Foto: Eutah Mizushima

Sich selbst vertrauen lernen: Du bist stärker als du denkst

Sich auf einen Menschen einzulassen, ist wahrscheinlich das Riskanteste, was man tun kann. Warum schrecken wir so oft davor zurück? Lea Vogel schreibt darüber, wie wir mit Unsicherheiten umgehen können, damit Entscheidungen leichter fallen.

Die Sache mit der Unsicherheit

„Wenn ich nur wüsste, dass es gut ausginge, dann würde ich mich auch trauen…“

„Was müsste denn besser sein“, frage ich meine Freundin und versuche dabei, möglichst nicht wie ein Coach zu klingen. „Ach, ich weiß auch nicht. Ich glaube, es würde schon helfen, wenn ich einfach ein bisschen mehr Vertrauen in die ganze Sache hätte.“

Und da haben wir es. EINFACH ein bisschen mehr Vertrauen. Der Satz, der so viel ausdrückt und gleichzeitig so wenig sagt. Ich nicke verständnisvoll und seufze leicht. Weil ich wirklich weiß, was ihr da gerade durch den Kopf geht.

Nicht vertrauen wollen ist ein Schutzmechanismus

Vertrauen ist ein großes Wort. Und es ist ein großes Gefühl. Und ein starkes Fundament, auf dem alles fußt. Aber da erzähle ich sicher nichts Neues. Die Krux daran ist jedoch, dass wir von uns erwarten, mit einer großen und gesunden Portion an Vertrauen ausgestattet zu sein. Wenn wir es also nicht spüren – in einer Beziehung, beim Daten, im Job, dann stimmt etwas nicht mit uns. Oder mit dem Anderen. Möglicherweise ist es sogar ein Zeichen, eine Intuition und es wäre ja leichtsinnig, ja sogar nachlässig, diesem Gefühl nicht zu folgen. Denn am Ende will ja niemand der Doofe sein. Der, hinter dessen Rücken vielleicht betrogen wurde. Der, der sich mehr eingelassen hat und am Ende alleine da steht. Der, der die guten Neuigkeiten im Job rausgeprustet hat, das Projekt am Ende aber doch kein Erfolg wurde.

Wir tragen unsere Angst mit uns herum, weil wir glauben, dass eine Enttäuschung weniger schmerzlich wäre, wenn wir sie von Anfang an im Auge hätten. Vermeintliche Kontrolle. Dabei laufen wir aber Gefahr, stattdessen den Moment gar nicht wahrzunehmen, geschweige denn, ihn zu genießen. „Wenn ich wüsste, dass alles gut wird, dass es sich wirklich lohnt, dann wäre ich auch entspannter…“ – Wenn-Dann-Konstruktionen binden unser Lebensglück an ein Ultimatum. Und das macht uns ganz schön abhängig.

So viel zur Theorie. Diese Art der Schutzmechanismen wirken vielleicht etwas unentspannt, für mich ist ihr Nutzen aber völlig verständlich – Vorsichtsmaßnahmen wollen uns (mental) vor Unglück bewahren. Dennoch bringen sie einen enormen Leidensdruck mit sich und ‚ständig auf der Hut zu sein’, macht uns zu Getriebenen. Im Klartext heißt das: Wir laufen davon. Und zwar vor dem, was wir eigentlich am meisten wollen – Liebe und Vertrauen. Ist es das wirklich wert? Ich finde, das kann nicht die Lösung sein. Sich auf einen Menschen einzulassen, ist wahrscheinlich das Riskanteste, was man tun kann. Ganz klar. Sicher ist man niemals. Kontrolle gibt es nicht. Und – jetzt kommt der Satz, der jedem Kontrollliebhaber das Mark erschüttern lässt – wir wissen sowieso nicht, was kommt, was bleibt oder was sein wird.

Ist es schlimm, nicht immer Kontrolle zu haben?

