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Warum finanzielle Unabhängigkeit für Frauen so wichtig ist

Die ehemalige Familienministerin Renate Schmidt hat gemeinsam mit der Finanzexpertin Helma Sick ein Buch geschrieben, in dem sie dringend an Frauen appelliert, sich in Sachen finanzielle Absicherung nicht auf den Partner zu verlassen.

 

Mehr Eigenverantwortung, mehr Mitgestaltung!

Auch wenn wir uns sehr wünschen, dass es anders wäre, Fakt ist in Deutschland bis heute: Mit der Familiengründung kehren sehr viele Paare zu einem traditionellen Familienbild zurück. Selbst wenn vorher beide Partner Vollzeit gearbeitet haben, ist es immer noch in der überwältigenden Mehrheit die Frau, die mindestens ein Jahr zu Hause bleibt und sich um das Baby kümmert; Väter wiederum entscheiden sich in den meisten Fällen für kümmerliche zwei Monate Elternzeit, um danach sofort wieder Vollzeit in den Job zurückzukehren, während wiederum eine Mehrheit der Mütter nicht wieder Vollzeit in den Job zurückkehrt.

Das Problem: Nach einer Trennung verlieren gerade die Frauen, die ihren Beruf für die Familie ganz oder teilweise aufgegeben haben, ihre finanzielle Basis und sind auf lange Sicht von Altersarmut bedroht. Die Lücke, die zwischen den Renten von Männern und Frauen in Deutschland klafft, ist beeindruckend.

Die Finanzberaterin Helma Sick hat gemeinsam mit der ehemaligen Familienministerin Renate Schmidt ein Buch geschrieben: „Ein Mann ist keine Altersvorsorge. Warum finanzielle Unabhängigkeit für Frauen so wichtig ist.

Wir veröffentlichen bei uns einen Auszug – ein Interview, das Helma Sick mit Uta Meier-Gräwe geführt hat. Sie ist Professorin für Wirtschaftslehre des Privathaushalts und Familienwissenschaft an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Sie war Mitglied der Expertenkommission, die den Ersten Gleichstellungsbericht der Bundesregierung „Neue Wege – Gleiche Chancen“ verfasste.

Manche Frauen meinen, dass sie klug handeln, wenn sie sich dem Tempo und dem Leistungsdruck der Arbeitswelt oder einer Führungsfunktion entziehen, weil sie wissen, dass Geld und Macht nicht alles sind im Leben. Ist da nicht was dran?

„Das klingt nur auf den ersten Blick
einleuchtend. Es würde nämlich bedeuten, Männern auch weiterhin
die Gestaltungsmacht in Wirtschaft, Wissenschaft und (Welt)Politik
nahezu vollständig zu überlassen und dann über familien- und
frauenfeindliche Entscheidungen zu jammern, die in der Chefetage
fallen. Nur wenn mehr Frauen in qualifizierten Jobs und in
Führungsgremien arbeiten, ist einflussreiche Mitgestaltung möglich.
Dass in Deutschland viele Sitzungen erst um 17 Uhr stattfinden, hat
ja gerade damit zu tun, dass Männer weitgehend ,freigestellt
sind von der Arbeit des Alltags. Ihre Ehefrauen kümmern sich um das
Abendessen, um Hausaufgaben und Wandertage der Kinder und sorgen für
ein gemütliches Zuhause. Länder, in denen Frauen ganz
selbstverständlich im Berufsleben stehen und zwar jenseits von
prekärer Beschäftigung und Minijob, haben dagegen die Arbeitswelt
in Richtung Familienfreundlichkeit umgekrempelt: Termine und
Besprechungen werden dort zeitlich so angesetzt, dass auch Mütter
und Väter, die ihre Kinder vom Kindergarten abholen wollen, daran
teilnehmen können. Niemand würde in Schweden auf die Idee kommen,
dass Frauen, die Kinder haben, fortan nicht mehr an einer
interessanten Berufstätigkeit interessiert sind. Bemerkenswert ist
auch die Haltung in Skandinavien, dass Väter, die noch nach 20 Uhr
im Büro sitzen, eher als nicht gut organisiert wahrgenommen werden.
Die Umwelt wundert sich: Hat er keine Familie? Oder überlässt er
gar seiner Partnerin die ganze Hausarbeit? Bei uns gilt eine
Anwesenheitskultur mit überlangen Präsenzzeiten immer noch als
Ausdruck einer besonderen Leistungsbereitschaft und ist de facto
karrierefördernd.“

Was bringt es, wenn mehr Frauen Führungsverantwortung übernehmen?

