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Der lange Weg aus der häuslichen Gewalt

Anja lebt ein Leben in der Spirale häuslicher Gewalt. Wie kam es dazu und was wissen wir überhaupt statistisch über den Tatbestand in Deutschland? Ein spannendes Stück von unseren Kollegen von Correctiv.

 

Für den Schutz ihres Kindes würden Eltern alles tun

Wer sein Kind schützen möchte, schöpft
aus voller Kraft. Dann verteidigen Eltern ein Leben, als wäre es ihr eigenes.
Dann tun sie Dinge, von denen sie nicht wussten, dass sie sie tun können. Dann
opfern sich Eltern, bis sie selbst kaum mehr sind als Opfer.

Gerade wenn die angreifende Person im
selben Bett liegt.

Der Sommer 2010 leuchtet noch. Ihre Liebe
ist eifrig und jung. In einem Auto fährt die 19-jährige Anja an Stefan vorbei.
Da sieht er sie das erste Mal. Schnell findet er heraus, wer sie ist, was sie
macht, wo sie wohnt. Nur 71.000 Einwohner hat Brandenburg an der Havel, da
bekommt man so was schnell heraus. Sie findet es süß, dass er durch die Stadt
zieht und nach ihr fragt. Sie lässt sich auf ihn ein. Sie werden ein Paar.

Jetzt aber ist Anja seit einer Weile
schnippisch. Sie stichelt mit listiger Freude. Selbstbewusst ist sie in ihrer
Berliner Mundart. Das passt Stefan nicht. Anja kellnert in einem bekannten
Restaurant. Der Job macht ihr Spaß, ihre grünen Augen strahlen. Stefan schraubt
an Autos herum, brennt, schweißt, lötet. Seine Hände sind von der Arbeit so
schmutzig, dass es scheint, sie werden nie sauber, auch wenn er sie noch so
sehr schrubbt. Er ist sieben Jahre älter und ebenso viele Zentimeter größer als
sie. Beide tragen ein Piercing in der Lippe, beide lieben lange Party-Nächte,
sie fühlen sich frei, alles liegt vor ihnen.

Sie sind seit drei Monaten zusammen. Anja
ist schwanger. Verhält sie sich deshalb so anders ihm gegenüber, so provokant?
Eines Abends nimmt Stefan ihr Handy und liest einen Geburtstagsgruß an ihren
Ex-Freund. Sie streiten, lauter und lauter, bis er sich vergisst. Er wird
handgreiflich. Er greift nach ihrem Staffordshire Bullterrier und schleudert
ihn durch das Zimmer, gegen ihren Bauch.

Etwas stimmt mit diesem Mann nicht, denkt
sie danach. Denkt: Er ist gewalttätig. Haben das nicht auch die anderen gesagt,
die von seinen Eskapaden gehört hatten? Sie haben mich gewarnt. Er will mir
wehtun, wie seiner Ex. Er kennt keine Grenzen. Er will sich nicht ändern.

Sie will es nicht glauben. Sie kennt ihn
doch auch anders.

Der Versuch, neu anzufangen

In den folgenden Monaten gehen sie
mehrfach auseinander und finden wieder zusammen. Doch irgendwann werden ihr
Krach und Gewalt zu anstrengend. Die gemeinsame Zukunft, die sie sich so bunt
ausgemalt hat, ist verschwunden. Sie will weg von ihm und verlässt ihn. Im
Dezember geht sie zusammen mit ihrer Mutter weit weg, nach Dortmund.

Ihre Tante lebt dort, die hat sie
eingeladen. Die ahnte, dass etwas nicht stimmt. Genau wie die Mutter. Ihre
Mutter hält zu ihr und bestärkt sie. Sie ist einst selbst jahrelang misshandelt
worden von ihrem Mann, von Anjas Vater, sie weiß, wie das ist. Und was hält sie
schon in der kleinen Stadt Brandenburg? Nicht viel. Dortmund klingt aufregend
und neu. Eine Wohnung ist schnell gefunden.

