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Frauen schreiben fürs Herz, Männer fürs Hirn? Was im deutschen Literaturbetrieb schiefläuft

Obwohl Frauen auf dem deutschen Buchmarkt die Mehrheit der Leser*innen und Lektor*innen stellen, sind Schriftstellerinnen und Autorinnen im Literaturbetrieb stark unterrepräsentiert. Wer sich fragt, woran das liegt, wird keine einfachen Antworten finden. Wir haben es versucht – und Frauen gefragt, die einen exzellenten Einblick in eine immer noch von Klischees durchzogene Branche haben.

Frauen für den Kitsch, Männer fürs Hirn?

Ein ziemlich deprimierender Tipp für alle Frauen, die einen Bestseller schreiben wollen: Legt euch einen Autor*innennamen zu, der männlich klingt.

Eine Soziologin und ein Mathematiker aus den USA haben sich zusammengetan und in einer bisher einzigartigen Studie zwei Millionen Bücher untersucht, die in Nordamerika zwischen 2002 uns 2012 veröffentlicht worden sind. Ein Ergebnis: Bücher von Autorinnen kosteten 45 Prozent weniger als die Bücher der männlichen Autoren.

Jenseits dieser Zahl haben die beiden Autoren aber noch drei entscheidende Punkte herausgearbeitet, die die Diskriminierung von Frauen im Literaturbetrieb besonders deutlich machen:

– Frauen werden in bestimmten Genres erheblich weniger publiziert als Männer.

– Genres, die gemeinhin als klassische „Frauenliteratur“ wahrgenommen werden, wie etwa Liebesromane, und die auch häufiger von Frauen geschrieben werden, werden von der Literaturbranche als weniger wichtig bewertet. Kund*innen sind generell darauf konditioniert, weniger für die Bücher von Autorinnen und die Bücher aus der „Frauenliteratur“-Sparte zu bezahlen.

– Bücher, die von Frauen geschrieben wurden, kosten innerhalb desselben Genres weniger als die von Männern verfassten Bücher.

Strukturelle Probleme einer Branche

Nina George Bild: Helmut Henkensiefken

Nina George ist vielfach ausgezeichnete Schriftstellerin, Bestsellerautorin, Beirätin des PEN-Präsidiums und Beauftragte des Womens Writers Committee des PEN-Zentrum Deutschland. Sie kennt so gut wie kaum jemand die strukturellen Probleme der gesamten Branche, die einer gleichberechtigten Behandlung von Autorinnen und Autoren entgegenstehen. Sie sagt: „Autorinnen sind – auch – selbst gefragt, besser zu verhandeln, sich mehr über Geld zu unterhalten, den ,Wetteinsatz‘ so hoch und gut wie möglich zu verhandeln. Andererseits sind Vorschüsse oder das ,Kümmern‘ und promoten einer Autorin oder eines Autors wiederum auf die Mechanismen der Rezeption ausgerichtet: Das heißt, solange Autoren mehr Rezensionen erhalten, und das zeichnet sich nach unserem Monitoring von 83 Medien in der Pilotstudie ,Sichtbarkeit von Frauen in Medien und im Literaturbetrieb‘ in Zusammenarbeit mit dem Institut für Medienforschung an der Universität Rostock deutlich ab, werden sie öfter im Hardcover veröffentlicht oder erhalten Spitzenprogrammplätze – um damit besser in den Feuilletons vorzukommen.“ Für Nina George handelt es sich um ein Gesamtsystem, in dem es einige strukturelle Hindernisse für Autorinnen gebe, die sie vermutlich nicht allein damit umgehen könnten, mehr Geld zu verlangen.

Leser*innen denken in gewissen Schubladen

Karla Paul Bild: www.raimund-verspohl-potraits.com

Auch Karla Paul ist eine der am besten vernetzten und aktivsten Frauen in der deutschen Literaturlandschaft. Sie wurde vor vier Jahren unter unsere „25 Frauen für die digitale Zukunft“ gewählt, hat seit 2006 ihre „Buchkolumne“, war jahrelang in leitenden Positionen bei verschiedenen Verlagen tätig, wo sie vor allem Digitalstrategien verantwortete, und arbeitet zurzeit als freie Kulturjournalistin und Literaturlobbyistin. Auch an sie also die Frage: Woran liegt es, dass Frauen im Literaturbetrieb unterrepräsentiert sind, obwohl die Leser*innenschaft ja überwiegend weiblich ist?

