Foto: Flickr | Mark Dixon | CC BY 2.0

Charlottesville: Nicht nur Amerika hat ein Rassismus-Problem

Tausende Neonazis demonstrierten vergangenes Wochenende im amerikanischen Charlottesville, die Gegendemonstrantin Heather Heyer musste dabei sterben. Welche Lehren sollte Deutschland daraus ziehen? Das fragt sich Helen diese Woche in ihrer Kolumne „Ist das euer Ernst?”.

Amerika hat ein strukturelles Rassismus-Problem

Knapp eine Woche sind die Ereignisse von Charlottesville, im US-Bundesstaat Virginia nun her. Knapp eine Woche ist es her, dass Heather Heyer ihr Leben verlor, als ein mutmaßlicher Neonazi mit einem Auto in eine Gegendemonstration zum Aufmarsch amerikanischer Neonazis in der Studentenstadt raste. Über 20 weitere Demonstranten wurden teilweise schwer verletzt. Was am Wochenende in dieser kleinen Studentenstadt passiert ist, lässt einen erst einmal sprachlos zurücklässt.

Die Bildes des Wochenendes sind verstörend: Hakenkreuz-Flaggen, „Jews will not replace us”-Rufe und schwerbewaffnete Neonazis, die mit Fackeln durch die Straßen ziehen. Irgendjemand im Internet hat einen schwarz-weiß-Filter über die Fotos gelegt, um deutlich zu machen, was in Charlottesville passiert ist. In schwarz-weiß erinnern die aufmarschierenden Neonazis mit ihren Hakenkreuzfahnen und Fackeln doch stark an das Dritte Reich.

Das sowas wie in Charlottesville noch möglich ist, hätten wir nicht gedacht. Zumindest das „wir” von Leuten, die nicht täglich mit Alltags-Rassismus konfrontiert sind, die nicht regelmäßig Angst um ihr Leben haben müssen, wenn sie abends im Kapuzenpulli noch eine Runde um den Block drehen wollen, die der strukturelle Rassismus ihres Landes nicht immer wieder demütigt. Denn für viele ist Konfrontation mit Hass leider nichts Neues. Und nichts, was wiederkehrt, sondern etwas, das immer da war.

In einer viel beachtenden Dokumentation der Vice über das Wochenende wird der Studenten-Aktivist Montae Taylor bei einer Ansprach vor Gegendemonstranten gezeigt: „Ich habe einen Ur-Großvater, der mir von den gleichen Dingen erzählt hat, die ich heute erlebt habe.” Für viele nicht-weiße Amerikaner sind rassistische Erfahrungen immer noch Alltag. Charlottesville hat einmal mehr gezeigt, wie tief rassistische Strukturen in den USA verankert sind. In vielen Meinungsäußerungen zu den Ereignissen, zu den aufmarschierenden Neonazis und dem offen geäußerten Rassismus hört man nun immer wieder: „Das ist nicht Amerika”. Das Problem ist allerdings: Genau das ist Amerika.

Dazu passt auch, dass rechtsextreme Gruppen das vergangene Wochenende als moralischen Sieg bezeichnen. Keine ganz unverständliche Einschätzung, wenn sich der aktuelle Präsident nicht einmal dazu durchringen kann, die Neonazis für das zu verurteilen, was sie sind: keine guten Menschen.

Der moralische Zeigefinger in Deutschland

Auch in Deutschland ist die Empörung groß, zum Beispiel über das erste Statement Trumps nach dem Tod Heather Heyers. In diesem verurteilte der Präidenten Gewalt auf beiden Seiten. Ein absurdes Statement, das zu Recht aufs Schärfste kritisiert wird. Aber wie gemütlich dürfen wir es uns mit dem Fingerzeig Richtung USA eigentlich machen? Auch hier werden doch viele Politiker nicht müde, linke Gewalt mit rechter Gewalt gleichzusetzen, brennende Autos mit brennenden Unterkünften. Nach den G20-Protesten haben sich viele Menschen zum Aufräumen getroffen in der Hamburger Schanze getroffen. Nur, wer fegt eigentlich nach rechtsextremen Taten?

„Du kannst die weiße Vormachtstellung unterstützen, ohne eine Tiki-Fackel bei einem rassistischen Marsch zu tragen”, hat Lauren Duca in einem Artikel für die Teen Vogue zu Charlottesville geschrieben. Ein Satz, der nur für Amerika gilt?

Was geht ab, Deutschland?

