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Halbe Entlastung oder doppelte Belastung? Mein Leben im Wechselmodell

Autor*in
Mareike Milde

Unsere Community-Autorin Mareike ist eigentlich ein Fan vom Wechselmodell, weil es ihr ermöglicht, ihre Berufswünsche zu verfolgen. Gerade ist sie sich aber nicht mehr so sicher, ob das alles so gut ist. Es ist einfach alles zu viel. Und sie fragt sich: Darf sie das als „halbe“ Mama überhaupt sagen?

Bloß keine Sorgen machen

Jetzt ist es wieder passiert. Auf meinem Fahrrad hetze ich zum ersten Termin des Tages. Ich bin verspätet, ganz ohne Grund. Ich fühle mich gehetzt, seit Wochen schon. Das Kind ist in der Papa-Woche und ich bin um vier Uhr aufgewacht. Mit klopfendem Herzen und einfach so.

Seither habe ich eigentlich nicht viel gemacht, außer den Dingen, die man eben so tut, früh am Morgen, hier noch eine Ladung Wäsche aufgehängt, da schnell zwei Bäder durchgeputzt, den kränkelnden Basilikum umgetopft, eine Strafanzeige für das gestohlene Fahrrad abgeschickt, das Gästebett für den Übernachtungsbesuch frisch bezogen, hier einen schönen Urlaub gewünscht, dort Blümchen zur Genesung bestellt, der Freundin einen Geburtstagsgruß aufs Band geträllert, bei der Espressopause nebenher den winzigen Vorplatz gefegt, und bei all dem versucht, mir bloß keine Sorgen zu machen, über die vielen Dinge, die man doch eigentlich tun müsste, wenn man doch endlich einmal die Zeit dazu hätte – die man aber eigentlich nie hat.

Ach, die Zeit. Dabei hatte ich mir doch beim letzten Mal so fest vorgenommen, den heiligen Morgen für die schönen Dinge des Lebens zu nutzen, für eine dauerhafte Morgenroutine, vielleicht mit etwas Yoga, vielleicht ein bisschen Achtsamkeit, vielleicht einer Stunde mit der Gitarre. Stattdessen habe ich den Biomülleimer von innen ausgewaschen und jeglichen Glow mit rastloser Geschäftigkeit weggeschrubbt.

Und die ganze Zeit über hatte ich meine Beißschiene im Mund. Bemerken tue ich es erst jetzt. Ja, ich liebe meine Beißschiene, ich kann nicht ohne sie. Viele schmerzlose Morgen habe ich nur ihr zu verdanken. Sie begleitet mich schon durch diverse Lebensabschnitte, durch Auf und Abs, durch verschiedene Phasen und Wirrungen meines Lebens, stets und verlässlich war sie bei mir, sie ist einfach mein perfekter Partner: kratz- und bissfest, genügsam und schmerzvermeidend. Aber sie und ich, unsere Zeit ist nachts. Nicht am Tag, nicht auf meinem Fahrrad, wenn ich viel zu spät zum Termin hetze.

Wenn die Beißschiene noch im Mund ist, habe ich überhaupt meine Zähne geputzt? Ich weiß es nicht mehr. Der Gedanke, ich könnte sie beim Zähneputzen im Mund gehabt haben, ohne es zu bemerken, erschreckt mich. Der Gedanke, ich könnte sie im Mund behalten haben, ohne mir die Zähne zu putzen, erschreckt mich ebenso.

Ein kleines Rädchen im Getriebe

So geht es oft, gerade jetzt, zu dieser Zeit: Ich kann mich nicht mehr erinnern, was ich den Tag über gemacht habe. Schaue zum Einschlafen auf mein Handy und bin überrascht, wie viele Nachrichten ich geschrieben habe und mit wem. Bin erstaunt, wie viele Punkte ich von meiner To-do-Liste löschen kann und entsetzt, wie viele neu hinzugekommen sind. Fühle mich wie ein kleines Rädchen im Getriebe, dabei wollte ich doch immer das Getriebe sein, zumindest für mein Leben, frei und selbstbestimmt.

Ich mag diesen Zustand nicht. Ich habe ihn immer mal wieder, schuld daran bin ich ganz alleine. Wenn ich bemerke, dass er kommt, bin ich oft schon nicht mehr fähig, etwas dagegen zu tun. Es muss erst richtig knallen, das Ohr muss fiepen, mir muss schwindeln, der Kopfinhalt ist dann ein einziger Brei, ich bin zittrig, fahrig, alles fühlt sich leer an, ich verstehe die Worte nicht, die man an mich richtet, das Herz klopft viel zu laut und schnell – alles zur selben Zeit.

Da hilft nur eins. Ich weiß, was dagegen hilft, sofort und radikal: mich abstöpseln. Raus aus der Online-Welt, aus der ewigen Vernetzung, rein in die Stille. Doch das ist leichter gesagt als getan, denn: Ich habe doch keine Zeit. Nur noch hier der Termin, nur noch dort das Gespräch. Denn heute ist Mittwoch, der vorletzte Tag der „freien“ Woche. Meine Arbeitswoche, ganz ohne Kind, da muss ich doch produktiv sein, immerhin muss ich die letzte Woche nach- und die nächste Woche vorarbeiten, da muss ich doch funktionieren, da kann ich doch nicht schlappmachen, da gibt es nunmal keinen Feierabend. Denn in der nächsten Woche, da ist wieder Mama-Woche, und da möchte ich doch möglichst viel für mein Kind da sein, wir haben doch nur die eine Woche, die muss man doch intensiv erleben, wir haben doch auch etwas nachzuholen, er wächst uns so schnell davon. Egal was ich mache, ich will liefern, ich will leisten, ich muss liefern, ich muss leisten. Mein Denken ist getaktet in unbarmherzigen Ein-Wochen-Rhythmen, und wehe, wenn mein Körper, mein Kopf da nicht so mitspielen, wie ich das von ihnen erwarte, das nehme ich persönlich.