Norwegen ist mit der Einführung einer
Frauenquote für Aufsichtsräte und der Erhöhung des Frauenanteils
in Führungspositionen bestens gefahren, obwohl es auch dort
anfänglich erhebliche Widerstände gab. So ist die Befürchtung,
norwegische Unternehmen würden dann ins Ausland abwandern, definitiv
nicht eingetreten. Andere Länder ziehen nach: In Frankreich muss bis
2017 der Frauenanteil in den Verwaltungsräten börsennotierter
Unternehmen 40 Prozent betragen. EU-weit findet gerade ein Wettlauf
um die geeignetsten Maßnahmen zur Steigerung des Frauenanteils im
Spitzenmanagement statt.

Wenn Deutschland seine Position im
internationalen Wettbewerb halten will, sollte schleunigst
nachgezogen werden. Denn internationale Studien belegen sehr solide,
dass Unternehmen mit einem höheren Frauenanteil in den
Führungspositionen nicht nur ein besseres Betriebsklima und eine
höhere Kundenorientierung aufweisen, sondern auch einen größeren
finanziellen Erfolg einfahren. Homogenisierte männliche
Führungsriegen stehen heute nicht mehr per se als Garant für
Qualität und Innovation. Stattdessen brauchen wir die Umsetzung von
Diversity-Konzepten: Geschlechter- und altersgemischte Teams aus
verschiedenen Kulturen bringen vielfältige Perspektiven ein und
entwickeln kreative Lösungen in einer globalen Welt. Fakt ist, dass
die Kosten der momentanen Nicht-Gleichstellung am Ende höher sind
als die einer nachhaltigen Gleichstellungspolitik.

Aber selbstverständlich bedarf es
eines Vertrauensschutzes für jene älteren Frauen und Männer, die
ihr Leben nach den traditionellen Rollenmustern der bundesdeutschen
Industriegesellschaft gestaltet haben.

Sollten Frauen generell mehr Eigenverantwortung übernehmen?

Sie sind jedenfalls gut beraten, nicht
auf die Ansichten ihres Märchenprinzen allein zu vertrauen oder nach
dem Prinzip Hoffnung zu verfahren, dass die Ehe in jedem Fall hält
oder der Staat schon für Gerechtigkeit sorgen wird. Es macht Sinn,
sich schon im Vorfeld einer Eheschließung umfassend darüber zu
informieren, welche mittel- und langfristigen Folgen bestimmte
Entscheidungen während der Ehe für sie im Scheidungsfall haben. Es
ist durch Studien eindeutig belegt, dass viele Männer ihre
Partnerinnen geradezu drängen oder darin bestärken, einen Minijob
anzunehmen. Die Folgen dieser oft gemeinschaftlich getroffenen
Entscheidungen treffen aber die Frauen am Ende ganz massiv. Wer über
15 Jahre einen Minijob auf 450-Euro-Basis ausübt, um Zeit für die
Familienarbeit zu haben, erzielt damit einen Rentenanspruch von 70
Euro pro Monat!

Nachgewiesen ist auch, dass Frauen, die
einen Minijob ausüben, von ihrem Arbeitgeber in der Regel so
wahrgenommen werden, als wären sie nicht an einer beruflichen
Entwicklung interessiert.

Für Frauen geht es darum, von Anfang
an um eine faire Arbeitsteilung mit dem Partner zu ringen, um eine
wasserdichte Absicherung im Alter für beide und um den Verbleib im
Beruf, denn der Ausstieg kommt Frauen teuer zu stehen. Diese
Argumentation spricht überhaupt nicht gegen eine vorübergehende
Teilzeit, wenn die Kinder noch klein sind. Noch besser aber ist es,
gemeinsam Elternzeit nehmen und dann wieder in den Beruf
zurückzukehren.

Wie könnten sich berufstätige Mütter
besser entlasten? Zum Beispiel durch haushaltsnahe Dienstleistungen?

