Foto: Kat Grigg – Flickr – CC BY 2.0

Glück und Chaos: Überleben in der Patchwork-Familie

Sich mit einem Partner zusammenschließen, der schon Kinder hat, oder mit den eigenen Kindern im Haushalt eine neue Beziehung anzufangen, ist eine große Herausforderung. So wird aus dem Durcheinander ein gelungenes Zusammenleben!

Wenn Familien sich neu finden

Heute leben immer mehr Menschen in dieser neuen Familienform: Patchwork nennt man häufig das im deutschen Sprachgebrauch. Einander fremde Menschen schlüpfen plötzlich in altbekannte Familienrollen: Mutter, Vater, Bruder, Schwester. Aber wie entstehen Gefühle, wenn man sich vorher unbekannt war? Und wenn es Trennungen zu verarbeiten gibt? Hier kommen ein paar Ideen, wie aus dem Chaos eine glückliche Familie werden kann: und zwar eine Familie mit dem Qualitätslabel Originalität!

Am Anfang der Beziehung waren mir die zwei Kinder meines neuen Partners egal, schließlich brachte er sie auch nicht zu unseren abendlichen Dates mit. Unsere Liebe füreinander war so groß, dachte ich, der können doch so ein paar Halbwüchsige nichts anhaben. Im Gegenteil, auch sie würden nun in den Strudel unseres gemeinsamen Glücks gezogen werden, glaubte ich. Bis dahin war es aber ein langer Weg. Ein Tatsachenbericht, der als Abkürzung genutzt werden kann, um im Dschungel dieser wilden Familienform seinen eigenen, glücklichen Weg zu finden.

Das neue Paar ist das Zentrum der Familie!

Diese erste Tatsache dürft ihr nie vergessen: Ohne eure heutige Beziehung existiert diese neue Familie nicht. Und das seid ihr: eine Familie, wenn auch eine ganz neue und originelle! Dieser Gedanke kann euch helfen, Legitimität zu finden, wenn die Muster und Überreste alter Beziehungen drohen, an euren positiven Gefühlen füreinander zu fressen. Niemals vergessen: Ihr seid das Zentrum. Ohne euch gibt es diese Familie nicht. Alle Anwesenden sind nur da, weil ihr euch füreinander entschieden habt. Und damit allein habt ihr eure volle Berechtigung, der Rest ist Vergangenheit, macht sie nicht zu eurer Gegenwart. Nicht mal ein Jahr nach unserer Eheschließung stand fest: Alle zwei Kinder würden dauerhaft bei uns leben. Das war ein harter Schlag für mich. Plötzlich war die Vergangenheit meines Mannes in der Überzahl. Der Gedanke, dass nicht die Kinder einer vergangenen Beziehung das Zentrum dieser Familie sind, sondern mein Partner und ich, hat mir Anfangs als Anker gedient, die ersten Stürme mit erhobenem Kopf zu überstehen.

Es ist eure Liebesbeziehung, schützt sie!

Die Geburt von einem Kind verändert die Paarbeziehung grundlegend. Das ist allgemein bekannt und anerkannt. Was ist aber mit der Ankunft von Kindern einer anderen Mutter? Immerhin hat sich das Paar ohne ihre Gegenwart gebildet, auch wenn sie schon existierten. Der Einfluss der Kinder aus früheren Beziehungen für die neue Paarbeziehung wird oft ignoriert. Denn Kinder und Erwachsene begegnen sich erst als Fremde. Das kann nett und aufregend sein. Erst wenn alle anfangen, sich in ihren neuen Rollen einzurichten, wird es kompliziert!

Plötzlich tauchen solche Fragen auf: Am Anfang war die Beziehung doch super zwischen meiner Tochter und meinem neuen Partner, warum kriselt es plötzlich? Der Sohn meines Mannes hat mich erst total gerne gemocht, wieso haben wir jetzt Probleme miteinander? Und vor allem: Warum können mein Partner und ich nicht mehr in aller Ruhe darüber reden? Wenn solche Fragen in eurem Beziehungsleben unvermittelt auftreten, solltet ihr einen Schritt zurücktreten, tief Luft holen und euch klar machen: Eure Familienbildung schreitet voran, die Probleme eben auch.

