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Unfuck the Economy? Dieses Buch zeigt, wie ein besseres Leben für alle möglich ist

Die Corona-Pandemie hat die Welt, wie wir sie kennen, verändert und aufgezeigt, wie fragil gerade auch unser Wirtschaftssystem ist. In ihrem Buch „Unfuck the Economy“ erklären Waldemar Zeiler und Katharina Höftmann Ciobotaru, warum wir die Wirtschaft komplett neu aufbauen müssen, ausgerichtet auf den Wert des Menschen und seine wahren Bedürfnisse.

Weiter wie vorher, geht irgendwie nicht. Doch gerade weil die Sehnsucht nach Normalität bei vielen Menschen immer größer wird, wäre vielleicht jetzt der richtige Moment, eine Debatte darüber loszutreten, wie denn „das neue Normal“ aussehen könnte.

„Wir müssen die Wirtschaft komplett neu aufbauen, ausgerichtet auf den Wert des Menschen und seine wahren Bedürfnisse. Nur so kann nachhaltige Veränderung in allen gesellschaftlichen Bereichen, von Arbeitskultur bis Klimakrise, gelingen.“

Waldemar Zeiler

Darüber schreiben Waldemar Zeiler und Co-Autorin Katharina Höftmann Ciobotaru in ihrem Buch „Unfuck the Economy“. Zum Erscheinen ihres Buches, das in diesem Jahr innerhalb weniger Wochen und während des Lockdowns entstand, veröffentlichen wir einen Buchauszug und laden euch dazu ein, ins Denken zu kommen.

Wir müssen Eigentum neu denken

Wir haben uns bei der Gründung von „einhorn“ entschieden, wenn irgendwie möglich, keine Investoren an Bord zu holen, um diesem Teufelskreis zu entgehen; außerdem hätte unser geplantes, crazy „Wirtschaftslabor“ niemals die Zustimmung oder einen Euro von Investoren erhalten.

Um die Zukunft unseres Unternehmens und damit das Gemeinwohl aller Beteiligten auf mehreren Kontinenten nicht von der Willkür der beiden Gründer (oder eines Tages ihrer Kinder) abhängig zu machen, haben wir unser Unternehmen am 18.12.2019 an sich selbst verschenkt. Wir sind damit Teil der noch jungen Purpose-Bewegung (auch die Suchmaschine Ecosia ist beispielsweise dabei und gehört sich selbst) und Gründungsmitglieder der Stiftung Verantwortungseigentum. Durch diesen Schritt haben wir verhindert, dass unser Unternehmen jemals verkauft oder vererbt werden kann. Gewinne der Firma dürfen nicht aus der Firma entnommen werden, auch nicht von uns Gründern, und die Stimmrechte des Unternehmens müssen immer bei Mitarbeiter*innen der Firma liegen.

Das ist übrigens nichts völlig Neues, sondern historisch bewährte Praxis, wie sie Bosch, Zeiss oder in Teilen die Drogeriekette dm durch Stiftungskonstrukte bereits umgesetzt haben. Diese Konstrukte sind für die meisten Unternehmen leider viel zu komplex, zu teuer und bieten auch nicht ausreichend Rechtssicherheit. Allein die Anwaltskosten für die Ausarbeitung des passenden Stiftungskonstrukts – Bosch zum Beispiel hat ein Doppelstiftungsmodell – sind unglaublich hoch und binden zudem viele interne Ressourcen. Deswegen setzt sich die Purpose-Bewegung für eine alternative Rechtsform zur GmbH ein, die weitaus günstiger ist und zudem mehr Rechtssicherheit bieten soll.

Gewinn nicht mehr als Selbstzweck, sondern als Mittel zum Zweck

Was passiert, wenn ein Großteil der Wirtschaft zu Verantwortungs- statt Vermögenseigentum wechselt und die Werteorientierung in der Firmen-DNA rechtlich bindend verankert, sieht man am Beispiel Dänemarks. 60 Prozent der gesamten Marktkapitalisierung des dänischen Aktienindex wird von Unternehmen in Verantwortungseigentum repräsentiert. Studien der Universitäten von Kopenhagen und Yale haben herausgefunden, dass die Unternehmen ohne Shareholder-Kontrolle über einen Zeitraum von 40 Jahren eine sechs Mal höhere Überlebenschance haben. Dieses Ergebnis überrascht mich nicht, denn wenn die Verantwortung für ein Unternehmen bei den Menschen liegt, die darin arbeiten, dann handeln diese auch viel verantwortungsbewusster und nachhaltiger als „Fremdeigentümer*innen“, die gegebenenfalls weder eine Verbindung zum noch Interesse am Tagesgeschäft haben.

