Foto: Leah Kunz

(K)ein Liebesbrief an meine grauen Haare

Unsere Chefredakteurin findet Frauen mit grauen Haaren und Falten wunderschön. Dann bekommt sie beides selbst – und plötzlich ist das mit der Selbstliebe gar nicht mehr so einfach.

Liebe graue Haare,

ich finde euch toll – auf dem Kopf von anderen. Meine Freundin Anna ist mittlerweile komplett grau, und wunderschön. Ich sehe ältere Schauspielerinnen mit grauen Strähnen, mit Falten und denke: Wow. So möchte ich auch mal aussehen.

Dann stehe ich vor meinem Spiegel, sehe meine eigenen grauen Haare. Und meine Falten, die Falten bleiben, selbst wenn ich gerade nicht mehr lächle. Lachfalten sind das nicht mehr, es sind ganz einfach Falten einer fast 40-jährigen Frau. Diese Frau bin ich. 

Das bekomme ich nicht zusammen. Ich, graue Haare, Falten, 40 Jahre. Bin ich nicht gerade erst 18 geworden, habe meinen Führerschein gemacht und kann endlich das tun, was ich wirklich will? Das war doch gerade erst, oder? Mein Körper erzählt eine andere Geschichte.

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Das tun, was ich wirklich will, kann ich zum Glück schon ein paar Jahre. Die Veränderungen meines Körpers fallen mir aber erst jetzt auf. Dass sie da sind, ist kein Wunder. Mein Körper hat sich mit meinen Leben verändert. Die Denk- und Schreibarbeit am Schreibtisch, wenig Bewegung außer regelmäßiges Fahrrad fahren, Schönwetterschwimmen und tanzen, viel Bücken – die Mutterdisziplin schlechthin –, viel Tragen, körperlich und emotional. Zwei Schwangerschaften, einige Krisen, viel Lachen. All das erzählt auch mein Körper. Mit Dehnungsstreifen, die aus meinem Bauch eine Kraterlandschaft machen, mit hängenden Brüsten und jetzt eben auch mit Falten und immer mehr grauen Haaren.

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Los geht’s.

Obwohl ich weiß, dass das okay ist, obwohl ich andere Frauen in meinem Alter und weit darüber hinaus schön finde und bewundere, obwohl ich mich mit mir und meinem Leben so wohl fühle wie noch nie, fühlt es sich seltsam an.

Mein inneres Gefühl passt nicht mehr so richtig zu meinem Äußeren. 

Dass beides nicht zusammen passt, hat auch viel mit gesellschaftlichen Normen von Alter zu tun. Denn keines meiner körperlichen Merkmale schließt das gute Leben aus. Ich mache alles, was mir Spaß macht und gut tut: Schwimmen, Tanzen, Singen, Sex, Schreiben, Küssen, Lachen, Lieben, wilde Nächte in Bars, Reisen mit meinem Kind und manchmal einfach nur auf dem Sofa abhängen. Ja, klar, der Kater dauert mittlerweile länger. Aber sonst ist eigentlich alles wie immer. Ich sehe nur anders aus. 

Was mir fehlt, sind Vorbilder. Frauen, die alt und sichtbar sind und zeigen, wie gut man im Alter leben kann. Stattdessen verschwinden ältere Frauen irgendwann einfach von der Bildfläche. Im Fernsehen, in den Medien, überall. Die MaLisa Stiftung hat in einer Studie herausgefunden, dass Frauen ab 30 immer weniger vorkommen im Fernsehen und im Kino. Ab 50 Jahren kommen auf eine Frau drei Männer, die sichtbar sind. Wenn Frauen sichtbar sind, sind sie jung.

Bereits vor einigen Jahren, meine grauen Haaren waren noch Einzelfälle auf meinem Kopf, habe ich einer großen Frauenzeitschrift eine Kolumne zum Altwerden angeboten. Ich bekam eine Absage mit der Begründung: „Wir wollen unsere Leserinnen nicht mit dem Ende ihrer Existenz belasten.“ Wow. Noch heute fällt mir dazu wirklich nicht mehr ein als: Wow.

Auch der Künstlerin Annton Beate Schmidt ist die Unsichtbarkeit von älteren Frauen aufgefallen, in der Kunst und der Fotografie. Vor allem die Unsichtbarkeit von lachenden älteren Frauen. Deshalb malt sie sie jetzt selbst.

„Wenn wir Lachen schon sehr selten in Frauenporträts sehen, kommt es in Porträtdarstellungen älterer Frauen im Grunde nie vor. (…) Glauben wir wirklich, dass das Leben im Alter weniger wert ist, dass es traurig sein muss oder haben wir schlicht Angst vor der Kombination aus Weisheit und Freude?“ fragt Annton Beate Schmidt. Eine Kombination aus Weisheit und Freude – gibt es ein schöneres Bild dafür, als eine lachende Frau mit grauen Haaren?

Haben wir schlicht Angst vor der Kombination aus Weisheit und Freude?

Annton Beate Schmidt

Ja, mein Körper zeigt es mir deutlich: Ich bin nicht mehr 20. Mit 40 habe ich vielleicht die Hälfte meines Lebens erlebt. Und damit kommt auch der Tod näher. Aber es kann doch nicht sein, dass dieser wichtige Teil des Lebens einfach ausgespart wird. Es darf nicht sein. Denn dann passiert genau das: Ich stehe vor dem Spiegel und denke, dass da etwas nicht passt. Aber eigentlich passt alles. Es ändert sich bloß. Wie das Leben, das jeden Tag aus Abschieden und Neuanfängen besteht. Auch körperlich.

So sieht also die Lebensmitte eines erfüllten Lebens aus. Man muss das nicht lieben, jedenfalls nicht immer. Mit Body Positivity kann ich nicht so viel anfangen, es überfordert mich manchmal. Genauso wie ich mein Verhalten manchmal blöd finde, möchte ich auch meinen Körper manchmal blöd finden dürfen. Ein Schlagwort, das mir gefällt, ist Body Neutral, oder auch Body Acceptance. Eine neutrale Einstellung dem eigenen Körper gegenüber. Dankbarkeit für alles, was er für mich tut. Dafür, dass er funktioniert. Seltsamen Schönheitsnormen entsprechen muss er nicht. Er darf einfach sein.

Für mich ist das ein gutes Ziel: Akzeptanz des Selbsts, auch körperlich. Ganz sicher nicht easy erreichbar, vielleicht auch eine Lebensaufgabe. Aber genauso wenig, wie ich ältere Frauen im öffentlichen Diskurs ausklammern möchte, möchte ich das Ende des Lebens ausklammern. Es gehört dazu und macht jeden einzelnen Moment wertvoller. Mit oder ohne graue Haare.

Mareice

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