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„In der Blase der Selbstperfektionierung ist für etwas wie eine Fehlgeburt kein Platz“

Mit der Erfahrung einer Fehlgeburt fühlen sich viele Frauen allein. Julia Stelzner möchte mir ihrer Online-Plattform „Das Ende vom Anfang“ dazu beitragen, dass offener darüber gesprochen werden kann.

 

Wenn die Schwangerschaft nicht hält

Viele Frauen, die mit Herzklopfen einen positiven Schwangerschaftstest in der Hand hielten und begonnen haben, sich die Zukunft mit Baby auszumalen, sind nur Tage oder wenige Wochen später mit der Realität konfrontiert, dass sie nicht mehr schwanger sind: Fehlgeburt. Für die allermeisten Frauen und Paare ist diese Erfahrung sehr schmerzhaft, ein belastender emotionaler Wechsel von Vorfreude auf Trauer. Etwas, über das man nicht so einfach im Büro oder Freundeskreis erzählt, obwohl Fehlgeburten zum Kinderkriegen dazu gehören. Etwa jede dritte Schwangerschaft endet noch vor der 12. Woche, häufig wissen die Frauen nicht einmal davon, weil die Schwangerschaft schon in der 4. oder 5. Woche endete und wie eine reguläre Monatsblutung wirkte. 

Die Journalistin Julia Stelzner hat eine Online-Plattform zum Thema geschaffen, das ihr bislang im Internet fehlte: Eine Seite, die gleichzeitig persönlich, einfühlsam und umfassend über Fehlgeburten informiert und sowohl Frauen als auch Expertinnen und Experten zu Wort kommen lässt. Die auf Fragen antwortet wie „Hätte ich die Fehlgeburt verhindern können?“ und Einblicke gibt, wie andere die Erfahrung verarbeitet haben.

Wir haben mit Julia über ihre Idee zu „Das Ende vom Anfang“ gesprochen und wie sich ändern ließe, dass Frauen sich mit dem plötzlichen Ende einer Schwangerschaft allein gelassen fühlen.

Ich hatte kürzlich eine Diskussion mit anderen Frauen darüber, ob Fehlgeburten heute noch ein Tabu-Thema sind oder nicht, und die Meinungen gingen weit auseinander? Wie siehst du das?

„Das Thema Fehlgeburt emanzipiert sich sehr langsam vom Tabu. Weil einige tolle Frauen es öffentlich machen. Wie Leandra Cohen von Manrepeller, die zuletzt ihre Geschichte auf ihrem Blog geteilt hat oder die „New Yorker“-Journalistin Ariel Levy, die unter anderem über ihre Fehlgeburt im fünften Monat ein Buch geschrieben hat. In unserer Gesellschaft sind auch andere vermeintliche Tabuthemen wie Panikattacken, Burnout oder Depressionen inzwischen Teil des öffentlichen Diskurses sind; zuletzt sogar Abtreibungen. Das wird bei Fehlgeburten hoffentlich auch bald so sein, ist aber eindeutig noch nicht der Fall. Es fällt den meisten schwer, offen darüber zu sprechen. Das hat auch viel mit Trauer, einem Gefühl von Versagen und Verletzlichkeit zu tun. Und so überwiegt das Schweigen, sprich das Tabu.“

Nicht-Schwanger-Werden-Können, Eileiterschwangerschaften, Fehlgeburten. Diese Erlebnisse treffen Frauen immer noch unvorbereitet. Woran liegt das aus deiner Sicht?

„Eben genau aus dem Grund, dass darüber so wenig gesprochen wird. Oft weiß man nicht mal von einer Freundin oder Bekannten, die man seit Jahren kennt, von deren Fehlgeburt. Um die ersten zwölf Schwangerschaftswochen wird ein Geheimnis gemacht. Ebenso um die ersten (erfolglosen) Versuche, schwanger zu werden. Keine Frau will als eine gelten, bei der etwas vermeintlich Natürliches nicht klappen will oder die ,Anlaufschwierigkeiten‘ hatte. Es liegt auf jeden Fall eine große Diskrepanz vor zwischen den klinischen Raten beziehungsweise Befunden, etwa denen, dass jede dritte Frau eine Fehlgeburt erleidet, und der öffentlichen Thematisierung. Ich bin deshalb fest der Meinung, je mehr davon berichten, desto normaler wird es. Jedoch befinden wir uns in einer Blase der Selbstperfektionierung, in der in den sozialen Medien nur Über-Positives gezeigt wird. In den Generationen vor uns, als das noch nicht so war, waren Fehlgeburten beziehungsweise der Umgang damit etwas Normaleres, etwas Alltäglicheres.“

Muss das Informationsangebot über Fehlgeburten noch besser werden, beispielsweise über Häufigkeit und Ursachen aufklären?

„Definitiv! Klar sollte man keine Frau gleich mit einem Worst-Case-Szenario konfrontieren, aber doch ein Bewusstsein dafür schaffen, dass nicht alle Schwangerschaften gut ausgehen oder ein positiver Schwangerschaftstest – so wie es im TV-Sport suggeriert wird – nicht automatisch zehn Monate später Windeln wechseln bedeutet. Es bleibt aber eine schwere Gratwanderung: Man will ja auch niemanden die Unschuld, Freude und Hoffnung nehmen.“

Aus welchem Beweggrund hast du die Website „Das Ende vom Anfang“ ins Leben gerufen?

