Foto: Simona Dietiker I www.momolandphoto.ch

Attachment-Parenting geht nur, wenn die Mutter zu Hause bleibt? So ein Quatsch!

Langzeitstillen, Tragen, Familienbett, Brei- und Windelfrei: Kinder die so aufwachsen, brauchen eine Mutter, die dauernd zu Hause ist?
Cinthia zeigt: Es braucht nur einen Partner, der zu Hause mehr Verantwortung übernimmt.

 

Als Frau die Hauptverdienerin? Rabenmutter! 

Hauptverdienerin zu sein, entspricht ganz und gar nicht dem Klischee einer gluckenhaften Attachment-Parenting-Mama. Denn arbeitenden Mütter wird auch heute noch schnell mal das Prädikat „Rabe” verliehen. Wer seine Kinder allerdings über das Mindestmaß hinaus trägt, lange Stillt und im Familienbett schlafen lässt, wird oft als unmoderne Glucke abgestempelt – die Story hinter dem Namen des Blogs Chez Mamapoule übrigens. Cinthia will beiden Klischees so gar nicht entsprechen: Ihre Kinder wachsen bedürfnisorientiert auf, ihr Mann betreut sie, Cinthia bringt das Geld nach Hause. Eine Frau also, die unserem Ruf der Attached-Parents gut tut.

Ich kenne Cinthia aus den FB-Gruppen, in denen sie als Admin unermüdlich andere Mütter auf ihrem Weg zu einer bindungs- und bedürfnisorientierten Elternschaft bestärkt. Als ich gehört habe, dass sie bei sich zu Hause die Hauptverdienerin ist und bereits fünf Monate (Anmerkung der Redaktion: In der Schweiz endet der Mutterschutz nach dreieinhalb Monaten) nach der Geburt ihrer Jüngsten arbeiten ging, wollte ich mehr über ihr Leben erfahren. Und lud Cinthia zu einem Gespräch ein.

Liebe Cinthia, Du bist die Hauptverdienerin, was gerade in der Schweiz immer noch ungewöhnlich ist. Wie kam es dazu?

„Einen Tag vor der Geburt unseres Sohnes erhielt mein Mann die Kündigung. Die Druckerei, in der er als Maschinenführer arbeitete, musste Arbeitsplätze abbauen. Ich hätte theoretisch bis zu zwei Jahre unbezahlte Elternzeit nehmen können, geplant war vor der Kündigung meines Mannes aber nur ein Jahr zu Hause. Mit der neuen Situation war für mich klar, dass es keinen Sinn macht, dass mein Mann Neckys sich nun einen neuen Job suchen musste, in dem er nicht glücklich werden würde. Außerdem würde er in Vollzeit weniger verdienen als ich in Teilzeit. Als mein Sohn sechs Monate alt war, nahm ich deshalb meinen 70-Prozent-Job wieder an.”

Wieso verdient dein Partner weniger als du?

„Er setzte als Jugendlicher auf eine Fußball-Karriere und schloss nie eine Ausbildung ab. Ausserdem ist seine dunkle Haut – was heute ja eigentlich kein Thema mehr sein sollte – eben leider doch ein Thema bei der Jobsuche.”

Wie schaffst Du es mit einem 70-Prozent-Pensum eine fünfköpfige Familie zu ernähren?

„Wir wohnen im Haus meines Vaters, genießen einen tiefen Mietzins. Und wir schränken uns relativ stark ein: Ferien sind bei uns beispielsweise nicht drin. Denn mir ist es wichtiger, dass ich nicht am Limit laufe, 100 Prozent arbeite und wir dafür zwei Mal im Jahr in den Urlaub fahren können. Lieber weniger arbeiten, dafür haben wir das ganze Jahr hindurch Quality-Time und mehr voneinander.”

Cinthia und ihre Familie. Bild: Simona Dietiker | www.momolandphoto.ch

Habt ihr bewusst entschieden, dass dein Mann zu Hause die Kinder betreut? Warum geht er nicht auch arbeiten?

„Zum einen würde sein Lohn komplett für die Kinderbetreuung draufgehen, was sich für uns nicht lohnt. Andererseits wollen wir nicht, dass unsere Kinder die Mehrheit von ihrer Zeit bei fremden Leuten verbringen und wir nichts von ihnen haben.”

Und wie geht es deinem Mann in der Rolle des Hausmanns?

