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Eltern sind immer zwei: Was das Wechselmodell verändern könnte

Nach der Trennung kümmert sich ein Elternteil nur noch alle zwei Wochen um das gemeinsame Kind? Das Wechselmodell bietet eine faire und sinnvolle Alternative.

Gleichberechtigung vor dem Gesetz

Das BHG-Urteil besagt: Das Wechselmodell, das eine nahezu ausgeglichene Betreuungszeit zwischen getrennt lebenden Elternteilen bedeutet, kann auch gegen den Willen des Ex-Partners durchgesetzt werden. Eigentlich ja nicht so schlecht, wenn es dem Kind gut tut und die Eltern nicht weit voneinander entfernt wohnen.

Ich habe zu Beziehungszeiten mal den Mund zu voll genommen und gesagt: „Sollten wir uns jemals trennen, möchte ich keinen Unterhalt, sofern wir uns die Erziehung komplett teilen!“ Genau der Fall ist nun eingetreten, aber die Betreuung teilen? Fehlanzeige. Und das mit dem Unterhalt wird mir natürlich regelmäßig vorgeworfen. Ich bin Vollzeitmama mit allen Hürden, die dazugehören (beruflich, finanziell, gesundheitlich etc.) und der Papa lebt sein Leben, hat das Kind alle zwei Wochen am Wochenende und eine Nacht unter der Woche (ab 17.00 Uhr, d.h. arbeiten kann ich an diesem Tag auch nicht mehr). Natürlich zahlt er, aber lieber würde ich wie früher meine eigenen Brötchen verdienen. Da käme weitaus mehr herum als der Unterhalt (ja, ich weiß, das ist nicht die klassische Situation von Alleinerziehenden).

Was bedeutet das Wechselmodell in der Umsetzung?

Ich möchte mal ein Gedankenspiel durchführen: Was würde in meinem Fall geschehen, wenn das Wechselmodell das gesellschaftlich verankerte Modell wäre und nicht die alte Regel gelten würde: „Das Kind gehört zur Mutter“? Voraussetzung muss natürlich immer sein, dass es dem Kind mit diesem Modell gut geht.

Fangen wir mal mit den finanziellen Folgen für den Vater an: Glücklicherweise würde er sich dann den Unterhalt sparen. Dumm nur, dass das zu kurz gedacht ist. Ein Kind kostet Geld. In meinem Fall geht der Unterhalt jeden Monat beispielsweise für Kindergarten und Krankenversicherung drauf. Die müssten ab sofort hälftig von beiden Eltern getragen werden. Somit müsste er doch wieder was zahlen, die Hälfte um genau zu sein. Kleidung und alles was sonst im Alltag anfällt noch gar nicht mitgerechnet. Günstiger, so wie viele denken, fährt man mit dem Wechselmodell also nicht wirklich.

Der Job ist plötzlich nicht mehr wichtiger

Interessanter wird es, wenn wir uns mal die Jobsituation ansehen. Derzeit hat man als Mutter nicht wirklich eine große Auswahl am Arbeitsmarkt (egal, wie gut man ist). Die Betreuungszeiten schränken einen einfach ein. Die würden den Vater natürlich auch einschränken. Man müsste planen und Geschäftsreisen wären nur noch möglich, wenn das Kind bei der Mutter ist oder man sich abspricht. In der Kinderwoche wären wegen der Betreuungszeiten auch nur 30 Stunden drin, die er in der nächsten Woche reinholen müsste. Oder er könnte vielleicht generell weniger arbeiten.

Spaßig wird es momentan, sobald das Kind krank ist. Derzeit muss ich auch meine Termine schieben, wenn das Kind zuvor über Nacht beim Papa war. Ab 8.00 Uhr bin schließlich wieder ich verantwortlich – sein Job ist wichtiger. Beim Wechselmodell muss mann sich, in seiner Betreuungszeit, auch im Krankheitsfall um die Betreuung kümmern oder zuhause bleiben. Und so wird es für den Vater schwieriger im Job. Plötzlich muss er sich auch Gedanken um Vereinbarkeit machen.