„Aus allen zuvor genannten Gründen: Zuallererst, damit Frauen, denen so etwas passiert ist, sich nicht alleine damit vorkommen. Meine Website soll so einerseits ,solidarisierend‘ und gemeinschaftsstiftend, aber anderseits auch aufklärend sein. Deshalb auch die Experteninterviews, zum Beispiel mit einem Chefarzt, einer Hebamme oder einer Reproduktionsmedizinerin, die auf die wichtigsten Fragen zu Fehlgeburten fundierte Antworten liefern. Mein Ziel war eine Initiative auf Augenhöhe, nachdem ich selbst Artikel zum Thema vermisst habe. Und auch das Persönliche beziehungsweise Personalisierte war mir wichtig, welches Frauen- und Schwangerschaftsforen, in denen nur anonym und fragmentarisch geschrieben wird, nicht bieten können. “

Wie beurteilst du die Versorgung und medizinische Betreuung von Frauen, die eine Fehlgeburt erlebt haben? 

„Es kann erst sehr anstrengend sein, wenn man auf der Rettungsstelle mehrere Stunden mit starken Schmerzen, Blutungen und nicht zuletzt ganz viel Unsicherheit sitzt. Für die Ärzte sind Fehlgeburten Alltag. Sie sehen so etwas jeden Tag ein Dutzend mal. Ihr Ziel ist es, die Frau medizinisch zu behandeln und danach wieder körperlich aufzubauen. Die psychische Ebene bleibt dabei leider auf die Strecke. Um die muss sich die Frau selbst kümmern. Eine tolle Chance wären ambulante Sprechstunden mit Hebammen oder Psychologen in diesen Tagen. So wird man meistens nicht informiert, dass man auch bei einer Fehlgeburt Anspruch auf eine Hebammen-Sprechstunde hat. Nur sind die wiederum leider auch überlastet, sodass es schwierig wird, danach einen Termin zu bekommen.“

Siehst du Fehlgeburten als „Frauenthema“?

„Nicht ausschließlich, aber überwiegend: ja. Es sind und bleiben die Frauen, die den Verlust nicht nur mental, sondern auch körperlich verkraften müssen. Angefangen vom rapiden Abbau des Schwangerschaftshormons HCG und den damit einhergehenden Stimmungsschwankungen, der OP mit Vollnarkose, über tagelange Blutungen und Krämpfe bis zum Wiedereinpendeln des Zykluses. Da muss die Frau alleine durch, auch wenn ihr der Mann noch so toll mental beisteht. Dennoch sollte es ein Thema sein, das alle betrifft. Wenngleich der Umgang mit Tod und Trauer überhaupt hierzulande ein sehr diskreter ist, bei dem die Unsicherheit überwiegt.“

Du hast in den letzten Monaten mit vielen Frauen gesprochen, die diese Erfahrung gemacht haben. Kannst du davon etwas teilen, was nach dem Erlebnis geholfen hat?

„Auch wenn es sich reichlich abgedroschen und von daher nüchtern anhört: Die Zeit heilt tatsächlich viele Wunden. Vielen hat eine Reise mit dem Partner gut getan, eine Auszeit im Ausland. Andere wurden von Familie und Freunden liebevoll aufgefangen, oder hatten schon Kinder und wurden abgelenkt. Andererseits wissen viele nicht, wie sie reagieren sollen, wenn so etwas im Umfeld passiert ist und halten sich eher zurück, statt auf die Person zuzugehen. Dabei zeigt gerade häufiges Nachfragen oder eine spontane Suppe von Mitgefühl. Eine glückliche Schwangerschaft bzw. ein Baby danach versöhnt natürlich auch mit dem Gewesenen. Und sagt einem irgendwie auch, dass doch alles ,funktioniert‘.“

Wie soll es weitergehen mit der Plattform?

„Ich höre unglaublich oft von Frauen, wie wichtig und toll sie es finden, dass es nun dafür eine Plattform gibt. Von sich selbst erzählen wollen allerdings nur wenige. Das ist schade. Aber ich kann zu gut nachvollziehen, wie schwer der Schritt fällt, so etwas öffentlich zu machen. Trotzdem würde ich mir sehr wünschen, dass viele weitere tolle Frauen ihre Geschichte erzählen. Die müssen sie auch nicht selbst aufschreiben. Es gibt auch Interviews auf der Seite, in denen ich Frauen ein paar Fragen zu ihren Erfahrungen stelle. Je mehr Frauen, auch solche, die bekannt sind, es sind, desto weniger ungewöhnlich und tabuisiert wird das Thema. Aus dem bisherigen Feedback bzw. persönlichen Erlebnissen kristallisiert sich auch der Wunsch nach einem persönlichen Austausch heraus. Deshalb plane ich auch eine Facebook-Gruppe, in der Frauen sich vernetzen und austauschen können und Relevantes zum Thema einen Platz findet.“

Auf der Plattform „Das Ende vom Anfang“ findet ihr schon einige Interviews mit Expert*innen und Erfahrungen von unterschiedlichen Frauen. Wenn ihr selbst über eure Fehlgeburt schreiben möchtet oder Julia euch interviewen darf, könnt ihr euch über hallo@dasendevomanfang.de an sie wenden.

Titelbild: depositphotos.com

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