Foto: Redaktion | Jennifer Fey

Wer darf entscheiden, welche Frisur mein Kind trägt?

In ihrer Kolumne „Familie und Gedöns“ schreibt Lisa über alles, womit sich Eltern so beschäftigen (müssen), diesmal: Muss ich mein Kind mitbestimmen lassen?

Den Haarschnitt bestimme: ich!

Neulich, beim Friseur: Das sechsjährige Kind wird aufgefordert, sich auf den Drehsessel zu begeben, bekommt einen Umhang umgehängt und starrt gespannt auf sein Spiegelbild. Die Friseurin, obligatorisch: „Und, was wollnwa machen?“

Ich, gut vorbereitet: „Ja. Also. Gut, dass Sie fragen… Ich hab hier mit meinem Telefon ein paar Bilder abfotografiert von einem Model aus dem H&M-Kinder-Katalog, die würde ich gleich mal zeigen, und noch ein paar Anregungen auf Instagram…also prinzipiell so eine Art Pilzkopf, aber länger und nicht so gerade…ich find’s eigentlich gut, so wie es ist, die langen Haare stehen ihm ja total, also den Schnitt würd ich gern so lassen, einfach vielleicht ein bisschen, ich sag mal…ordentlicher könnt es aussehen, aber jetzt nicht so ,frisch-vom-Friseur-mäßig‘, wenn Sie wissen, was ich meine….also eigentlich genau so, wie es jetzt ist, nur ein bisschen kürzer. Ja?“.

Friseurin (hat sie etwa mit den Augen gerollt?), sich an das Kind wendend: „Und wollen wir doch erstmal hören, was der junge Mann sich so vorstellt?“.

Ich: „Äh. Nein. Wollen wir erstmal nicht hören. Was der junge Mann will, spielt hier eine zu vernachlässigende bis gar keine Rolle, denn ich bestimme, und ich will, dass mein Kind so aussieht wie das Kind aus dem H&M-Kinderkatalog.“

Ich, an das Kind gewandt: „Ich nehme an, du bist meiner Meinung?“

Kind, verunsichert: „Was hast du gesagt?“

Bisher keine Widerrede

Mich hat das nervös gemacht: dass es einer unverfrorene Friseurin gelingt, meinem Kind womöglich so etwas wie einen eigenen Geschmack einzureden. Ich bin sowas von heilfroh, dass das sechsjährige Kind noch keinerlei Präferenzen bezüglich seiner optischen Erscheinung entwickelt hat und ich es äußerlich nach meinen Vorstellungen formen kann, ihm all die hübschen Sportschuhe, Chinos, Dufflecoats, gestreiften Wollschals und verwilderten Pilzkopffrisuren andrehen kann, bisher ohne Widerrede.

Und wer sich jetzt schon darüber aufgeregt hat, dass ich mich paternalistisch gegenüber der Friseurin verhalten habe: Ich habe ein Trauma und bin deshalb entschuldigt. Der Vater des Kindes stand bisher einmal in der Verantwortung eines neuen Haarschnitts. Praktischerweise schaute er einfach kurz beim Barbier in der benachbarten Moschee vorbei („Kinder-Haarschnitt: 5 Euro)“, der Friseur und er konnten sich leider nicht verständigen und Katalogfotos wurden auch nicht vorgezeigt. Ich vermute, bei jeder*m anderen Friseur*in hätte die Geschichte ein ähnliches Ende nehmen können. Das Ergebnis bereitet mir jedenfalls bis heute, Jahre später, schlaflose Nächte.

Ab wann muss man die kindliche Meinung berücksichtigen?

Aber natürlich frage ich mich: Ab welchem Alter haben Außenstehende wie etwa die Friseurin das Recht, die Autorität der Eltern zu untergraben? Ab welchem Alter muss man Rücksicht auf das nehmen, was Kinder wollen? Was, wenn das Kind gesagt hätte, es wolle einen Undercut mir einrasiertem Nike-Logo, um auf dem Schulhof nicht unangenehm aufzufallen mit seiner Playmobil-Helmfrisur? Was hätte sie dann gemacht? Wie wäre der Kulturkampf zwischen Undercut und Playmobilhelm-Frisur ausgegangen?

Es wird noch früh genug passieren, dass die eigenen Kinder aus Schamgefühlen in einen anderen U-Bahn-Waggon steigen, wenn wir gemeinsam unterwegs sind, dann werde ich mein momentan noch nicht bröckelndes Monopol über Geschmacksentscheidungen ja wohl noch ein wenig ausleben dürfen.

Entscheidungsfreiheit für Kleinkinder?

Es ist natürlich sehr leicht, sich über Eltern lustig zu machen, die sich in der Bio-Bäckerei trotz längerer Warteschlange im Rücken die Zeit nehmen, die nötig ist, um aus ihren eineinhalbjährigen Kindern die Information herauszupressen, ob sie lieber eine Laugenbrezel ohne Salz oder ein Hasenbrötchen möchten. Eineinhalb ist meiner Ansicht nach zu früh, um Mitbestimmung einzuführen. Mir schwant, dass das mit sechs womöglich auch mal langsam anders aussehen dürfte.

Was sagt eigentlich Jesper Juul dazu? Sagt der nicht immer, dass Eltern immer die Entscheidungsmacht behalten sollten, das würde Kindern Halt verschaffen?

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