Zusätzlich kommt noch die allgemeine Einschränkung dazu. Weggehen, Feiern, hier mal eine neue Freundin, da mal spontan wegfahren – das alles wäre nicht mehr möglich. Bei der Urlaubsplanung muss man sich plötzlich absprechen und nicht nur eine Mail schreiben, dass man an diesem Wochenende nicht da sein wird. Aber möglich ist es trotzdem!

Mein Fazit: Zeitlich ist es ein ganz schöner Aufwand für den Vater und finanziell keinerlei Ersparnis. Es wird eher teurer, zumindest in meinem konkreten Fall. Vor den Vätern, die das Wechselmodell einklagen ziehe ich somit den Hut. Sie müssen ihre Kinder wirklich lieben, wenn sie das alles auf sich nehmen.

Ist das Wechselmodell wirklich so eine Minus-Rechnung?

Langfristig gedacht könnten sich mit dem Wechselmodell allerdings einige gesellschaftliche Probleme verkleinern. Beim Wechselmodell gibt es keinen Unterhalt mehr und somit auch keinen Unterhaltsvorschuss. Das zeigt auch die Bertelsmann-Studie: „Alleinerziehende unter Druck”, auf deren Daten ich mich im Folgenden beziehe. Im Jahr 2014 erhielten 455.000 Kinder Unterhaltsvorschuss. Das sind fast 20 Prozent der Kinder, die in Alleinerziehenden-Familien leben. Würden davon nur die Hälfte im Wechselmodell leben, könnten dabei vom Staat über 35 Millionen Euro monatlich gespart werden, bzw. müssten nicht mehr eingetrieben werden.

Mütter könnten zudem mehr arbeiten und Väter würden genauso benachteiligt. Wir würden also alle gleich schlecht bzw. gut einen Job finden. Was zur Folge hätte, dass die Arbeitgeber nicht mehr anders könnten als Kompromisse zu machen, das könnte das Armutsrisiko bei Alleinerziehenden von derzeit 41,6 Prozent gesenkt werden. Im Vergleich dazu hat eine Einkind-Familie ein Armutsrisiko von 9,6 Prozent und eine Familie mit zwei Kindern ein Armutsrisiko von 10,6 Prozent.

Bedenkt man, dass über 40 Prozent der Kinder, die von Alleinerziehenden großgezogen werden, Sozialleistungen beziehen, unterstreicht das nochmals, wie wichtig es ist, Alleinerziehende eine bessere Erwerbstätigkeit zu ermöglichen.

Eine Maßnahme gegen Altersarmut bei Frauen

Außerdem könnte auch die Altersarmut bei Müttern durch die besseren Erwerbschancen gesenkt werden. Aktuell arbeiten viele alleinerziehende Mütter in atypischen Beschäftigungsformen, wie befristete Beschäftigungen, Teilzeit mit weniger als 20 Wochenstunden oder bei Zeitarbeitsfirmen. Warum? Weil Alleinerziehende durch die herrschenden Vorurteile oft gar keinen anderen Job bekommen. Im Wechselmodell, hätte man die Möglichkeit einfacher in Vollzeit zu arbeiten, man trägt nur noch die Hälfte des Kind-Krank-Risikos, ist in der kinderfreien Woche flexibler und wird somit attraktiver für Arbeitgeber, die zudem besser bezahlen. Wo mehr Lohn bezahlt wird, dort werden auch mehr Rentenpunkte generiert.

Zu guter Letzt würden regelmäßige längere Verschnaufpausen auch der Gesundheit von Alleinerziehenden guttun. Wer selbst betroffen ist oder mal längere Zeit für sein/e Kind/er allein verantwortlich war, weiß wovon ich rede. Das kann auf Dauer krankmachen. Ich frage mich also ehrlich: Warum halten wir so am Residenzmodell fest?

Mich nervt das jedenfalls. Kinder haben zwei Elternteile und nach der Trennung entsteht eine Schieflage. Die darf es aber nicht geben. Beide sollten gleichberechtigt Rechte, aber auch Pflichten haben. Sie sind zwar kein Paar mehr, aber nach wie vor gemeinsam Eltern!

P.S: Ich schreibe oft von Müttern, aber da sind natürlich auch die alleinerziehenden Väter mit einbezogen!

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