Foto: Gudrun Senger

Kontrolliert, manipuliert und abkassiert – werden Mütter wirklich so schlecht behandelt?

Die Schriftstellerin Alina Bronsky und die Geburtshelferin Denise Wilk haben mit „Die Abschaffung der Mutter“ ein umstrittenes Buch vorgelegt, in dem sie die zunehmende Bevormundung und Verunsicherung von Müttern beklagen.

Mütter: belächelt und bevormundet?

„Mütter werden zunehmend bevormundet, kleingehalten und überwacht. Neuerdings gelten sie nicht nur als grundsätzlich inkompetent, sondern auch als entbehrlich und ersetzbar. Wer im Beruf und Alltag ernst genommen werden will, der lässt die Bedürfnisse seiner Familie am besten unter den Tisch fallen. Schritt für Schritt vollzieht sich so die Abschaffung der Mutter“ – ziemlich steile Thesen, die Alina Bronsky und Denise Wilk in ihrem gerade erschienen Buch aufstellen.

Die beiden haben zusammengezählt zehn Kinder (Stiefkinder nicht mitgerechnet) und schildern ihre Beobachtungen zur Veränderung der Mutterrolle in den letzten 20 Jahren. Aus ihrer Sicht sind diese Veränderungen alles andere als positiv. Die Absolutheit der Argumente befremdet oft beim Lesen, wichtige Denkanstöße bietet das Buch trotzdem. Wir veröffentlichen einen Auszug aus Kapitel 7: „Die Mutter in der Häschenschule“:

Jeder ist ein Experte für dein Kind

Als unsere Großen klein waren, galt es als exotisch, das Baby am Körper zu tragen. Die inzwischen verpönte Tragehilfe Babybjörn existierte friedlich neben den meterlangen Tragetüchern, deren Bindeweise sich über Anleitungen oder mit Hilfe von erfahrenen Freunden erschließen ließ. Waren wir so mit unserem Nachwuchs unterwegs, wurden wir höchstens gefragt, ob das Kind darin nicht ersticke oder bucklig heranwachse.

Diese Fragen sind, zugegeben, seltener geworden. Inzwischen erleben Mütter mit Baby am Körper ganz andere Kommentare: zu der Auswahl ihrer Tragehilfe und der Art, sie einzustellen oder zu binden. Es ist erstaunlich, wie viel man da falsch machen kann – und wie viele Trageexperten sich Gedanken machen über die korrekte Anhock-Spreiz-Haltung und deren Auswirkung auf die Hüftgelenke unserer Jüngsten. Die simpelste Form des Kindertransports überhaupt ist vom Geheimtipp zu einem Geschäft geworden. Das hat auch erfreuliche Seiten: Noch nie gab es so eine Auswahl an Modellen, Stoffen und Farben. Noch nie gab es aber auch so viele Aus- und Fortbildungen, Kurse, Zertifikate – und vor allem ungebetene Ratschläge.

Auch wenn wir jedem ein Zubrot gönnen: Der Trend, Selbstverständlichkeiten als Lerninhalt zu kommerzialisieren und den Müttern als Kompetenz zu vermitteln, die eines organisierten Unterrichts bedarf, stört uns dann doch. Statt Ratschlägen unter Gleichgesinnten und Austauschs auf Augenhöhe wird die Mutter zu einem Lehrling in Fragen der Babyversorgung degradiert, der gegen Kursgebühr unterrichtet wird.

Und der Lernstoff geht einem nie aus. Inzwischen können Eltern nicht nur, wie seit Jahrzehnten erprobt, an einer Puppe lernen, wie man ein Baby badet, wickelt, hält und ihm die Söckchen anzieht. (Wir haben, obwohl wir unsere ersten Kinder sehr jung bekommen haben, auf diese Kurse verzichtet und all unsere Kinder vermutlich ganz falsch gewickelt.) Mittlerweile gibt es auch spezielle Kurse für unterschiedliche Wickeltechniken. Gerade für Stoffwindeln lassen sich diverse Beratungen buchen. Wer gar nicht wickelt, kann stattdessen einen Windelfrei-Workshop in „Elimination Communication“ besuchen. Klingt kompliziert, bedeutet aber schlicht, auf Zeichen des Kindes zu achten, dass es zur Ausscheidung gewillt ist, um rasch darauf zu reagieren. Eine uralte Technik, deren simple Grundidee – das eigene Kind aufmerksam zu beobachten und seine ­Signale zu deuten – als neumodisches Insiderwissen verkauft wird.