Am Anfang habt ihr euch einfach nur als Paar geliebt, die Kinder euch gemocht, jetzt seid ihr dabei, euch dauerhaft einzurichten. Und ihr müsst das mit den Kindern tun, ob es die eigenen sind, oder die einer Fremden, sie sind da und sie haben ihren Einfluss auf die Beziehung. Auch sie suchen ihren Platz. Ich habe mir damals gesagt: Wenn ein Neugeborenes es schafft, die Liebe eines aufeinander eingespielten Ehepaares durcheinander zu wirbeln, dann kann es doch kein Wunder sein, dass wir uns schwer tun, die Kinder der Ex in unser Beziehungsleben zu integrieren, jetzt, wo wir aus der rosaroten Wolke auftauchen und der Realität ins Auge blicken müssen! Unser Liebesalltag teilt sich plötzlich nicht nur in zwei, sondern in viele Teile und genau wie ein Neugeborenes, wollen die Bonus-Kinder auch Aufmerksamkeit und Liebe haben. Das ist auch ihr Recht, nur, dass die Verteilung von Aufmerksamkeit, Liebe und Zuwendung, in der neuen Konstellation Probleme macht, ist auch natürlich. Deswegen keine Panik, gönnt euch und eurer neuen Familie vor allem eines: Zeit!

Die Zeit entscheidet immer, und wenn ihr sie lasst, auch für euch!

Es ist besonders schwer sich Zeit zu lassen, wenn Wünsche im Spiel sind. Und das sind sie eigentlich immer, wenn es um Familie geht. Denn schließlich geht es bei der Patchworkfamilie um uns, um unser Familienleben und wie wir das leben wollen. Wir haben unsere Herkunftsfamilie hinter uns gelassen, vielleicht auch mit einem oder zwei misslungen Paar- oder Familienentwürfen abgeschlossen. Jetzt aber wollen wir, endlich, unser eigenes, richtiges Familienleben realisieren
und wir wollen, dass es gut wird. Am liebsten sofort, immerhin ist es eine
entscheidende Etappe auf dem Weg zur Realisierung unseres Lebensentwurfs, sogar einer der Höhepunkte.

Aber aufpassen: Wenn sich zwei Menschen entschließen eine Familie zu bilden, und nach Monaten des Zusammenlebens wiederholen sich ihre Konflikte in Endlosschleife, ist es wohl der Moment, sich zu überlegen, ob auf diesem Boden sich eine Familie gründen lässt.

Doch wenn mehr als zwei Menschen sich zusammentun, um eine Familie zu
gründen, wird es schon komplizierter. Je mehr Menschen mit im Spiel sind, umso mehr Zeit werdet ihr brauchen, um das Gebäude Familie fest zu bauen. Denn, an eurem Grundstock ziehen viele Kräfte, nicht nur zwei. Voreilige Reaktionen, zu schnelle Planungen, können die Grundlage zerstören, auf der ihr bauen wollt.

Lernen, mit den Schatten zu leben!

Wo wir schon bei der Anzahl Menschen sind, die eure Familie mitbestimmen, so kommt nun ein etwas dunkleres Kapitel: Ihr müsst auch an die Schatten denken. Schatten, damit meine ich die Ex-Partner, das andere Elternteil, sie mischen doch irgendwie in eurer neuen Familienkonstellation mit, ob ihr es wollt oder nicht.

Und es wird euch nicht helfen, sie zu ignorieren! Denn auch wenn euer Partner beteuert, dass er mit euch heute viel glücklicher ist, als mit dem oder der Ex, und  dass diese Person heute nicht mehr für ihn zählt, für die Kinder, die nun Teil eurer Familie sind, ist es einer der wichtigsten Menschen. Die Beziehung zu diesem anderen kann sich extrem kompliziert gestalten. Im Idealfall schafft ihr es alle, diesen Menschen aus der Vergangenheit als Teil eurer Familie zu
akzeptieren, der zwar keine aktive Rolle spielt, sie aber doch mit gestaltet, oder vor allem, unterstützen sollte. Denn blockt die außenstehende Person, oder zeigt sich nicht kooperativ um beispielsweise Konflikte der Kindererziehung zu regeln, kann es sehr schwierig werden.

Deswegen dürft ihr diesen Konflikten auch keine Macht über euch und euer Leben geben. Es sind nicht eure Konflikte, sie haben nichts mit eurer Identität zu tun! Es sind die Schatten, die eurer Partner oder Partnerin mit in die Beziehung gebracht hat, ihr müsst lernen, diese zu akzeptieren und mit ihnen zu leben. Sollte sich dies als unmöglich erweisen, so ist es nicht eure Schuld, sondern andere Beteiligte spielen einfach nicht mit im Spiel der neuen Familienkonstellation.