Keine Kontakte zu den Kunden oder Lieferanten pflegen. Keine Mitarbeitenden-Gespräche führen. Für sie zählen oftmals nur gewinnmaximierende Entscheidungen, getrieben von dreimonatigen Berichtszyklen des Aktienmarkts, und sie erleben meist nicht unmittelbar, wie sich solche Entscheidungen zu Lasten von Partnern, Kunden und Mitarbeitenden auswirken. Damit überhaupt mal jemand merkt, dass der Kostenreduzierungsdruck zu weit geht, muss schon ein Fabrikgebäude einstürzen, wobei über 1.000 Menschen sterben und die ganze Welt darüber berichtet. Meistens jedoch erfährt niemand von den Missständen, oder man will schlichtweg nichts davon wissen. Und selbst wenn, wie im Falle des Bangladescher Fabrikunglücks, das ganze Elend nicht mehr ignoriert werden kann, wird trotzdem kurze Zeit später fröhlich weiter gewinnmaximiert.

Die Studie aus Dänemark zeigt übrigens auch, dass Unternehmen in Verantwortungseigentum auch für die Mitarbeitenden besser sind: Arbeitsplätze sind sicherer, die Bezahlung ist besser, die Mitarbeitenden und speziell Führungskräfte bleiben länger bei der Firma, die Frauenquote ist höher. All diese Erkenntnisse kann ich übrigens aus eigener Erfahrung bei einhorn bestätigen. Ich habe mehrere „klassische“ Firmengründungen mit einigen Millionen Venture Capital an die Wand gefahren, doch die Hippie-Firma einhorn, die sich selbst gehört, ist ironischerweise die mit Abstand erfolgreichste. Wenn Gewinn nicht mehr Selbstzweck ist, sondern Mittel zum Zweck, um die Welt ein Stückchen besser zu machen, dann haben wir schon maßgeblich zum Titel dieses Buches beigetragen: Unfuck the economy.

Anpassung der Arbeitssituation an die Bedürfnisse im Leben und nicht andersrum

Weitere Instrumente, um die Ungleichheit in Unternehmen zu reduzieren, sind Gehaltstransparenz, die Beschränkung der Gehälter nach unten und oben sowie eine echte Chancengleichheit für alle Mitarbeitenden. Ein Vorstandsmitglied eines Dax-Konzerns verdient 52 Mal so viel wie eine durchschnittliche Angestellte, bei VW sind es sogar 97 Mal so viel. Bei einhorn darf das höchste Gehalt maximal drei Mal so hoch ausfallen wie das niedrigste.

Gehaltstransparenz ist insbesondere für die Benachteiligung von Frauen interessant, da sie im Durchschnitt 20 Prozent schlechter bezahlt werden und die Transparenz diese Lücken aufdeckt. Frauen sind in der Regel auch auf der Verliererstraße, wenn es um die Frage geht, wer nach der Geburt von Kindern zu Hause bleibt. Deswegen bekommen alle frisch gebackenen Eltern bei einhorn eine Gehaltserhöhung von 400 Euro netto, sodass die Gehaltsfrage als Argument in der Verhandlung mit dem eigenen Partner entfällt (Männer verdienen oft mehr als ihre Partnerinnen und bleiben deshalb seltener zu Hause) – das funktioniert bei uns vor allem deshalb sehr gut, weil ein Großteil unserer Mitarbeitenden Frauen sind, und weil unsere männlichen Mitarbeiter sich der Geschlechterungleichheit sehr bewusst sind und die Elternzeit mit ihren Partnerinnen teilen.

Mit flexiblen Arbeitszeiten, freier Arbeitsplatzwahl, unbefristeten Verträgen, selbstbestimmten Wechsel von Teil- zu Vollzeit oder andersrum und unbeschränktem Urlaub ermöglichen wir sowohl den kinderlosen Einhörnern als auch den Müttern und Vätern eine individuelle Anpassung der Arbeitssituation an ihre Bedürfnisse im Leben und nicht andersrum. Der einzige Nachteil besteht darin, dass die familienfreundliche Unternehmensphilosophie vermutlich zu mehr Nachwuchs führt, aus PR-Sicht für eine Kondomfirma eher suboptimal …

Mehr soziale Gerechtigkeit und Transparenz

Durch diese Maßnahmen tragen wir unseren Teil für mehr soziale Gerechtigkeit in Deutschland und somit dem globalen Norden bei, aber was ist mit dem globalen Süden, wo die Ungleichheit viel dramatischere Züge annimmt? Wie viele andere Firmen beziehen wir die Rohstoffe für unsere Produkte aus dem globalen Süden, in unserem Fall Kautschuk für die Kondome aus Thailand und Malaysia und Biobaumwolle für unsere Menstruationsprodukte, unter anderem aus Tansania und Indien. Hier muss man zuallererst für Transparenz in der Wertschöpfungskette sorgen, und damit meine ich nicht einen PR-wirksamen Besuch in einer Fabrik oder einer Plantage, gefolgt von einem tollen Siegel. Ich meine wirklich enge Zusammenarbeit mit Einheimischen und regelmäßige Präsenz vor Ort, denn nur so versteht man die Mechanismen und schafft ein Vertrauensverhältnis. Nur so versteht man, in welchem sozialen Kontext man sich bewegt, und kann auf Augenhöhe mit den Partnern zusammenarbeiten, ihre Perspektive auf Fairness und Nachhaltigkeit wirklich verstehen und langfristig etwas bewegen.