„Leser*innen denken oft in gewissen Schubladen, welches Genre am besten zu welchem Autor*innenbild passt.“

Karla Paul weist darauf hin, dass es im Literaturbetrieb allgemein sogar einen Überhang an Frauen gebe, gerade in den Verlagen und im Handel – allerdings nachweislich eher im unteren finanziellen Bereich und dies gelte auch für die Autorinnen. „Erst langsam gelingt ihnen der Zugang in die leitenden, als erfolgreich geltenden Positionen – das bedeutet aber nicht unbedingt, dass dann kollegial Frauen nachgeholt werden, sondern teilweise sogar das Gegenteil. Oft müssen wir gegen das eigene Geschlecht ankämpfen, was doppelt so viel Kraft kostet und viel Aufklärung zunichte macht. Und: Leser*innen denken oft in gewissen Schubladen, welches Genre am besten zu welchem Autor*innenbild passt.“

Das allerdings, sagt Karla Paul auch, könne natürlich ebenso Männern schaden, wenn diese für Erfolg beispielsweise im Romance-Genre ein weibliches Pseudonym tragen müssten und ihnen vorweg von der Käuferin das Einfühlungsvermögen in das andere Geschlecht oder für emotionale Themen komplett abgesprochen werde. 

Jackie Thomae Bild: Urban Zintel

„Ein Bestseller birgt immer die Gefahr einer Schublade, auf die man künftig festgelegt wird.“

Die Schriftstellerin Jackie Thomae hat 2015 ihren gefeierten Roman „Momente der Klarheit“ veröffentlicht, auf die Frage nach der „Schubladen-Gefahr“ sagt sie: „Ich habe 2008 gemeinsam mit Heike Blümner das Sachbuch ,Eine Frau- Ein Buch‘ für die SZ Edition geschrieben. Ein Buch von zwei Frauen für Frauen, das sich sehr gut verkauft hat. Ein Bestseller birgt immer die Gefahr einer Schublade, auf die man künftig festgelegt wird. Bei meinem ersten Roman musste ich deshalb ein Cover in Pink mit einem Stöckelschuh fürchten. Nicht, weil ich was gegen Highheels habe, aber weil mein Roman damit das falsche Publikum angesprochen hätte. Kommerziell gedacht wäre diese Marketingidee durchaus nachvollziehbar gewesen. Mein Wunsch war deshalb ein Verlag, der das Manuskript exakt so versteht wie ich es gemeint habe. Mit Hilfe meiner Agentin habe ich diesen Verleger gefunden. Für mein Buch ohne Happy End war das definitv ein Happy End.“

Thomae weist darauf hin, dass sich ein genauer Blick auf die nach wie vor boomenden „Frauenliteratur“-Sparte lohnt: „Es ist keineswegs so, dass dieses Genre in der Literaturbranche nicht ernst genommen wird – im Gegenteil. Verlage müssen Bücher verkaufen und dieses Genre verkauft sich prächtig. Es geht also nicht um Männer und Frauen, sondern um Geld. Frauenliteratur ist vergleichbar mit dem Schlager. Beide Genres sind Eskapismus pur, haben riesige Fangemeinden und finden im Feuilleton nur statt, wenn man sie als Phänomen beleuchtet: Warum hören oder lesen so viele Leute das? Das ist bekannt und hat nichts mit dem Geschlecht der Autor*innen zu tun. Es sind, zumindest in Deutschland, schlicht keine Feuilletonthemen, auch wenn es in all diesen Genres immer Grenzgänger*innen gab und gibt.

„Die ultimativen Zutaten für diese Romane sind: Figurprobleme, Shopping und der alles überstrahlende Wunsch nach dem richtigen Typen.“