Patchwork, Stieffamilie, gebt euch euren eigenen Namen!

In neue Rollen muss man hinein wachsen. (Bild: unsplash – Ryan Russel)

Eure Familie ist ein neues Lebensmodel, das euch und eurem Partner entsprechen sollte, seid mutig und erfindet eure eigenen Namen dafür. Seid vor allem stolz auf euch! Den Begriff „Patchwork“ habe ich persönlich nie gemocht und also nie für uns angewendet. Ein Patchwork sind alte Stück neue zusammengesetzt, aber für mich waren wir mehr als das. Aus unserem gemeinsamen Leben wuchs etwas Neues. Jedem Beteiligten wurde eine neue Rolle zugesprochen, in die er sich einfinden musste, das hatte nichts mehr mit seinem alten Leben zu tun. Im Gegenteil, der Wunsch, das Alte für sich zu behalten, kann Konflikte hervorrufen. In Frankreich sagt man „famille recomposée“ eine wieder- oder neu kombinierte Familie, der Begriff gefiel mir persönlich besser.

Alte Rollen, neue Herausforderungen: Die richtige Balance finden!

Niemals werde ich den Ausdruck im Gesicht meines Stiefsohnes vergessen, als ich ihn am ersten Morgen in die neue Schule begleitete. Als er da in der Reihe seiner neuen, ihm fremden Mitschüler stand: Wie ein Ertrinkender, der nur zu einem entschlossen ist: überleben. Auch das ist eine Tatsache: Wenn ihr eine Beziehung mit jemanden eingeht, der schon Kinder hat, so wird irgendwann der Moment kommen, indem ihr eine Rolle spielen müsst, auf die ihr euch nur schwer vorbereiten könnt: Elternsein. Oder umgekehrt, wenn ihr es seid, die Kinder mit in die Familie gebracht habt, wird diese Herausforderung irgendwann euren Partner oder Partnerin überrollen. Sei es, weil das andere Elternteil abwesend, krank, oder sonst verhindert ist. Ein Kind erzieht sich nicht allein und ihr gehört jetzt zur Familie, es ist also selbstverständlich, dass ihr irgendwann auch diese entscheidende Rolle spielt.

Vielleicht wird es der Moment sein, indem eure Stieftochter das erste Mal ihre Periode bekommt, und das möchte sie nur mit euch teilen. In diesem Moment werdet ihr zu einer Mutter, einem Vater, ob ihr es wollt oder nicht. Es werden sehr schöne Momente sein, aber zu diesen gehören eben auch die Konflikte. Ihr müsst Grenzen setzen können, oder auch mal Nein sagen. Als neue Eltern ist das besonders schwer, denn sofort und nahezu automatisch bekommt ihr den „schwarzen Peter“ zugeschoben. „Du liebst mich nicht“, schimpft das Stiefkind, oder besser noch, der Partner wirft euch vor, keine Gefühle für das fremde Kind zu haben. Zieht euch diesen Schuh nicht an! Haltet den Kopf hoch und erinnert an die Momente, in denen ihr kopfüber in die Elternrolle gesprungen seid. Wenn in solchen positiven Momenten euer Typ gefragt war, darf es nicht sein, dass ihr in kritischen Augenblicken die Rolle des bösen Buben zugeschoben bekommt. Es geht darum, die richtige Balance zu finden, für alle Beteiligten. Kinder schlagen gerne über die Stränge, Eltern lassen sich von ihren Emotionen mitreißen, ihr aber solltet die Übersicht behalten, und das ist eine echte Herausforderung.

Erwartet keine Dankbarkeit, vor allem nicht von Kindern!

Macht euch keine Illusionen: Ihr könnt die allerbesten Stiefeltern, die liebevollste Patchworkmutti, die hingebungsvollste Mutter oder auch Vater einer neukombinierten Familie sein: Die Kinder aus den früheren Beziehungen werden mit euch irgendwann ihre Probleme haben. Warum? Es liegt in der Natur der Sache: Ihr seid die Verkörperung des Scheiterns der Beziehung ihrer Eltern. Euer Auftreten hat deren Trennung endgültig gemacht. Ihr seid an den Platz des anderen Elternteils getreten, und solange ihr das seid, kommt der oder die andere nicht wieder. Denn Kinder können immer träumen, irgendwie. Sie werden sich immer Illusionen hingeben, um ihren Schmerz zu überdecken. Ihr aber, oder besser eure Präsenz, hindert sie daran. Und deswegen können sie euch nicht dankbar sein. Einer meiner Stiefsöhne hat das mal so treffend gesagt: „Ich wollte nicht, dass du das für mich machst.“ Und deswegen dürft ihr auch keine Dankbarkeit von Kindern erwarten. Denn dann müssten sie vielleicht ihre Illusionen aufgeben und das könnte zu schmerzhaft für ihr Alter sein. Seid also mit euch selbst und eurem positiven Handeln zufrieden.

