Foto: Regina Tokarczyk

Was lernt man aus einem Jahr Sex nach Ratgeber?

Wie schafft man es, auch nach Jahren in einer Beziehung ein gutes Sexleben zu haben? Das fragten sich auch Theresa Bäuerlein und Tom Eckert und wagten ein Experiment: Ein Jahr lang probierten sie Tipps aus Sex- und Beziehungsratgebern aus. Was sie daraus gelernt haben, ist in „Besser als Sex ist besserer Sex“ nachzulesen. Ein Interview.

Lover und Liebende zugleich. Geht das?

In einer langjährigen Beziehung verändert sich das Sexleben – und das nicht immer zum Guten. Aber muss man sich damit abfinden? Und wie schlimm ist es eigentlich, wenn man nur noch ein paar Mal im Jahr Sex hat? Fragen, die sich auch Theresa Bäuerlein und ihr Partner Tom Eckert gestellt haben und die schließlich zu einem spannenden Experiment führten: Ein Jahr lang probierte das Paar Tipps aus Sex- und Beziehungsratgebern aus, besuchte Seminare und nahm einen Coach in Sachen Zwischenmenschliches.

Wie man sich das vorstellen kann, was guten Sex jetzt eigentlich ausmacht und ob man auch in einer langjährigen Beziehung Lover und Liebende zugleich sein kann, das hat uns Theresa im Interview erzählt.

Theresa, du und dein Partner Tom Eckert habt für das Buch
ein Jahr lang quasi Nachhilfe in Sex genommen und Tipps aus verschiedenen Sexratgebern ausprobiert. Wieso hat euch dieses Experiment gereizt?

„Wir haben nicht nur Sexratgeber ausprobiert, sondern auch Beziehungsratgeber, einen Coach und Seminare. Der Reiz bestand für uns darin, dass wir in diesem Rahmen wirklich Druck hatten, eine Lösung zu finden. Wir konnten unser Sexleben nicht einfach so vor sich hin dümpeln lassen, weil wir uns ein Projekt und eine Deadline gesetzt hatten.“

Selbstoptimierung ist ja ein Dauerbrenner. Aber warum sollte
man sich ausgerechnet auch noch im Bett „reinfunken“ lassen? Und ist guter Sex nicht etwas total Individuelles?

„Ja, auf genau dieses Problem gehen wir auch im Buch ein: dass der Wahn zur Selbstoptimierung im Bett nichts zu suchen hat. Es ist klar, dass auch wir mit dieser Einstellung rangegangen sind, oder zumindest nicht verwunderlich, weil wir an unsere Sexualität so rangegangen sind wie an jedes andere Projekt: effizienz- und lösungsorientiert. Das bringt aber nichts. Wir mussten uns erst einmal von allen Vergleichen und Vorstellungen im Kopf frei machen, um zu verstehen, was eigentlich unser Sex ist.“

Im Buch schreibt ihr: „Sex ist omnipräsent. Aber kein Sex ist
ein Tabu“. Warum ist es so unangenehm, darüber zu sprechen, obwohl viele Paare in langen Beziehungen das kennen? Und vor allem, wie kann man das ändern?

„Kein Sex ist ein Tabu, weil das Ideal, das wir von Medien und in unserer Sexerziehung vermittelt bekommen, besagt, dass eine gute Beziehung ohne Sex unvorstellbar ist. Daran orientieren wir uns. Wir kennen außerdem alle diese statistischen Durchschnitte, die immer wieder genannt werden: dass Partner zwei bis drei Mal pro Woche miteinander schlafen und so weiter. Diese Zahlen entsprechen bei vielen Menschen überhaupt nicht der Realität. Manche haben viel mehr Sex, andere viel weniger und trauen sich nicht, damit glücklich zu sein, weil sie sich an dieser vermeintlichen Normalität orientieren. Je offener wir damit umgehen, dass jeder Mensch und jedes Paar Phasen erlebt, in denen Sex kein wichtiges Thema ist, desto weniger leiden wir darunter.“

Sex ist also kein Spiegelbild für die Beziehung? Sollte man
das trennen?

„Man muss das nicht trennen, das passiert von selbst. Viele Menschen haben eine harmonische Beziehung und lieben sich, haben aber wenig oder nicht besonders tollen Sex. Das ist nicht die Ausnahme, sondern sehr typisch. Vielleicht erzeugt Verliebtheit guten Sex – aber Liebe tut es nicht automatisch.“

Warum verlieren Liebende eigentlich ihre Leidenschaft
füreinander?

„Sie verlieren sie erstens, weil das ein natürlicher Prozess ist. Verliebtheit dauert nur eine begrenzte Zeit an und wir setzen Leidenschaft mit Verliebtheit gleich. Wenn diese Phase vorbei ist, kann man eine andere Art von Leidenschaft entwickeln, die viel mit Liebe und Intimität zu tun hat. Das passiert aber nicht einfach, meistens jedenfalls – das ist Arbeit.“

Wie muss man sich euer Experiment eigentlich vorstellen? War jeden Tag ein neuer Tipp dran – also quasi ein systematisches Abarbeiten – oder habt ihr die Tipps nur dann ausprobiert, wenn ihr darauf auch wirklich Lust hattet?

„Es ist beides passiert. Eine Zeitlang haben wir wirklich planmäßig versucht, Dinge auszuprobieren und umzusetzen. Das war aber manchmal auch extrem unsexy, das heißt in manchen Phasen haben wir es auch einfach dem Zufall überlassen.“

Was habt ihr denn ganz grundsätzlich aus diesem Jahr
gelernt? Du für dich selbst aber vielleicht auch ihr als Paar?

„Eines der wichtigsten Dinge, die wir gelernt haben, war, dass Sex in kurzen Abenteuern und Affären ganz anders funktioniert als in Beziehungen. Das wird normalerweise gleichgesetzt – Beziehungssex müsste eigentlich genau so sein wie Affärensex – aber so ist das nicht. Es sind zwei unterschiedliche Dinge. Beides hat seinen Reiz.“

Gab es etwas, das euch in dieser Zeit überrascht hat? Habt ihr vielleicht auch Dinge für euch im Bett entdeckt, von denen ihr vorher nie gedacht hättet, das euch das gefällt?

„Wir haben vor allem festgestellt, dass viele der Dinge, die als lustvoll verkauft werden, für uns als Paar nicht viel bringen. Toys zum Beispiel, oder Pornos – das wird ja beides gerne empfohlen, um wieder Pep ins Bett zu bringen. Sind aber sehr technische Lösungen.“

Die Ausgangsfrage war ja, ob ihr Lover und Liebende zugleich
sein könnt. Geht das?

„Ja, das geht. Es passiert aber nicht von allein, sondern erfordert einen ziemlichen Prozess. Verliebtheit kriegt man geschenkt, Liebe – und leidenschaftliche Liebe – lernt man.“

Und zu guter Letzt: Ihr habt ja jetzt alles gelesen und
getestet: Gibt es so etwas wie den ultimativen Tipp fürs Bett?

„Oh, wir habe nicht wirklich alles getestet, das Angebot ist riesig! Wir haben auch keine Formel, die wir jedem an die Hand geben können, dafür ist Sex zu individuell. Aber genau darin liegt ein Schlüssel: Man muss sich wirklich keinen Druck machen, es gibt keine Regel dafür, wie Sex zu sein hat.“

Theresa Bäuerlein und Tom Eckert: „Besser als Sex ist besserer Sex: Ein Paar. Ein Jahr. Ein Experiment“, Heine Verlag, März 2016, 256 Seiten, 8,99 Euro.

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