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Als Paar gleichberechtigt sein? – „Wir leben in einer Welt, die uns zu Ungleichen macht“

„Wir schaffen es nicht, modernen Rollenmodellen zu entsprechen und zwei gleichberechtigte Menschen zu sein.“ Unsere Community-Autorin Barbara hat über die Schwierigkeiten geschrieben als Paar gleichberechtigt zu leben.

Mein Zuhause, das seid ihr

Ein Blätterhaufen jagt an mir vorüber und ich ihm nach, hinein in die Dunkelheit. Der Tag war scheiße. Und mehr als das. Ich will nur noch eines, nach Hause. Zu euch. Und während ich weiter dem Ostwind nachjage, spielt sich in meinem Kopfkino ein Kurzfilm ab. Der passiert in sehr naher Zukunft, nicht mal zwei Stunden stopchrono von jetzt und zeigt mir, wie es heute Abend sein wird, zu Hause. Mein Zuhause, das sind eure hellen Stimmen, die laut juchzen, wenn ihr in der Tür den Schlüssel hört. Das sind eure verstopften Nasen, die ich mit Salben und Spray pflege. Das sind die Kumpels, von denen ihr mir erzählt, und die mal wieder nicht mit euch spielen wollten oder nicht dasselbe Spiel wie ihr. Das sind die Hausaufgaben, die wir jeden Tag zusammen machen und die eigentlich viel zu lang dauern. Das sind die Ferien und der Geruch von Sonne und Wind auf eurer Haut und in eurem Haar.

Das ist der Moment, an dem ich Tür zu eurem Zimmer öffne. Ihr schlaft noch nicht, aber liegt schon in euren Betten. Ich kann die leuchtenden Augen sehen, das Lächeln in eurem Gesicht. Und dieses magische Bewusstsein in mir, hey, du kannst Menschen glücklich machen, einfach so und nur weil du ihre Mama bist. So ist es immer. Und es ist so schön diese magische Wirkung auf euch zu haben, vom ersten Moment an, euer erleichtertes Lächeln, wenn ihr mich seht, dass mir sagt, du bist da, alles ist gut. Und ich werde euch umarmen und mich zu einem von euch ins Bett kuscheln, weil auf dem anderen Bett, da wird schon jemand sitzen. Er.

Wir schaffen es nicht, moderne Rollenmodelle zu leben

Die Wärme der Bahnhofshalle empfängt mich, das Licht lässt meine Augen blinzeln und ich stelle erstaunt fest, dass da in meinem Herzen auch eine kleine Heizung angeht, als die Kamera in meinem Kopf über sein Gesicht fährt. Auch er lächelt, und ich weiß genau, was er sagen wird: „Gut, dass du wieder da bist!“ Dabei ist schon seit einer ganzen Weile nichts mehr zwischen uns gut. Ich kann nicht sagen, wann das angefangen hat, dass wir uns so voneinander entfremdet haben. Sicher nicht mit den Streitereien der letzten Monate. Und auch nicht mit dem Schweigen der letzten Wochen, dass sich zwischen uns eingestellt hat, wie ein dämlicher Waffenstillstand. Uns ist beiden klar, dass wir dem Konflikt nur aus dem Weg gehen, aber wie sollen wir ihn beseitigen, wenn wir nicht mal wissen, wie er begonnen hat?

Vor uns liegt ein Mienenfeld. So ungefähr wie eure Spielsachen, die ihr überall im Haus verteilt. Dinosaurier auf der Toilette, Legosteine auf dem Küchentisch, Matchboxautos unter dem Sofa, keine Ecke ist vor euch sicher. Überall breitet ihr euch aus. Und unsere Streitereien auch. Wieder ist einer von euch krank. Wer bleibt jetzt zu Hause? Wer steht nachts auf, um die Kotze weg zu wischen und wer wäscht das Bettzeug noch in der Nacht, damit es am Morgen nicht so stinkt? Wieder hat jemand ein Diktat vergeigt, eine Matheübung nicht begriffen, wer setzt sich jetzt hin und lernt mit euch? Wir sind allein mit euch und unseren Sorgen um euer Wohl und eure Zukunft – und ihr seid allein mit uns und unserer Unfähigkeit, allen Ansprüchen gerecht zu werden. Wir schaffen es nicht, modernen Rollenmodellen zu entsprechen und zwei gleichberechtigte Menschen zu sein. Termine wie Logopäde, Ergotherapie, Kieferorthopäde, Röntgen, Lehrerbesprechungen und so weiter türmen sich wie eure Kaplatürme vor uns auf.

Das Gender-Pay-Gap ist eine Fliegenklatsche, die die beruflichen Ambitionen vieler Mütter erschlägt…

Aber es türmt sich eigentlich eher doch vor mir auf. Nicht vor ihm, eurem Papa. Er hat immer noch das Argument, dass sein Gehalt unser Überleben sichert. Er deswegen nicht zu Therapien, zum Röntgen, zum Zahnarzt oder zu der Besprechung mit den Lehrer*innen kann. Sein Job ist die Fliegenklatsche, mit der er meine berufliche Freiheit erschlägt.