Was mir in solchen Situationen hilft, ist das Bewusstsein für und der Glaube an die eigene Flexibilität. Denn: Es kann immer anders kommen als man denkt. Egal, wie gut man plant. Die Frage ist nur: Ist das wirklich so schlimm? Oder gibt es vielleicht auch die Chance, dass wir mit dem, was kommt, umgehen könnten? Dass wir im Notfall auf unsere eigenen zwei Füße fielen und die Krise überstehen würden? Dass wir daraus lernen und Potenzial schöpfen könnten für alles, was es noch zu erleben gibt? Dass wir uns selbst sehr wohl vertrauen können und eine schlechte Erfahrung letztlich nicht mehr oder weniger wäre als eine Erfahrung, die uns erdet und möglicherweise sogar wachsen lässt? Dass das alles nichts, aber auch so gar nichts mit unserem eigenen Wert zu tun hat. Auch wenn wir das zunächst glauben und sich diese Erfahrung zu Beginn vielleicht wie ein nicht zu überwindender Schmerz anfühlt. Trust me: We will get over it.

„And don’t worry about losing, son! If it’s right, it happens, the main thing is not to hurry. Nothing good gets away.“ John Steinbeck

Lernen, sich fallen zu lassen

Wer die Erfahrung einer ehrlichen zwischenmenschlichen Begegnung machen will, muss sich also einlassen, sich fallenlassen, sich kennenlernen. Auch auf die Gefahr hin, verletzt zu werden oder die „falsche“ Entscheidung zu treffen. Und bevor man diese Erfahrung mit einem anderen Menschen machen kann, sollte man sie zuerst mit sich selbst gemacht haben. Nur wer weiß, wer er ist, was er wirklich will und wovor er am meisten Angst hat, ist offen für eine gute Beziehung, die auch von Dauer sein kann und bangt nicht ständig, dass an der nächsten Ecke noch jemand Besseres warten könnte, oder gar, dass man bei der erstbesten Gelegenheit ersetzt wird. Wer sich wirklich kennenlernen möchte, lernt auch seinen Wert kennen. Inklusive Eigen- und Besonderheiten. Und auf den kann man im Notfall vertrauen. Er bildet das Fundament und gleichzeitig das Netz, das uns im Notfall auffängt.

Du bist stärker, als du glaubst

Mein Appell: Sei nachsichtig und nett zu Dir selbst, zu Deinem besten Freund wärst Du es ja auch. Unterschiedliche Erfahrungen führen in unterschiedliche Richtungen und diese wiederum leiten uns. Klar kann es sein, dass Du schon viele üble Erfahrungen gemacht hast, aber schau mal her, hier sind wir: Während ich das schreibe und Du das liest, haben wir Herzschmerz, Enttäuschung, Angst, Veränderung und jeden noch so toughen Schritt der einzelnen Phasen unseres menschlichen Lebens gemeistert. Und warum? Weil wir sehr viel stärker sind als wir manchmal glauben. Und jetzt stehen wir hier, und das sogar erhobenen Hauptes, oder? Und mal ehrlich, so manches ist das Risiko wert.

Vertrauen ins Leben und Akzeptanz sich selbst gegenüber sollten meiner Meinung nach jeden Tag und jeden Gedanken von uns begleiten. Und ich finde, heute ist ein guter Tag, um damit zu beginnen.  It’s worth a try.

Lea Vogel begleitet als Coach Menschen in Krisen, herausfordernden Situationen und in Momenten, in denen sie glauben, die eigene negative Gedankenspirale nicht verlassen zu können.  Sie schreibt von nun an regelmäßig für uns über die Herausforderungen und Fragen, die uns bewegen und blockieren. Ihr könnt ihr Profil bei EDITION F abonnieren, um auf dem Laufenden zu bleiben. Ein spannendes Interview mit Lea ist bei den Kolleginnen von This is Jane Wayne erschienen.

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