Foto: Peter Svejda

Mein Sabbatical – der Sprung ins Ungewisse

Eva Horn hat sich eine Auszeit vom Job genommen. Jetzt ist sie acht Monate lang auf Reisen – entlang der Panamericana. Eva schreibt darüber, wie sich die Prioritäten ändern, wenn man den gewohnten Alltag hinter sich lässt – und sich ins Ungewisse stürzt.

 

Ich bin dann mal weg – und jetzt?

Wann immer ich von unserem Plan erzählte, für acht Monate durch Nord-,
Mittel- und Südamerika zu reisen, gab es genau zwei Arten von Reaktionen. Die eine: „Oh mein Gott, ich bin so neidisch!“ Die andere: „Das ist
aber mutig, einfach so seinen Job zu verlassen und reisen zu gehen!“.

Mal abgesehen davon, dass ich mich selten besonders mutig
fühle, habe ich jetzt einen neuen Job. Und der heißt seit bald zwei Monaten:
Reisen.

Reisen ist zu meinem Alltag geworden und mein Freund und ich
sind jetzt als Nomaden unterwegs. Bevor wir abreisten, war ich gespannt, ob ich
meine Couch, den Alltag, den Job und so weiter vermissen würde. Bis jetzt
vermisse ich nichts – außer meine Freunde. Wenn man in einer zehn Stunden
entfernten Zeitzone lebt, wird Kommunikation schwierig, auch in Zeiten von
Mails, Facebook und Twitter. Viele Gegenden, in denen wir uns aufhalten, sind
so einsam, dass es dort noch nicht mal Handyempfang gibt. Sonst vermisse ich
aber erstaunlich wenig. Wir haben recht schnell in einen anderen Alltag
hineingefunden. Die Zeit, die ich in Deutschland im Büro verbracht habe,
verbringe ich jetzt im Auto, beim Lebensmitteleinkauf oder auf der Suche nach
WLAN. Ich lese endlich wieder mehr, was soll man auch sonst machen, ohne
Fernseher, Internet und Kilometer von der nächsten Kneipe entfernt. 

Andere Dinge werden wichtig: Wo gibt es eine Dusche? Wo kann
ich bis wann was einkaufen? Wie lange können wir uns mit unseren Lebensmitteln
versorgen? Was schauen wir uns an? Welche Strecke fahren wir? Diese und andere
Fragen stellen wir uns jetzt täglich. Dazu wollen Fotos gemacht und ab und zu
auch Blogeinträge geschrieben werden. Wir wandern viel und sind generell viel
in der Natur. So braun, wie ich jetzt bin, war ich schon ewig nicht mehr – und
dabei waren wir bisher nur in Kanada und Alaska.

Abschalten? Bei diesem Himmel sicherlich kein Problem.

Warum mache ich das
eigentlich?

Nach mittlerweile sechs Jahren im Job war für mich klar, dass
ich nicht für die nächsten 30 Jahre so weitermachen wollte, ohne eine längere
Auszeit, eine räumliche Veränderung und die Zeit, den Kopf freizukriegen und
zu schauen, ob ich in meinem Leben eigentlich noch die richtigen Prioritäten
setze. Auch die Vorstellung, für eine längere Zeit die deutsche Komfortzone zu
verlassen, wurde immer interessanter für mich. Als mein Freund dann auch noch
mit der Idee einer längeren Reise um die Ecke kam, war die Sache klar und der
Plan geboren.

Als wir anfingen, unsere Reise konkret zu planen, war neben
der Route die Auszeit vom Job ein wichtiges Thema. Für mich war klar, dass ich
meine Arbeit würde kündigen müssen, ein Sabbatical ist als einzige
hauptamtliche Mitarbeiterin eines kleinen politischen Jugendverbandes einfach
nicht drin. Der Gedanke selbst hat mir dabei kaum Kopfzerbrechen bereitet, denn
Neues kann nur dann anfangen, wenn man Altes aufgibt. Je näher mein Abschied
allerdings rückte, desto unsicherer wurde ich. Ich hatte Angst, dass ich meinen
Job vermissen würde und irrationalerweise fragte ich mich, wie es dem Verband
ohne mich ergehen würde. Wenn ich ehrlich bin, frage ich mich das manchmal
immer noch.