Wir bestreiten keineswegs, dass das bunte Kursangebot zuweilen auch von Menschen gestaltet wird, die Mütter in ihren vorhandenen Ressourcen stärken und ihnen Zuversicht und Selbstbewusstsein vermitteln wollen. Wir wissen aber auch, dass die Realität oft ander  ist. Die Verunsicherung wird geschürt, die erlernte Hilflosigkeit wird selbst in den einfachsten Alltagsdingen zu einem Teufelskreis aus Expertenglauben und eigener Ohnmacht.

Je ein Kurs fürs Essen, Kacken und Sprechen

So rasch wie nie wechselt sich in der Kindererziehung ab, was gerade angesagt ist, gestern noch als gesundheitsschädlich propagiert wurde und es morgen vielleicht wieder sein wird. Zugleich könnte jeder Irrtum, so spüren es verunsicherte Mütter, zum Verhängnis werden.

Vor nicht allzu langer Zeit etwa sollten Säuglinge bereits in den ersten Monaten Saft oder  Gemüse bekommen – sonst drohten angeblich Mangelerscheinungen. Der Karottensaft für Neugeborene wurde abgelöst durch die dringende Empfehlung, jegliche Nahrungsmittel außer Mutter- und Säuglingsmilch ein halbes Jahr lang strikt fernzuhalten und auch dann erst mit größter Vorsicht im Wochenrhythmus einzuführen – als drohte das Kind zu explodieren, würde es versehentlich an einem Stück Obst lecken. Jüngste Studien weisen wiederum darauf hin, dass ein frühes und weniger streng reglementiertes Kennenlernen von Lebensmitteln das Al­lergierisiko durchaus senke. Der rasche Wechsel widersprüchlicher Empfehlungen macht es leicht, der Mutter die Gefährdung ihres Kindes vorzuwerfen, wenn sie die aktuelle Studie zufällig verpasst hat.

Ein Coach für alle Fälle

Selbst die einfachsten Dinge erfordern neuerdings einen Coach. So wurde es in den letzten Jahren immer beliebter, Babys zusätzlich zur Milch kein püriertes Gemüse, sondern geeignete feste Nahrung vom Familientisch anzubieten. Auch dieser Ansatz ist so alt wie unsere Spezies, schließlich wurden Säuglinge schon vor der Entstehung der Gemüsebrei Industrie Schritt für Schritt an die gewohnte Kost ihrer Eltern herangeführt. „Baby-led Weaning“ heißt das heute, vom Baby geleitetes Abstillen also, was als „Breifrei“ in die deutsche Sprache übertragen wurde. Die sympathisch einfache und logische Grundidee ließ die vermeintlichen Experten offenbar nicht ruhig schlafen. Auch zu „Breifrei“ gibt es jetzt Fortbildungen für künftige Ausbilder. So wird bei einem Workshop „Selbstreflexion“ erkundet, Rahmenbedingungen in der Familie und ein „undogmatisches Achten auf die Signale des Kindes“. Sinnvolle Ansätze, keine Frage, würden sie nicht vermitteln, dass das Essen vom Familientisch eine komplexe, poten­ziell gefährliche Sache ist, die vorab zertifiziert werden muss.

Der Pulk der Experten wächst indes weiter. Inzwischen braucht es weder die eigene Erfahrung (wie bei der Großmutter) noch ein jahrelanges Studium (wie beim Kinderarzt), um zum Teil kostenpflichtige Beratungen anzubieten. Einige Wochenendfortbildungen und ein Zertifikat reichen aus, um bei der Belehrung der Mütter mitreden zu können. „Vor zehn, fünfzehn Jahren war es noch anders“, erinnert sich eine Mutter mehrerer Kinder. „Inzwischen gibt es fürs Essen, Kacken und Sprechen einen eigenen Kurs.“

aus: Aline Bronsky und Denise Wilk: Die Abschaffung der Mutter. Kontrolliert, manipuliert und abkassiert – warum es so nicht weitergehen darf. Deutsche Verlags-Anstalt, März 2016, 256 Seiten, 17,99 Euro.

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