Buba Sababa | Foto: Aja Jacques
Buba Sababa | Foto: Aja Jacques
Ixa | Foto: Aja Jacques
Ixa | Foto: Aja Jacques
Lori Baldwin | Foto: Aja Jacques
Lori Baldwin | Foto: Aja Jacques
Dotti Moscati | Foto: Aja Jacques
Dotti Moscati | Foto: Aja Jacques

Berlin Offstage: Überlebt queere Kultur die Krise?

Die Fotografin Aja Jacques macht mit eindrucksvollen Porträts und Interviews auf die prekäre Situation von Performancekünstler*innen in Pandemiezeiten aufmerksam.

Künstler*innen, die ihr Geld damit verdienen, auf der Bühne und vor einem Publikum zu stehen, hat die Corona-Krise besonders hart getroffen. Oft freiberuflich tätig, sind erst im Frühjahr und dann wieder im Winter 2020/21 auf einen Schlag alle Einnahmen weggebrochen. Staatliche Hilfen? Fehlanzeige! Um auf die derzeitige Situation von Performancekünstler*innen aufmerksam zu machen, hat die Fotografin Aja Jacques das Projekt „Berlin Offstage“ ins Leben gerufen. Sie porträtiert unter anderem Burlesquetänzer*innen, Drag-Performer*innen und Sänger*innen in Bühnen- und Alltagsoutfits und veröffentlicht die Fotos zusammen mit kurzen Interviews.

„Ich wollte sichergehen, dass diese wundervollen, talentierten Menschen nicht vergessen werden, weil sie ein so wichtiger Teil der Berliner Kultur sind.“

Aja Jacques

Die Idee sei entstanden, als die im Berliner Club „Wilde Renate“ beheimatete Ausstellung „Overmorrow“, bei der mehr als einhundert Künstler*innen beschäftigt waren, im Oktober schließen musste. Polizei und Ordnungsamt hatten laut den Veranstalter*innen mit Repressionen gedroht, obwohl die Corona-Auflagen eingehalten wurden. „Ich war am Boden zerstört, als ich davon gehört habe“, erzählt die Fotografin, „weil ich wusste, dass die Performer*innen nun monatelang arbeitslos sein würden. Zu diesem Zeitpunkt war keine Rede von staatlichen Hilfen. Ich wollte sichergehen, dass diese wundervollen, talentierten Menschen nicht vergessen werden, weil sie ein so wichtiger Teil der Berliner Kultur sind.“

Anfang November hat Aja Jacques dann mit den Shootings begonnen. Das Projekt in so kurzer Zeit auf die Beine zu stellen, sei viel Arbeit gewesen. Eigentlich selbst professionelles Model, lag ihr Fokus bislang auf Selbstporträts. Das Fotografieren anderer Menschen liege außerhalb ihrer eigenen Komfortzone: Einer der Gründe, warum sie genau das machen wollte. Rückblickend sei sie durch die Begegnungen mit den anderen Performer*innen sehr gewachsen.

Clubschließungen und finanzielle Probleme

Ixa, DJ und Performancekünstlerin, zeigt sich im Interview mit Aja Jacques besorgt: „Ich habe Angst, dass die Infrastruktur, auf der das ganze Berliner Nachtleben basiert, zusammenbricht. (…) Diese Stadt war mal eine Art Zufluchtsort. In dieser Weise wird sie nicht mehr existieren.“ Diese Furcht teilt auch die Burlesquetänzerin und Sängerin Dotti Moscati: „Allein damit, dass die Clubs schließen, bestätigen sich viele meiner Sorgen. Ich habe Angst, dass sich unsere Veranstaltungsorte nie wieder erholen.“

„Viele Performer*innen haben im Moment finanzielle Probleme”, sagt Aja Jacques. „Es gibt Personen, die sich auf staatliche Hilfen bewerben konnten – das ist toll –, aber viele dürfen diese Hilfen gar nicht in Anspruch nehmen. Einige haben nur begrenzte Visa, mit denen sie ausschließlich als Performer*innen arbeiten dürfen. Diese Personen können also noch nicht einmal einen Nebenjob annehmen, oder sich auf staatliche Hilfen bewerben, während sie ihrem eigentlichen Job nicht nachgehen dürfen.“

Die meisten Performer*innen machen auch während des Lockdowns Kunst und lassen andere daran teilhaben – zum Beispiel durch Livestreams. Ein großes Problem sei aber, so die Performancekünstlerin Fifi Fantome, dass Menschen sich diese Livestreams zwar anschauen, um etwas gegen ihre Langeweile zu unternehmen, aber nicht bereit seien, die dahinterstehenden Künstler*innen auch zu unterstützen.

