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Warum persönliches Wachstum wichtiger sein muss als wirtschaftliches Wachstum

Warum wird „Erfolg“ immer noch mit „Gewinn“ oder „Wachstum“ gleichgesetzt? Welche nachhaltigen, modernen Wege gibt es heute bereits, um „Erfolg“ zu definieren und zu messen? Darüber schreibt Naomi Ryland, die Gründerin des Social Startups tbd*.


„Wachstum als Selbstzweck ist langweilig, fantasielos und Ego-getrieben. Außerdem zerstört es unseren Planeten und spaltet Gesellschaften.“

aus Naomis Buch „Starting a Revolution“

Es gibt viele Dinge, die wir über Covid-19 nicht wissen, aber eines wissen wir mit Sicherheit: Die Pandemie wirkt sich kurzfristig auf unser Bruttoinlandsprodukt (BIP) aus. Und das, so sagt man, sei Grund zur Beunruhigung. Die Idee, dass Länder ihr BIP Jahr um Jahr steigern sollten, ist tief in unserem Bewusstsein verankert, so tief, dass wir sie selten wirklich in Frage gestellt haben. Ich blicke immer noch mit leichter Panik auf Schlagzeilen wie diese, die uns erschrecken sollen: „Britische Wirtschaft schrumpft zum ersten Mal seit sieben Jahren“, „Deutsche Wirtschaft rutscht in negatives Wachstum ab“.

Während ich nicht einmal wirklich verstehe, was sie bedeuten, denke ich darüber nach, welch Schrecken sie bereithalten könnten. Ich nehme an, dass sich bereits frühere Zivilisationen mit diesen Dingen beschäftigt haben, auch den Griech*innen und Römer*innen ging es bestimmt nicht anders. Wahrscheinlich war selbst Jesus angenehm erleichtert, als er las, dass die Wirtschaft in Jerusalem im letzten Quartal um 0,6 Prozent gewachsen war, oder?

Neue Ziele setzen

So war es durchaus überraschend, als ich neulich feststellte, dass die Idee des nationalen Wirtschaftswachstums als primäres Ziel und Erfolgsmaßstab ein durchaus neues Konzept ist, das erst Mitte des 20. Jahrhunderts aufkam. Erst in den 1950er-Jahren wurde „Wirtschaftswachstum“ zu einem Schlüsselbegriff in Wirtschaft, Politik und Öffentlichkeit. Der Wirtschaftshistoriker Matthias Schmelzer schreibt: „Gelehrte aus unterschiedlichsten Bereichen, darunter namhafte Historiker, haben Wachstum als einen ,Fetisch‘ (John R. McNeill) oder eine ,Besessenheit‘ (Barry Eichengreen, Hermann van der Wee), eine ,Ideologie‘ (Charles Maier, Alan Milward), eine ,soziale Imagination‘ (Cornelius Castoriadis, Serge Latouche) oder eine ,axiomatische Notwendigkeit‘ (Nicholas Georgescu-Roegen) beschrieben. Seit den 1950er-Jahren entwickelte sich nichtsdestotrotz eine ,allgemeine Akzeptanz des Wachstums als unbestreitbares Diktum‘, und das BIP dient hierbei als Maßstab. Wachstum gilt als Synonym für Fortschritt und Stabilität und kennt keine Grenzen.“

„Unser kollektiver Wachstums-Fetisch um jeden Preis hat uns ökologisch und im Hinblick auf soziale Gleichheit teuer zu stehen kommen lassen, was wiederum das destabilisiert, was eigentlich stabilisiert werden sollte.“

Bis zu einem gewissen Grad machte all das durchaus Sinn. Eine Zeit lang war Wirtschaftswachstum gleichbedeutend mit einer Verbesserung des Lebensstandards für den Großteil der Weltbevölkerung, wenn auch extrem ungleichmäßig, wie der Wirtschaftshistoriker Matthias Schmelzer betont. Doch dies hatte seinen Preis und gilt für den globalen Norden seit Langem nicht mehr. Unser kollektiver Wachstums-Fetisch um jeden Preis hat uns ökologisch und im Hinblick auf soziale Gleichheit teuer zu stehen kommen lassen, was wiederum das destabilisiert, was eigentlich stabilisiert werden sollte. Und wir werden nicht glücklicher. Wirtschaftswachstum kann nicht länger als geeignetes Maß für menschlichen Fortschritt akzeptiert werden, schon gar nicht im globalen Norden.

Wie messen wir den sozialen Fortschritt?