Aber verlangt einen respektvollen Umgang mit eurer Person, euren Projekten, eurem Lebensziel!

Und ja, euer Partner, der sollte sehr wohl etwas Dankbarkeit für euer Familienengagement zeigen, denn selbstverständlich ist das nicht. Es sind ja immerhin nicht eure Kinder. Eine Beziehung, die im Zentrum einer neukombinierten Familie steht, ist ein Schiff, das durch wilde Meeresengen und Stürme segeln muss. Und ihr steht dabei auf der Kommandobrücke! Wenn also bis hierhin alle heil und sicher davon gekommen sind, dann ist das zu großem Anteil euch zu verdanken. Klopft euch selbst auf die Schulter! Und haltet eure Individualität, eure persönlichen Ziele und euer Lebensprojekt genauso im Blick, wie das Wohl der Familie. Denn niemand springt hinterher und holt euch eure Träume und Ziele zurück, solltet ihr diese über Bord schmeißen.

Ihr seid die Königin in eurem Haus!

Die Stieftochter möchte euch vorschlagen, wie ihr die Küche praktischer, oder das Wohnzimmer besser gestalten könnt? Hier gibt es nur eine Antwort: Nein, danke! Aber schreib dir deine Ideen gerne auf, Süße, denn eines Tages wirst du deine eigene Familie haben, und das ist der Moment, indem du bestimmen darfst. Hier bin ich die Königin im Haus, und wie die Tapete aussieht, bestimme nun mal mein Partner und ich. Immerhin zahlt ihr auch die Miete! Aber um die materiellen Ausgaben geht es doch viel weniger, als darum, dass ihr gerade die Familienphase in eurem Leben lebt. Wären es eure eigenen Kinder, müssten sie auch mitziehen, oder würden vielleicht nicht gleich beim Einzug Ansprüche stellen, lasst euch also die Gestaltung eures Lebensraums nicht aus der Hand nehmen.

Das Wichtigste zum Schluss: Einen gesunden Egoismus zu pflegen!

Jetzt mal ehrlich, ihr seid Mitglied einer Patchworkfamilie, was heißen will, ihr manifestiert die Bereitschaft, Kinder aus fremden Beziehungen in euer Herz zu schließen, oder von euren eigenen Kinder zu fordern, sich fremden Menschen zu öffnen, allein das zeichnet euch als altruistische Menschen aus. Und das reicht. Weiter solltet ihr nicht in der Selbstaufgabe gehen. Es gibt einen Platz in eurem Herzen, eurem Haus, mehr nicht. Schützt eure Person und lasst euch nicht auffressen. Setzt die richtigen Grenzen, nur so könnt ihr auch die wilde Harmonie einer Patchworkfamilie genießen!

Titelbild: Kat Grigg – Flickr – CC BY 2.0

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  1. Was ist, wenn das Kind sich Sachen aus dem Kühlschrank nimmt, um sie zu essen… ich finde es persönlich nicht schlimm, denn es ist für alle da. Mein Freund übt immer einen Zwergenaufstand und sagt, dass sei seins. Sie müsse Bescheid geben oder besser fragen, ob sie das nehmen darf. Daher bunkert er „seine“ Sachen bei sich am Bett. Beim Einkauf teilen wir die Rechnungen durch drei – meinen Freund, meiner Tochter und mich. Finde ich zwar nicht normal, da es immer großen Aufwand bedeutet aber wie würdet ihr es handhaben? Ich fände eine Haushaltskasse sinnvoller, wovon alle Lebensmittel außer den Genussmitteln wie Alkohol und Zigaretten bezahlt werden. Er sagt, er zahlt für meine Tochter nicht mit, denn sie bekäme schließlich Unterhalt vom Kindesvater.

    Auch die Pupertät wird nicht einfach werden und wir haben noch nicht einmal den Höhepunkt dazu erreicht, der erst in zwei Jahren sein wird.

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