Foto: Carolin Saage

Pilocka Krach: „Es liegt nicht am Verhandlungsgeschick der Frauen“

Sie bringt Menschen zum Tanzen und schafft ein Bewusstsein für die eigene Freiheit: Pilocka Krach spricht mit uns über die Bedeutung von Geld, die ungleiche Verhandlungsbasis für weibliche und männliche DJs und den wahren Luxus im Leben. Das Porträt einer unvorhersehbaren Frau. 

Die Trauerweide über unseren Köpfen wirkt wie eine Girlande. Pilocka Krach schlägt ein Bein über das andere, sie scheint noch etwas müde. „Ich bin eine Eule“, sagt sie. Es ist offensichtlich, dass sie hier zu Hause ist: Vor unseren Augen die Spree, in unseren Rücken das verspielt-verschachtelte Holzmarktgelände, auf dem sich auch Pilockas Studio befindet. Dort arbeitet die „Eule“ bis in die frühen Morgenstunden. Am Ende unseres Gesprächs werde ich einen Blick hineinwerfen dürfen. Davon weiß ich jetzt noch nichts. 

Möglichst viele Menschen erreichen

In der Berliner Club-Szene und weit darüber hinaus ist sie als Techno-Elektro-Musikerin bekannt, die sich niemals wiederholt, sondern immer mutig nach vorne geht, experimentiert, mit anderen Menschen zusammenarbeitet, reist und jede neue Erfahrung, jedes neue Bild, jeden neuen Sound integriert in ihr tägliches Tun. „Ich darf mich ja nicht selbst langweilen“, sagt Pilocka. Wer sie einmal auf der Bühne erlebt hat, der wird sich daran immer erinnern.

Pilocka Krach hat etwas zu sagen und tut das mit der komplexen Sprache der elektronischen Tanzmusik.
Foto: Carolin Saage

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Die Menschen verschmelzen bei jedem Auftritt mit der Musik, beschäftigen sich aber eben auch mit ihren Inhalten. „Da wird etwas freigelegt, was sie sonst nicht sehen, eine neue Perspektive. Das finde ich total wichtig.“ Pilocka würde sich niemals ausschließlich als „Nischenmusikerin“ bezeichnen; und ebenso wenig als eine nur für das Massenpublikum produzierende Künstlerin. Eines möchte sie aber in allen Fällen: möglichst viele Menschen wirklich erreichen, berühren und zum Aufstehen bewegen. Dafür bedient sie sich einzelner Worte, Begriffe oder Sätze, reißt sie aus den Kontexten heraus und verbindet sie neu mit Themen, Orten, Menschen. „Ich schnappe zum Beispiel Schlagworte in alltäglichen Gesprächen auf und reite darauf herum, auf meine Art. Dann schaffe ich den musikalischen Kontext dafür, damit die Worte auch ankommen. Es ist fast ein bisschen populistisch. So entsteht eine Tiefe, die größer ist als es die Menschen normalerweise bei derart plakativen Worten gewohnt sind. Es ist ein anderer Zugang.“

Der eigentliche Luxus

Zwischen Jannowitz- und Elsenbrücke entstanden im Zuge des Investor*innengroßprojekts „mediaspree“ seit den 90ern vor allem Luxuslofts, Büroflächen und Firmenzentralen, Hotels und Mehrzweckhallen. Der Holzmarkt ist eine Kultur-Oase in diesem ansonsten kaputtinvestierten Gebiet. „Da haben sich Leute wirklich hingestellt und für das gekämpft, was sie machen wollen: etwas Gutes für die Stadt und den eigenen Lebensraum“, sagt Pilocka. „Das Gegenteil von Mercedes-Benz-Arena und Starbucks nebenan… Da stehen andere Leute mit anderen Interessen. Die haben total viel Kohle und können entscheiden.“

Welche Bedeutung aber hat „die Kohle“ für Pilocka? Sie kommt noch nicht zum Antworten, denn bereits zum dritten Mal wird sie von Freund*innen per „Corona-Touch“ begrüßt. Mir wird klar: Jede*r hier kennt sie. Sie wirkt wie ein untrennbar mit dem Holzmarkt verbundenes Element.