Anja will neu anfangen. Und begeht die
nächste Torheit: Fragt Stefan, ob er den Transporter mit den Möbeln nach
Dortmund fahren könne. Ja, macht er, und bleibt ein paar Tage und sieht sich
gleich noch eine Wohnung im Haus gegenüber an. Als sie einige Tage später beim
Dortmunder Arbeitsamt ansteht, dreht sie sich um und sieht ihn dort stehen. Ist
er ihr gefolgt? Was will er hier? Sie schickt ihn zurück.

Doch das Abenteuer Dortmund ist ohnehin
bald vorbei. Schon nach kurzer Weile hat sie Heimweh. Die neue Wohnung, die
neue Stadt, das alles fühlt sich falsch an. Sie sehnt sich nach bekannten Orten
und vertrauten Gesichtern. Wieder packt sie ihre Sachen. Wieder platzt der
Traum von einem neuen, anderen Leben wie eine Seifenblase. Am Ende ist es fast
wie eine Flucht: Sie lässt alles, was sie nicht braucht, im Ruhrpott und kommt
bei einer Freundin daheim in Brandenburg unter.

Die will den Stafford nicht in der
Wohnung haben, weil sie selbst ein kleines Kind hat. Ihren total lieben
Kampfhund. Wieder nimmt Anja Kontakt zu Stefan auf und übergibt ihm den
Stafford. Als sie bald darauf eine Wohnung findet, verlangt sie ihn zurück.
Doch Stefan hat ihn verkauft. Wie bitte? Sie ist wütend. Sie ist allein. Sie
steht kurz vor der Entbindung.

Kann daraus nicht doch das glückliche Leben zu dritt werden?

Es nähert sich Stefan, ein weiteres Mal,
mit romantischen und fürsorglichen Akkorden. Rosen am Auto, Liebesbekundungen,
Versprechen. Er will Anja zurück, er will der Vater ihres Kindes sein. Und auch
sie will das. Träumt von einem glücklichen Leben zu dritt, von einer intakten
Familie.

Hin und Her, Hoffnung und Wut, Liebe und
Gewalt. Das Drama beginnt.

Was ist häusliche Gewalt? Es kann sehr
viel sein. Es gibt zig Definitionen. Stalking oder Körperverletzung,
Sachbeschädigung oder Raub, Vergewaltigung oder Kindesmisshandlung – all das
zählt hinein. In jedem Bundesland wird häusliche Gewalt anders gefasst, werden
die Statistiken anders geführt. Mal findet häusliche Gewalt nur zwischen
(Ex-)Partnern statt, mal umfasst sie auch nahe Verwandte oder Kinder. Mal
betrifft sie nur das, was im Haus geschieht, hinter der Wohnungstür, mal auch
das, was auf dem Arbeitsplatz oder im Supermarkt passiert.

Weshalb es fast unmöglich ist, aus den
bundesweiten Daten eine Tendenz abzulesen. Wird in Partnerschaften heute mehr
geprügelt als vor zehn Jahren? Als vor 20 oder 30 oder 50 Jahren? Oder weniger?
Wir wissen es nicht.

Was wir statistisch über häusliche Gewalt wissen

In der Statistik des Bundeskriminalamtes
sind die Daten so stark zusammengefasst, dass sie sich auf wenige Nenner
bringen lassen. Sie ermöglichen einen vagen, gesamtdeutschen Überblick. Man
erkennt: Heiße Orte, Ballungen der häuslichen Gewalt, sind in den Städten.

Was wir außerdem wissen: Häusliche Gewalt
ist überall. Kein Landkreis in Deutschland, in dem keine Fälle angezeigt werden.
Rund ein Viertel der Opfer ist männlich. In Berlin gibt es jährlich beinahe
16.000 Fälle. Das ist, absolut gesehen, der Höchstwert. Doch umgerechnet auf
die Bevölkerungszahl rangiert die Hauptstadt unter ferner liefen. Mittelgroße
Städte sind dann besonders auffällig. In Rheinland Pfalz etwa Ludwigshafen und
Pirmasens.

