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Mehr Frauen in „Männerberufe“ – so lässt sich der Pay Gap nicht schließen

Frauen in „typisch männliche“ Berufe zu drängen, bringt nichts auf dem Weg zu mehr Gleichberechtigung und gerechter Bezahlung, schreibt die Vereinbarungsexpertin Nicole Beste-Fopma. Nicht die Frauen müssen sich ändern, sondern unsere Gesellschaft, die Frauenberufe weiterhin systematisch abwertet.

Die Arbeit an der Maschine ist mehr wert als die am Menschen

Dass das Gesamteinkommen der Frauen nach wie vor 21 Prozent (unbereinigter Wert, Stand 2017) unter dem der Männer liegt, ist ein Fakt. Die Gründe sind divers. Ein Grund, der immer wieder gerne genannt wird: Frauen entscheiden sich für die „falschen“ Berufe. Würden mehr Frauen in „Männerberufe“ wechseln, würde sich der Pay Gap schließen. Wenn es so einfach wäre! Denn der Pay Gap hat weniger damit zu tun, welche Berufe ausgeübt werden und mehr damit, wer einen Beruf ausübt – ob ein Mann oder eine Frau. Der Pay Gap kann sich nur schließen, wenn die Arbeit von Frauen gerecht bezahlt wird.

Erst kürzlich bin ich auf die Studie „Yes I can!“ von Dries Vervecken und Bettina Hannover gestoßen. Die beiden Wissenschaftler*innen hatten herausgefunden, dass eine geschlechtergerechte Berufsbezeichnung das Selbstvertrauen von Kindern steigert, den entsprechenden Beruf zu ergreifen. Die Studie hat aber noch ein ganz anderes, erschreckendes Phänomen aufgedeckt: Kinder assoziieren mit männlich besetzten Aufgaben einen höheren Schwierigkeitsgrad und bewerten sie daher auch im Verdienst höher. Leider nicht verwunderlich.

Typisch männliche Aufgaben werden nach wie vor höher eingestuft. Eine Produktionshelfer*in verdiente 2017 durchschnittlich 28.376 Euro pro Jahr. Im Gegensatz dazu verdiente beispielsweise eine Pflegehelfer*in nur durchschnittlich 21.269 Euro. Zurückzuführen ist das darauf, dass typisch männliche Aufgaben traditionell eher körperlich anstrengend waren. Mit der zunehmenden Automatisierung und all den Gesundheitsmaßnahmen in den Unternehmen, und hier in erster Linie Fabriken, hat sich das aber massiv verändert. Das zeigt sich allein schon daran, dass es immer mehr Frauen gibt, die auch „am Band“ arbeiten. Diese Frauen sind nicht körperlich kräftiger als andere.

Gängige Arbeitsbewertungsmodelle diskriminieren „Frauenarbeit“

In diesem Zusammenhang ist die Studie „Comparable Worth. Arbeitsbewertungen als blinder Fleck in der Ursachenanalyse des Gender Pay Gaps?“ des WSI (Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliches Institut) aus dem Jahr 2018 sehr interessant. Diese Studie hat erstmals gezeigt, was schon seit vielen Jahren vermutet wird: Typisch weibliche Berufe werden tendenziell schlechter bewertet und somit schlechter bezahlt als „Männerberufe“. Die meisten Arbeitsbewertungsmodelle bewerten auch heute noch immer nicht die psychosoziale Anforderungen und Belastungen oder die Verantwortung für das Wohlergehen anderer Menschen. Eine Belastung, die im großen Maße in den typischen „Frauenberufen“ vorkommt.

Womit wir wieder bei den noch immer in unseren Köpfen vorherrschenden Stereotypen wären: Die Frau, das fürsorgliche Wesen. Es wird davon ausgegangen, dass es in der Natur der Frau liegt, sich um andere Menschen zu kümmern. Dass Frauen für bestimmte Tätigkeiten aufgrund ihrer Konstitution geeigneter sind, es ihnen daher leichterfällt, diese Tätigkeiten auszuüben. Ein Argument, das man auch leicht umkehren kann. Es gibt Tätigkeiten, für die die meisten Männer aufgrund ihrer körperlichen Konstitution besser geeignet sind als Frauen. Warum werden diese dennoch besser entlohnt als Frauen in vergleichsweise, gemessen zum Beispiel am Ausbildungsgrad, ähnlichen Berufen?

