Foto: Andrea | Flickr | CC by 2.0

Warum ich Menschen nicht leiden kann

In ihrer Twentysomething-Kolumne schreibt Silvia über alles, was ihr gerade durch den Kopf geht. Und diese Woche über das Übel, nicht alleine auf der Welt zu wohnen.

Igitt, Menschen!

Da stehe ich letztens gemütlich auf dem Alexanderplatz in Berlin und eine Gruppe Touristen beginnt mich zu nerven…kleiner Scherz, auf dem Alexanderplatz steht natürlich niemand gemütlich rum. Denn hier heißt es jeden Tag „Bonjour Tristesse“ und niemand besucht diesen Platz, wenn er nicht muss. Was also suchen die Touristen eigentlich hier? Einen Trigger für depressive Schübe? Und warum laufen die immer wie angeschossene Rehe umher, wild entschlossen, alle anzurempeln, die nicht zur Herde gehören?

Ich kann mich gerade noch so zurückhalten, nicht den roten Schirm ihres Tour-Guides an mich zu reißen und so weit wie möglich von mir zu schleudern – in der Hoffnung, die Depperten im Neon-Regenschutz rennen hinterher. Also schnell weg hier! Aber wie, wenn die Masse nun auch noch mit Schülern durchmischt wird, deren jugendlichen Slang ich nicht verstehe, nur dass er sehr laut und störend artikuliert werden muss? Aber mich nerven dort ja nicht nur die Touristen und Schulgruppen, es sind ja auch die Eingeborenen, Zugezogenen, ach was sag ich: die Menschen eben. Manchmal sind Menschen an sich ja einfach nur schwer zu ertragen.

Jetzt sagt ihr natürlich zu Recht: „Was lungert die Idiotin auch auf dem Alexanderplatz rum?“ Hier bekommen schließlich alle einen Blutsturz, die nicht mehr 16 Jahre und alkoholisiert oder auf einen Kaufrausch bei Primark aus sind – oder sich eben von der euphemistischen Beschreibung „Sehenswürdigkeit“ haben über den Tisch ziehen lassen. Aber leider ist es ja so: Menschen nerven nicht nur hier. Sie nerven ja fast immer.

Warum müsst ihr mich mit eurer Anwesenheit behelligen?

Zum Beispiel, wenn sie nach dem Aussteigen aus der U-Bahn nach einem Schritt in die Freiheit abrupt stehenbleiben, weil sie auf einmal nicht mehr wissen wohin sie wollen – und ich mich nur noch mit einem Hechtsprung vor unangenehmen Berührungen schützen kann. Wenn sie sich mit einem Früchtemüsli in der Tupperbox neben mich in die Tram setzen, schmatzend essen und beim nächsten Bremsen entschuldigend etwas Milch von meinem Ärmel streifen. Wenn ihnen erst an der Kasse, nach dem sehr langsamen Einpacken, einfällt, dass sie auch bezahlen müssen und dann ihren Geldbeutel nicht finden. Wenn sie sich im Park direkt neben mich setzen, obwohl um uns genug Platz wäre, um so weit voneinander entfernt zu entspannen, dass wir unsere Augenfarben nicht sofort erkennen können. Wenn sich Glitzimausi und die Zuckerbiene in einem Frageforum *knuddeln*, weil sie erfolgreich einen Haushaltstipp ausgetauscht haben. Wenn sie in der Bar am Tisch neben dir aufeinander einbrüllen, aber es noch nicht mal um ein Streitgespräch geht. Wenn sie sich an Eisdielen-Theken nicht entscheiden können, dann doch und dann doch nicht. „Hihi, sorry!“ Nix! Keine Entschuldigung! Du nervst!

Ach, ihr merkt schon – ich finde das Zusammenleben mit anderen Menschen auf diesem Planeten wirklich nicht leicht. Und hier habe ich ja nur den höchstbanalen Alltag aufgezählt. Von den wichtigen Dingen, dem ganzen existenziellen, politischen, gesellschaftlichen Zeug, habe ich ja noch nicht einmal angefangen. Aber auch da, ganz besonders da, sieht es ja übel aus. Denn mal ehrlich, es fällt manchmal schon schwer, dem anderen seine Meinung und Haltung zu lassen, wenn sie einfach von Grund auf dämlich ist. Aber da reiße ich mich natürlich zusammen und versuche wenigstens, gemeinsamen Konsens im Gespräch zu finden oder anderweitig für Besserung beizutragen – oder wenigstens andere ohne Rauferei zu ertragen. Einem Menschen aber, der mir seine aus der Box geschwappte Milch vom Ärmel wischt und dabei auch noch aus Versehen in meinen Pulli einarbeitet (dass ich hier nicht anfange, in Großbuchstaben weiterzuschreiben, ist meiner doch vorhandenen Milde zuzuschreiben), für den habe ich kein Verständnis. Solche Menschen sind einfach nur ein verdammtes Ärgernis! Also ertrage ich sie still und hasserfüllt. Ob das die Lösung ist? Wahrscheinlich nicht.