Wie sieht es aus in Brandenburg, der
Heimat von Anja und Stefan? Zwischen 2011 und 2014 gab es im Bundesland
Brandenburg pro Jahr rund 200 Anzeigen wegen häuslicher Gewalt. Das ist das „Hellfeld“,
sind die zur Anzeige gebrachten Fälle. Dazu kommen nicht aktenkundig gewordene
Prügeleien, Schikanen, Zerstörungen, weil sich viele Opfer nicht trauen, zur
Polizei zu gehen, aus Scham, um ihre prügelnden Angehörigen zu schützen, warum
auch immer.

Im Lagebild des Brandenburger
Landeskriminalamtes ist vermerkt, dass Schwerpunkte häuslicher Gewalt in
Hennigsdorf, Potsdam, Frankfurt, Oranienburg, Cottbus und eben in Brandenburg
sind. Es sind neutrale Zahlen. Dürre Daten, die nicht viel sagen. Sie geben
einen polizeilich ermittelten Stand wieder, nicht mehr. Der Ozean reicht
tiefer.

Um auch nur annähernd zu verstehen, muss man wirklich in die Geschichten einsteigen

Um ihn zu erkunden, muss man hineingehen
in die Häuser. In die Wohnung von Anja. Muss horchen, wie es war, wie es
begann, warum er sie verprügelte, warum sie sich verprügeln ließ, welch
untergründiger Drang sie aneinanderkettete.

Muss hinabsteigen in die Vergangenheit,
dahin, wo ein Trauma liegt. Wahrscheinlich stammt es aus der Kindheit. Jener
Zeit, in der wir sensibel und verletzlich sind, in der wir bedingungslos darauf
vertrauen, dass unsere Eltern uns beschützen. Was aber, wenn Kinder nur Wut,
Streit, Gewalt erfahren? Dann bleiben Angst und das starre Gefühl von Ohnmacht
zurück. Und der unbewusste Drang, das einmal erlebte Drama wieder und wieder
aufzuführen. Als Täter, als Opfer.

Anja ist noch ein Kind. Sie hört, wie ihr
Vater laut wird. Sie sieht, wie ihre Mutter geschlagen, angeschrien,
bevormundet und klein gehalten wird. Jeden Tag geht das so. Die Mutter
versucht, die Familie zusammenzuhalten. Sie kümmert sich um die vier Kinder.
Der Ehemann ist kaum zu Hause. Er arbeitet auf Montage und teilt seiner Frau
ein wenig Geld von seinem Lohn zu. Ihre Abhängigkeit von ihm ist komplett. Sie
hat kein Geld, sie glaubt, ihn nicht verlassen zu können. Die Kinder sind ihre
einzige Sorge. Sie opfert sich Jahr um Jahr.

Raus aus der Enge der Familie

Die kleine Anja kennt ihren Vater kaum
und muss sich ständig beweisen, durch Ehrgeiz und vorbildliches Verhalten, muss
ständig beweisen, dass es sie gibt. Nie genügt sie ihm. Während sie, die
Älteste, ihrem Vater nur wenige Sätze entlocken kann, sieht sie zu, wie er sich
mit den jüngeren Geschwistern beschäftigt und am Spiel mit ihnen erfreut.

Als sie 17 Jahre alt ist, will Anja raus
aus der Enge der Familie. Sie will arbeiten, unabhängig sein. Ehrgeizig ist sie.
Sie beginnt eine Ausbildung zur Restaurantfachfrau. 2008 zieht sie bei ihrem
damaligen Freund ein. Und schließlich findet auch ihre Mutter die Kraft, sich
von dem Tyrannen zu trennen. Nach 23 gemeinsamen Jahren. Die jüngeren Kinder
bleiben vorerst bei ihm.

