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Scheiß auf die anderen – und hab mehr von deinem Leben

Was in den sozialen Netzwerken gefordert wird, kann kein Mensch jemals abarbeiten: Die Autorin Rebecca Niazi-Shahabi räumt mit dem Selbstfindungszwang unserer Gesellschaft auf.

 

Alle anderen sind ja viel inspirierter als wir

Auf Instagram zeigen wir, wie fantastisch und gut ausgeleuchet unser Leben ist, auf Facebook hoffen wir auf Likes, weil das Südtiroler Bergpanorama hinter und der Speckknödel auf dem Teller vor uns so prima aussehen, außerdem lesen wir jeden Tag darüber, welcher Weg zum Traumkörper und Traumjob nun wahlweise der beste, leichteste oder klügste ist. Schluss damit!, fordert Rebecca Niazi-Shahabi. „Ich bin nicht perfekt – und ich arbeite auch nicht daran!“, sagt sie. Sie hat ein Buch geschrieben, in dem sie gnadenlos mit dem Ratgeber- und Selbstoptimierungswahn aufräumt. Wir bringen einen Auszug aus Kapitel 8: „Plädoyer für ein neues altes Ideal. Wie man wirklich etwas Bedeutsames tut“:

Schluss
mit der Schuld, her mit der Freiheit!

Auf
der Suche nach sich selbst muss man nicht um die Welt reisen, man
muss auch nicht kreativ sein, um sich selbst zu verwirklichen. Es ist
auch nicht notwendig, sich von alten Kindheitsmustern zu befreien,
seine wahren Talente zu entdecken, seinen Körper zu lieben, mit sich
ins Reine zu kommen, seine Ängste zu überwinden und seine Blockaden
aufzulösen, um endlich richtig zu leben. Selbstverwirklichung geht
viel einfacher. Selbstverwirklichung beginnt in dem Moment, in dem
ich mich all diesen vielen Vorschlägen und Tipps verweigere.
Verweigerung ist das stärkste Bekenntnis zu mir selbst. Denn wenn
ich mich weigere, mache ich aus der allseits propagierten
Selbstverwirklichung wieder das, was sie sein sollte: eine
Möglichkeit.

Die
Freiheit zur Selbstverwirklichung muss – das liegt in der Natur der
Sache – immer die Möglichkeit miteinschließen, sie auszuschlagen,
sonst ist sie keine Möglichkeit mehr, sondern ein Zwang.

In
dem Moment, in dem man sich die Freiheit nimmt, seine Freiheit nicht
mehr nutzen zu müssen, wird man souverän. Es beginnt im Kleinen.
Der Regisseur Helmut Dietl bekannte, dass es ein Streitpunkt zwischen
ihm und seinen Lebensgefährtinnen gewesen sei, dass er sich stets
geweigert habe, einen schönen, sonnigen Tag zu genießen. Er wollte
sich nämlich von einem sonnigen Tag nicht vorschreiben lassen, wie
er sich zu verhalten und zu fühlen hat. Tatsächlich würde ohne
genau diese Souveränität meine Selbstverwirklichung ad absurdum
geführt.

Dagegen sein ist immer gut

Schnell
läuft man nämlich Gefahr, zur Marionette seiner eigenen
Selbstverwirklichung zu werden. Kaum hat man sich vorgestellt, auf
welche Art man glücklich und zufrieden werden könnte, versucht man
sich auch schon hineinzupressen in diese Vorstellung von Glück. Für
die persönliche Freiheit ist es allerdings gleichermaßen wichtig,
unglücklich wie glücklich sein zu dürfen.