„Er geht in der Rolle auf. Er hat sich zum Beispiel eine App runtergeladen, mit gesunden Rezepten und er kocht viel Gemüse für die Kinder. Er lässt sich voll auf sie ein, spielt mit ihnen, tobt rum. Er kann sie auch am Abend ins Bett bringen, auch die Jüngste. Das ,musste’ er ja als Hausmann auch erst lernen.”

„Was mein Mann zu Hause leistest, ist genauso wichtig, wie das was ich im Büro mache.”

Ein hartnäckiges Vorurteil lautet: Verdient frau mehr, führt das zu Krach in der Beziehung. Wie sieht es bei euch aus?

„Als unser Sohn auf die Welt kam verlor mein Mann die Rolle des Ernährers. Vor allem am Anfang hatte er Schwierigkeiten damit, dass ich diejenige bin, die das Geld nach Hause bringt. Ich glaube, im Mann ist es drin, der Ernährer sein zu sollen. Dazu kommt natürlich der gesellschaftliche Druck. Ich habe ihm immer erklärt, dass ich unsere Jobs als ebenbürtig sehe. Dass das, was er zu Hause leistest, genauso wichtig sei, wie das, was ich im Büro mache. Er legt den Grundstein für unsere Kinder, für das was aus ihnen wird. Und genauso wichtig wie, dass ich finanziell dafür sorge, dass wir etwas zu essen auf dem Tisch haben, genauso wichtig ist es, dass unsere Kinder gut betreut werden und liebevoll aufwachsen dürfen. Mittlerweile konnte ich ihn davon überzeugen. Krach haben wir nicht deshalb, sondern wegen anderen Kleinigkeiten oder mangelnder Kommunikation.”

Du hast beim dritten Kind bereits nach fünf Monaten, angefangen wieder zu arbeiten, wie ging es dir dabei?

„Am Abend vorher wollte ich heulen, schreien, kotzen. Ich habe meine Kleinste schon beim Gedanken an die Arbeit vermisst. Es fiel mir so schwer, positiv zu bleiben. Es war sehr schwer loszulassen, denn gerade bei ihr hatte ich das Gefühl, die Zeit sei geflogen. Ich hatte das Gefühl, mein drittes Kind viel weniger genossen zu haben.”

„Am letzten Abend meines Mutterschaftsurlaubes wollte ich heulen, schreien, kotzen.”

Hast Du irgendetwas für deinen ersten Arbeitstag vorbereitet?

„Drei Wochen vor meinem Arbeitsbeginn fing ich an, Milch abzupumpen. So standen im Kühlschrank über 700 Milliliter frische Muttermilch, im Tiefkühler hatte ich etwa drei Liter gefroren. Vier verschiedene Schoppen lagen zur Auswahl bereit, ein Schnapsglas, ein Löffel. Die Tragehilfen lagen bereit. Die Stoffwindeln waren gewaschen und ready, ebenso das Töpfchen. Meine Tasche mit Pumpzeug war gepackt und bereit.”

Und wie lief es dann, als du weg warst?

„Anfangs fand meine Tochter den Schoppen doof, mit dem Becher konnte Neckys sie besser füttern. Mittlerweile nimmt sie den Schoppen. Wenn ich zu Hause bin, gibt es nur die Brust.”

Cinthias Mann und zwei der drei Kinder. Bild: Simona Dietiker | www.momolandphoto.ch

Was hast Du aus der Sache gelernt?

„Mit das Wichtigste, wenn frau wieder arbeiten geht: Das Vertrauen zu haben. Das Vertrauen, dass das Kind nicht verhungern wird, dass alles irgendwie klappen wird. Dass es schwerfällt und frau weinen muss, ist normal. Aber ich hatte nie Angst, dass es meinen Kindern schlecht gehen wird in dieser Zeit.”

Und wie geht es dir heute? Bist du froh, um den Ausgleich oder willst du eure Arbeitsaufteilung am liebsten ändern?

„Schön wäre es, wenn wir uns ein wenig aufteilen würden und je 60 Prozent arbeiten würden. Die Kinder wären dann einen Tag in der Woche bei meinem Vater oder meiner Schwester, vielleicht auch bei einer Tagesmutter. Wir planen, dass Neckys im nächsten Sommer eine Ausbildung beginnt. Wir informieren uns jetzt nach Wegen und Möglichkeiten. Dass er aber wieder 100 Prozent arbeitet, möchte ich nicht. Denn diese Beziehung, die er mit den Kindern aufbauen konnte, ist unbezahlbar.

