Foto: Melina Furmann

Wir brauchen einen offeneren Umgang mit dem Thema Fehlgeburten

Autor*in
Melina Furmann

Unsere Community-Autorin Melina schreibt über ihre Fehlgeburt – und wie sie es geschafft hat, mit neuem Mut und Zuversicht in die Zukunft zu schauen. Mit ihrer Geschichte will sie anderen Müttern Mut machen, über ihre Erfahrungen zu sprechen.

Wann fängt das Muttersein an?

Ab wann ist man eigentlich eine echte Mama? War das überhaupt schon ein richtiges Leben? Ich persönlich finde, man ist eine echte Mama, sobald man den positiven Test in den Händen hält und die Verantwortung für dieses neue Leben übernimmt. Für mich war unser Baby nicht nur ein Zellhaufen. Spätestens als ich den Herzschlag sah, wurde mir bewusst, dass in mir ein richtiges Leben heranwächst und ich alles dafür geben werde.

Ich hatte immer furchtbare Panik vor dem Tod. Zu sterben, bevor ich jemals Kinder haben und meine Träume verwirklichen würde, machte mir besonders Angst. Das hat mich in den letzten Jahren zunehmend von diversen Dingen abgehalten, die mir zu riskant und nervenaufreibend waren, obwohl ich es früher geliebt habe, verrückte Sachen zu machen. Die Erfahrung meiner Fehlgeburt hat mir schließlich vielerlei Ängste genommen. Ich lebe wieder! Ich habe weder Angst vor Spinnen noch vorm Fallschirmspringen oder über meine Gefühle zu reden. Was soll denn jetzt noch Schlimmeres passieren? Das Leben geht weiter. Mit neuem Mut und Zuversicht.

Wohin mit meinen Gefühlen?

Schwanger werden. Das allein ist schon eine Kunst für sich. Wenn man sich mal einliest, was alles zusammenkommen und passieren muss, damit dieses Wunder geschieht, ist das schon ziemlich überwältigend und faszinierend. Als wir uns dazu entschlossen hatten, die Spirale ziehen und es darauf ankommen zu lassen, ging es ganz schnell. Im folgenden Zyklus wurde ich schwanger. Welch ein Wunder! Wo das doch meine größte Sorge im Leben war, nicht schwanger werden zu können. Siehe da – war ja ganz einfach. So richtig klar war mir das dennoch erstmal nicht. Leben und Tod liegen nah beieinander, so sagt man doch. So geschah es. Am 25.04.2019 starb meine fast 99-jährige Oma im Altersheim. Mit ihr bin ich in unserem großen Familienhaus aufgewachsen, dementsprechend war die Trauer groß.

Am nächsten Tag hatte ich einen Termin bei der Frauenärztin und war nun in der 8. Schwangerschaftswoche. Ich ging alleine hin, ich hatte nicht geahnt, dass es ein so besonderer Tag werden würde. Die Frauenärztin zeigte mir über den Ultraschall unser kleines Baby. Das Herz schlug fest. Ich wusste nicht, wohin mit meinen Gefühlen. Mir liefen ein paar Tränen herunter. Meine Oma war am Tag zuvor gestorben und mein Traum, dass sie ihr Urenkelkind noch in den Armen halten würde, würde nicht mehr wahr werden. Somit war die Freude gar nicht mal so riesig. Völliges Gefühlschaos.

Irgendwie hatte ich es geahnt

Neben meiner sehr starken und dauerhaften Übelkeit musste ich mich nun auch noch rechtzeitig um eine Hebamme, eine Geburtsklinik und so weiter kümmern. Doch eine weitere große Sorge war unsere Wohnsituation. Ich lebe mit meinem Freund in einer Ein-Zimmer-Wohnung. Für uns beide reicht es, wir besitzen und brauchen nicht viel. Außer im Winter, da fehlt ein gemütliches Wohnzimmer und eine Badewanne. Also begab ich mich auf die Suche nach einer neuen Wohnung. Kurze Zeit später hatte ich unsere Traumwohnung gefunden. Wir waren beide direkt verliebt und irgendwie war ich mir auch ziemlich sicher, dass wir sie bekommen. Pustekuchen. Mein Geheule war groß.