Und so ist diese Metrik, die wir zur Bewertung der wirtschaftlichen Leistung und des sozialen Fortschritts, d.h. des Wohlstands einer Gesellschaft, verwenden, nicht mehr zweckdienlich. Der Nobelpreisträger und Ökonom Joseph Stiglitz schrieb vor einigen Wochen einen Artikel im Guardian, der diese Position stärkt: „Die Welt ist mit drei existenziellen Krisen konfrontiert: einer Klimakrise, einer Krise der Ungleichheit und einer Krise der Demokratie […] doch die akzeptierten Methoden, mit denen wir Wirtschaftsleistung messen, geben absolut keinen Hinweis darauf, dass wir vor einem Problem stehen könnten. Jede dieser Krisen verstärkt die Tatsache, dass wir bessere Instrumente zur Bewertung der wirtschaftlichen Leistung und des sozialen Fortschritts brauchen.“ Er argumentiert, dass eine neue Reihe von Metriken erforderlich ist, die Umweltzerstörung, Ressourcenerschöpfung, Ungleichheit und Wohlstand berücksichtigen.

„Wirtschaftswachstum kann nicht länger als geeignetes Maß für menschlichen Fortschritt akzeptiert werden, schon gar nicht im globalen Norden.“

Man stelle sich vor, wie das aussehen würde, wenn wir im jetzigen Moment nicht das Gefühl hätten, dass es eine Wahl zwischen „Rettung der Wirtschaft“ und „Rettung von Menschenleben“ wäre, weil wir eine andere Art der Messung des Wohlergehens der Nation hätten, die beides berücksichtigt. Es wäre kein „entweder/oder“, sondern ein „und“.

Im Blick behalten, was wirklich zählt

Es ist eine Erleichterung zu sehen, dass drei führende Politikerinnen der Welt dies aufgegriffen und erste Schritte unternommen haben, um das BIP zumindest zu ergänzen, wenn nicht gar zu ersetzen. Unter der Premierministerin Katrin Jakobsdottir ist Island das jüngste Land, das neben dem BIP auch soziale oder „Wohlstands“-Indikatoren in den staatlichen Haushalt aufgenommen hat. Hierbei hat sie sich mit der schottischen Premierministerin Nicola Sturgeon und der neuseeländischen Premierministerin Jacinda Ardern zusammengetan, um weltweit eine Agenda des „Wohlergehens“ zu fördern. Sie treten hierbei nicht für schrumpfende Volkswirtschaften ein, sondern behalten im Blick, dass das Wachstum im Dienste der Gesellschaft stehen sollte und nicht als primäre Messgröße für das Wohlergehen eines Landes stehen sollte.

Es mag ein Zufall sein, dass dies eine Koalition von drei der wenigen weiblichen globalen Führungspersönlichkeiten ist, aber vielleicht ist es dies auch nicht. Wie Katrin Jakobsdottir es vorsichtig formulierte: „Es ist sehr wichtig, alle Geschlechter am Tisch zu haben – es beeinflusst die Denkweise und es werden andere Entscheidungen getroffen.“

Wenn das BIP bereits tot ist, können wir dann auch die „Gewinnmaximierung“ töten?

Wenn also die führenden Ökonom*innen der Welt das Paradigma des endlosen Wachstums auf der Makroebene in Frage stellen und nach einem neuen Maßstab für den wirtschaftlichen Fortschritt suchen, folgt daraus nicht, dass das Gleiche auch auf der Mikroebene geschehen muss? Sollten wir nicht das Konzept des Turbo-Wachstums innerhalb von Unternehmen in Frage stellen, das Risikokapitalgeber*innen, Start-ups und Politiker*innen, die sie umwerben, so schätzen?

Glücklicherweise ist dies genau das, was die Gründerinnen der Genossenschaft „Zebras Unite“ in den vergangenen drei Jahren getan und damit schnell eine globale Bewegung um sich versammelt haben. Es gibt in der Tat tausende Gründer*innen, die seit einiger Zeit das Konzept des Turbo-Wachstums in Frage stellen und die sich dafür entschieden haben, „Zebras“ statt der „Einhörner“ zu aufzubauen, denn um Einhörner wurde das gesamte Start-up-Ökosystem entworfen. Im Gegensatz zu den „Einhörnern“, wachstumsstarke Start-ups im Wert von mehr als einer Milliarde Dollar, geben Zebra-Unternehmen dem Mutualismus, dem gemeinsamen Wohlstand und dem sozialen Wohl Vorrang vor der ,winner take all‘-Mentalität des Silicon Valley.