Je mehr Frauen, desto schlechter wird bezahlt

Für viele ist daher eine logische Schlussfolgerung: Mehr Frauen für die traditionell typisch männlichen Berufe begeistern. Zum Beispiel mehr Frauen in MINT- Berufe (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) . Schön, wenn das die Lösung wäre. Leider geht diese Rechnung aber nicht auf. Schon 1989 haben Ulrike Teubner und später auch Angelika Wetterer (2002) aufgezeigt, dass sich ein Wandel in der geschlechtlichen Zusammensetzung von Berufen geschlechterdifferent ausgewirkt hat. In anderen Worten: Berufe, die mehr und mehr von Frauen ausgeübt wurden, wurde im Verlauf der Zeit immer schlechter entlohnt.

Gleichzeitig wirkte sich die Maskulinisierung von Berufen in aller Regel verdienststeigernd aus. Dass das noch immer so ist, zeigen die Ergebnisse einer Studie von Ann-Christin Hausmann und anderen aus dem Jahr 2015. „Es zeigt sich, dass ein steigender Frauenanteil im Beruf tatsächlich zu einem Absinken des Lohnniveaus führt. Dies liegt jedoch nicht daran, dass die Löhne beider Geschlechter in diesem Beruf sinkt, sondern daran, dass mehr Frauen mit konstant niedrigeren Verdiensten als Männer in diesem Beruf arbeiten. Dies spricht für eine gesellschaftliche Abwertung aller erwerbstätigen Frauen.“

Nicht die Frauen müssen sich ändern, sondern das System

Aber mal abgesehen davon, dass mehr Frauen in MINT-Berufen keinen Pay Gap schließt. Wer kümmert sich um unsere Kinder und unsere Alten, wer übernimmt unsere medizinische Versorgung, wer schneidet uns die Haare, wer verkauft uns die Waren? Ist unser Wohlergehen uns so wenig wert, dass wir die Menschen, die sich darum kümmern, so schlecht bezahlen wollen? Wenn es tatsächlich so ist, wie Gustav Heinemann einst sagte: „Man erkennt den Wert einer Gesellschaft daran, wie sie mit den Schwächsten ihrer Glieder verfährt.“ Na dann, gute Nacht! Nur ein Beispiel – von ganz vielen: Schweden wendet für die Pflege seiner Senior*innen 3,5 Prozent seines Bruttosozialprodukts auf. Deutschland lediglich 1,6. Wir müssen bereit sein, für die schwächsten Glieder unserer Gesellschaft, mehr Geld in die Hand zu nehmen. Die Kinder sind unsere Zukunft und unsere Alten sind diejenigen, denen wir für unsere Gegenwart danken müssen und sie sollten entsprechend behandelt werden. Uns geht es in Deutschland verdammt gut, also sollten wir alles erdenklich Mögliche tun, damit es den Alten in unserer Gesellschaft gut geht!

Auch im März 2020 wird es wieder einen Equal Pay Day geben. Also den Tag, bis zu dem alle erwerbstätigen Frauen arbeiten müssen, um auf das Gehalt aller erwerbstätigen Männer aus dem Jahr 2019 zu kommen. Solange wir nichts an der Bewertung der Arbeit ändern, werden wir den Equal Pay Day haben! Frauen in typisch männliche Berufe zu „drängen“ bringt nichts! Frauen dazu zu ermutigen, besser zu verhandeln, bringt nur bedingt etwas. Wir müssen anfangen, umzudenken. Nicht die Frauen müssen sich ändern, sondern das System!

Diesen Text ist zuerst auf Nicoles Blog erschienen. Wir freuen uns, dass wir ihn auch bei uns veröffentlicht.

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