Kein Raum, um verschiedene Facetten der eigenen Identität zu erkunden

Nicht nur deshalb setzt die derzeitige Situation vielen auch emotional zu: Aufzutreten, sagt Aja Jacques, sei nicht nur ein Job, sondern ein Ventil für die eigene Kreativität. Die fehlenden Möglichkeiten sich auszudrücken und verschiedene Facetten der eigenen Identität zu erkunden, verschlimmere andere Probleme noch.

Darüber sprechen auch die Performer*innen in ihren Interviews. Die Performerin Lori Baldwin meint: „Ich vermisse die verschiedenen Charaktere, die ich entwickelt habe. All meine Stücke sind verbunden mit verschiedenen Facetten meiner Selbst.“ Tänzer*in und Performancekünstler*in Gutter Gucci sehnt sich vor allem nach der Verletzlichkeit, die bei Auftritten durch Berührungen und Nähe entstehe. Auch die Verbindung zum Publikum fehle durch die Pandemie, sagt Burlesquetänzerin und Sängerin Dotti Moscati: „Das ist das schwerste an Onlineshows. Wenn du einen Auftritt nur filmst, ist die Energie ganz anders, weil keine*r ‚Wooooohooo!‘ ruft. Ich brauche diese Energie.“ Dieses Problem sieht auch Drag King Buba Sababa: Drag sei ein politischer Akt. Und in Livestreams könne man einfach nicht wissen, ob die Message ankommt und die Performance die gewünschte Wirkung hat.

„Ich glaube, im Moment fühlen wir uns alle kaputt. Emotional ist es schwer für mich, mit Menschen zu interagieren oder ihnen Energie zu geben, weil ich mir selbst gerade keine Energie geben kann.“

Performerin und Künstlerin Very Confused, im Interview mit „Berlin Offstage“

Die Künstler*innen zeigen sich kämpferisch

Durch die Interviews der Performer*innen zieht sich aber auch Hoffnung. Hoffnung darauf, dass die Zeiten besser und queere Subkulturen überleben werden. Drag Performer*in Daddy Sparkles betont, dass selbst in den dunkelsten Zeiten Außenseiter*innen, Kabarett, queere Kultur und Feminismus einen Weg gefunden haben, diese Zeiten zu überdauern und etwas Neues entstehen zu lassen. Performancekünstlerin und DJ Ixa erzählt, sie habe irgendwann im ersten Lockdown ihre Kreativität wiedergefunden und bereits begonnene Kunstprojekte fertigstellen können. Diese Produktivität steigere zurzeit ihre Stimmung. Ähnliche Erfahrungen hat auch Perfomerin und Künstlerin Very Confused gemacht: „Ich war die ganze Zeit am Computer und habe utopisch gedacht; mir Shows überlegt, für den Fall, dass sie irgendwann stattfinden können.“ Das habe ihr eine Menge wütender Energie gegeben. Very Confused sei sich nun ihrer eigenen Kraft stärker bewusst und wisse, was passieren muss, damit ihre Stimme gehört werde und sie etwas verändern könne.

Beeindruckt von der Resilienz der Performer*innen zeigt sich auch Fotografin Aja Jacques: „Es klingt vielleicht kitschig, aber alle sind auf ihre eigene Art und Weise besonders. Die Performer*innen kommen aus ganz unterschiedlichen Lebensverhältnissen und haben Wege gefunden, ihre einzigartigen Erfahrungen durch ihre Kunst auszudrücken.“ Es habe sie besonders inspiriert, wie viel Stärke und Hoffnung ihre Interviewpartner*innen ausgestrahlt haben – trotz der Ängste, der Unsicherheiten. Sie haben keine andere Möglichkeit, als weiterzumachen und auf eine bessere Zukunft zu hoffen.