Anja ist stolz auf ihre Mutter. Und ahnt
nicht, wie ähnlich sie ihr sein wird. Wie sie, ohne es zu wollen, ihr Verhalten
kopieren wird. Es braucht Stefan, um die unbewussten Muster zu aktivieren. Sie
ziehen sich an wie Magneten.

Wie langanhaltende Traumata die Entwicklung des Gehirns beeinträchtigen

Für die Traumaforschung ist das ein
bekanntes Bild. Jörg M. Fegert ist Professor für Kinder- und Jugendpsychiatrie
an der Uniklinik Ulm. Seit Jahren sucht er nach Gründen und Lösungen für Gewalt
in Familien. Fegert teilt eine verbreitete Theorie: Unverarbeitete Traumata können
eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) erzeugen. Man kennt das von
Soldaten, die aus einem Krieg heimkehren. Aber sie kommt auch vor bei
misshandelten, missbrauchten und vernachlässigten Menschen. Nach einem
traumatischen Ereignis ist der Betroffene weder in der Lage zu fliehen, noch
kann er zum Angriff übergehen. Er ist wie gelähmt, als wären Erfahrung und
Verhalten eingefroren.

Die PTBS kann zu Depressionen, Suizid,
Sucht und psychosomatischen Erkrankungen führen. Je langanhaltender ein Trauma und
je öfter es wiederkehrt, desto stärker ist die Entwicklung im Gehirn
beeinträchtigt. Ein dauerhaft traumatisiertes Kind kann sich nicht unbelastet
entwickelt, weder intellektuell, noch emotional, noch sozial.

Und: Es übernimmt bisweilen das
Verhalten, das es beobachtet. „Transgenerationale Weitergabe“ nennt Professor
Fegert den Effekt, der dann die nächsten Opfer und Täter schafft.

In welche Rolle das traumatisierte Kind
unbewusst schlüpft, hängt davon ab, wem es sich in seiner Beobachtung stärker
verbunden fühlt. Steht es dem Opfer näher, verinnerlicht es die Opferrolle.
Fühlt es sich dem Täter verbunden, die Täterrolle.

Die Antworten auf Verhalten liegen nicht
allein in psychologischen Theorien, sondern auch im Erbgut, sagt Professor
Fegert, auch epigenetische Einflüsse spielen eine Rolle.

Aber: Traumata lassen sich überwinden.
Sie müssen nicht auf die nächste Generation übertragen werden. Ja, sagt Fegert,
es ist möglich, aus dem Teufelskreis der Gewalt auszubrechen, die Spirale der
Übertragungen zu kappen.

Anja will, dass es ihr Kind besser hat als sie

Im April 2011 liegt Anja gebärend im
Krankenhaus. Zu Stefan hat sie zu dieser Zeit keinen Kontakt. Einsam bringt sie
ihren Sohn zur Welt. Liebevoll wiegt sie ihn im Arm und verspricht ihm ein
schönes Leben.

Wo eine Mutter ist, da sollte auch ein
Vater sein, denkt sie, als Stefan seinen drei Monate alten Sohn kennenlernen
möchte. Einerseits. Doch dann erinnert sie sich auch an ihre Kindheit. Da war
kein Vater, sondern Leere.

Sie beschließt: Ja, Stefan darf sein Kind
sehen, aber unter ihrer Beobachtung. Er gibt sich viel Mühe, ist zärtlich und
aufmerksam. Das sieht sie täglich, während er den Kleinen badet und ins Bett
bringt. Sie schöpft Hoffnung. Aber nicht lange, und es kommt zur nächsten
Gewalttat, zum ersten Anruf bei der Polizei, zur ersten Anzeige, zum ersten
Auftauchen von Anja und Stefan in den anonymen Statistiken zur häuslichen
Gewalt.