Die
Schweizer Psychoanalytikerin Maja Storch berichtet von einem Gespräch
mit einer Abiturientin, die eine Arbeit über Entscheidungen
schreiben und zu diesem Thema von ihr beraten werden wollte. Diese
Studentin hatte ihr Thema nicht ohne Grund gewählt, sie hatte selbst
Entscheidungsschwierigkeiten, zum Beispiel konnte sie sich einfach
nicht entscheiden, was sie studieren wollte. Das lag aber nicht
daran, dass ihre Eltern sie in eine bestimmte Richtung drängten; sie
hatten ihr gesagt, dass sie alles machen könne,
was sie wolle, Hauptsache, es mache sie glücklich. Und genau an
dieser Vorgabe verzweifelte ihre Tochter. Es war erleichternd für
die junge Frau, als ihr Maja Storch sozusagen von offizieller Seite
die Erlaubnis gab, falsche Entscheidungen zu treffen und ganz normal
unglücklich werden zu dürfen.

Die
Selbstverwirklichung wird zu ihrem Gegenteil, wenn sie gelingen muss.
Kein Wunder, dass man dieses komische Gefühl hat, man habe noch
nicht angefangen zu leben, denn man würde sich zu keiner Fahrradtour
überreden können, von der von vornherein feststeht, dass sie toll
werden MUSS. Man hätte
keine Lust, Freunde zu treffen, mit denen man den Spaß seines Lebens
haben MUSS, eine Hochzeit
zu feiern, die eine Sensation sein MUSS.
Wie kann man sich für einen Job entscheiden, der erfüllend sein
MUSS, einen Partner
wählen, der einen glücklich machen MUSS?
Unter solchen Bedingungen kann man sich nicht ins Leben stürzen. Wer
übernimmt die Verantwortung, wenn doch alles anders kommt, als ich
es mir vorgestellt habe? Und es wird anders kommen, denn das Leben
ist immer anders, als ich es mir vorstelle.

Die
Unfreiheit heute besteht darin, dass man mir die Verantwortung
für mein Scheitern und meine Enttäuschungen aufbürdet –
und in den sozialen Medien keine Gelegenheit ausgelassen wird, mich
auf ebendiese Enttäuschungen und dieses Scheitern hinzuweisen. Viele
sehnen sich danach, sich von dieser Bürde zu befreien – denn
ehrlich gesagt, könnte man mit einer
misslungenen Reise und sogar mit einer erlahmten Liebesbeziehung ganz
gut leben; auch die abgebrochene Diät und die gescheiterte
berufliche Selbstständigkeit könnte man sich verzeihen. Es ist die
Schuld, die einen quält. Das heißt das Gefühl, dass es hätte
gelingen können, wenn man es nur richtig angepackt hätte.

Schuld
ist der Feind der Freiheit

Die
Tipps und Ratschläge, die mich in solchen Momenten der Enttäuschung
erreichen, bestärken mich in dem Gefühl, dass ich es hätte besser
machen sollen. Beziehungsweise, dass mein Scheitern nur akzeptabel
ist, wenn ich es in Zukunft besser mache, also aus meinen Fehlern
lerne. Es sind aber gar nicht meine Fehler, die mich unglücklich
machen, sondern die unerfüllbaren Vorgaben, die da lauten, dass
alles immer besser sein muss, als es nun einmal ist. Selbst Dinge,
die die Tendenz haben, sich unserem Einfluss zu entziehen, wie unsere
Gesundheit, das Gelingen der Partnerschaft oder meine Jobsituation,
dürfen nicht so sein, wie sie sind, sondern müssen optimiert
werden.

Jeden
Tipp, den ich mir zu Herzen nehme, jeden Ratgeber, den ich kaufe,
jede Lebenshilfe-App, die ich abonniere, ist eine Schuldzuweisung an
mich selbst. Ich gebe mir die Schuld, dass ich nicht so schnell in
meinem Leben vorankomme, wie ich eigentlich vorankommen müsste. Wäre
ich mit dem Tempo meiner persönlichen Weiterentwicklung zufrieden,
müsste ich ja keine fremde Hilfe in Anspruch nehmen. Doch wer hetzt
mich eigentlich?

