Foto: Neill Kumar | Unsplash

„Bist du schon wieder schlecht drauf?“ Über das Leben mit einem Resting Bitch Face

In ihrer Twentysomething-Kolumne schreibt Silvia über alles, was ihr gerade durch den Kopf geht. Und diese Woche über das Leben mit einem Resting Bitch Face.

Hä? Ich bin nicht mies drauf, mir geht’s super!

„Hey, was ist denn los mit dir, bist du schlecht drauf?“ Ich werde aus meinem Tagtraum gerissen, mit dem ich mich aus der grauen U-Bahn-Tristesse weggebeamt hatte. Ich schaue in das besorgte Gesicht eines Bekannten. „Was? Nee, alles gut!“ Und als ich mich noch wundere, geht mir auch schon auf, was der Deal ist: Mein Gesicht hat mal wieder eine andere Sprache gesprochen als mein Gemüt. Denn ich bin stolze Besitzerin eines Resting Bitch Face – und das ist im Alltag manchmal echt ein Problem.

Was soll ich sagen, ich bin eigentlich ein ziemlich fröhlicher Mensch und ich denke ebenso oft oder so wenig an schöne Dinge wie andere auch – aber: Das sieht man mir nicht immer an. Wenn ich mich einfach entspanne, mal hängen lasse und mein kontrolliertes Lächeln ablege, dann habe ich eher einen Gesichtsausdruck, der sagt: Ich bin genervt. Aber einfach mal hängen lassen und genervt sein, das kommt eben nicht gut an. Arme soll man nicht hängen lassen, sondern trainieren, und sein Kinn schon gar nicht, denn das ist schwach und nicht stolz. Und wir sollten doch alle immer auf uns stolz sein, weil wir jeden Tag so Großartiges leisten, high performen, Rekorde aufstellen, wunderschön aussehen. Naja, oder eben einfach irgendwie durchs Leben kommen.

Eine Gesellschaft, die durch Instagram und Co. an durchtrainierte Überflieger mit stets aufgeräumten Wohnungen, rosigen Wangen und immer einem Tellerchen voll sauber geschnittenen Avocado-Stücken gewöhnt ist, die kommt eben auf ein nicht vor Glück strotzendes Gesicht nicht gut klar. Wieso kann sich mein Körper also nicht daran gewöhnen, sich mal anpassen? Einfach mal mitziehen, mit den strahlenden Menschen dieser Welt?

Das Unwohlsein, weil sich andere wegen einem unwohl fühlen

Ich gebe mir ja alle Mühe, wirklich! Und weil ich nicht ständig unangenehm auffallen will, habe ich mir bereits vor Jahren ein professionelles Lächeln zugelegt. Eine Maske, die anderen zeigt: Hey, alles OK, mir geht’s gut, ich mag dich, die Idee ist super!“ Man will ja nicht, dass sich andere unwohl fühlen, nur weil man sich gehen lässt und seine Mundwinkel entspannt. Gott bewahre! Und dafür braucht es auch kein Mitleid, schließlich sind auch meine Wimpern nicht so lang, wie es die Tusche vorgibt, und unter der jeweils aktuellen Haarfarbe, habe ich auch nur ein lausiges Straßenköter-Blond zu bieten. Wir alle haben ja Masken, die wir uns ab und an überstreifen, um uns nicht als Weirdo zu outen, als Chaotin oder als Langweiler – oder eben als Straßenköter-Blond. Alles kein Ding, denn Freunde, uns geht es doch allen heute so gut. Zumindest vielen von uns. Wenn wir Probleme haben, dann meist selbstgemacht – oder eben jene von der Sorte First World Problems. Zu dem natürlich auch mein Resting Bitch Face gehört. Aber hey, man muss auch mal über solche Dinge reden.

Denn eigentlich sollte es doch wirklich drin sein, auch mal ohne Honigkuchenpferd-Lächeln durch die Welt zu schlappen, ohne dass sich gleich jemand dazu berufen fühlt, mich am Küchentisch therapieren zu wollen. Denn im schlimmsten Fall habe ich tatsächlich einfach schlechte Laune – davon muss sich aber niemand anderes den Tag vermiesen lassen. Manchmal funktionieren wir eben nicht so, wie wir sollen. Und gerade das sollte doch eine Gesellschaft, der es ziemlich gut geht, eben auch mal ertragen.

Wenn ihr mich also mal treffen solltet und ich schaue euch nicht wie eine debile Grinsekatze an, dann macht euch keine Gedanken. Vielleicht denke ich sogar gerade an Sandstrände mit Palmen oder Katzenbabys und platze innerlich vor Glück und Frohsinn – nur eben im Entspannungsmodus. Versucht’s doch auch mal mit dem einfach-Hängenlassen! Das fühlt sich viel schöner an, als es aussieht. Und wer weiß, wenn wir alle auch mal Menschen ertragen können, die nicht dauerglücklich und -zufrieden sind, dann wird es vielleicht so herrlich, dass mein Körper sich für die ständig-fröhlich-Variante entscheidet und ich dann doch endlich ein Dauerlächeln trage.

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