Verschämt lasse ich die Beißschiene in meine Tasche gleiten und beschließe, erst einmal eine Zahnbürste zu kaufen. Falls ich es nicht wieder vergesse.

Doppelte Belastung statt halber Entlastung?

Kann es etwa sein, dass mich das Wechselmodell nicht halb entlastet, sondern doppelt belastet? Weil ich die Aufgaben in beiden Welten zu mehr als hundert Prozent erfüllen will, beide Leben in eins quetschen möchte, jede Woche aufs Neue? Weil ich somit mehr als zweihundert Prozent aus meinem Leben herauspressen möchte, weil ich ja quasi zwei davon habe, einmal die Mama-Woche, einmal die die Arbeitswoche, die nunmal sinnvoll ist, die nötig ist, weil ich doch Geld verdienen muss, beruflich etwas auf die Beine stellen will, und verdammt nochmal am Ende des Monats genug Geld eingespielt haben muss, um die Miete zu zahlen? Das Problem ist nur: Mehr als hundert Prozent geht ja gar nicht.

Ich bin doch so glücklich. Gerade würde ich mich gerne trösten lassen. Von meinen Freund*innen, die ihr Kind jeden Tag bei sich haben und selbst dauerhaft am Anschlag leben, mit dem Gefühl, Dinge nie zu 100 Prozent hinzukriegen. Die sich durch die klaffende Schere der Vereinbarkeit hindurchmanövrierten müssen, immer taumelnd zwischen Familie, Job und Selbstbestimmung, jeden Tag aufs Neue. Ich habe jedoch Angst, sie könnten mich
nicht verstehen, immerhin habe ich doch jede zweite Woche Zeit für mich, ich habe doch noch mein altes, freies Leben, da bin ich doch in einem beneidenswerten Zustand. Sag ich sonst ja auch immer.

Sind wir etwa alle drüber?

Meine Freundin Anja sagt, Kinder hin oder her, wir alle sind drüber. Wegen der Erwartungen an uns selbst, wegen des ständigen To-do- und Selbstoptimierungszwangs, wegen des ständigen Display-Checkens, wegen der vielen Reflexion, wegen des „Bloß glücklich sein, sonst musst du dringend an ein paar Stellschrauben drehen“. Wir sind drüber, wegen der zwanghaften Selbstverwirklichung und der Vergleiche mit anderen und deren Glanzwelt im virtuellen Leben und der Vereinbarkeit aller Themen zu einem glückschmelzenden Klumpen. Ich bin auch eine davon, Anja. Ich bin drüber. Sowas von.

Und mir fällt es schwer, alles in gesundem Maße zu reglementieren. Was meinem Kind spielend gelingt, der Wechsel zwischen beiden Welten, verursacht mir manchmal Schmerzen.

Vielleicht sind die Wechsel für das Moglikind leichter, weil sein Leben – trotz aller Erziehungsunterschiede – in jeder Woche konstant ist. In jeder Woche ist er das ersehnte, erwartete Kind, auf das sich der jeweilige Elternteil eine Woche lang vorfreuen konnte.

Vielleicht ist das Wechselmodel manchmal nicht für die Kinder die eigentliche Herausforderung, sondern für die Eltern. Für mich. Eine Woche Mama, eine Woche Workaholic. Vielleicht ist die Sache mit der Vereinbarkeit doch zu groß. Ich bin eben nicht mehr fünf. Ich bin 41.

Das Leben: Trial-and-Error

Gerade bin ich zu ratlos, um auf die richtige Lösung für mich zu kommen. Erstmal werde ich mich nun abstöpseln, zwei Tage lang. Ich werde im viel zu kalten See schwimmen, ein Buch lesen, und viel schreiben, sofern die Wörter denn auftauchen vor meinem inneren Auge, sofern je wieder Platz ist in meinem Kopf. Ich werde Ruhe zulassen. Versuchen, Kopf und Herz öffnen. Mir selbst wieder zuhören. Danach wird es mir dann sicher auch besser gehen, meine Finger werden nicht mehr taub sein vom Handysmog, mein Kopf nicht mehr unentwegt rattern, und vielleicht werde ich danach eine nachhaltigere Lösung für mich finden, die besser funktioniert, die besser zu mir passt, auf Dauer. Die etwas Entschleunigung bringt und trotzdem funktioniert. Vielleicht fange ich auch an zu meditieren. Vielleicht lasse ich dann einfach zu, dass der Basilikum vor meinem Küchenfenster kränkelt, ohne etwas dagegen zu tun, morgens um 4.30 Uhr, mit einer Tasse Tee in der Hand und völliger innerer Ruhe. Vielleicht, vielleicht, vielleicht. Vielleicht kaufe ich mir aber auch erstmal eine Zahnbürste. Und danach starte ich einen neuen Versuch. Dieses Leben, Trial-and-Error.

Mareike schreibt auf ihrem Blog „Wechselmama“ aus ihrem Leben im Wechselmodel bei strittigen beziehungsweise unentspannten Elternsituationen, ihr Text ist dort zuerst erschienen. Wir freuen uns, dass wir ihn auch bei uns veröffentlichen können.

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