Wir brauchen staatliche Hilfen, auch für Performer*innen!

Klar ist für Aja Jacques aber auch, dass Künstler*innen in Zeiten von Covid-19 staatlich besser unterstützt werden müssen. Zu Beginn der Pandemie habe es noch finanzielle Hilfen gegeben, auf die sich Menschen bewerben konnten. Die November- und Dezember-Hilfen von 2020 seien bereits nur noch für bestimmte Freelancer*innen gewesen. Anfang 2021 habe es gar keine staatliche Unterstützung mehr gegeben, die Künstler*innen ermöglicht hätte, ihre grundlegenden Lebenshaltungskosten zu decken. Übrig geblieben seien lediglich Hartz IV und Arbeitslosengeld – beides können Künstler*innen ohne EU-Staatsbürger*innenschaft nicht beziehen.

Mittlerweile gibt es die Überbrückungshilfe III, die Künstler*innen jedoch lediglich ermöglicht, eine Betriebskostenpauschale von bis zu 7.500 Euro zu beantragen. Für viele ist das vermutlich zu wenig, um von Januar bis Juni ohne aktuelle Aufträge ihre Lebenshaltungskosten zu stemmen. Laut Aja Jacques ist die finanzielle Notlage bei vielen Performer*innen ohne EU-Staatsbürger*innenschaft so groß, dass sie darüber nachdenken müssen, Berlin und auch Deutschland zu verlassen. Das würde einem Todesstoß für die Berliner Kultur gleichkommen. Es brauche großzügige staatliche Unterstützung, um das zu verhindern, sagt Aja Jacques. „Es ist dringend.“

Weitere Fotos und die kompletten Interviews mit den Performer*innen findet ihr auf der Webseite von „Berlin Offstage“. Ihr könnt dem Projekt außerdem bei Instagram folgen. Die hier abgebildeten Performer*innen findet ihr auf Instagram unter @ixa_psyborg, @dotti_moscati, @iamloribaldwin und @buba__sababa. Die Fotografin ist unter @aja.jacques auf Instagram zu finden.

Wie du unseren Journalismus mit Haltung jetzt unterstützen kannst:

Werde Mitglied bei EDITION F PLUS. Jeden Monat bekommst du neue Perspektiven, Artikel, Podcasts und Tools zu Themen aus der Arbeits- und Lebenswelt, die dich inspirieren und ins Machen bringen. Zudem helfen dir ausgewählte FEMALE FUTURE FORCE Academy-Inhalte dabei, noch weiter zu kommen. Jetzt mit einer Mitgliedschaft (ab 6 Euro) unterstützen.

FREI WÄHLBARER BETRAG. Wenn dir unsere Arbeit wichtig ist, freuen wir uns sehr über eine Unterstützung via Paypal in der Höhe, die dir möglich ist. Jetzt eine einmalige Unterstützung senden. P.S. Wir können leider keine Spendenquittungen oder Rechnungen ausstellen.

ERZÄHL VON UNS. Wenn dir unsere Arbeit gefällt, rede drüber. Mit deinen Freund*innen, deiner Nachbarin, auf Twitter oder bei Instagram.

+ posts

Lee (Lee/they) studiert neben Publizistik- und Kommunikationswissenschaften auch Politikwissenschaft. Neben dem Studium ist Lee seit 2017 vor allem beim queerfeministischen Verein „NotAnObject“ tätig, der eine Plattform für Betroffene sexualisierter Gewalt bietet. Lee interessiert sich im Moment besonders für queere Sexualaufklärung und soziale Medien. Aktuell unterstützt Lee die Redaktion von Edition F als Praktikant*in.

Anzeige

Wir benutzen Cookies um die Nutzerfreundlichkeit der Webseite zu verbessen. Durch Deinen Besuch stimmst Du dem zu.