Foto: Tanja Heffner | Unsplash

Gleichberechtigung für wenige – wer putzt die Wohnung der Haushaltshilfe?

Bedeutet Vereinbarkeit nicht auch, sich um die Frauen Gedanken zu machen, für die unsere Privilegien bisher noch unerreichbar sind?

Fatima: Die Frau hinter der Reinigungskraft

Der Tag ist noch kühl, als ich ihr vor dem Hauseingang begegne. Sie trägt eine dicke Jacke, darunter eine Jeans mit T-Shirt. Nicht nur, weil es heute vielleicht doch wieder ein warmer Tag wird, sondern weil ihr beim Arbeiten immer so heiß wird, wie sie mir mit ihrem schüchternen Lächeln letzte Woche erklärte. Sie kommt einmal in der Woche, am Vormittag. Und dann kreuzen sich unsere Wege, weil wir beide zur selben Zeit unsere Kinder in die Schule bringen. Sie kommt und ich gehe. Ich hole nur schnell das Auto, meine Tasche und meine Box mit dem Mittagessen. Sie holt den Staubsauger und den Wischlappen aus der kleinen Kammer. Fatima ist unsere Haushaltshilfe. Was für ein schreckliches Wort, es hört sich an wie ein Gegenstand, auch nicht viel besser als Putzfrau. Denn das macht sie bei uns, putzen. Wenn die Kinder in der Schule, mein Mann und ich auf der Arbeit sind. Fatima kommt um zu putzen, um die Arbeit zu machen, die wir nicht schaffen.

Verantwortlich für diese Arbeit fühle natürlich ich mich. Und das stinkt mir. Aber so ist unsere Gesellschaft nun mal gestrickt. Immerhin dürfen wir verheirateten Frauen nach dem Bürgerlichen Gesetzbuch erst seit 1977 ohne die Erlaubnis unseres Ehemanns arbeiten. Bis 1977 mussten Frauen garantieren, dass ihre Erwerbstätigkeit mit Pflichten der Ehe und Familie vereinbar war.

Heute erschreckt es mich, dass ich damals schon fast in die Schule ging. Meinen Mann hingegen erschreckte es lange, dass ich mit ihm Streit anfing, sobald er sich anbot „mir“ im Haushalt „zu helfen“. Mittlerweile beißt er sich lieber auf die Zunge und sagt nur: „Ich mache das“.

Fatima ist alleinerziehend und arbeitet 100 Prozent

Fatima hat keinen Mann, sie erzieht ihr Kind allein. Wir sprechen oft über unsere Kinder. Sie sind zwar nicht in derselben Schule, aber im gleichen Alter. Ich arbeite seit Jahren nur 70 Prozent wegen der Familie. Irgendeiner muss ja nach Hause kommen, um sich um die Bälger zu kümmern. Bei uns bin ich das. Mein Mann hat vor Jahren mal ein paar klägliche Versuche gemacht, sich auf der Arbeit freizuschaufeln. Ein Kollege fragte ihn dann, ob er sich nicht lieber einen Job als Kindermädchen suchen wollte und er gab auf.

Fatima arbeitet 100 Prozent, wenn nicht sogar mehr. Sie nimmt, was sie kriegen kann. Ihr Kind bringt sie morgens um acht in die Schule, um es nach 18 Uhr abzuholen. Das sind zehn Stunden Fremdbetreuung, für ein Kind Schwerstarbeit. Denn Fatima lebt wie ich im Pariser Großraum. Und letztlich wird es keinen Unterschied machen, ob sie in Paris oder in Berlin lebt.

Die Strukturen der Ausgrenzung sind überall gleich

Wenn der Staat etwas kürzt, dann meist im Bereich der Erziehung. Immer weniger Betreuungspersonal für immer mehr Kinder. Immer weniger Angebote. Dabei haben es die Kinder in unserem Banlieue noch gut, es gibt sogar Fechtkurse in einigen Schülerhorten. Aber auch die sollen im nächsten Jahr gestrichen werden. Wenn meine Kinder mehr Förderung brauchen, dann kann ich weniger arbeiten – Fatima nicht. „Ich habe keine Wahl“, sagt sie und lächelt. Sie ist eine junge und sehr schöne Frau. Doch ihre Arbeit gehört zu den anstrengendsten überhaupt.

Nur eines ist sicher, Fatima darf nicht krank werden. Meine Krankenversicherung zahlt meine Arbeit. Und wenn ich während der Kinderzeit nicht arbeiten ging, zahlte sie mein Mann. Fatima hat keine Festanstellung, sie muss ihre Krankenkasse selbst zahlen. In Frankreich ist das zwar nur ein prozentualer Anteil, aber trotzdem nicht billig.

