Foto: Gregor Kuntscher

Yetnebersh: „Es ist ungerecht, wenn sich ein gehörloses Kind nicht in Gebärdensprache weiterbilden kann“

Yetnebersh Nigussie gehört zu den drei ersten Frauen mit Behinderung, die an der äthiopischen Universität von Addis Abeba ihr Jura-Studium abgeschlossen haben. Als Rechtsanwältin und Aktivistin setzt sie sich für die Rechte von Menschen mit Behinderung ein.

„Niemand hat mir zugetraut, dass ich die Uni abschließen könnte“

Yetnebershs bedeutet „wo bist du gewesen“ in ihrer Landessprache Amharisch. Denn das kleine Mädchen wurde bereits sehnsüchtig erwartet, als sie 1982 in einer ländlichen Region Äthiopiens geboren wird. Ihre Mutter war vergleichsweise alt, als sie im Alter von 14 Jahren ihre Tochter zur Welt bringt. Fünf Jahre nach ihrer Geburt erblindet Yetnebersh. Die Leute aus ihrer Gemeinde, die sich um sie sorgen, vermuten eine Meningitis. Aber im abgelegene Dorf im Norden Äthiopiens fehlt der Zugang zu Medikamenten.

Nicht sehen zu können, empfindet Yetnebersh rückblickend dennoch als Segen. Im Gegensatz zu den anderen Frauen in ihrer Familie wird sie nicht gegen ihren Willen verheiratet. Anstatt dessen darf sie als einziges Kind in der Familie zur Schule gehen.

Heute setzt Yetnebersh sich für die Rechte von Menschen mit Behinderung ein. Sie gründete das Ethiopian Center for Disability and Development mit und engagiert sich in der Organisation Light for the World. 2017 bekam die zweifache Mutter den Right Livelihood Award verliehen, der als alternativer Nobelpreis gilt. Wir haben mit Yetnebersh im Interview darüber gesprochen, wie wir Ungerechtigkeiten überwinden können.

Liebe Yetnebersh, wie wäre dein Leben verlaufen, wenn du nicht erblindet wärst?

„Wenn ich die Behinderung nicht haben würde, dann wäre ich jetzt zwangsverheiratet. In der äthiopischen Gemeinde, aus der ich stamme, werden Mädchen schon ab acht Jahren verheiratet. Aufgrund meiner Behinderung wurde ich jedoch als ungeeignet befunden und als Belastung für die Familie angesehen.
Meine Behinderung wurde als Defekt angesehen. Das ist ein weit verbreitetes soziales Vorurteil in Äthiopien, aber auch auf der ganzen Welt. Die Gemeinde dachte, meine Blindheit sei ein Fluch und eine Bestrafung von Gott. Das geweihte Wasser, mit dem man versucht hat, mich zu heilen, wirkte natürlich nicht. Meine Großmutter lebte damals in der Hauptstadt Addis Abeba. Als sie mitbekam, dass ich blind bin, schlug sie meinen Eltern vor, mich in die Stadt zu schicken, um bei ihr zu wohnen und eine Ausbildung zu machen. Sie war es, die eine Veränderung in meinem Leben gebracht hat. Denn bis dahin bestand das hauptsächlich daraus, traditionelle Heilmethoden über mich ergehen zu lassen.“

Wie ging für dich das Leben in der Stadt weiter?

„Ich bin in Addis Abeba in eine katholische Schule für blinde Kinder gekommen, die von Nonnen geführt wurde. Ich hatte gute Noten und habe viele Freund*innen gefunden. Ich habe immer gedacht, dass Frauen von Natur aus Führungspersönlichkeiten sind, weil ich von so vielen Frauen erzogen wurde: die Nonnen, meine Großmutter und Mutter.

Bildung war der Wendepunkt in meinem Leben, der es mir ermöglicht hat, unabhängig und stark zu sein. Ich war das einzige Kind in meiner Familie, das eine Ausbildung erhalten hat – aufgrund meiner Behinderung.

Bis zur sechsten Klasse ging ich zur Sonderschule und war umgeben von Klassenkamerad*innen, die auch eine Behinderung hatten. Als ich auf das staatliche Gymnasium wechselte, wurden mir einige Dinge zum ersten Mal bewusst. Von den 7.000 Schüler*innen hatten nur etwa 20 eine Behinderung. Niemand dort wollte mit mir befreundet sein. Da hab ich gespürt, wie diskriminierend andere Menschen sein können, wenn sie Vorurteile und Barrieren im Kopf haben.“

Wie bist du als junges Mädchen damit umgegangen?

„Trotz der Diskriminierung habe ich mich dazu entschieden, meine Einzigartigkeit zu meiner Stärke zu machen und die beste Schülerin zu werden. Dann wollten auf einmal alle mit mir befreundet. Wegen dieser Erfahrung mit Ungerechtigkeit habe ich mich entschieden, Jura zu studieren Ich wollte Antworten auf die Fragen haben, warum Leuten wie mir das Recht so oft das Recht auf Inklusion und Eingliederung in die Gesellschaft verweigert wird.“

Wie hast du das Studium erlebt?

„Das Studium der Rechtswissenschaften als Frau – insbesondere mit einer Behinderung – war eine weitere Herausforderung. Ich war eine der ersten drei blinden Frauen, die an der Juristischen Fakultät der Universität Addis Abeba studiert haben. Jede dort war sich sicher, dass wir früher oder später rausgeschmissen würden oder aussteigen müssten. Aber alle drei von uns haben eine erfolgreiche Karriere gemacht. Wir haben auch den Weg für andere Frauen mit und ohne Behinderung geebnet, dort zu studieren, indem wir den weit verbreiteten Vorurteilen gegenüber gebildeten Frauen getrotzt haben.“

Ihr habt euch gegen die diskriminierenden Strukturen erhoben. Wie ist es euch damit ergangen?