Stefan soll das Kind abholen, kommt aber
zwei Stunden zu früh. Sie lässt ihn nicht herein, weil sie noch Besuch von
ihrem Ex-Freund hat, jenem, dessen Glückwünsche via SMS einst für den ersten
Ausbruch sorgten. Stefan ist sich sicher, dass dieser Freund oben ist.
Plötzlich steht er vor der Wohnungstür. Sie geht ins Schlafzimmer und hält dort
das Baby fest. Sie weiß, dann bleibt es ruhig. Sie wollen so tun, als sei
niemand da. Dann piept die Waschmaschine. Stefan weiß, sie würde niemals
ausgehen bei laufenden Geräten. Er schreit und tritt gegen die Tür. In der
Wohnung löst sich langsam der Rahmen von der Wand.

Sie ruft die Polizei und beobachtet, wie
Tür und Rahmen kaum noch halten. Sie donnert auf der anderen Seite dagegen.
Stefan beschimpft Anja und den Ex-Freund. Seine Eifersucht bemächtigt ihn zum
gewalttätigen Ausbruch. Die Tür springt auf.

Da steht die Polizei hinter ihm und legt
ihm Handschellen an. Anja zeigt ihn an wegen Hausfriedensbruch, der Ex-Freund
wegen Beleidigung, die Hausverwaltung wegen Sachbeschädigung. Wenige Woche
später ist die Gerichtsverhandlung. Sie sagt aus, dass Stefan noch nicht
erwartet war, erst zwei Stunden später. Er sagt dagegen aus, sie hätte ihm sein
Kind verwehrt. Er hat einen guten Anwalt. Stefan kommt davon mit sechs Monaten
auf Bewährung und der Auflage, die Tür instandsetzen zu lassen.

Hoffnung und Wut, Liebe und Gewalt

Bald darauf keimt wieder die Hoffnung.
Erst treffen sie sich nur des Sohnes wegen, dann machen sie gemeinsame Ausflüge
und baden gelegentlich im nahegelegenen See. Anja wird wieder weich. Sie
verliebt sich neu in ihn. Ihre Freunde schütteln die Köpfe. Was treibt sie an,
sich diesem Tyrannen erneut auszuliefern?

Sie hört es, aber es kommt nicht bei ihr
an. Es sei möglich, sich erneut in dieselbe Person zu verlieben, antwortet sie.
Sie zieht bei Stefan ein, bringt den Sohn, eine Wiege und ihre Sachen mit.

Ein weiteres bizarres Ereignis: Anjas
Vater verschafft Stefan einen Job in der gleichen Firma. Sie arbeiten zusammen
auf Baustellen, auf Montage. Wenn es der Dienst verlangt, nimmt er ihn mit.
Tagelang sind sie fern von zu Hause. Sie verstehen sich gut. Ihr Vater, den sie
als Kind liebte und der sie quälte, ihr Freund, den sie nun liebt und der sie
quält – die beiden sind jetzt Kollegen.

Wieder ist Stefan für einige Tage
unterwegs. Da schickt er eine SMS. Er schreibt, er mache Schluss. Anja lässt
das sacken, dann telefonieren sie. Für sie ist alles geklärt. Zwei Tage später
kommt sie gegen Mitternacht von der Arbeit in die gemeinsame Wohnung. Das Kind
schläft. Er riecht nach Alkohol. Für sie ist es endgültig aus. Für ihn nun doch
nicht.

Da gibt es nichts mehr zu reden, sagt
sie.

Sie sitzt in der Küche am Fenster und
raucht. Er möchte sie zurück haben. Sie aber will nur weg von ihm. Plötzlich
saust der Toaster durch die Luft, an ihrem Kopf vorbei und prallt gegen die
Wand.

