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Anti-Kita-Bewegung: Wo habt ihr euer Nervenkostüm her? Verratet es mir!

In ihrer Kolumne „Familie und Gedöns“ schreibt Lisa über alles, womit sich Eltern so beschäftigen (müssen), diesmal: Leute, die freiwillig ohne Kita auskommen.

Erstmal Erholung vom Urlaub

Ich bin gerade frisch aus dem Urlaub zurück, und, manche Eltern wissen womöglich, was ich meine: im besten Sinne nicht erholt.

Denn wenn Leute Urlaub machen, die Kinder haben, dann bedeutet das ja meistens, das man diese Kinder 24 Stunden am Tag um sich hat (außer man bucht ein „Familien-Ressort“ mit Kinderbetreuung, aber ich bin mir nicht sicher, was passieren müsste, damit ich so weit gehen würde. Vielleicht nochmal Zwillinge?)

Jedenfalls, das eineinhalbjährige Kind nutzte seine Chance und heftete seinen Körper 24/7 an meinen, bestand darauf, mich zu jedem Toilettengang zu begleiten und untersagte mir zu duschen, weil es schließlich überall dabei zu sein hatte, Duschen aber derzeit nicht mag.

Ich war nach zwei herrlichen Wochen in Italien also schon allein körperlich am Ende, und auch mental nicht unbedingt rundum erneuert, wenn eineinhalb Stunden Kleinkind-Mittagsschlaf pro Tag als Entspannungsmoment ausreichen müssen.

Irres Gefühl der Erleichterung

Wie so oft war ich zurück in Berlin hin- und hergerissen: Das Kleinkind tat mir sehr leid, als ich es sofort wieder in die Kita steckte, wo ich doch im Urlaub sehr, sehr deutlich gemerkt hatte, wie unheimlich gerne es mit mir Zeit verbringt; und dann war da natürlich diese irre Erleichterung, geradezu ein Gefühl von Leichtigkeit (schlechtes Gewissen schnell verdrängen!), als ich die Kita verließ und mich aufs Fahrrad in Richtung Büro schwang. Dort machte mich eine Kollegin auf diesen Text aufmerksam: Anscheinend gibt es eine wachsende Zahl von Müttern, die dem Staat auch auf Kita-Ebene misstrauen und sich bewusst dafür entscheiden, ihre Kinder zu Hause selbst zu betreuen, bis die Kinder in die Schule müssen.

Das Thema „Kita versus zu Hause betreuen“, das merke ich immer wieder, ist bei mir ein Dauerbrenner, mit dem ich mich zwanghaft immer wieder beschäftigen muss.

Wahrscheinlich, weil ich aus diesem inneren Konflikt nicht herausfinde: Ich bin so verdammt froh, dass die Kinder unter der Woche abgegeben werden können, ganz abgesehen davon, dass ich einer angestellten Beschäftigung nachgehe; ich fürchte, ich wäre die Art von Mutter, die ihre Kinder auch dann in die Kita schicken würde, wenn sie gar nicht arbeiten würde. Ich erinnere mich immer noch unglaublich gerne an das dreimal jeweils sehr kurze Zeitfenster nach meiner Elternzeit, als die Kita-Eingewöhnung weit fortgeschritten, der Wiedereinstieg in den Job aber noch ein paar Wochen entfernt war: Was für ein herrliches Dasein, so frei von jeglichem Ballast, einen Tag bis 16 Uhr allein verbringen zu dürfen!

Vier Stunden Bespaßung reichen auch schon

Für mich sind die etwa vier oder fünf Stunden, die die Kinder noch wach sind, nachdem sie aus Kita und Hort abgeholt wurden, oft schon Herausforderung genug; wie schaffen es Mütter, die den ganzen Tag die Kinder um sich haben, diesen einigermaßen gerecht zu werden, nett zu ihnen zu sein, nicht ständig motzig und gestresst zu sein? Für mich grenzt das an ein Wunder.

Ich bin also verdammt froh über die Existenz unserer Kita, und gleichzeitig denke ich oft, dass es doch irgendwie nicht richtig ist, dass das arme große Baby (und die Geschwister damals auch), seit es eins ist, acht Stunden am Tag von Leuten bespaßt wird, die dafür bezahlt werden, und nicht von seinen Eltern. Dann gibt es mir natürlich kurzzeitig den Rest, wenn gemeine Leute unter einen Text kommentieren: „Jetzt mal eine Frage: Warum bekommt ihr eigentlich alle Kinder, wenn ihr es nicht mit ihnen aushaltet, sie euch auf die Nerven gehen und ihr sie als Babys schon fremdbetreuen lasst? Ich begreife das einfach nicht.“ Hm. Schüchterner Einwand: Vielleicht darf man ja einfach trotzdem Kinder kriegen, obwohl sie einem öfters mal auf die Nerven gehen? Nur weil sie einem öfters auf die Nerven gehen, heißt das ja nicht, dass man grundsätzlich auf sie verzichten möchte. Oder?

