Foto: Unsplash

Hallo, Ich! Ein Hoch auf die Zeit allein

Von nervigen Fragen über unglaubwürdige Gesichter – jedes mal das gleiche wenn man diesen einen Satz ausspricht: „Ja, ich bin alleine hier!”, stellt unsere Community-Autorin Paula fest. Dabei ist es alleine manchmal einfach am schönsten.

Hältst du es mit dir allein aus?

Da war sie wieder, diese leidige Frage, Freitagabend beim Apero einen Tag vor meinen Ferien: „Machst Du das denn öfters? So alleine weg fahren? Ist das nicht langweilig? Oder sogar gefährlich?“ „Nein! Langweilig ist es nur immer wieder diese Frage zu hören! Ja ich mache das öfters – Weil es GENIAL ist und ich abenteuerlustig bin! Und nein, es ist nicht gefährlich!“  dachte ich so für mich, aber stattdessen erklärte ich der Dame kurz und bündig mit einem breiten lächeln im Gesicht: „Nein, das ist ganz und gar nicht langweilig, wenn man es mit sich selber aushält!“ drehte mich um und spazierte mit meinem Weinglas in der Hand davon.

Als junger Mensch wollte ich nie alleine sein

Wenn junge Menschen mir diese Frage stellen, kann ich das noch einigermassen nachvollziehen. Wenn man jünger ist, zumindest war das so bei mir vor zehn  Jahren, möchte man von seinen Liebsten umgeben sein und am besten gar nichts alleine machen müssen. Bei mir sah das früher so aus: Kam niemand mit ins Kino, dann ging ich nicht ins Kino, sondern schaute mir absolut gelangweilt etwas im TV an. Was für eine Panik das war, wenn am Weekend niemand mit raus wollte, ich schmollte wie eine beleidigte Leberwurst vor mich hin. Wenn man jung ist, kann eine das Alleinsein sehr verunsichern, das verstehe ich.

Aber wenn erwachsene Menschen die gleiche Frage stellen, kann ich
mich persönlich nur wundern. Wie viele von uns sich immer noch abhängig machen von anderen, wie viele von uns sich und ihre eigene Gesellschaft nicht
ertragen und Langweile haben. Dabei ist die Welt doch so spannend und aufregend. Es gibt so viel zu sehen, zu entdecken, zu lernen – wie kann man da von Langweile sprechen?

Wenn ich Lust habe auf eine Party zu gehen, mache ich mich fertig und gehe, wenn niemand mit will, will eben niemand mit. Die Wochenenden an denen ich alleine weg war, waren meistens auch die besten. Man lernt neue Leute kennen, wenn man offen ist, ansonsten hat man seine Ruhe und kann tanzen, chillen oder sonst was machen, so lange man will! Gerade dieses Jahr auf der Fusion habe ich gemerkt, wie happy ich war mich ungebunden über das Gelände und auf dem Dancefloor bewegen zu können. Alleine oder gar einsam war ich aber zu keinem Zeitpunkt. Auch wenn es mich ins Museum zieht, in dem ich gern Stundenlang verweile, dann mache ist das alleine. Und noch vieles mehr – ungebunden! Und ohne schlechtes Gewissen.

Es kommt auch auf das Umfeld an

Es hängt natürlich auch von den Leute ab, mit denen man unterwegs ist. Auf dem zweiten Festival waren ich mit einer festen Gruppe unterwegs und es war trotzdem grandios! Aber es waren eben auch Menschen die nicht gleich einen Nervenzusammenbruch erlitten, weil man nicht rund um die Uhr zusammen war.

Die Gesellschaft suggeriert uns: Single = Einsam und alleine. In etlichen Zeitschriften und Artikeln fällt mir immer wieder auf: Wer allein für sich steht, wird als bemitleidenswert und einsam abgestempelt. Die Gesellschaft suggeriert: Diese Person braucht dringend Freunde um sich herum, die ihn aufbauen oder am besten einen Partner, um sich endlich ganz fühlen zu können. Warum eigentlich? Wir werden alleine geboren, wir sterben alleine, auch wenn uns jemand dann die Hand hält, in unserem innersten, auf die letzte Reise machen wir uns alleine. Warum sollten wir uns also alleine mit uns nicht wohl fühlen dürfen? Sicher sind Freunde was tolles, auch ich habe welche, stellt euch vor! Aber doch geniesse ich die Zeit, in der ich alleine bin sehr.

Allein in Bukarest

Seit Samstag bin ich alleine in Bukarest, ich habe mir hier ein kleines Apartment gemietet, habe die Stadt unsicher gemacht und das Nachtleben gerockt. Aber wirklich alleine war ich kaum, ganz im Gegenteil. Die Leute hier sind unglaublich offen und locker! Deswegen geniesse ich diesen ruhigen Tag heute umso mehr. Denn ich habe auch endlich Zeit gefunden einen neuen Artikel zu schreiben. Und da es draußen so scheußlich ist, bleibe ich den ganzen Tag im Bett. Für mich bedeutet Urlaub auch: Erholung und mal nix tun.

