, die für die Praxis nichts taugen. Es entsteht auf diese Weise ein Teufelskreis, in dem sich Jungen und Mädchen zunehmend diesen dominanten Bildern entsprechend verhalten – was wiederum die Schöpfer solcher Werke in ihrem Tun bestätigt: Sie produzieren ja nur die Welten, die die Jungen und Mädchen auch toll finden und sehen wollen. So einfach kann man sich aus der Verantwortung stehlen.

In Erwachsenenfilmen sieht es nicht anders aus. Bei den hundert erfolgreichsten Hollywoodfilmen ist etwa ein Drittel der Sprechrollen ein weiblicher Charakter, Parität gibt es nur bei etwa jedem sechsten Film. DieFrauen sind im Regelfall jünger, sexualisierter, häufiger nackt oder halb nackt. Mit dem sogenannten Bechdel-Test lässt sich mit drei höchst einfachen Fragen der Grad der Geschlechterstereotypisierung eines Films überprüfen:

1. Gibt es mindestens zwei weibliche Sprechrollen? (meist ergänzt um die Anforderung, dass diese einen Namen haben)

2. Reden mindestens einmal zwei Schauspielerinnen miteinander?

3. Reden sie dabei mindestens einmal über etwas anderes als einen Mann?

Erstaunlicherweise erfüllen viele zeitgenössische Filme nicht einmal diese minimalen Anforderungen, dabei sind auch Filme, die diesen Test bestehen, noch lange nicht frei von Stereotypen, Sexismus und Frauenfeindlichkeit. Den überwiegend männlichen Drehbuchautoren und Regisseuren scheint einfach nicht klar zu sein, dass jedes zweite Kinoticket von einer Frau gekauft wird. Sie pflegen ihre eigenen Präferenzen und schieben das dann auf „das Publikum“. Der Bechdel-Test wird inzwischen auch auf Videospiele und Comics angewendet – die Ergebnisse sind keinesfalls besser als beim Film. Gerade Videospiele sind ein Hort einseitigster Stereotype, in dem Männer kraftstrotzende Superhelden und Frauen aus Gefahren zu rettende, passive und/oder aufreizende Sexbomben sind.

Spiele werden immer noch vor allem von jungen Männern für junge Männer entwickelt, obwohl inzwischen knapp die Hälfte aller Gamer weiblich sind. Wie immer jedoch sorgt das System dafür, dass sich hier kaum etwas ändert. Gerade im Filmgeschäft läuft kaum etwas ohne Zuschüsse, und Regisseurinnen, von denen man sich weniger klischeehafte Plots und Figuren erhoffen könnte, erhalten eklatant weniger Fördergelder als Regisseure – zum Beispiel in Deutschland 2013 vom Deutschen Filmförderfonds nur einen lächerlichen Anteil von knapp sechs Millionen Euro für 13 unterschiedliche Projekte, weniger als ein Zehntel der Gesamtfördersumme in Höhe von 62 Millionen Euro. In den letzten zehn Jahren wurden auch durch Fernsehredaktionen nur 15 Prozent der Regieaufträge an Regisseurinnen vergeben. Im selben Zeitraum führte bei ARD und ZDF nur etwa bei jeder zehnten Sendeminute für fiktionale Sendungen eine Frau Regie. Wie überall ist der Frauenanteil bei Kino- und TV-Regie umso niedriger, je höher die vergebenen Budgets und/oder das Prestige einer Sparte ist. Viele Vorabendserien, die als Brot- und Buttergeschäft in der Branche gelten, haben trotz zahlreicher Sendungen einen Regisseurinnenanteil von null Prozent. Beim begehrten Sendeplatz ARD Sonntagskrimi kamen Regisseurinnen in 2013 auf sechs Prozent. Diese Praxis benachteiligt nicht nur die Filmemacherinnen selbst, sondern verringert auch generell die Arbeitschancen für Frauen in dieser Branche, denn wenn Frauen Filme machen, sind auch in ihren Teams durchschnittlich mehr Frauen zu finden.

Alle genannten Medien prägen uns von Kindesbeinen an. Sie halten Stereotype am Leben, die längst auf die Müllkippe der Geschichte gehören, weil sie Menschen jedweden Geschlechts auf bestimmte Rollen festlegen, aber ganz besonders, weil sie Frauen als eindimensionale, schwache, hypersexualisierte, von Männern abhängige Wesen darstellen und eine allgemeine Irrelevanz ihrer Lebensverhältnisse suggerieren.

Auszug aus: Anke Domscheit-Berg: „Ein bisschen gleich ist nicht genug! Warum wir von Geschlechtergerechtigkeit noch weit entfernt sind. Ein Weckruf“, Heyne Verlag, 2015, 240 Seiten, 8,99 Euro.

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