Warum schaut ihr nicht auch mal nach rechts und links?

Warum nur können die Menschen nicht mehr auf ihre Umwelt achten, frage ich mich immer? Schaut doch mal ein bisschen neben euch, und hört auf, andere mit eurem Zeug zu belästigen, aufzuhalten, einzuengen. Ich versuch’s doch auch! Versuche, Menschen, die mit meiner Person nichts zu tun haben, auch nicht mit meiner Person zu belästigen. So schwer ist das doch nicht! Benehmt euch doch ausnahmsweise einfach mal nicht so, als wärt ihr in einer Höhle aufgewachsen, das würde ja schon helfen!

Übertreibe ich? Na, vielleicht. Und eigentlich mag ich Menschen ja auch ganz gerne. Nur eben manchmal nicht. Aber ich hab euch ja schon von meinem Resting Bitch Face erzählt – vielleicht habe ich das ja doch nicht ohne Grund bekommen. Vielleicht bin ich eben doch eher Rumpel aus der Tonne als die Grinsekatze. Aber bin ich damit alleine auf weiter Flur? Oder gibt es da draußen noch andere Misanthropen? Wenn ja, bitte meldet euch! Aber nur ganz leise und möglichst unaufdringlich. Alles andere empfinde ich dann doch als störend.

Artikelbild: Andrea | Flickr | CC by 2.0

Mehr bei EDITION F

Bitte nervt mich nicht mit euren Ernährungstipps! Weiterlesen

Wie man mit Menschen zusammenarbeitet, die man nicht ausstehen kann. Weiterlesen

„Die sind alle so unfair“ – Warum Jammern im Büro nicht dazu führt, dass du dich besser fühlst. Weiterlesen

+ posts

Silvia hat von 2014 bis zum Herbst 2019 für EDITION F gearbeitet, zunächst als freie Journalistin, dann als Redakteurin und seit dem Jahr 2017 als Redaktionsleiterin. Seit Oktober ist sie freie Autorin und Kolumnistin und schreibt auf EDITION F weiterhin ihre Kolumne „Thirtysomething“. Im März 2019 erschien im Goldmann-Verlag ihr erstes Buch: „A Single Woman: Ein Plädoyer für Selbstbestimmung und neue Glückskonzepte“. Foto: Jennifer Fey

  1. Hallo liebe Silvie, du sprichst mir hier ja mal voll aus dem Herzen, ich sehe das ganz genauso wie Du! Schlimm sind auch die Mütter mit ihren Kleinkindern, die denken, es gibt nur sie auf der Welt! Vielleicht erinnerst Du Dich ja noch an die ein oder andere vom Café in der Mayerschen Buchhandlung in Köln 😉 ganz liebe Grüße Deine Valeska

  2. Hallo liebe Silvia, Du sprichst mir aus der Seele. Doch manchmal frage ich mich schon, ob man sich mit dieser Haltung auch selbst ganz schön „negativisiert ( gibts nicht , weiß ich schon;)), und dann Vieles noch nerviger sieht. Irgendwie weiß ich auch nicht, ob das immer schon so war, oder ob die Menschen dümmer und /oder egoistischer werden. Keiner geht mehr aus dem Weg, die meisten denken nur an sich….mich tröstet dann oft, das die netten , dann doch noch überwiegen.
    Ganz liebe Grüße und einen schönen Tag
    Regina

    1. Mir gehen Menschen allgemein auf den Nerv, besonders geballt. Wobei „geballt für mich schon „in Häusern über 3 Etagen,in Siedlungen mit Mauer an Mauer“ bedeutet Ich muss sie nicht einmal sehen und es nervt mich schon! Zu wissen, dass ich umgeben bin von Menschen, in einer Zeit, die mich ob all ihres Überflusses, Überschusses, ihres Lärms, der Hektik und Überfüllung regelrecht wie eine Fremde in der eigenen Zeit empfinden lässt, lähmt mich.
      Wäre ich mutiger und ungebunden; mein Traum wäre wohl ein Heididorf mit nur einem Briefkasten, einem Kiosk 500 Menschen und das Ganze bitte irgendwo zwischen 1958 und 1987.
      Kurz: das hier ist nichts mehr für mich.
      (Oder: hört bitte endlich auf Kinder zu kriegen, es ist eh schon viel zu voll)