Für Thomae ist die Frage nicht, ob man ein kommerziell erfolgreiches Genre ernst genug nimmt, sondern vielmehr, warum es nach wie vor einen derart großen Markt für geschlechterspezifische Literatur gibt. Warum Frauen an dieser Stelle so hartnäckig auf ihrer rosaroten Nische bestehen. „Die ultimativen Zutaten für diese Romane sind: Figurprobleme, Shopping und der alles überstrahlende Wunsch nach dem richtigen Typen. Wie sich auch die Frauenzeitschriften nach wie vor über die beiden vermeintlichen Kernthemen ihrer Leserinnen verkaufen, nämlich Aussehen und Männer, ist auch die Frauenliteratur kein Problem, das Männer Frauen bereiten, sondern ein Spiegel unserer Gesellschaft. Und was dieser Spiegel uns Frauen zeigt, ist weder fortschrittlich noch schmeichelhaft. Aber offenbar auch schwer zu ändern.“ Natürlich würden sich auch die Autorinnen dem Zeitgeist anpassen. „Doch der omahafte Fürstenroman und die witzig-rasante Story über eine Prosecco trinkende PR-Frau in Louboutins haben die gleiche Sehnsucht ihrer Leserinnen zu erfüllen: Heiraten! Im besten Fall natürlich nach oben. Daran hat sich offenbar seit Jane Austen nichts geändert. Und daran sind auch ausnahmsweise mal nicht die Männer Schuld. Doch bei aller Kritik an Frauen und ihrem Hang zur rosa Lesebrille: Was ist das männliche Pendant zur Frauenliteratur? Antwort: Gar nicht lesen.“

Diversität im Kulturjournalismus sollte selbstverständlich sein

Was müsste aber nun passieren, um die Situation im deutschen Literaturbetrieb zu ändern? Die Ursachen, das unterstreicht Karla Paul, sind wie so oft vielfältig: „Verallgemeinernd wird Frauen meist weit weniger Fachwissen, Intellektualität und Können zugetraut – umgekehrt vermisse ich aber auch oft den Mut, selbst gegen diese Vorurteile anzugehen und für sich und die Kolleginnen aufzustehen. Wenn wir Veränderung wollen, müssen wir stets bei uns selbst anfangen.

Wir können sowohl von innen als auch von außen einwirken. Die Frauen in der Branche müssen bestärkt werden, ihre Talente und Fähigkeiten lauter und teurer zu vermarkten sowie die Gegebenheiten nicht als unabänderlich zu betrachten. Aber wir sollten auch, zum Beispiel mit solchen Artikeln, auf die Schwierigkeiten aufmerksam machen, das Ungleichgewicht so lange kommunizieren, bis jede*r Kritiker*in, Journalist*in, Leser*in und grundsätzlich für kulturelle Inhalte Verantwortliche selbstverständlich auf Diversität in allen Bereichen achtet.“

Für Ärger sorgte hier beispielsweise vor einigen Tagen auf Twitter ein Text aus dem Feuilleton der „Süddeutschen Zeitung“, in dem SZ-Redakteur*innen „zehn Bücher, die schlauer machen“, empfahlen – von zehn Autor*innen war nur eine einzige weiblich.

Sollbruchstellen im System

Nina George hat beobachtet, dass Männer im Literaturbetrieb tendenziell dazu neigen, das Werk von Frauen zu ignorieren, während Frauen das Werk der männlichen Kollegen durchaus mit auf dem Radar haben. Auf die Frage, ob es denn helfen würde, wenn Jurys von Literaturpreisen, Redaktionen und Leitungspositionen in den Verlagen gleichberechtigter mit Männern und Frauen besetzt wären, antwortet sie: „Nein. Das Gesamtsystem hat an vielen Stellen strukturelle Sollbruchstellen. Jurys paritätisch zu besetzen ist ein Anfang, aber sie müssen besser noch diverser sein – gemischte Geschlechter, Alter, Ethnien. Jurys werden oft einseitig und selbst-bestätigend besetzt. Bei Redaktionen wäre es wünschenswert, die jüngere Generation der Literaturkritik zu integrieren, deren Diversitätsanspruch ganz anders ausgeprägt ist, und deren Selbstverständnis sich auch von den traditionellen Literaturkritikern unterscheiden, die oft ja – auch, aber nicht nur – füreinander schreiben, anstatt für eine breite Leserschaft.“

Jackie Thomae sieht das Problem vor allem im zahlenmäßigen Ungleichgewicht bei den älteren Generationen, dessen Nachwirkung wir nach wie vor spürten – auch in Film, Musik, Kunst und TV. „Diese sogenannten Männerclubs sind nicht entstanden, um Frauen auszuschließen, sie waren die Normalität, weil Frauen einfach öffentlich viel weniger vertreten waren. Die Personalfragen haben sich mittlerweile verschoben. Bei der ,Zeit‘ ist Iris Radisch für die Literatur verantwortlich. Bei der ,Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung‘ ist es Julia Encke, den Kulturteil beim ,Spiegel‘ leitet Elke Schmitter – nur um drei Beispiele zu nennen.“