Wäre ich mit einer Freundin hier..ich weiss nicht ob sie das mitmachen würde. Ich habe es bereits oft erlebt, dass Menschen eine gewisse Anspruchshaltung entwickeln, wenn man zusammen verreist. Nicht nur bei mir persönlich, auch bei Pärchen: Sie will am Strand liegen – aber bitte nicht alleine. Er möchte durch die Stadt ziehen – aber bitte auch nicht alleine. Konflikte vorprogrammiert.  Ich kenne so einige Menschen die als Paar in den Urlaub gefahren sind und als Singles zurückkamen. Und warum? Weil keiner bereit war mal einen Tag alleine loszuziehen oder Kompromisse einzugehen. Aber ja, auch ich bekomme heute
Abend Gesellschaft und freue mich darauf. Vielleicht auch, weil es nur ein paar Tage sind und ich danach wieder alleine hier bin.

Kompromisse & Ich? Wir sind keine Freunde

Ich habe keine Lust auf Kompromisse. Und weil mir das sehr deutlich bewusst ist und, weil ich auch weiss, dass man Kompromisse eingehen muss, wenn man unter Menschen ist, entscheide ich mich meist für mich und gegen andere. Nicht weil ich die anderen nicht mag, sondern weil ich eben mein Ding durchziehen möchte. Und ich nicht darauf warte, dass sich jemand meiner erbarmt und mitkommt oder mir das Händchen hält. Wahrscheinlich tendiere ich auch eher zur Einzelgängerin und mein sturer Kopf unterstützt das natürlich umso mehr!

Deswegen verstehen ich die andere Seite nicht. Vor was hat man denn Angst, wenn man alleine los zieht? Ich kenne einige, die waren z.B. noch nie alleine im Kino! Ich meine, wie viel quatscht man denn so zu zweit, während man sich einen Film ansieht? Eben.

Warum nicht alleine in den Urlaub fahren und schauen was
passiert? Seinem eigenen Rhytmus folgen, lesen, shoppen oder mal gar
nichts machen ohne schlechtes Gewissen? Alleine im Restaurant sitzen
findet ihr doof? Glaubt mir, ich war schon ein paar mal alleine abends
im Restaurant und in den Gesprächen von einigen Damen, Herren oder
Pärchen wäre niemand von uns gern verwickelt worden. Gepriesen sei die
Ruhe beim Essen, wenn man allein speist! Und außerdem: Warum verwöhnt
man sich nicht selbst so, wie man einen Partner verwöhnen würde?

Liebe fängt mit Selbstliebe an!

Sich ins Spa einladen zu einer Massage, davor ein Glas Champagner, anschließend fein essen und nach Hause gehen zu einem Schlafzimmer voller Kerzen? Klingt verlockend? Warum warten dann einige auf einen Partner, um es in die Realität umzusetzen? Verwöhnt euch selbst! Gönnt euch all das, was ihr von einem anderen Menschen erwarten würdet. Übernehmt Verantwortung für euch selbst, erfüllt euch selber eure Wünsche statt auf einen Menschen zu warten der mitgeht oder euch jeden Wunsch von den Augen abliest. Seid selbst dieser Mensch, der euch glücklich macht – no matter what. Denn wenn ihr das nicht könnt, wie soll euch dann ein anderer glücklich machen?

Und sicher, am Anfang ist es ein wenig beängstigend, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen, sich kennenzulernen ohne Ablenkung von aussen durch andere, aber es lohnt sich!

Dieser Text erschien zuerst auf Paulas Blog. Wir freuen uns, dass sie ihn auch bei uns veröffentlicht.

Mehr bei EDITION F

  1. Vielen Dank für diesen wundervollen und ehrlichen Text. Ich weiß nicht, wann Sie diesen Artikel geschrieben haben, aber ich habe mich in fast jeder Zeile wieder gefunden. Das macht Mut, wenn man in einer schweren Lebensphase an sich zweifelt, um dann doch Stück für Stück fest zu stellen, dass nicht Alles so verkehrt an einem ist. Im Übrigen: ich bin ein Mann. Zwar ein emotionaler Mann, aber ein Mann der normalerweise keine Texte für Frauen liest.

  2. Wow, während ich in meinem Bett liege, alleine und nachdenke, warum ich einer Freundin für heute abgesagt habe und überlege, morgen bei einem Treffen mit Bekannten doch nicht mitzukommen, habe ich überlegt, ob es seltsam ist, dass ich oft keine Lust auf andere Menschen haben. Dann habe ich diesen Blog gelesen und bemerkt, dass ich einfach introvertiert bin, meinen Akku alleine auflade und viel öfters tun sollte, wonach mir ist. Alleine sein ist nichts schlimmes, aber der Gesellschaft gibt uns oft das Gefühl, dass es etwas schlechtes ist.
    Danke für diese ehrlichen Worte!

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

About Zeen

Power your creative ideas with pixel-perfect design and cutting-edge technology. Create your beautiful website with Zeen now.

Weitere Beiträge
Wie man aus seinen Mitarbeitern eierlegende Wollmilchsäue macht