Sie verlässt die Küche und geht ins
Schlafzimmer. Schon steht er hinter ihr und boxt sie. Sie geht nicht auf ihn
ein. Er verlässt die Wohnung. Kurz darauf kommt er zurück, wirft Anja auf das
Bett. Wirft ihr Handy so oft gegen die Wand, bis es zertrümmert ist. Dann boxt
und tritt er sie.

Ich setze die Wohnung in Brand und
schließe ab, dass euch keiner haben kann!, schreit er.

Du bist krank! Mach eine Therapie!,
schreit sie zurück.

Er spuckte ihr ins Gesicht. Ich mache dir
einen Betonfuß und schmeiße dich in den See!

Und dann folgt: lähmende Angst

Die Nachbarn haben einen Schlüssel,
kommen in die Wohnung und holen das Kind. Das tun sie gelegentlich, wenn es bei
ihnen laut wird. Die Polizei rufen sie nie. Nochmals verschwindet Stefan aus
der Wohnung. Mit einem anderen Handy ruft sie Hilfe. Ihre Schwester kommt mit
dem Vater und holt sie ab.

Am nächsten Tag erstattet Anja Anzeige
wegen gefährlicher Körperverletzung, Bedrohung und Sachbeschädigung. Der
Polizist gibt ihr die Nummer des Frauenhauses in Brandenburg. Noch am gleichen
Tag zieht sie dort ein.

Doch die Zeit im Frauenhaus wird ihr
schnell unerträglich. Sie darf nicht raus, nicht arbeiten, nicht einkaufen,
nicht mit dem Sohn auf den Spielplatz. Mit einer weiteren Mutter und deren Kind
teilte sie sich eine Wohnung. Eine Betreuerin aus dem Frauenhaus begleitet sie
zum Gericht. Wie Freundinnen reden die beiden miteinander. Die Frau ist eine
große Hilfe und organisiert einen Kitaplatz für den Kleinen. Allein würde Anja
das nicht schaffen. Sie hat Angst und ist wie gelähmt.

Doch die Situation im Frauenhaus belastet
sie. Es ist ihr zu eng. Sie fühlt sich wie eine Gefangene. Nach nicht einmal
zwei Wochen geht sie zu ihrem Vater und sucht sich eine neue Wohnung.

Zwei Monate später liegt ihr Sohn im
Krankenhaus, er hat sich den Fuß eingeklemmt und dabei den Zehnagel ins
Nagelbett geschoben. Er fragt nach seinem Vater. Anja will ihm Stefan nicht
verwehren. Und heimlich will sie ihn auch nicht am Bett wissen. Sie lässt die
Verfügung des Gerichtes annullieren, dass Stefan sich den beiden nicht mehr
nähern darf.

Hoffnung und Wut.

Ein weiteres, ein letztes Mal kommen sich
die Eltern wieder näher. Am Krankenbett des Sohnes. Stefan ist wieder herzlich.
Wieder wird Anjas Herz weich. Außerdem ist sie wieder schwanger, schwanger von
Stefan. Sie überlegt, sein Kind abzutreiben. Sie vereinbart einen Termin. Fast
schon auf den Weg in die Klinik ruft er sie an. Die Wörter „eine Familie“ sind
wichtig für sie. In der Klinik fragt sie noch einmal nach dem Entbindungstermin
und verabschiedet sich bis dahin. Dann eilt sie dem Aufbau ihrer Familie
entgegen. Hinein in eine Welt, die er kontrolliert, in der sie nur Hausfrau und
Mutter sein wird. Auch den zweiten Sohn gebärt sie allein.

Vom Gewaltschutzgesetz, der Theorie und der Praxis

Aus der rot-grünen Politik und den
Postulaten der Frauenbewegung ging 2002 das Gewaltschutzgesetz hervor. Bis
dahin war Familienstreit, hielt er sich in Grenzen, nicht weiter beachtet.
Privates war privat. Zu Anzeigen kam es nur, wenn grobe Gewalt angewendet
wurde. Frauenrechtlerinnen stritten seit langem dafür, dass sich etwas ändern
müsse. Weil Frauen nicht ausreichend geschützt seien.