„Warum stellen wir uns nach wie vor dieselben Fragen wie die Frauen Mitte des 20. Jahrhunderts? An welcher Stelle sind wir steckengeblieben und vor allem: Warum?“

Auch in den Verlagen finde gerade ein Generationswechsel statt: „Früher saßen die Frauen im Lektorat, im Vertrieb und in der Pressestelle, die Entscheider waren selbstverständlich Männer. Heute gibt es mehr und mehr Verlegerinnen. Die Schnittstelle zwischen Feuilleton und Verlag ist die Pressestelle, die häufig weiblich besetzt ist. Wir sollten uns deshalb nicht vorstellen, dass die grauen Herren sich permanent gegenseitig auf die Schulter klopfen und die Frauen nicht zum Zuge kommen lassen, sondern uns fragen, warum wir uns nach wie vor dieselben Fragen stellen wie die Frauen Mitte des 20. Jahrhunderts. An welcher Stelle sind wir steckengeblieben und vor allem: Warum?“

Schlechte Angewohnheit oder unschuldiges Desinteresse?

Nina George benennt einige Baustellen: „Wir müssen ansetzen an dem grundsätzlichen Blick auf das literarische und intellektuelle Potential von Frauen und wie dieses rezipiert, bewertet und gefördert wird – oder eben nicht. Woran liegt das – schlechte Angewohnheit, Sozialisation, unschuldiges Desinteresse generell an Frauen und ihren Themen? Wir müssen nach Bildern fragen, die in der Schule und Hochschule bereits durch Auswahl der Lektüre-Urheber geprägt werden: Hier ist es der männliche Blick auf die Welt, der Schüler*innen und Studierenden begegnet, wir müssen nach den Vorurteilen in den Lektoraten fragen, die diese von ihren Wunschzielgruppen haben. Wir müssen uns selbst fragen, welche Bilder und Narrativa wir verbreiten. Und letztlich müssen wir Verlage fragen: In welcher Bücherwelt wollt ihr leben, wie schafft ihr die Gratwanderung zwischen Wirtschaftlichkeit und dem Erhalt der Vielfalt, der Präzision, der Freiheit und dem Pluralismus der Literatur? Wie eng wollt ihr eure Bücher stricken, um bloß kein wirtschaftliches Risiko einzugehen?“ 

Das tüttelige 50er-Jahre-Weltsicht der Verlage spielt also immer noch eine große Rolle beim Ungleichgewicht von Männern und Frauen im Literaturbetrieb: Männer sind für die harten Sachen und das ernste Fach zuständig, Frauen für die seichten, einfachen Liebesthemen. Nina George fasst das so zusammen: „Ich glaube (…) nicht an eine grundsätzliche Misogynie des Feuille­tons, der Juroren oder Verlagsleiter; einige unangenehme Zeitgenossen ausgenommen. Es ist auch die zur Bieder­keit neigende Buchbranche, die, aus Gefalldrang, in die Klischeefalle tappt: Frauen dichten fürs Herz, Männer fürs Hirn.“

Jackie Thomae sagt, angesprochen auf die unterschiedlich hohen Vorschüsse für männliche und weibliche Autoren: „Ich weiß von gigantischen und lachhaft kleinen Vorschüssen bei männlichen und weiblichen Autor*innen. Das Problem sind nicht die Verlage, die als Unternehmen natürlich in erster Linie wirtschaftlich denken. Ein Problem vieler Autor*innen liegt eher im allgemeinen Umgang mit kreativer Arbeit. Viele Kreative beklagen, dass ihre Arbeit finanziell nicht genug wertgeschätzt wird, dass man das Spielerische, das in Kreativität liegt, zwar honoriert, gleichzeitig aber meint, es nicht adäquat bezahlen zu müssen. Zudem bewegen wir uns derzeit mehr denn je in einem Nebel aus gefühlten Wahrheiten. Eine davon lautet, dass Frauen die schlechteren Verhandler seien. Ich persönlich musste an dieser Stelle auf jeden Fall viel lernen. Ich musste nicht nur lernen, dass sich nett und knallhart nicht per se ausschließen müssen, ich musste auch lernen, dass ich als Person nicht auf jedem Feld gut sein muss. Dass ich mein Leben sehr wohl einteilen kann in die Dinge, die ich können muss und die Dinge, die ich outsourcen sollte. Für mich als Romanautorin ist für das unbequeme Gespräch übers Geld meine Agentin zuständig. Eine Frau.“ 

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