Diese Unternehmen können Genossenschaften oder auch „Purpose Unternehmen“ sein, die den Beschäftigten einen fairen Anteil am Wohlstand und an der Entscheidungsfindung einräumen. Es ist unwahrscheinlich, dass sie auf den Prinzipien des Wettbewerbs beruhen, sondern eher auf Kooperation, sie bevorzugen eine Kultur der Wertschätzung statt Druck und arbeiten in erster Linie im Dienste ihrer Gemeinden. Wie Jennifer Brandel, eine der Gründerinnen von Zebras Unite, schreibt, „wurden viele dieser Unternehmen an den Rändern, von Frauen und People of Colour gegründet.“ Auch hier sehen wir wieder, wie wichtig Diversität in der Führung ist, wenn es darum geht, Unternehmen für die Zukunft aufzubauen.

„Bist du das nächste Einhorn?“ Ich hoffe nicht. Trotz allem, was wir über den Zusammenhang zwischen Turbokapitalismus und zunehmender globaler Ungleichheit und Klimawandel wissen, unterstützt und fetischisiert die Start-up-Welt immer noch dieselben alten Arbeitsweisen und Ziele.

Neue Kennzahlen für Erfolg

Auch das bedeutet, dass wir neue Kennzahlen für Unternehmen brauchen. „Gewinn“ oder gar Einnahmen reichen hierzu nicht länger aus. Denn wenn Gewinn und Einnahmen durch Ausbeutung der Arbeitnehmer*innen und natürlichen Ressourcen, durch wachsende Ungleichheit und verminderte psychische Gesundheit steigen, kann man sie nicht als Zeichen für „Erfolg“ bezeichnen. Es gibt seit einiger Zeit große und wachsende Bewegungen, wie die „Economy for the Common Good“, das „B-Corps“ und die „Purpose Companies“, die in diese Richtung argumentieren. Sie führen Beschränkungen für das Paradigma des Wirtschaftswachstums als Zeichen des Erfolgs oder gar neue Messgrößen ein. Bisher wurde noch keine dieser alternativen Kennzahlen auf nationaler Ebene integriert, sie müssen also erst noch in den öffentlichen Diskurs aufgenommen werden. Und als Indikatoren für das Wohlergehen eines Unternehmens sind sie sicherlich nicht standardisiert.

In 35 US-Bundesstaaten wurde die sogenannte Benefit Corporation als Alternative zur traditionellen C-Corporation gegründet. Theoretisch handelt es sich dabei um eine legislative Umsetzung der Idee, dass Unternehmen neben dem Aktionärswert auch soziale und ökologische Belange berücksichtigen sollten. Die Betonung liegt hierbei jedoch mehr auf „sollte“ denn auf „muss“. Benefiz-Kooperationen haben keinen rechtlichen Rahmen, von dem sie zur Rechenschaft gezogen werden, weshalb ihr Effekt begrenzt bleibt. Einen solchen Rahmen zu setzen, wäre ein klarer und einfacher nächster Schritt – auf diesem Wege könnten Regierungen Unternehmen rechtlich für ihren sozialen und ökologischen Fußabdruck zur Rechenschaft ziehen und sie bestrafen, wenn sie sich nicht daran halten.

Unternehmen zur Rechenschaft ziehen

Während einige Länder hierbei bereits Fortschritte gemacht haben, hinken andere hinterher. Meine Co-Autorin von „Starting a Revolution“, Lisa Jaspers, hat über 150.000 Unterschriften gesammelt, um ein Gesetz zu unterstützen, mit dem Unternehmen gesetzlich für ihre Lieferketten zur Rechenschaft gezogen werden sollen. Es soll möglich sein, sicherzustellen, dass Menschen, die in den Lieferketten der Unternehmen arbeiten, nicht ausgebeutet werden. Ein ähnliches Gesetz wurde kürzlich in Frankreich verabschiedet. Aber sowohl die deutsche wie auch die meisten anderen Regierungen zögern noch.

Um dem Paradigma des Wirtschaftswachstums letzten Endes den Rücken zuzukehren, fehlt offensichtlich etwas. Es gibt kein klares „Was folgt als Nächstes?“. Das liegt daran, dass man als Gründer*in, Politiker*in oder Manager*in selbst entscheiden muss, was relevante Daten sind, wenn man den „Erfolg“ nicht mehr am Wachstum misst. Daran sind wir nicht gewöhnt. Wir sind so konsequent und effektiv nach dem Paradigma des Wirtschaftswachstums sozialisiert worden, dass es – für Unternehmen, Staaten und Einzelpersonen – schwierig ist, Alternativen zu finden.

