Foto: Leah Kunz | Collage: EDITION F

Warum du nicht wissen musst, was du beruflich machen willst

Liebe*r Berufseinsteiger*in,

„Du musst Lehrerin werden! Du wirst mal Bundeskanzlerin! Du musst schreiben! Du wirst Sängerin!“ All diese Zuschreibungen und Empfehlungen habe ich im Lauf meines Lebens gehört. Ich selbst wusste tatsächlich schon sehr früh, was ich machen will. Dass das ein Beruf ist und wie man ihn nennt („Journalistin“), habe ich erst sehr viel später erfahren.

Ab wann muss ich mich eigentlich für meine berufliche Zukunft entscheiden? so lautet die Überschrift eines Artikels bei uns im Magazin. „Oh mein Gott, ich will die Antwort gar nicht wissen“, twitterte eine Leserin dazu. Ich kann sie total verstehen. Denn ich bin davon überzeugt: Wir müssen gar nicht wissen, was wir beruflich machen wollen. Vielleicht sogar nie.

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Das war sicher mal anders und ist noch gar nicht so lange her. Als meine Eltern so alt waren wie ich heute (fast 40), war der Job-Drops schon gelutscht. In ihrer Generation machte man eine Ausbildung, wenn es gut lief ein Studium und dann arbeitete man einfach in diesem Beruf. Heute ist das anders.

Lebensverlaufsperspektive nennt sich das und es bedeutet, dass unsere Leben in viele verschiedene Teile aufgeteilt sind und diese einzelnen Teile auch verschiedene Chancen für uns bereithalten. Chancen und, na klar, auch Herausforderungen. Die Lebensverlaufsperspektive ist heute vielfältiger als noch vor einigen Generationen.

Ganz aus Jubel besteht dieser Text dennoch nicht. Von wirklicher Wahlfreiheit sind wir alle noch entfernt. Noch immer entscheiden wir uns – vor allem Frauen – innerhalb eines Rahmens, der nicht immer frei gewählt ist.

Wenn wir Mutter werden, flattert selten gleichzeitig auch das Angebot für eine Führungsposition ins Haus. Wenn wir aus einer Arbeiter*innenfamilie kommen, empfehlen und finanzieren uns unsere Eltern nicht unbedingt zwei Studiengänge. Es bleibt schwierig und unfair. Und dennoch: Es wird durchlässiger.

Ich wusste schon immer, dass ich Dingen auf den Grund gehen, Menschen treffen und darüber schreiben möchte. Dass das ein Beruf sein kann, war mir lange nicht klar. Zumindest nicht, wenn mich Leute als Kind gefragt haben: „Was willst du denn mal werden?“

Wechselnde Antworten

Ich weiß gar nicht, was ich damals geantwortet habe. Ich glaube, wechselnde Antworten. Und vielleicht war das sogar klug. Und mehr an der heutigen Lebensrealität, als ich damals wissen konnte.

Wenn es um Arbeit geht, heißt es – zum Glück – immer öfter: Der Beruf sollte uns nicht definieren. Wir sind mehr als unser Job. Es geht darum, einen guten Ausgleich zwischen Lohnarbeit und Freizeit zu schaffen. Die ganze Diskussion um Work-Life-Balance.

Die Frage, was man denn mal werden wolle, ist für mich denn auch der Inbegriff des Kapitalismus. „Du bist, was du beruflich machst.“ Das ist dein Wert. Von wegen! Wir alle sind so viel mehr. Und für uns alle kommt es doch vor allem darauf an, dass wir morgens gern aufstehen.

Wofür stehst du morgens gern auf? Ich bin mir sicher, das wirst du selbst herausfinden. Vielleicht weißt du es sogar schon. Dafür brauchst du keine ständigen Fragen von außen und auch keine Bewertungen oder Empfehlungen, ohne um sie gebeten zu haben.

Zwischen Kakao und Raumfahrt

Vielleicht stehst du heute gern für eine Joggingrunde auf und morgen für einen Kakao mit Sahne. Vielleicht träumst du heute von einer Karriere als Sängerin und morgen interessierst du dich für Raumfahrt. Auch das ist okay.

Die Welt, in der wir leben, wird immer komplexer und damit in vielen Bereichen auch komplizierter. Aber sie wird damit auch sehr viel reichhaltiger, was deine beruflichen Möglichkeiten angeht. Du musst dich nicht entscheiden. Vielleicht sogar nie.

Wir leben nicht mehr in einer Welt, die nur eine Antwort zulässt. Das ist eine Herausforderung und eine Chance zugleich. Falls dich also mal wieder jemand fragt, was du werden willst, wie wäre es mit dieser Antwort: „Ich bin doch schon so viel!“

Deine Mareice

Der Blick auf uns. Wie du mit Selbst- und Fremdwahrnehmung umgehst

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