„Während meiner Studienzeit habe ich eine Studentinnenvereinigung mit gegründet und den Frauenflügel der Blindenvereinigung Äthiopiens geleitet. Ich war immer sehr daran interessiert, in dieser Welt etwas zu bewirken und meine Fähigkeiten zur Verbesserung unserer Gesellschaft einzusetzen. Wenn Frauen sich gegenseitig unterstützen, können sie sich entwickeln und ihr Potenzial ausleben. Deswegen habe ich zusammen mit Light for the World einen globalen Preis für Frauen mit Behinderungen gegründet: Her Abilities Award.“

Was ehrt der Award?

„Wir wollen damit die Fähigkeiten von Frauen sichtbar machen und sie weiter unterstützen. Die Auszeichnung zielt darauf ab, die Wahrnehmung von Frauen mit Behinderungen zu verändern, weil wir uns auf das konzentrieren, was sie können und nicht auf das, was sie nicht können. Menschenrechte, Kunst, Sport, Kultur, Bildung – Frauen leisten Großartiges und dabei ist es egal, ob sie sehen können oder nicht, ob sie sich mit einem Rollstuhl fortbewegen oder nicht. Im ersten Jahr haben wir 159 Nominierungen von Frauen aus 52 Ländern auf der ganzen Welt erhalten. Es ist wirklich faszinierend zu sehen, wie viele erstaunliche Frauen mit Behinderungen auf der ganzen Welt Herausragendes leisten!“

Woher nimmst du deine Energie für deinen einsatzreichen Aktivismus?

„Ich trauere nicht über meine Behinderung. Ich bin dankbar dafür, denn dadurch habe ich meine anderen Fähigkeiten erkannt, die mehr sind als in Nervenimpulse umgewandeltes Licht.

Menschen mit Behinderungen leiden unter extremer Armut, andauernden Menschenrechtsverletzungen, systematischer Diskriminierung, sozialer Ausgrenzung und Vorurteilen in politischen, sozialen und wirtschaftlichen Bereichen. Aber ich bin unendlich motiviert, der Gesellschaft zu zeigen, dass auch wir Stärken und Schwächen haben – so wie alle anderen. Leider ist diese Form von Vielfalt noch nicht bei allen angekommen. Dabei leben über eine Milliarde Menschen mit Behinderung auf dieser Welt. Als Anwältin fühle ich mich verpflichtet, die Zukunft inklusiv zu gestalten und Hindernisse abzubauen.

Meine Aktivismusarbeit richtet sich daher an Familien, Entscheidungsträger*innen der lokalen und globalen Ebene und vor allem an Menschen mit Behinderungen, die sich selbst nicht lebenswert fühlen. Ich schreibe, spreche und kommuniziere ununterbrochen über die Notwendigkeit, die Barrieren für Menschen mit Behinderung zu überwinden. Die Hindernisse behindern uns, nicht die Behinderung.“

Wo siehst du die größten Herausforderungen?

„Die Ungerechtigkeit liegt überall: Es beginnt schon zu Hause, wenn ein Kind mit einer Behinderung nicht in einem Einkaufszentrum oder auf einem Spielplatz oder im Wohnzimmer teilhaben kann. Ungerechtigkeit passiert in Schulen, wo Bildungssysteme, Lehrer*innen und Lehrplänen nicht in der Lage sind, den Bedürfnissen der Kinder gerecht zu werden. Es ist ungerecht, wenn sich ein gehörloses Kind nicht in Gebärdensprache weiterbilden kann, wenn alle anderen Kinder ermutigt werden, sich in ihrer Muttersprache Wissen anzueignen. Unrecht am Arbeitsplatz erfolgt, wenn allen Mitarbeiter*innen das zur Verfügung steht, was sie zur Arbeit benötigen – nur den blinden Mitarbeiter*innen nicht. Die Ungerechtigkeit liegt auch in Richtlinien, Strategien und Gesetzen, wenn diskriminierende Praktiken und Denkweisen in Dokumente, Erklärungen und Manifestationen eingebettet werden. Die Kombination von all diesen Dingen produziert eine ungerechte Welt, in der Weiterentwicklungen gehemmt werden.“

Wie können wir Menschen mit Behinderung als Teil unserer Gesellschaft mehr sichtbar machen?

„Um den Kreislauf von Armut und Behinderung zu durchbrechen, müssen wir bei allen Entwicklungen gezielt Frauen und Mädchen mit Behinderungen ansprechen. Es ist unabdingbar, sich die Fähigkeiten von Frauen mit Behinderungen anzuschauen und ihre Vielfalt anzunehmen. Spezifische Programme, die auf diese Bevölkerungsgruppen abzielen, kombiniert mit Mainstream-Programmen, bei denen Vielfalt erkannt wird, sind ein Ausweg aus Ungleichheiten. Vor allem das Verständnis der Intersektionalität von Ungleichungen ist enorm wichtig, um niemanden zurückzulassen. Frauen mit Behinderungen genauso wie Gleichaltrige ohne Behinderungen brauchen Vorbilder, um den Wandel in der Gesellschaft insgesamt zu inspirieren und zu organisieren.“

Auch 2019 wird der Award von Light for the World wieder verliehen. Nominierungen sind ab dem Weltfrauentag am 8. März wieder möglich.

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