Fatima arbeitet immer

Manchmal trinken wir einen Kaffee zusammen, Fatima und ich. An Brückentagen zum Beispiel arbeite ich nicht. Fatima schon. Sie arbeitet immer. Und ihr Kind ist dann im Hort, während ich mit meinen Kindern in Museen fahre oder gemeinsam mit ihnen die Hausaufgaben mache. „Das schaffe ich nicht“, sagt Fatima und ihr Blick fällt auf das Übungsheft, das ich für meinen Sohn gekauft habe. Ihr Kind muss die Hausaufgaben im Hort machen. Es  ist in der ersten Klasse und kommt gut mit. Fatima ist stolz auf ihr Kleines und das zu Recht.

Sie selbst spricht zwar gut Französisch, aber mit dem Schreiben hapert es. Oft ist sie sich bei der Rechtschreibung nicht sicher, ihr Kind hilft ihr dann. Es ist ein sehr ruhiges Kind. Als es das erste Mal bei uns zu Besuch war, staunte ich, wie still es war. Später hat sie mir erzählt, wie nett ihr Kind meine fand, weil sie alle Spielsachen mit ihm teilten. Alle diese schönen Sachen, die sie nicht kaufen kann, weil das Geld kaum zum Überleben reicht, obwohl Fatima ackert wie eine Blöde.

Es gibt nicht mehr Hilfen für Alleinerziehende, sondern weniger – in Deutschland, in Frankreich, in Europa

Heute gibt es weniger Hilfen für Alleinerziehende als Früher. Ich weiß dass, denn ich habe sie selbst erlebt, die staatlichen Kürzungen. Ich war mit meinem ersten Kind auch allein. Erst in Deutschland vor mehr als zehn Jahren, dann in Frankreich. Trotzdem kam ich auch als Alleinerziehende über die Runden. Weil ich in der richtigen Schublade geboren wurde. Fatima nicht. Und trotzdem hält sie den Kopf hoch.

„So ein eigenes Zimmer hätte ich auch gerne“, soll ihr Kind nach seinem Besuch bei uns gesagt haben. Fatimas Wohnung ist so klein, dass sie, wenn ihr Kind im Bett ist, sich kaum noch bewegen kann, um es nicht zu wecken. Sie kann abends nicht mehr Fernsehen oder Telefonieren. Wir haben auch schon darüber gesprochen, wie und wo sie eine größere Wohnung finden kann. Das ist im Pariser Großraum nicht leicht. Und größere, bezahlbare Wohnungen gibt es genau da, wo keiner hin will. Selbst engagierte Lehrer fliehen aus diesen sozialen Brennpunkten, wie ihnen in einem französischen Regierungsbericht kürzlich vorgeworfen wurde. Was wird dann da aus ihrem ruhigen und intelligenten Kind? Was, wenn es in der Schule gemobbt wird, ohne dass es jemand merkt?

Fatimas und meine Kinder haben nicht die gleichen Chancen

Es ist eine stille Selektion, die da vor sich geht und ich kann sie an den Klassenfotos meiner Kinder ablesen. Der Nachwuchs aus dem eigenen Land bleibt im Stadtteil, die Zugewanderten verschwinden. Je größer die Familien, die Kinder werden, umso mehr wächst der Bedarf nach Wohnraum. Der ist hier zu teuer. Es ist ein trauriger Algorithmus, der will, dass unsere Kinder, Fatimas und meine, nicht dieselben Chancen haben. Wo wir doch beide engagierte Frauen und Mütter sind. Fatima weiß, dass wenn sie in einen anderen Vorort zieht, das Risiko für ihr Kind größer ist, Probleme in der Schule zu bekommen. Weil die Lehrer weniger engagiert sind, weil das Mobbing größer ist, weil die Mittel fehlen.

Ich bezeichne mich vielleicht als Feministin, weil ich mich beschwere, dass die Verhältnisse nicht besser sind, dass ich nicht das gleiche Gehalt bekomme, die gleiche Rente und dass das Arbeitsumfeld so scheiße ist, dass ich weniger berufliche anecke, wenn ich mehr zu Hause bleibe als mein Mann. Aber Fatima beschwert sich nicht. Sie sagt nur, dass sie ihren Mann verlassen hat, weil er sich schlecht behandelt hat und sie nicht so behandelt werden wollte. Sie selbst würde sich nie als Feministin bezeichnen. Sie ist nur eine Frau, die das Beste will für sich und ihr Kind. Sie ist wie wir alle.

Wir haben jetzt unsere eigene Facebook-Gruppe rund um das Thema Familie. Wir wollen uns mit allen austauschen und vernetzen, die sich für das Leben mit Kindern interessieren – egal ob ihr selbst Eltern seid oder (noch) nicht. Schaut doch mal vorbei!

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