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Die große Beziehungskrise: Wenn Frauen mehr verdienen als ihre Partner

Warum eine Beziehung auf Augenhöhe mit traditionellen Rollenbildern kaum möglich ist, damit beschäftigt sich unsere Autorin Silvia Follmann in ihrer Thirtysomething-Kolumne in diesem Monat.

Baby, ich muss für dich sorgen – sonst mach ich mir Sorgen!

Über Geld zu reden, fällt vielen schwer. Wir machen ständig ein Tabu daraus, was tatsächlich niemandem nützt, außer vielleicht „dem Markt“, der das so nicht regeln muss. Aber auch im Privaten ist das liebe Geld immer wieder ein schwieriges Thema. Da hört die Freundschaft auf, sagt man. Und heterosexuelle Beziehungen können damit offensichtlich auch an ihre Grenzen kommen, wie eine aktuelle Studie ergeben hat.

Die Studie kommt zum Ergebnis, dass Männer am zufriedensten sind, wenn ihre Frauen 40 Prozent zum Haushaltseinkommen beitragen. Wenn es aber darüber hinausgeht, geht’s bergab mit dem Befinden der befragten Männer. Und verdienen ihre Frauen wesentlich mehr als sie, kommt die Krise: Die Männer werden deprimiert, traurig und fühlen sich wertlos. Die Ökonomin und Autorin der Studie, Joanna Syrda, interpretiert das steigende Stresslevel der weniger verdienenden Männer so, dass sich dadurch die Machtverhältnisse in Beziehungen ändern würden. Zudem hätten die Männer mit der gesellschaftlichen Erwartung an sie zu kämpfen, die Hauptversorger in Beziehungen sein zu müssen. Es hakt also an den üblichen Männlichkeitsvorstellungen.

Über (gefährliche) Machtverhältnisse in Beziehungen

Nun könnte man natürlich mit den Schultern zucken und sagen: Stellt euch nicht so an! Nicht in traditionelle Rollenvorstellungen zu passen, kann unangenehm sein, weil gesellschaftliche Erwartungen auf die Brust drücken können – so what. Doch leider ist das wirklich kein Schmunzelthema, wenn man den Aspekt der Machtverhältnisse, die dadurch für die Männer offensichtlich ins Rutschen kommen, betrachtet. Stichwort: Femizide. Gewalttaten durch (Ex-)Partner haben den Hintergrund des Gefühls von Machtverlust, nicht etwa den Verlust von Leidenschaft oder der Liebe. In einer patriarchalen Gesellschaft wird Männern suggeriert, dass sie einen Besitzanspruch auf Frauen hätten – und Gewalt gegen Frauen ist eine Folge davon.

Aber auch neben dem denkbar Äußersten ist es eine ziemlich deprimierende Vorstellung, in einer Beziehung zu leben, in der ein Mensch es als notwendig erachtet, den anderen durch Abhängigkeit an sich zu binden. Weil bei diesem Menschen offenkundig nicht genug Selbstbewusstsein und Vertrauen vorhanden ist, um glauben zu können, dass Zuneigung und der Wunsch miteinander zu leben für das Funktionieren einer Langzeitbeziehung ausreicht. Und noch viel irritierender ist, dass es manche Männer okay finden könnten, dass man nur aus ökonomischen Gründen bei ihnen bleibt. Tja, deprimierend, aber wirklich selten? In Zeiten von Versorger-Ehen sicherlich nicht. So sieht sie dann aus, die viel beschworen Romantik von langen Beziehungen. Mit warmen Gefühlen hat das manchmal nur sehr wenig zu tun.

Mit traditionellen Rollenbildern kommen wir nicht zu Beziehungen auf Augenhöhe

Ich selbst musste mit dem Effekt glücklicherweise noch keine Erfahrung machen. Ich habe schon mehr und auch schon weniger als meine Partner verdient. Ein Problem war das nie – für keine Seite. Es war eben einfach so. Ausgaben wurden so aufgeteilt, wie es für beide machbar war und ich habe nie gespürt, dass ein Wert innerhalb der Beziehung aus dem Finanziellen gezogen wurde. Vielleicht, weil ich vor allem Beziehungen mit Männern hatte, die sich nicht so stark über traditionelle Rollenbilder definierten. Ich finde das tatsächlich sehr attraktiv.

Wahrscheinlicherer Grund für meine positiven Erfahrungen ist aber, dass beide Parteien immer ökonomisch unabhängig voneinander waren, was ganz automatisch diese Machtstruktur gar nicht aufkommen lässt. Auch die Autorin der Studie machte diese Beobachtung:  Wenn Frauen von Beginn der Beziehung an mehr Geld verdienen, tritt dieser negative Effekt auf Männer  gar nicht ein. Ich würde sagen: ein wunderbares weiteres Argument (neben der absoluten Selbstverständlichkeit), dass der Gender-Pay-Gap endlich geschlossen und – wahrscheinlich noch sehr viel wichtiger – das Ehegattensplitting abgeschafft wird. Es kommt eurer Gesundheit zugute, liebe Männer! Yay. Und der von Frauen sowieso, denn die übernehmen bekanntermaßen ein Mehr an Gefühlsarbeit in Beziehungen und müssen sich so nicht mehr um deprimierte Tröpfe kümmern, die Angst vor der Unabhängigkeit ihrer Partnerinnen haben. Win-Win.

Vor allem aber brauchen wir nach der Emanzipation von Frauen dringend eine Emanzipationsentwicklung von Männern. Es führt kein Weg dran vorbei. Denn mit traditionellen Rollenbildern kommen wir kaum zu Beziehungen auf Augenhöhe, weil diese schlicht nicht auf Augenhöhe und Gleichberechtigung abzielen. Unsere Welt und die Menschen sind so viel komplexer als dass Schubladen und starre Rollenvorstellungen irgendwie dienlich sein könnten – außer natürlich, um weiter die Machtverhältnisse in Ungleichgewicht zu halten. Statt sich also mit Diäten und Sport zu beschäftigen, wäre es doch wirklich mal ein schöner Vorsatz fürs neue Jahr, seinen eigenen Beitrag dazu zu leisten, die Machtverhältnisse weiter anzugleichen.

Nun ja, man wird ja noch träumen dürfen.

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