Seit es das Gewaltschutzgesetz gibt,
können Gerichte einschreiten, um die Opfer zu schützen. Kommt es zu Gewalt,
Freiheitsberaubung oder Nachstellung, kann dem Täter untersagt werden, sich dem
Opfer zu nähern. Das neue Gesetz reguliert, wer die Wohnung bekommt, welche Fristen
eingehalten werden müssen, was geschieht, wenn die Anordnungen nicht
eingehalten werden.

In den Leitlinien der Polizei heißt es:
Gibt es einen Tatverdächtigen, dann kann er mehrere Wochen lang der Wohnung
verwiesen oder sogar in Gewahrsam genommen werden, um dem Opfer Raum zu geben,
sich die nächsten Schritte zu überlegen. „Wer schlägt, der geht“, ist seither
das Motto der eigens geschulten Polizei. Ganz gleich, wo Täter oder die Täterin
dann Unterschlupf finden, und sei es, dass sie in die Obdachlosigkeite müssen.
Sind die Positionen geklärt, wird Anzeige erstattet und ermittelt. Das ist
Theorie.

In der Praxis sympathisieren die
Streithähne oft miteinander, kaum dass die Polizei auftaucht. Oder Polizisten
fahren das achte, neunte, zehnte Mal zum gleichen Haus und verkennen den Ernst
der Lage, weil sich am Ende immer alle einigen.

Wobei: „In den letzten 15 Jahren hat sich
viel getan“, sagt Sabine Guntau von der Landespolizeidirektion Thüringen. Sie
war bei den ersten Sitzungen zur Gesetzesveränderung dabei, und ist lange
Leiterin der ressortübergreifenden Koordinierungsstelle gegen häusliche Gewalt.
Sie hat einen guten Überblick über die Fälle, über die Polizeiarbeit. Sie weiß,
dass Statistiken nur einen Teil der Wahrheit erzählen. Aber sie ist sich sicher,
dass das neue Gesetz die Situation verbessert hat.

Die Polizei ist nun Erstberater. Stellt
ein Opfer häuslicher Gewalt einen Strafantrag, erhält er oder sie ein
Merkblatt. Die Beamten informieren über Rechte und das konkrete Verfahren.
Willigt das Opfer ein, binden die Beamten das Frauenhaus oder eine
Kriseninterventionsstelle ein.

Unabhängig davon können sich Opfer an
eine Vielzahl der Hotlines, Chats, an kirchliche oder gemeinnützige Vereine
wenden. Die Opferbegleitung unterstützt bei dem weiteren Verlauf.

Im März 2013 griff der Staat erstmalig in
das „operative Geschäft“ ein, als er ein deutschlandweites Hilfstelefon
freischaltete. Dort werden Anrufer und Anruferinnen beraten. Ihnen werden ihre
Optionen aufgezählt, man gibt ihnen Telefonnummern. Einige möchten keine
Hinweise, sie möchten nur reden.

Da auch die Täter Opfer sind, Opfer ihres
Traumas, gibt es seit einer Weile „Täterstellen“, zumeist für Männer. Dort wird
auch mit Paaren gearbeitet. Etwa bei dem Verein Contra Häusliche Gewalt in Rheinland
Pfalz. Man ist dort der Überzeugung, dass jeder Gewaltakt zwei Beteiligte hat –
und dass der, der zuschlägt, nicht automatisch der Schuldige ist.

Körperliche Gewalt hat immer eine Vorgeschichte

Julia Reinhardt aus dem Koordinationsbüro
für Täterarbeit Rheinland-Pfalz hat schon viele Paare vor sich sitzen sehen.
„die körperliche Gewalt hat immer eine Vorgeschichte. Es beginnt mit
Beleidigungen, Demütigungen, Drohungen, und gipfelt in Schlägen. Die Frau macht
Druck, sie stichelt, sie entzieht ihm die Kinder. Der Mann schlägt zu“, sagt
sie. „Der Fokus liegt in der Öffentlichkeit immer auf den Männern. Das ist ein
politisches Problem. Es gibt ein Ministerium für Frauen, aber nicht für Männer.
Aus dieser Richtung muss mehr kommen“, sagt sie.