Der nächste Termin bei meiner Gynäkologin fand erst in der 13. Schwangerschaftswoche statt. Eine Stunde vor dem Termin wurde ich leicht nervös. Ich schrieb das meinen Mädels und auch, dass es mich nicht wundern würde, wenn unser Baby nicht mehr lebt. Ich hatte es anscheinend irgendwie geahnt. Zu diesem Termin nahm ich das erste Mal meinen Freund mit. Ich hatte mich die Tage zuvor schon sehr darauf gefreut, dass er nun auch unser Kind und das kleine schlagende Herz sehen würde. Mit den neuen Ultraschallbildern wollten wir es dem Rest der Familie und Freund*innen verkünden. Als ich auf dem gynäkologischen Stuhl lag, machte die Frauenärztin ein komisches und suchendes Gesicht. Mein Freund, der hinter mir stand, streichelte mir über den Arm. Es sah nicht gut aus. Kein intaktes Herz zu sehen. Das Baby so klein wie in der 8. Schwangerschaftswoche und die Plazenta wucherte. Unser Baby war bereits in der 8. Schwangerschaftswoche, irgendwann nachdem ich das kleine Herzchen am 26.04.2019 flimmern sah, gestorben.

In Ruhe trauern

Danach ging alles ganz schnell. Ich hatte mich für die Operation, die Ausschabung, direkt am nächsten Tag entschieden, da ich nun schon einige Wochen unser lebloses Baby in mir trug, wenn auch ohne es zu wissen. Ich wollte es so schnell wie möglich hinter mich bringen, um mich dann in Ruhe der Trauerarbeit zu widmen. Ich ließ mich insgesamt vier Wochen krankschreiben und das war für mich genau richtig so. Ich dachte viel nach, befasste mich zum ersten Mal ausgiebig mit dem Thema Fehlgeburt, führte interessante Gespräche und schrieb einige Gedanken und Erlebnisse in Briefen auf.

Der histologische Befund sagte aus, dass ich an einer Partialmole litt. Hierbei wurde eine Eizelle von zwei Spermien befruchtet. Somit gab es die doppelte Menge an väterlichen Chromosomen und der Embryo hätte sich nie richtig entwickeln können. Die Natur hat entschieden und gehandelt, und ich sehe es als Zeichen, dass wir noch nicht so weit waren. Ich bin mir aber absolut sicher, dass diese kleine Seele als Regenbogenkind zur richtigen Zeit wieder zu uns zurückkommt.

Keine Frau sollte sich alleingelassen fühlen

Ich bleibe stark und versuche, mich auf all das Positive an dieser Situation zu fokussieren. Ich bin unglaublich dankbar für diese Erfahrung und überhaupt schwanger geworden zu sein. Und auch dafür, dass es keine ernsthafte Blasenmole war. Und natürlich für meinen tollen Freund, Freund*innen und Familie, die immer für mich da waren und sind. Es verändert einen definitiv. Ich fühle mich stärker, mutiger und reifer als je zuvor. Dennoch ist es das Schönste und das Traurigste gleichzeitig, das mir je passiert ist. Aber leider auch das Normalste der Welt, der Natur.

Keine Frau sollte sich dafür schämen oder sich alleine gelassen fühlen. Offen darüber zu reden und damit umzugehen kann wirklich sehr helfen – es sollte kein Tabuthema mehr sein!

Ich möchte kein Mitleid. Ich möchte nur Mut machen, darüber sprechen zu können und dieses Thema nicht herunterspielen zu lassen.

Melina ist 29 Jahre alt und lebt zusammen mit ihrem Freund in Berlin. Auf Instagram findet ihr sie unter @melinaveronika.

  1. Das Problem ist, dass man es auch heute als Frau geheim halten MUSS. Nicht weil man sich schämt, sondern weil leider viel zu viele Arbeigeber einen sonst als „Frau die ein Baby bekommen will“ abspeichern. Und damit erledigenden sich alle Aufstiegsmöglichkeiten und spannenden Projekte.

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