Man muss nicht unbedingt Flüchtlingsheime anzünden, um rassistische Strukturen zu unterstützen. Die deutsche Öffentlichkeit zeigt allerdings lieber mit dem Finger auf die USA und lehnt sich in ihrem moralischen Ohrensessel zurück. Sowas wie in Charlottesville würde in Deutschland ja nicht passieren. Es ist an der Zeit, dass wir die Augen aufmachen: In Deutschland brennen Flüchtlingsheime, konnte der NSU jahrelange morden und wird jetzt als abgekapselte rechte Terrorzelle behandelt. Anstatt, dass die Strukturen hinterfragt werden, die neun Morde möglich gemacht haben, werden Vermittlungsakten – aus Versehen – zerstört, anstatt das man den Opfern, ihren Angehörigen und ihren Anwälten zuhört, berichtet man lieber über das Sommeroutfit von Beate Zschäpe.

Laut einer Umfrage der Welt sind sieben von zehn Menschen gegen die Rettung von Geflüchteten im Mittelmeer, die AfD könnte als drittstärkste Kraft in den Bundestag einziehen. In Deutschland wurde im April eine junge Ägypterin überfahren, das mögliche fremdenfeindliche Motiv und die rassistischen Beschimpfungen gegen das im Sterben liegende Opfer haben die Polizei erst eineinhalb Wochen später interessiert und für keinen Aufschrei in der Öffentlichkeit gesorgt. In der Bundeswehr wird die Wehrmacht verehrt und mit Hitlergruß salutiert. Im Juli kamen in Themar mindestens 6.000 Neonazis zusammen, auch hier gehörten Hakenkreuze und der Hitlergruß zum guten Ton. Aber gut, das haben die ja glücklicherweise in einem Zelt auf einem eingezäunten Gelände gemacht, da ist Wegschauen ja viel einfacher …

In Horxheim in der Pfalz schlägt weiterhin eine Kirchenglocke, die dem Führer gewidmet ist und ein Hakenkreuz ziert – aber sie klingt ja nun mal so schön. In Deutschland wurde im Mai ein Verfahren gegen einen führenden Neonazi wegen zu langer Verfahrensdauer eingestellt. In diesem Monat jährt sich das Pogrom von Rostock-Lichtenhagen zum 25. Mal, Sondersendung finden aber lieber zu linker Gewalt beim G20-Gipfel statt. Die Amadeus-Antonio-Stiftung stellt in ihrem „Lagebericht Antisemitismus” für Deutschland in den Jahren 2016 und 2017 fest: „Antisemitismus wird offener und aggressiver ausgelebt”. 2005 starb der Geflüchtete Oury Jalloh in einer Polizeizelle. Die offizielle Todesursache ist ein selbstgelegtes Feuer. An dieser Version gab es von Anfang an Zweifel. Nun gibt es ein neues Gutachten, das an dieser Version erneut erhebliche Zweifel aufkommen lässt. Währenddessen werden am 19. August in Spandau Neonazis zu einem Rudolf-Heß-Gedenkmarsch zusammenkommen.

„Rassistisch? Wir doch nicht!“

Und im sächsischen Wurzen werden am 2. September zum „Tag der Sachsen” einmal mehr hunderte Nazis erwartet. Wie viele von uns werden sich dem wohl entgegenstellen? Samstags ist ja auch immer Markt auf dem Kollwitzplatz … Das alles ist Deutschland.  Und trotzdem wehren wir uns so stark gegen den Vorwurf das Rassismus auch in unserem Land strukturell ist. Wir haben mehr Angst davor, mit dem Vorwurf gegen uns selbst umgehen zu müssen, dass wir rassistisch sind, als vor den Konsequenzen, die rassistische Strukturen in unserem Land haben.

Vielleicht fällt uns das so leicht, weil viele von uns nicht betroffen sind. Wenn die AfD drittstärkste Partei wird, hat das für viele von uns erst einmal keine Konsequenzen, für zu viele Menschen aber eben schon. Rassismus trifft nicht alle Menschen in Deutschland, die Verantwortung ihn zu benennen, dagegen aufzustehen und ihn zu verhindern, aber schon. Dabei gibt es keine guten Leute auf beiden Seiten.  Und wir müssen endlich Haltung zeigen und uns auf die Seite derer Stellen, die mit den Konsequenzen jeden Tag leben müssen. Das ist unsere Verantwortung, auch wenn es Zuhause viel bequemer sein mag. In einem Meinungs-Artikel für die New York Times fragt der Journalist Siva Vaidhyanathan sich selbst: Erinnert ihr euch, nach der Wahl, als wir sagten, dass wir neben unseren Nachbarn stehen würden, wenn sie bedroht würden? Halten wir uns an dieses Versprechen?” Diese Solidaritäts-Frage sollten wir uns auch hier in Deutschland sehr dringend stellen.

Titelbild: Flickr | Mark Dixon | CC BY 2.0

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