Der
Strom der vielen Vorgaben, wie ich zu sein habe, reißt niemals ab,
ständig erfahre ich von meiner Umgebung, dass ich zu faul, zu
ängstlich und zu feige sei, um richtig zu leben. In regelmäßigen
Abständen werde ich beschuldigt, sogar an der Zerstörung des
Planeten beteiligt zu sein, weil ich mein Ego noch nicht losgeworden
bin und meine Gier nicht überwunden habe. Und der angeblich gut
gemeinten Versicherung, dass ich alles habe, um glücklich zu sein,
wohnt der Vorwurf inne, dass ich nicht glücklich genug sei. Schon
die Empfehlung, echt zu sein, ist eine Vorschrift, wie bereits der
Philosoph Jean-Paul Sartre erkannt hat. Denn diese Empfehlung setzt
voraus, dass ich noch nicht echt bin und es erst werden muss.

Natürlich
stellt man sich ab und zu die Frage, was man mit seinem Leben machen
will, aber muss die Antwort immer sensationell ausfallen? Ist es
schlimm, wenn ich diese Frage nicht sofort und in jeder Phase meines
Lebens beantworten kann? Ich lebe ja trotzdem. Vielleicht sollte man
sich von der Frage, was ein gutes Leben ausmacht, nicht allzu sehr
aus der Ruhe bringen lassen. Sonst wird man am Ende von diesem
Herkulesprojekt erdrückt. Denn was in den sozialen Netzwerken
gefordert wird, kann kein Mensch jemals abarbeiten, und selbst wenn
es einem gelingen würde, sämtliche Verbesserungsvorschläge
umzusetzen, wird man irgendwann auf den Vorwurf stoßen, dass man
sich nur um sich selber drehe. Dann ist der Kreis geschlossen, und
man kann der Schuld nicht mehr entkommen.

Kein
Wunder, dass Instagram und Facebook depressiv machen, dazu braucht
man keine Studien zu lesen, man spürt es ja selbst. Hinter jedem
Ratschlag steht die Frage, warum ich das, was mir geraten wird, nicht
bereits getan habe.

Dabei
gibt es keinen Grund, sich schuldig zu fühlen. Selbstverwirklichung
ist keine Sache, die man der Welt schuldig ist. Selbstverwirklichung
lässt sich nicht an der Anzahl der Freunde, der Intensität des
Glücks und dem Fitnesslevel festmachen. Es wäre
fatal, wenn ich die irrige Annahme, dass
ich endlich glücklich sein werde, wenn ich genug Geld verdiene,
lediglich durch eine andere nicht zutreffende Annahme ersetzen würde,
nämlich die, dass ich erst glücklich sein darf, wenn ich ganz ich
selbst bin.

Solange
wir meinen, wir müssten den einzigen und richtigen Weg
für uns finden, brauchen wir
andere, die uns zeigen, wie das angeblich geht. Und schon sind wir
mit den anderen beschäftigt, denn wir müssen ja herausfinden, ob
sie tatsächlich im Besitz dieses wunderbaren Geheimnisses sind, wie
man richtig lebt. Das heißt, wir müssen ihre Tipps und Methoden
ausprobieren. Müssen herausfinden, ob ihre Methode oder unsere
Ausführung falsch ist. Wir werden von unseren Vorbildern erst
begeistert und dann enttäuscht sein. Lassen wir unser hehres Ziel
nicht fallen, müssen wir anschließend neue Vorbilder suchen und
hoffen, dass diese uns endlich helfen können, uns selbst zu
entdecken. All das ist ziemlich anstrengend.

Wenn
wir uns von unserem Anspruch befreien, Fortschritte machen zu müssen,
werden wir wieder unabhängig. Und zwar nicht nur von unseren
Fortschritten selbst, sondern vor allen Dingen von denen, die
angeblich den Trick kennen, wie wir den Weg zu uns selbst abkürzen.
Diese Abkürzung nicht zu suchen, spart eine Menge Zeit. Sie müssen
übrigens nicht sofort wissen, was Sie mit dieser Zeit machen wollen.
Das findet sich schon.

Aus: „Scheiß auf die anderen. Sich nicht verbiegen lassen und mehr vom Leben haben“, Piper Verlag, 208 Seiten, 9,99 Euro.

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