Mit der Ungewissheit umgehen

Wenn man mich jetzt fragt, wie ich mich fühle, nach so einem
Sprung ins Ungewisse, weiß ich gar nicht, was ich darauf antworten soll. Es
erfordert einiges an Recherche und Planung, so eine lange Reise zu
organisieren, soviel Ungewisses bleibt da nicht. Und wenn ich ehrlich bin, dann
bin ich ganz besonders gespannt auf die ungewissen Parts, denn deswegen mache
ich die Reise schließlich. Bisher sind sie allerdings weitestgehend
ausgeblieben, was aber auch daran liegen mag, dass Kanada, wo wir uns bisher
überwiegend aufgehalten haben, noch organisierter ist als Deutschland.

Der schwierigste Part an diesem Leben ist ganz klar, Geld
auszugeben, ohne groß welches zu verdienen. Ich habe schon als Teenager
Zeitungen ausgetragen, weil mein Taschengeld nicht reichte und so etwas prägt.
Ich hasse es, nur Ausgaben und kaum Einnahmen zu haben. Andererseits habe ich
in den letzten Jahren Geld gespart, um es genau jetzt ausgeben zu können.

Nach zwei Monaten „on the road“ ahne ich auch, dass Reisen kein
dauerhafter Job für mich ist. Ich vermisse es, eine Aufgabe zu haben, der ich
mich täglich widmen kann. Es ist anstrengend, jeden Tag woanders ins Bett zu
gehen und sich jeden Tag die gleichen Fragen zu stellen. Vielleicht fehlt mir
aber auch einfach nur die Routine. Was ich gerne noch lernen möchte: mehr
Gelassenheit zu entwickeln, wenn mal etwas nicht so klappt, wie wir beziehungsweise ich
uns das vorstellen.

Positiv bemerke ich, mit wie wenig Besitz man auskommen
kann. Ich trage seit Wochen die gleichen T-Shirts und Hosen und bisher ist mir
nicht langweilig geworden. Auch meine Möbel vermisse ich kaum – mein Sofa fehlt mir an manchen Abenden schon.

Zusammen Reisen ist eine Zeit der Kompromisse

Unsere Reise führt uns bald über Seattle und Portland nach
San Francisco und weiter nach Mexiko. Das ist zumindest der grobe Plan, denn
ich bin jeden Tag aufs Neue gespannt, wo es uns dann wirklich hintreibt. Schließlich
sind wir zwei Menschen mit ähnlichen, aber nicht gleichen Interessen und so
eine Routenplanung ist immer auch ein Prozess der Kompromissfindung. Beide
wollen wir jedenfalls unbedingt Surfen lernen. Ob ich das mit meinen 32 Jahren
und zwei linken Füßen hinbekomme, ist eine der spannenden Fragen unserer Reise.

Eichhörnchen sind nun bei Eva regelmäßiger Frühstücksgast. 

Lebe ich jetzt einen
Traum?

Sicher nicht. Es gibt Tage, an denen hasse ich das
Regenwetter, finde mich selbst anstrengend und streite mich wegen
irgendwelcher Nichtigkeiten mit meinem Freund. Und dann sind da Tage, an denen
wir auf der Autobahn aus dem Staunen nicht mehr herauskommen und alle zwei Minuten
für ein Foto anhalten müssen, einen Bären in freier Wildbahn sehen oder abends
ein Festmahl auf dem Gaskocher kochen. Alltag also, nur ein bisschen anders.

Eva Horn schreibt über ihre Reise ein Blog, twittert als @habichthorn und hält ihr Leben in Fotos an dieser Stelle fest.

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