„Viele Frauen meinen immer noch, sie
müssten Haushalt und Kindererziehung perfekt und allein
organisieren. Diese Einstellung ist nicht zuletzt ein Resultat des
über Jahrzehnte in Westdeutschland dominanten und strukturell
verfestigten Leitbildes der ,guten, nicht erwerbstätigen Mutter
, die diese in der Tat wichtigen Aufgaben über viele Generationen
hinweg unbezahlt und im Privaten verrichtet hat. Wenn dann noch die
Berufstätigkeit hinzukommt, wird das unter den derzeitigen
Rahmenbedingungen oft als Überforderung erlebt und führt am Ende
zum Verzicht auf eine anspruchsvolle Berufstätigkeit oder zu einer
deutlichen Reduktion.

Ich erlebe immer wieder, dass Frauen
meinen, sie und nur sie wüssten um den einzig verträglichen
Fencheltee oder den richtigen Reiskeks für die Kleinen. Es ist aber
nicht der Untergang des Abendlandes, wenn ein Teil der Haus- und
Versorgungsarbeit professionellen Diensten übertragen wird.

Im Übrigen könnten auch Unternehmen
auf diese Weise ihre Mitarbeiterinnen wirksam entlasten. Warum
eigentlich gibt es noch nicht in jedem größeren Unternehmen einen
Bügelservice oder die Möglichkeit, aus der Kantine für den Abend
die eine oder andere Menükomponente mitzunehmen, die dann nur noch
durch einen frischen Salat oder eine Nachspeise zu Hause ergänzt
werden muss? Dadurch könnten sich berufstätige Frauen auf ihren
erlernten Beruf konzentrieren, und am Abend wäre Qualitätszeit mit
der Familie möglich.

Allerdings sind auch hier politische
Entscheidungen in Form von Markteinführungshilfen gefragt, um solche
Dienstleistungen bezahlbar zu machen und auch denjenigen, die diese
Dienste übernehmen, zu einem auskömmlichen Einkommen zu verhelfen.
Nach wie vor klafft in dieser Hinsicht eine massive Versorgungslücke
von der Betreuung von Kleinkindern über Hol- und Bringdienste bis
hin zu verlässlichen Angeboten für hilfe- und pflegebedürftige
Angehörige. Stattdessen leisten wir uns einen schwarzgrau-melierten
Arbeitsmarkt, auf dem Migrantinnen häufig unter grottenschlechten
Arbeitsbedingungen tätig sind und dafür ihre Kinder in den
Herkunftsländern – oft ohne Betreuung – zurücklassen müssen.“

Welche Folgen hat das für die
Lebensqualität von Frauen?

„Leider setzen bestimmte
Interessengruppen in Deutschland noch immer auf die unbezahlte Haus-
und Sorgearbeit von Frauen. Ich erinnere an die ideologisch geführte
Debatte um das Betreuungsgeld oder an die Vorstellung, dass die
Familie weiterhin der Pflegedienst Nummer 1 bleiben soll, obwohl das
allein schon aufgrund der absehbaren Fachkräftelücke in einer stark
alternden Gesellschaft zu erheblichen Zielkonflikten führen wird.
Solche häuslich-privaten Pflegearrangements verhindern nicht nur
eine ebenbürtige Teilnahme am Berufsleben mit einem deutlich
reduzierten Erwerbseinkommen. Frauen bezahlen auch mit ihrer
Gesundheit und mit ihrer Lebensqualität. Es gibt jedenfalls zu
denken, dass im Jahr 2012 die Zahl der gesunden Lebensjahre von
Frauen in Deutschland nach Erreichen des 65. Lebensjahres nur noch
knapp sieben Jahre beträgt, wohingegen Schwedinnen mit weiteren 14,6
Lebensjahren rechnen können, Däninnen immerhin mit 12 Jahren.“

Was sagen Sie also den Frauen?

„Jammern hilft nicht! Frauen müssen
individuell vorsorgen, mit dem Partner womöglich auch unangenehme
Aushandlungsprozesse führen und sich in die Gestaltung von Lebens-
und Arbeitswelten aktiv einmischen!“

Aus: Helma Sick/Renate Schmidt: „Ein Mann ist keine Altersvorsorge. Warum finanzielle Unabhängigkeit für Frauen so wichtig ist“, Kösel Verlag, März 2015, 224 Seiten 16,99 Euro.

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