  3. Moin Silvia, gut, dass ich nicht in Berlin wohnen muss (oder irgendwo in anderen Metropolen) – wohne auf dem Land und manchmal nerven mich schon die Leute bei Lidl (schicke deshalb meinen Mann einkaufen…grins).
    Ich war als Kind schon ein Eigenbrötler, in den Firmen nicht „teamfähig“ (hatte immer ne Insellösung) und mag besonders Menschenmassen nicht (da bräuchte ich mind. 2,5 %o).
    Ich gehe zwar auch nicht immer aus dem Weg, aber ich trete nicht in Pfützen oder Hundekacke, wenn ich schon unterwegs sein „muss“.
    Es gibt eine kleine Auswahl von Menschen (die mich selten nerven), mit denen ich gut auskomme – denke, das reicht doch.
    Ansonsten halte ich mich raus aus dem Tumult und sorge meistens für eine Wand im Rücken. Ich fühle mich wohl dabei und vermisse nix!
    LG Heide

  4. Liebe Silvia,
    Nein du bist nicht alleine, ich komme gerade vom Einkaufen und hab mich genau das selbe gefragt d.h googelte ich “wenn Menschen einfach nur noch nerven” und bin auf deinen Artikel gestoßen😅. Umso älter ich werde (gerade 27 geworden) finde ich andere Menschen sehr schwer aushaltbar. Wenn das so weitergeht muss ich wohl auf eine einsame Insel ziehen! Lg Cathi

  5. Kann ich nur nachvollziehen. Ich achte immer enorm darauf, dass ich andere Personen nicht einschränke. Dann wundere ich mich, warum ich an mein Verhalten und andere Menschen denke – aber andersrum vergeblich. Letztens in der Ringbahn hat sich eine Dame neben mir ihre Fingernägel geschnitten und überall um sich verteilt. Ich mein wie kommt man darauf?

  6. Menschen sind sofort am Ausnützen, wenn sich auch nur die geringste Gelegenheit bietet. Schimpansen sind sozialer, ich habe in einem Film gesehen, wie sehr sie das Eigentum von Artgenossen respektieren. Ja, auch von schwächeren Artgenossen.
    Was ich an den Arbeitsplätzen an Mobbing erlebt hatte. Ich hatte halt Sachen „verbrochen“, die ein wenig am Machtgefühl der Vorgesetzten kratzten. Meistens ganz ohne Absicht. Das genügte für Strafen, die meine ganze berufliche Zukunft gefährdeten.
    Auch ich mag diese Spezies nicht! Ich habe für mich eine Lösung gefunden: Diese Spezies werde ich nicht vermehren. Ich bleibe kinderlos! Mit meinem Tod wird meine Geschichte enden. Und keine Nachkommen von mir müssen sich jemals wieder über diese egozentrische Spezies aufregen.

  7. hallo ihr Leidensgenossen,
    kennt ihr das Gefühl, wenn ihr euch umschaut und eine gewisse Verachtung bekommt, weil jeder um euch einen „Prototypen“ entsprechen möchte? Man hat das Gefühl, dass jeder sich einfach nur anpassen möchte. Und umso angepasster der Mensch ist, umso mehr steigt sein Ego. Die ganze Menschheit fühlt sich unwirklich und falsch an. Dann gibt es die die „außergewöhnlich“ sind. Denken sie wären „authentisch“, aber das sind sie nicht, weil es einfach erzwungen ist und es ist so offensichtlich!Ach keine Ahnung, vielleicht spinne ich auch nur. Am schlimmsten ist es, wenn man sich diese Tik Tok scheiße anschaut. Ich könnte da weinen, weil es so BLÖD ist!! Man will sich dann immer mehr aus der ganzen Gesellschaft entfernen und fühlt sich so schrecklich einsam, denn man kann sich nicht überwinden nur einen Funken davon sympathisch zu finden.
    Ich bin extra ausgewandert in die Dominikanische Republik, weil ich dachte ich mag nur die deutsche Zivilisation und die total blödsinnigen Ideale nicht, aber nein hier ist es genauso!
    Ich bin wirklich sehr dankbar für diesen Artikel und für diese Beiträge, denn es gibt mir die Hoffnung eines Tages eine Person wie euch kennen zulernen und nicht mehr alleine zu leiden.

    viele grüße
    Mary

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Anzeige

Wir benutzen Cookies um die Nutzerfreundlichkeit der Webseite zu verbessen. Durch Deinen Besuch stimmst Du dem zu.