Und das Schlimmste ist: er hat Recht. Unsere Familie kann ich nicht finanzieren. Meine Karriere ähnelt einem Schweizer Käse, oder was die Jahre als Alleinerziehende vor unserer Familiengründung davon übrig gelassen haben. Also bin ich es, die vor dem Schultor steht, um euch hier hin und dorthin zu karren. Schuhe zu kaufen oder die Zeit in Wartezimmern abzusitzen. Und überhaupt, um sein Gehalt halten zu können, muss er auch die Arbeitsbedingungen akzeptieren. Und die sind hart, um nicht zu sagen brutal. Er muss vor allem eines, seine Klappe halten. Sich gefallen lassen, dass ein unzufriedener Kunde ihn beschimpft. Und mit der Angst leben, gefeuert zu werden, wenn er nicht mehr den hohen Ansprüchen in seinem Betrieb genügt. Eine Angst, die er mit sich nach Hause trägt. Und die lungert zwischen den Wänden herum und überfällt uns manchmal einfach und unvorhergesehen. Ihr seht dann hilflos zu, wie wir uns vor euch zerfleischen. Wie wir übereinander herfallen, wie zwei hungrige Tiere, die sich zwar nicht mit ihren Reißzähnen oder Klauen, sondern nur mit Worten zerfetzen. Einfach nur, weil unsere Interessen in verschiedene Richtungen laufen.

…und manchmal die Liebe gleich mit

Allzu oft ist der Auslöser eine Kleinigkeit. Niemand hat den Beutel rechtzeitig aus dem Staubsauger gezogen. Das Teil war längst im Gerät explodiert, wir haben wohl seit Wochen einfach ignorant nur heiße Luft gesaugt. Den Riss im Innern des Systems völlig übersehen. Und die vielen kleinen Staubpartikel, die ich letzte Woche aus den Ritzen kratzte, waren für mich nur eine weitere Metapher meines in Einzelteile zersprungenen Lebens.

Wir sind wie Tiere, die an einer Leine hängen, aber in unterschiedliche Richtungen ziehen, jeder für sich und nur wenn der andere nachgibt, kann der eine gewinnen. Und ihr seid die, an die wir fest gebunden sind. Wir schaffen es nicht, euch mit uns zu ziehen, so lange ihr in der Mitte des Kreises sitzt und jeder von uns in eine andere Richtung will. Und trotzdem geht es weiter. Manchmal fühlt es sich nicht so an, aber es geht weiter, millimeterweise und dann kommen Kilometer. Die der Alltag einfach so unter unseren Füßen weggezogen hat, wie jetzt der Zug mit mir über die Schienen rattert. Und vielleicht auch nur, weil die Zeit vergeht, ihr trotz aller Schwierigkeiten immer größer werdet und wir beide immer noch da sind.

Warum bleibst du, ist die Frage, die ich mir seit heute nicht mehr stelle. Ich habe sie in den letzten Monaten in meinem Kopf herum geschoben wie eine Kugel, die weg musste, aber für die es keinen Ausgang gab. Und weil ich genau weiß, dass der einzige Ausweg der ist, diese fragile Einheit zu zerbrechen, die wir trotz allem sind. Und weil ich noch besser weiß, dass weder mein Herz noch mein Hirn dieses andere Kino im Kopf aushalten will und wird: Ich komme in euer Zimmer und er ist nicht da. Nicht sein Lächeln und seine Worte, mit denen er versucht sich zu entschuldigen, dafür, dass wir in einer Welt leben, die uns zu Ungleichen macht. Und weil er eigentlich anders will und nicht kann.

Und ich bleibe für euch. Nicht wegen euch. Nicht ihm zum Trotz. Ich bleibe für euch, unsere Kinder, weil ihr unser Ziel seid und unsere Bestimmung. Ihr seid die Empfänger unserer Zärtlichkeit, unserer Energie, unseres Enthusiasmus und unserer Liebe. Und ihr seid das Beste zu dem wir in der Lage sind, zusammen und auch getrennt. Ihr seid die Menschen, in deren Interesse wir instinktiv zu handeln wissen, selbst wenn wir sonst nicht mehr viel vom Leben verstehen. Und wir handeln, mal gut, mal schlecht, mal mehr recht als schlecht, vom Morgen bis zum Abend und immer mit dem besten Gewissen. Ich bleibe für euch, die Kinder, die ich mir von ihm gewünscht habe, von ihm und keinem anderen. Ich bleibe, weil ich sicher bin, dass es besser ist, euch mit ihm zusammen aufwachsen zu sehen, aller Verletzungen zum Trotz. Weil er euer Vater ist, und weil er der Mensch ist, der es am besten versteht, uns doch alle zusammen glücklich zu machen.

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