Verrätst du deine besten „Mom-Hacks“ für alle Mamas, die mit einem Stillkind in den Arbeitsalltag zurückkehren?

Die Rechte zu kennen (ab sieben Stunden Arbeitszeit haben Frauen Recht auf 90 Minuten bezahlte Pumpzeit) und diese mit dem Arbeitgeber gut abzusprechen. Eine gute Pumpe zu haben, deren Haube zur Brustgrösse passt. Für die Psyche einen kleinen Vorrat im Kühlschrank anlegen, um nicht unter Druck zu geraten, falls mal etwas weniger beim Pumpen kommt. Und ganz wichtig: verstehen, dass Ausstreichen nichts mit Streicheln zu tun hat, sondern eine Art „Melken” ist. Wenn frau diese Technik kennt, kommt auch keine Panik auf, wenn die Pumpe mal nicht funktioniert.”

Als zweifache Mutter empfinde ich die Kinder als eine richtige Probe für die Beziehung. Ihr habt drei, macht ihr bewusste Beziehungspflege?

„Natürlich ist die Babyzeit intensiv – für alle. In diesem Lebensabschnitt ist die Paarzeit nun mal nicht prioritär. Wir finden aber nicht, dass wir viel zu kurz kommen und wissen ja auch, dass die Babyzeit schnell wieder vorbeigehen wird. Aber im Alltag versuchen wir, unsere Inseln zu schaffen. Wir haben aber zum Beispiel angefangen, gemeinsam Serien zu schauen, wenn alle drei Kinder mal schlafen.”

Machen wir auch. Was schaut ihr?

Modern Family! Das ist sehr lustig und wir erkennen uns auch immer in den Protagonisten wieder.”

Ja, die Serie lieben wir auch. Zurück zum Stillen: Das ist dir ein Anliegen. Warum engagierst du dich so unermüdlich in der FB-Gruppe „Stillen Schweiz“?

„Beim ersten Kind wurde ich – wie viele andere – schlecht beraten, ich kannte die La Leche League nicht, wusste nicht, dass es sowas wie Stillberaterinnen überhaupt gibt. Es hieß: Stillen nach Zeitplan. Wenn das Baby schreit, Tee und Schnuller geben. Deshalb stillte ich dann relativ schnell ab. Beim zweiten Kind hatten wir Glück mit der Hebamme, die mich unterstützte. Das Stillen klappte gut, ich ging irgendwann zu einem Stilltreffen und lernte dort tolle Mütter kennen, die mich darin bestärkten, dass das Stillen etwas sehr Natürliches sei. Aus dieser Erfahrung heraus entstand das Bedürfnis anderen Müttern zu helfen und sie dabei zu unterstützen, ihre Entscheidungen nicht aufgrund von Ammenmärchen, sondern korrekten Informationen zu treffen.”

Als Admin einer solchen Gruppe investierst du extrem viel Zeit und bekommst kein Geld dafür. Ein undankbarer Job?

„Undankbar würde ich es nicht nennen, denn wenn Rückmeldungen von Frauen kommen, dass sie ohne mich nicht mehr Stillen würden, gibt mir das sehr viel. Ich mache das aus Überzeugung, für mich, weil es mir ein gutes Gefühl gibt. Weil ich gerne weitergebe, was ich gelernt, was ich erlebt habe.”

Was ist das Mühsamste am Muttersein?

„Einen drei-jährigen leidenschaftlichen FKKler anzuziehen zu versuchen, um raus zu gehen. In der Regel rennt er dann einfach halbnackt raus und ich muss ihn erst einfangen.”

Zeit mit ihren Kindern ist Cinthia sehr wichtig. Bild: Simona Dietiker | www.momolandphoto.ch

Und das Schönste?

„Da gibt es so vieles: Wenn die Kinder mich zufrieden anlächeln, die Worte ,Mami, ich hab dich meeeega lieb’, wenn sie ganz friedlich miteinander spielen …”

Das Interview von Ellen Girod ist zuerst auf ihrem Blog Chez Mama Poule erschienen. Wir freuen uns, dass sie es auch hier veröffentlicht. Alle Fotos hat Simona Dietiker von www.momolandphoto.ch gemacht.

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