Foto: Jamie Brown - Unsplash

Ab wann muss ich mich eigentlich für meine berufliche Zukunft entscheiden?

Tierärztin, Pilotin, Designerin. Als Kind fiel es uns leicht zu sagen, was wir später werden wollen. Im Studentenalter zweifeln hingegen viele, was die endgültige Berufswahl betrifft. Gibt es einen Zeitpunkt, ab dem man genau wissen sollte, was man werden will?

„Was möchtest du später einmal werden?“

Schon im Alter von sechs Jahren musste ich mit diese Frage stellen, als eine meiner Schulfreundinnen mir ihr „Freunde-Buch“ zum Ausfüllen in die Hand drückte.

Damals wollte ich Apothekerin werden, weil ich fasziniert von dem Apothekerschrank mit seinen vielen kleinen Schubladen war, aus denen die Apothekerin bei uns im Ort die Medikamente hervorzog. Seitdem haben sich meine Kriterien für die Berufswahl allerdings etwas verkompliziert.

Wie die meisten habe ich mich an meinen Lieblingsfächern in der Schule orientiert, um mir einen groben Plan für die Zukunft zu überlegen. Da mein Interesse an Naturwissenschaften schließlich doch nicht so groß war, kam ein Pharmaziestudium nicht länger in Frage. Ich habe mich dagegen immer sehr für Sprachen, Literatur und Kunst interessiert, aber was ich damit genau anfangen sollte, war mir lange Zeit nicht klar. Und wie findet man denn auch den Beruf, der zu einem passt, wenn man noch gar keine Ahnung vom Berufsleben hat?

Soll ich die Reise einfach abkürzen?

Ich konnte die Menschen immer gut verstehen, die nach der Schule Lehrer werden wollten, schließlich wusste man hier wenigstens genau, was einen erwartet und konnte sich auf die Fächer spezialisieren, in denen man selbst gute Leistungen in der Schule hatte. Easy Peasy! Aber das Lehramt ist nun einmal nicht jedermans Sache und es gehört ja nicht nur das Interesse für ein Fach dazu, sondern auch die Energie und Kompetenz mit Kindern und Jugendlichen umzugehen. Für mich ging die Suche daher erst einmal an der Uni weiter. Aber auch hier war es das gleiche Spiel: Alles bestand aus Lesen, Lernen und Hausarbeiten. Von Praxiserfahrung keine Spur. Und trotzdem wurde man immer dasselbe gefragt: Literatur und Skandinavistik? Was willst du denn damit später werden?

Gute Frage. Die meisten rieten mir, doch einfach an der Uni zu bleiben, wenn mir das Studium so viel Spaß bereite. Ich habe diese Argumentation allerdings nie so ganz verstanden. War ich nicht an der Uni, um etwas zu lernen, damit ich später in der richtigen Welt da draußen einen Job finden könnte? Anscheinend gilt das aber nur für diejenigen, die sich zu Beginn ihres Studiums auch gleich für ihren späteren Arbeitsplatz entschieden hatten. Wäre ich doch mal bei meinem Apothekerinnen-Traum geblieben!

Ich weiß auch nicht warum, aber ich habe die Entscheidung meiner späteren Berufswahl schon immer sehr ernst genommen. Vielleicht, weil ich es generell ziemlich spannend finde mir vorzustellen, was ich wohl in ein paar Jahren machen werde. Wenn mein 25-jähriges Ich heute mein damaliges 19-jähriges Ich kurz nach dem Abi treffen würde, dann würden sich die beiden möglicher Weise noch immer gut verstehen. Vielleicht wäre die 18-jährige Marie sogar ein bisschen beeindruckt von der Zeit, die ich bereits in Stockholm gelebt habe oder von den verschiedenen Praktika bei einigen unserer Lieblingsmagazine. Eine endgültige Antwort auf die Frage, was ich später einmal werden würde, könnte ich ihr aber nicht geben.

Ist es schlimm mit 25 noch nicht zu wissen, was man werden möchte?

Eigentlich stört es mich nicht besonders, dass ich kein so festes Ziel vor Augen habe, wie jemand, der Jura oder Medizin studiert und damit vorerst seine Zukunft besiegelt hat. Denn wenn ich eines in den vergangenen sechs Jahren meines Studiums gelernt habe, dann, dass meine Interessen immer breiter geworden sind und ich noch immer permanent auf neue Dinge und Menschen stoße, die mich inspirieren und weiterbilden. Zwar befinde ich mich immer noch im gleichen Kosmos aus Sprachen und Literatur, aber ich bin schon lange über meine zwischenzeitliche Theater- oder meine Übersetzerinnen-Phase hinweg.