Natürlich empfinde ich es als große Erleichterung, dass alle seriösen Forscher*innen zu dem Ergebnis kommen, dass die Betreuung in einer Kita, wenn sie gewisse Bedingungen erfüllt, einem Kind keine Nachteile im Vergleich zur Betreuung zu Hause bringt.

Und hier kommt wieder der Bogen zu politischen Ebene: Womöglich gelingt es mir nur deshalb, das schlechte Gewissen nicht die Oberhand gewinnen zu lassen, weil ich das Glück habe, unsere Kita mittlerweile eher als Familienerweiterung betrachten zu können und nicht als anonyme Bildungseinrichtung. Von anfänglichen Unsicherheiten abgesehen, muss ich schon seit Jahren keinen Gedanken daran verschwenden, ob die Kinder womöglich auf die stille Treppe müssen, wenn sie sich fehlverhalten haben, oder andere Dinge passieren, die man sich für sein Kind nicht wünscht.

Landet man am Ende wieder beim Thema Gleichberechtigung?

Angesichts der aktuellen Kita-Misere ist natürlich damit zu rechnen, dass eher noch mehr Eltern (oder, realistischerweise: in der Regel Mütter) sich dafür entscheiden, ihr Kind lieber zu Hause zu betreuen, als es in eine Kita zu schicken, die grundlegende Anforderungen (etwa ein angemessener Personalschlüssel) nicht erfüllt.

Eine völlig andere Frage ist, ob irgendetwas daran auszusetzen ist, wenn Mütter ihre Kinder selbst betreuen, anstatt sie in eine Kita oder in einen Kindergarten zu schicken? Außer vielleicht, dass die Arbeitskraft der betreuenden Person dem Arbeitsmarkt verloren geht? Und es dem Fortschritt der Gleichberechtigung womöglich nicht unbedingt dienlich ist, wenn Frauen auf ein eigenes Erwerbseinkommen verzichten, und der Mann für sehr lange Zeit die Rolle des Alleinverdieners übernimmt?

Jedenfalls spüre ich bei mir selbst einen inneren Widerstand gegen diese Anti- Kita-Bewegung. Geht das noch mehr Leuten so? Bei der Erforschung der Gründe kommt man zu ziemlich spannenden Erkenntnissen – persönlich, gesellschaftlich und politisch.

In eigener Sache

Wir haben jetzt unsere eigene Facebook-Gruppe rund um das Thema Familie. Wir wollen uns mit allen austauschen und vernetzen, die sich für das Leben mit Kindern interessieren – egal ob ihr selbst Eltern seid oder nicht. Schaut doch mal vorbei!

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  1. Hallo Frau Seelig,
    ich lese gerne Ihre Texte, möchte aber darauf hinweisen, dass Selbstbetreuung definitiv nicht heißen muss, dass die Mutter nicht berufstätig ist. Da das in mehreren Ihrer Texte schon so stand, gehe ich davon aus, dass Sie keine Gegenbeispiele kennen. Meine Tochter ist kürzlich mit 2,5 Jahren in den Kindergarten gekommen, ich hatte aber nur 7 Monate Elternzeit, mein Mann und ich haben schichtweise beide Teilzeit gearbeitet. Über die Spielgruppen, die wir mit unserer Tochter besucht haben hatte sie nicht nur viel Kontakt zu Gleichaltrigen, sondern wir haben auch viele Eltern kennengelernt, die beide versetzt arbeiten. Der Extremfall war ein Polizistenpaar, er arbeitet 100%,sie 80% (schichtweise versetzt) seit dem 1. Geburtstag des Kindes, mit 2,5 Jahren ist es in den Kindergarten gekommen. Andererseits kenne ich sogar Mütter, deren Kind im Kindergarten ist und sie nicht berufstätig.
    Was ich sagen möchte ist, dass es viele mögliche Modelle gibt und Selbstbetreuung keinesfalls immer bedeutet, dass die Mutter nicht berufstätig ist. Gerade für Schichtdienstler bringt der Kindergarten betreuungstechnisch nur mäßig etwas und führt dazu, dass man sein Kind bei Spätschicht recht wenig sieht. Viele Grüße!

  2. Liebe Working Mum, vielen Dank für Ihre Anmerkungen und die Beispiele, es stimmt, in dem Bereich könnte ich meine Sicht auf die Dinge auf jeden Fall noch mehr differenzieren, liebe Grüße!

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