Diese Aufgabe stemmt bei einhorn ein gesondertes Team, das fairstainability-Team, das etwa 20 bis 25 Prozent aller unserer Mitarbeitenden ausmacht und ein bis zwei Monate pro Jahr im Ausland verbringt. Ein Team, das noch vor einem Sales-Team fest eingestellt wurde und lange, bevor das Unternehmen profitabel war. Mit dieser Herangehensweise konnten wir zum Beispiel das Vertrauen des Kautschukplantagenbesitzers in Malaysia gewinnen und den Kautschukzapfern dort etwa 15 Prozent (zusätzlich zu ihrem Lohn) als Prämie direkt und ohne Mittelsmänner auszahlen. Außerdem rüsteten wir sie mit neuen Gummistiefeln und Arbeitsgeräten aus, obwohl die Plantage gar kein direkter Partner von uns ist.

Kein Budget für Nachhaltigkeit?

Vielleicht denkt ihr jetzt, dass dieser Aufwand aber nur bei kleinen Firmen funktioniert. Dann sage ich euch gerne, was Elisa Naranjo, unsere Head of fairstainability, auf diese häufig gestellte Frage meistens antwortet: „Wenn 20 bis 25 Prozent der Mitarbeitenden in einem Konzern für die Nachhaltigkeitsabteilung arbeiten würden, bei Nestlé zum Beispiel entspräche das 77.000 Mitarbeitenden, dann würde das auch gehen“, und die Diskussion ist damit meistens beendet. Manchmal meldet sich dann noch eine Führungskraft und entgegnet: „Aber wie soll man das alles bezahlen? Wir haben dafür kein Budget.“ Mal unabhängig davon, dass es einen schon stutzig machen müsste, dass ein junges Startup wie einhorn diese Kosten aufbringen kann, aber ein Großkonzern nicht, ist die Frage tatsächlich spannend.

Grundsätzlich stimme ich dem Fragesteller zu: Es ist nämlich wirklich kein Budget mehr übrig für Nachhaltigkeit, wenn die potenziell verfügbaren Mittel den Aktionären in Form von Dividenden und dem Top-Management in Form von Boni ausgezahlt wurden. Vor allem aber ist kein Budget dafür da, wenn man es nicht von Anfang an will – so ermitteln wir bei einhorn den Fairstainibilty-Fußabdruck, bevor wir ein neues Produkt lancieren. Wo wir mit dem Lieferanten gemeinsam hin wollen, ist die wichtigste Frage bei den ersten Lieferantengesprächen, nicht der Preis oder der Umfang der Bestellung.

Es sollte normal werden, dass Unternehmen ihren ökologischen und sozialen Fußabdruck kennen

Kleine und erst recht große Unternehmen können also eine Menge gegen Ungleichheit machen, und wenn sie es nicht freiwillig tun, dann muss der Staat nachhelfen. Das Ganze ist vergleichbar mit einem Fußballspiel. Niemand würde auch nur auf die Idee kommen, dass Fußball ohne Regeln und Schiedsrichter*in besser wäre. Man kann sich über Schiedsrichter_inentscheidungen streiten, und einzelne Anpassungen von Regeln sind sicher immer wieder nötig – aber wir sollten uns alle einig sein, dass Fußball ohne Regeln und Schiedsrichter*innen im Chaos endet und im schlimmsten Fall zahlreiche verletzte Spieler*innen zur Folge hätte. Unsere Verletzten auf dem Spielfeld Wirtschaft sind das Klima, Millionen vom Aussterben bedrohte Tierarten, die Vermüllung der Ozeane. Und unser Chaos besteht darin, dass einige Spieler*innen die andere Mannschaft dazu zwingen, auf allen Vieren zu spielen, während sie ihr eigenes Tor zugemauert haben. Sie verhindern auch, dass die andere Mannschaft anständig trainieren kann, gute Sportausrüstung sowie Zugang zu gesunder Ernährung und medizinischer Betreuung bekommt.

Und während die meisten von uns Sklaverei und Kinderarbeit verwerflich finden, sollte es doch genauso normal werden, dass man als Wirtschaft weder Menschen noch Umwelt abfuckt. Es sollte normal werden, dass Unternehmen ihren ökologischen und sozialen Fußabdruck kennen und entsprechend agieren. Wie konnte es so weit kommen, dass wir akzeptieren, dass es als normal gilt, dass die Wirtschaft so funktioniert, wie sie funktioniert?

Lasst uns also auch in der Wirtschaft vernünftige Regeln aufstellen und ein paar alte Regeln diskutieren. Lasst uns die Schiedsrichtenden, also unsere Politik, mit entsprechender Macht ausstatten.

Lasst uns den solidarischen Sportsgeist mit dem Fairplay­ Gedanken auch in der Wirtschaft wiederentdecken.

Buchcover „Unfuck the Economy“

Disclaimer: Es bestehen persönliche Verbindungen zu den Autor*innen des Buches.

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