„Geld… bräuchte ich von mir aus nicht.“ Foto: Lupe Carranza

„Geld…“, überlegt Pilocka. „Das ist halt so eine Notwendigkeit. Ich bräuchte das von mir aus nicht. Aber es ist das, woran sich alle messen. Das ist immer eine Gratwanderung: Meistens machen die Gigs, bei denen man sehr viel Geld kriegt, am wenigsten Spaß. Aber ich erreiche dort tatsächlich Leute, die ich sonst nie erreichen würde. Deswegen gehe ich da auch hin. Weil ich denke: Irgendwie wäre das ganz cool, wenn die auch mal ein bisschen andere Mucke hören würden. Auf der anderen Seite steht das Künstlerische.“ Pilocka erzählt von der Monika-Werkstatt von Gudrun Gut, einem offenen Kollektiv aus Frauen, die experimentelle elektronische Musik machen und sich hier organisieren und austauschen. „Ich lerne da total viel. Das interessiert kein großes Publikum, aber solche Dinge sind superwichtig, denn man zieht daraus etwas, das in einem anderen Kontext einem viel größeren Publikum zugänglich gemacht werden kann.“

Ich möchte von Pilocka wissen, was sie mit einer Million Euro tun würde. Sie schaut einem der Tourist*innendampfer hinterher, der gerade in Richtung Treptower Hafen schippert. „Mir ist es unangenehm, richtig viel Geld zu haben. Das ist wie mit Essen. Wenn man Hunger hat, dann isst man genau so viel, wie man möchte. Und den Rest isst man gar nicht. So müsste es mit dem Geld sein. Wenn ich zu viel habe, ist mir nicht wohl, weil ich das Gefühl habe, ich bin unrechtmäßig im Besitz dieser Kohle; es liegt ja nur rum, anderen Leuten fehlt das gerade. Ich hätte totales Interesse daran, ein System zu finden, in dem der Rubel die ganze Zeit rollt, man aber nicht so verbissen daran festhalten muss.“ – Pilocka sagt an einer anderen Stelle im Gespräch, dass das freie Denken und das Bewusstsein darüber doch der eigentliche Luxus seien; und zwar kein Luxus im Sinne von Gold und Palästen und Rolls Royce, sondern der Luxus der eigenen Entscheidung. 

„Es liegt nicht am Verhandlungsgeschick der Frauen“

„The Lost Amigos“ – Albumcover, 2017 – Foto: Carolin Saage

Wenn nicht gerade eine Pandemie unzählige Clubs an den Rand der Existenz drängt oder sämtliche Bühnen dieser Welt okkupiert, dann ist Pilocka unablässig unterwegs. Von Festival zu Festival, von Club zu Club oder von Land zu Land. Verhandlungen mit Veranstalter*innen, die sie buchen, sind da an der Tagesordnung. Sie erzählt von der extremen Ungleichbehandlung von männlichen und weiblichen DJs gerade im Bereich der elektronischen Musik. „Elektronisch“ ist gleich „Technik“, und das bedeutet noch immer, dass Männer da besser vernetzt sind als Frauen.

Mit der besseren Vernetzung steigt der Bekanntheitsgrad und damit auch der Verdienst der männlichen DJs. „Das liegt dann nicht mal am Verhandlungsgeschick der Frauen, sondern einfach auch an der Akzeptanz der männlichen Musiker. Künstlerinnen werden einfach noch nicht so akzeptiert wie die Männer. Vor allem DJs. Ich werde auch oft gefragt, was ich denn hier mache. Ob ich jetzt gleich singe oder so… Und ich sag immer: ,Nee, ich mach die ganzen Beats, kann eigentlich gar nicht so gut singen.‘ Man muss sich ja nur mal Line-ups angucken. Das sind nur Typen, vielleicht mal ein, zwei Frauen. Da gibt es natürlich schon Bestrebungen, den Frauenanteil anzuheben. Aber du musst es ständig ins Gespräch bringen, ansonsten wird es total gerne wieder vergessen. Dabei gibt es genug tolle weibliche DJs. Die machen meiner Meinung nach Musik, die viel interessanter, eigener ist.“

