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#unten: Was es bedeutet, in einem reichen Land arm zu sein

Unter dem Hashtag #unten berichten gerade viele Menschen in den sozialen Netzwerken über die soziale Diskriminierung, die sie in ihrem Leben immer wieder erfahren. Und wie das nicht nur zu Scham und Demütigung führt, sondern auch konkret den Zugang zu Bildung, Beruf oder einer Wohnung schwer macht. Es ist so wichtig, ihnen zuzuhören und daraus als Gesellschaft zu lernen.

 

Diskriminierung auf verschiedenen Ebenen

Während eines Workshops bin ich einer klassischen Anti–Bias–Übung begegnet, die die gesellschaftliche Schieflage verdeutlichen sollte. 

Wir stellten uns in einen Kreis. Jede*r hielt die Hand der Person neben sich und nacheinander wurden Aussagen wie „ich bin eine Frau“, „ich fühle mich nachts allein unsicher auf der Straße“, „ich habe mir mein Zimmer mit meinen Geschwistern geteilt“ oder „meine Eltern sind arbeitslos“ in den Raum geworfen. Jedes Mal, wenn eine Aussage auf mich zu traf, musste ich einen Schritt zurückgehen. Am Ende konnten diejenigen von uns, die am meisten Schritte zurückgegangen sind, nicht einmal mehr mit ausgestreckten Armen jemand anderes berühren. Sie waren allein, „abgehängt“. Für mich war es schmerzhaft zu merken, wie sehr sich die junge Frau, die eben noch neben mir stand, von mir entfernte. Wie sie bei fast jeder Aussage einen Schritt zurückging. Dieses Bild des Kreises stellte eine Metapher für eine auseinander gerissene Gesellschaft dar.

Aber: Wann nehmen wir unsere eigenen Privilegien im Alltag eigentlich wahr? Wann wird soziale Ungerechtigkeit sichtbar? Und vor allem, wie wird sie auch mutwillig sichtbar gemacht und für Diskriminierung genutzt? Genau darüber reden nun viele von denen, die das täglich erfahren. Das erzählt ganz viel über uns als Gesellschaft. Und es ist keine schöne Geschichte.

Wir müssen soziale Ungerechtigkeiten sichtbar machen

Der Autor Christian Baron der Wochenzeitung der Freitag hat am 8. November einen neuen Hashtag, #unten, ins Leben gerufen. Darunter schreiben Menschen, die selbst oder deren Familien von Armut oder Arbeitslosigkeit betroffen sind, von den diskriminierenden Erfahrungen, die sie dadurch täglich machen. Soziale Ausgrenzung ist für viele Menschen Alltag. Ob es der Name ist, der bestimmte Vorurteile mit sich zieht, das Milieu oder auch das Viertel, in dem man aufgewachsen ist oder der Beruf der Eltern bzw. die Arbeitslosigkeit von ihnen, die Zugänge zu Bildung oder Universitäten erschwert oder gar unmöglich machen – immer wieder greifen Vorurteile und repressive Strukturen in das Leben von Menschen ein. Und das ist nicht weniger als verbale Gewalt durch Menschen, die bewusst oder unbewusst Klassismus betreiben.

Genau deshalb ist es so unglaublich wichtig, dass unter den Hashtags wie #metoo und #metwo ganz gezielt über diese Themen gesprochen wird. Denn neben sexualisierter Gewalt, Sexismus und Rassismus, ist auch Klassismus ein Thema, über das noch viel mehr gesprochen werden muss. Und indem Menschen in den sozialen Medien den Mut haben, ihre Diskriminierungserfahrungen mit anderen zu teilen teilen und transparent machen, wo wir eben nicht gleich und gleichgestellt sind, können alle davon lernen, es besser machen.

Was beim Mitlesen besonders deutlich wird: Armut ist eben nicht nur eine ökonomische Belastung, sondern führt oft zu einem Kreislauf, weil sie dermaßen mit verschiedenen Klischees und Vorurteilen belastet ist, aus dem Betroffene kaum ausbrechen können. Ihnen wird die Chance dazu, sowohl auf politischer Ebene als auch im zwischenmenschlichen Miteinander, oft von anderen verwehrt oder erschwert. Von anderen, die mehr Privilegien haben, und von denen man sich eigentlich Unterstützung erhoffen sollen könnte – oder einfach nur, dass sie Armut nicht auch noch gegen Menschen verwenden. Wie sich das dann zeigt? Hier sind ein paar der Stimmen:

Das Thema auf die Agenda bringen


Twitter | Christian Baron @c_baronaldo

Twitter | Sebastian Friedrich @formelfriedrich

Menschen, die sozial–marginalisierten Gruppen angehören, machen oft die Erfahrung, dass ihnen der Zugang zu Bildung und beruflichen Perspektiven nahezu unmöglich gemacht wird. Ein familiärer Hintergrund – der ja oft auch gesellschaftlich bedingt ist, da andere von Armut oder Ungleichheit profitieren – wird dann als Label dafür genutzt, dass aus den Betroffenen „eh nichts werden könne“. 

Twitter | leseimdunkeln @lesenimdunkeln
Twitter | Anne Helm @SeeroiberJenny

Orte, Aussehen und Namen – all das kann mit einem gewissen Stigma versehen sein, das sich direkt auf Menschen überträgt – und das nicht nur von außen. Das Bewusstsein über die ungleichen Chancen kann bis tief ins Innerste Vordringen.

Twitter | Gabi F. @freyga5 Twitter | Sebastian Bär @Seb_Baehr 

Das Perfide: Oft wird Betroffenen auch noch vorgeworfen, dass sie selbst schuld an ihrer Situation sind, ob nun aus vermeintlicher Faulheit oder Dummheit. Es sind die ewigen  Klischees darüber, dass sie sich doch durch ihr Leben schmarotzen würden und zumindest ein wenig Dankbarkeit an den Tag bringen sollten. 

Aus einer privilegierte Position ist das ja auch nur allzu einfach – und es ist auch einfach, sich ständig über andere zu erheben, ohne je etwas zu hinterfragen. Aber damit muss Schluss sein! Deshalb tun wir alle gut daran, den Stimmen, die jetzt in den sozialen Netzwerken laut werden, zuzuhören, zu lernen und den Diskurs auf politischer, aber auch vor allem auf persönlicher Ebene weitzutragen. Veränderung kann nur passieren, wenn wir solidarisch handeln.

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