Mehr noch, man muss tief und unmissverständlich daran glauben, dass diese Alternativen wirklich besser sind. Für eine*n selbst, für die Mitarbeiter*innen und für die Gesellschaft als Ganzes. In „Starting a Revolution“ argumentieren wir, dass das nächste Paradigma ein Paradigma des persönlichen Wachstums sein muss. Wenn wir die Priorität darauf legen, uns selbst besser zu verstehen, zu lernen, was uns wirklich glücklich macht, was uns gut tut, erfüllt und ausgeglichen fühlen lässt, werden wir in der Lage sein, neue Metriken zu entwickeln, an denen wir den Erfolg unseres Unternehmens messen können.

„Wir müssen so viel Konditionierung und Sozialisation verlernen, um unsere Trigger, Gewohnheiten und Vorurteile zu verstehen. Dazu brauchen wir relativ wahrscheinlich eine Coach*in und möglicherweise sogar eine Therapeut*in.“

Die eigenen Prioritäten erkennen

Es mag vorerst kontraintuitiv erscheinen, aber uns selbst kennen zu lernen, erfordert tiefgreifende Arbeit. Wir müssen so viel Konditionierung und Sozialisation verlernen, um unsere Trigger, Gewohnheiten und Vorurteile zu verstehen. Dazu brauchen wir relativ wahrscheinlich eine*n Coach*in und möglicherweise sogar eine*n Therapeut*in. Zudem wird es nicht von heute auf morgen geschehen. Wahrscheinlich ist es für jede*n Gründer*in und jedes Unternehmen ein wenig anders und es kann sich außerdem immer wieder verändern, besonders wenn es darum geht, Prioritäten zu setzen.

Hier sind also einige Ideen: Ein Index für psychische Gesundheit; ein Lernindex; ein Systemveränderungsindex; ein Diversitätsindex; ein Kooperationsindex; ethische Standards in der Lieferkette; Umweltstandards in der Lieferkette; Gewinnverteilung; Eigentumsverteilung; soziale Wirkung; ökologische Wirkung. Und welche Messgröße ihr auch immer wählt, um den Erfolg eures Unternehmens zu messen, sie müssen ebenso tief im Jahresbericht verankert sein wie Umsatz, Gewinn und Kosten und genauso klar kommuniziert werden.

Ist das einfach? Nein. Es ist viel schwieriger, als es aussieht. Es ist viel einfacher, bei dem zu bleiben, was man kennt, was mediale Aufmerksamkeit, einen Start-up-Award und ein poliertes Ego verspricht. Aber wenn wir hier dranbleiben, werden wir nach und nach feststellen, dass andere Menschen und andere Unternehmen geschätzt werden und dass ein Paradigmenwechsel eintreten wird. Wenn wir persönliches Wachstum und das damit einhergehende Wohlbefinden endlich vor wirtschaftlichem Wachstum priorisieren, werden wir endlich echte Fortschritte sehen.

Dieser Text erschien in einer englischen Version auf  dem Blog unserer Kooperations-Partnerin tbd*.

Naomi Ryland ist eine der Gründerinnen von tbd*, der digitalen Anlaufstelle für Menschen, die im Job die Welt verändern wollen. 2019 veröffentlichte sie gemeinsam mit Lisa Jaspers das Buch „Starting a Revolution: What we can learn from female entrepreneurs about the future of business”. Die beiden waren übrigens auch zu Gast in unserem Podcast „Alles Anders“, hier reinhören.

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Naomi Ryland lebt seit 2008 in Berlin und ist Gründerin von tbd*, der Karriere-Plattform für Jobs mit Sinn. Durch tbd* haben bereits über eine Million Menschen Jobs im nachhaltigen oder sozialen Bereich gefunden, sich vernetzt oder das richtige Team rekrutiert. Sie setzt sich auch für bessere Rahmenbedingungen für Social Entrepreneurship ein und war 2017 bis 2019 im Gründungsvorstand vom SEND (Social Entrepreneurship Netzwerk Deutschland). 2019 hat sie gemeinsam mit Lisa Jaspers das Buch „Starting a Revolution: What we can learn from female entrepreneurs about the future of business” veröffentlicht, welches 2020 vom Ullstein Verlag auch auf Deutsch herausgebracht wird. Sie ist gebürtige Engländerin und dank Brexit nun auch Deutsche.

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