All diese Prozesse seien durch Corona gerade ausgehebelt, sagt Pilocka. Dabei sieht sie das Jahr 2020 für sich ganz persönlich keinesfalls als „leeres“ Jahr. Die Sängerin Eva Milner von Hundreds sagte im EDITION F-Interview, ihr sei mit Corona auf eine Art die Existenzberechtigung als Künstlerin genommen worden. Pilocka nickt nachdenklich. Durch die derzeit schwierige bis nicht existierende Auftritts- und Reisemöglichkeit verändert sich der Alltag grundsätzlich. Pilocka versucht das positiv zu sehen: „Ich habe normalerweise wenig Zeit, mich wirklich mit Themen auseinanderzusetzen oder mich wirklich mal mit jemandem zu unterhalten. Diese Zeit ist nun da. Ich kann mir meine Gitarre nehmen und fünf Stunden pro Tag üben und das bringt dann auch was. Es tut sich ein total großer Raum auf; jetzt muss ich nur noch machen. Und bei mir ist es so: Solange ich Ideen habe, habe ich auch keine Existenzangst. Denn davon mach ich meine Existenz abhängig. Selbst, wenn ich wenig Geld habe, kriege ich es irgendwie hin. Aber wenn ich keine Ideen mehr hätte…“ Daran möchte sie jetzt lieber nicht denken. 

„Wir leben in einer wilden Zeit“

Auch in ihrer aktuellen Arbeit geht es ums verhasste wie geliebte Geld. Mafia Klvb, heißt das Projekt, das Pilocka schon seit 2019 zusammen mit namhaften Künstlerinnen voranbringt. Es ist aufgebaut wie ein Theaterstück, das aber in Clubs gespielt wird. Pilocka sagt, sie möge das Theater gern, aber es sei doch eher statisch, „oldschoolig“. In Clubs hingegen dürfe man tanzen, da bewege sich etwas, es sei viel interaktiver.

„Im Prinzip geht es darum, unsere Welt und unsere Gesellschaft zu reflektieren. Wir leben ja in einer wilden Zeit, in der alle irgendwie nur an sich denken. In diesem Nachdenken darüber ist der Mafia Klvb entstanden, denn man findet diese ganzen Sachen ja auch irgendwie in sich selbst. Man lebt sie vielleicht nur nicht so richtig aus. Einerseits setzen wir uns als Künstlerinnen damit humorvoll auseinander. Andererseits beschäftigen wir uns ernsthaft mit aktuellen Problemen unserer Zeit. Dazu kommt noch, dass ich mit anderen Menschen zusammenarbeite. Im Kollektiv hat man eine ganz andere Verantwortung. Das geht dann tiefer.“

„Wir leben ja in einer wilden Zeit, in der alle irgendwie nur an sich denken.“
Pilocka (links) und der Mafia Klvb, Polen, 2019. Foto: Carolin Saage

Pilocka liebt das Reisen. In der Bewegung nach vorne passiere viel mehr als in einer Studio- oder Office-Atmosphäre, sagt sie. Dabei öffnen sich in ihrem Fall ständig Türen und somit auch Möglichkeiten der Zusammenarbeit mit anderen Menschen. „Diese Öffnung ist großartig. Zuerst machst du so deinen Weg, du entwickelst deinen Stil und plötzlich steckst du darin fest. Dann wollen die Leute immer wieder dasselbe von dir hören. Das ist der Punkt, an dem du entweder weiter bedienst oder du erweiterst den Raum und schaffst damit diese Schlüsselmomente, in denen du von dir selbst überrascht werden kannst.“ Künstler*innenresidenzen in Detroit, Reisen durch Mexiko, Projekte in Afrika – Pilocka war überall auf der Welt unterwegs und hat sich dort als Musikerin weiterentwickelt. Ihre Kunst ist wie ein riesiges Haus mit offenen Türen, man verläuft sich, findet irgendwann zurück, verläuft sich wieder, wird dauernd überrascht, tanzt und bewegt sich in einer ständigen Unvorhersehbarkeit, die zugleich Pilockas musikalische Interpretation des menschlichen Daseins ist. 

Schließlich steigen wir die Stufen des „HausDampf“ nach oben. Dabei spricht Pilocka über ihre Liebe zum Musikmachen: „Es kommt schon vor, dass ich mich in eine Art Rauschzustand hineinarbeite. Das ist es auch, was mich so richtig triggert. Im Studio zu sein und total in dem zu versinken, was da passiert. Manchmal entstehen so tolle Sachen – das ist durch nichts zu ersetzen! Und wenn dann Leute nach einem Gig kommen und sagen: ,Ey, es war total cool, du machst das ganz anders.’ Allein dieses ,ganz anders’ ist für mich schon ein so großer Schritt nach vorne. Meistens ist ,anders’ ja immer geiler.“

Dann öffnet Pilocka die Tür zum Studio. 

„Diese Öffnung ist großartig.“ – Pilocka Krach auf Reisen. Tokio, 2019. Foto: Carolin Saage

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