Jetzt, wo sich mein Studium langsam dem Ende zuneigt, nehmen die Gedanken über meine beruflichen Ziele natürlich stark zu. Vor kurzem fand ich mich entsprechend in einem meiner letzten Kurse an der Uni wieder, in dem wir gemeinsam mit der Koordinatorin unseres Studiengangs über die anfänglichen Erwartungen sprechen sollten, die wir an unser Studium hatten. Anschließnd sollte jede und jeder ergänzen, inwiefern diese Erwartungen erfüllt wurden und wo er oder sie sich heute sieht.

„Hallo, mein Name ist Marie und meine Zukunft steht in den Sternen“

Ich war noch nie bei einer Selbsthilfegruppe, aber nach allem, was man aus Filmen kennt, hat sich diese Gesprächsrunde für mich stark danach angefühlt. Der Reihe nach erzählten wir alle von den Höhen und Tiefen unseres Literaturstudiums und erklärten, wie wir mit Anfang 20 den Wunsch hegten, Lektorin zu werden (das trifft in etwa auf 90 Prozent zu). Was mir stark bei den Geschichten der anderen auffiel, war die Tatsache, dass die meisten sich für dieses Studium entschieden hatten, weil sie sich erhofft hatten, eine Bestätigung für ihre heimliche Wunsch-Berufung zu bekommen. In den meisten Fällen hatte es sich dann aber so entwickelt, dass der Wunsch, Lektorin oder Verlegerin zu werden, immer weiter in den Hintergrund gerückt war, weil man im Laufe des Studiums „realistischer“ geworden war und sich schließlich mit Aussicht auf besser bezahlte Stellen für andere Bereiche des Verlagswesens wie Presse oder Rechte und Lizenzen entschieden hatte.

Ich für meinen Teil kann diese Art zu denken durchaus nachvollziehen, aber mit Dingen wie „Rechten und Lizenzen“ ist es bei mir dann doch so wie in der Schule mit dem Matheunterricht. Man kann mir noch so oft sagen, wie sinnvoll es für meine spätere Zukunft ist – das einzige was ich daraus mitnehme ist die Erkenntnis, dass ich weiß, was ich auf keinen Fall später machen möchte.

Es lebe die Generation Praktikum

Um nun aber endlich sagen zu können, was es denn ist, dass ich später machen möchte, habe ich das gemacht, was so viele Menschen meiner Generation in dieser Situation machen: ein Praktikum. Ob mir das Praktikum einen festen Job und finanzielle Sicherheit in Aussicht stellt? Wohl kaum. Ob es mir garantieren kann, dass ich nicht doch noch einmal meine Meinung ändere und lieber in einen anderen Bereich reinschauen würde? Wer weiß. Was ich allerdings bereits sagen kann, ist, dass ich etwas mache, dass mir Spaß macht und das ist schon einmal viel Wert.

Ich würde lügen, wenn ich nicht zwischenzeitlich darüber nachgedacht hätte, ob es nicht doch sinnvoller gewesen wäre, ein PR-Praktikum zu machen. Umso schöner war es für mich, als ich mich in einer meiner ersten Wochen bei Edition F mit unserer Redaktionsleiterin Teresa über meine bisherigen Erfahrungen und möglichen Pläne für die Zukunft unterhielt und sie mir völlig gelassen antwortete, dass sie es total okay findet, dass ich noch nicht genau weiß, was ich später machen will. Bei ihr habe sich schließlich auch alles anders ergeben, als gedacht.

Ein paar Bauchschmerzen gehören dazu

Natürlich würde ich mich in vielen Situationen gerne sicherer fühlen und Dinge sagen können wie: „Ich schreibe demnächst meine Masterarbeit und danach wartet ein Volontariat bei einem bekannten Kultur- und Lifestylemagazin mit der Aussicht auf eine Festanstellung auf mich.“ Aber irgendwie ist es auch schön nicht zu wissen, ob es so kommen wird oder ob ich letztlich doch etwas ganz anderes machen werde. Ein bisschen Träumerei sollte doch auch zum Leben dazu gehören.

Was sagt ihr? Gibt es eine Zeitpunkt ab dem ihr genau wusstet, was ihr werden wolltet Oder kann es diesen Zeitpunkt eventuell gar nicht geben? Ich bin gespannt auf eure Erfahrungen.

Titelbild: Peter – Flickr – CC BY 2.0

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