Das ist das eine. Das andere: Dass
zwischen sozialer, ökonomischer und sexueller Gewalt in Partnerschaften
unterschieden werden muss. Täter und Täterinnen sind in vielen Bereichen
verbunden – wo sich der Streit fortsetzt. „Das soziale Umfeld wird
kontrolliert, der Zugang zum gemeinsamen Konto verwehrt“, berichtet Reinhardt.

Julia Reinhardt sagt, dass der Schaden,
der durch häusliche Gewalt entsteht, rund 180 Euro pro Kopf pro Jahr betrage. Der Europarat nennt eine kleinere
Zahl: Die Gewalt an Frauen koste eine Gesellschaft 40 Euro pro Kopf und Tag –
auf die gesamte Bevölkerung gerechnet.

In einer Studie von Wissenschaftlern der
Universitäten Oxford und Stanford ging aus weltweiten Berechnungen hervor, dass
jährlich Kosten von über 9,5 Billionen Dollar durch häusliche Gewalt verursacht
werden. Das berichteten Anke Hoeffler und James Fearon an das Copenhagen
Consensus Center im Sommer 2014.

11 Milliarden Euro gibt Deutschland jedes
Jahr für misshandelte, missbrauchte und vernachlässigte Kinder aus, fand Prof.
Fegert heraus. Auch das ist eine Schätzung. Was zählt hinein, was nicht? Von
Arztkosten über Umzug bis Arbeitsausfall, Prozesskosten, Pfandleihen oder
Kredite kann sich das befragte Feld ausdehnen. Und dann auch noch ins
Dunkelfeld.

Diese Zahlen und Berichte sind erschreckend
– und scheinen doch kaum jemanden zu interessieren. Noch weniger interessieren
die Traumatisierungen und der unsichtbare Schaden, der Schmerz.

Irgendwann, wenn man nichts mehr hat,
wenn man nur noch Opfer ist, kann man nicht mehr. Nicht mehr nach den Regeln
eines anderen spielen. Dann wird alles zu viel und der Wunsch nach
Unabhängigkeit extrem. Man braucht eine neue Perspektive. Die Perspektive
heißt: Ich. Für einen Menschen, der sich wie ferngesteuert immer wieder in
Zwang und Gewalt begeben kann, ist das ein unerhörter Gedanke. Er kann ihn
retten.

 Mama, warum weinst du?

Das letzte Mal trennt sich Anja im Sommer
2014 von Stefan. Die beiden Kinder schlafen. Wieder hat Stefan ihr Handy
genommen, einfach so, und Nachrichten gelesen. Das ist mein Leben, sagt sie zu
ihm. Er stürzt sich auf sie, sitzt auf ihr, schlägt auf sie ein. Sie schützt
ihr Gesicht, weil sie daran denkt, dass sie noch arbeiten muss. Papa hör auf,
ruft der ältere Sohn, er ist inzwischen vier Jahre alt und steht plötzlich in
der Tür. Papa, was machst du da?

Stefan lässt von ihr ab.

Mama, warum weinst du?, fragt der Sohn.
Er streichelt und drückt sie.

Papa ist böse, bringt sie zum ersten und
einzigen Mal hervor. Zum ersten Mal bestätigt sie dem Sohn, was sie ihm so oft
versucht hat auszureden.

Dann nimmt sie den kleinen Bruder und
läuft davon. Zu ihrer Mutter.

Ab da an verlässt sich Anja nur noch auf
sich selbst. Und auf ihre Mutter.

Jetzt sitzt Anja in ihrer eigenen
Wohnung. Es ist Nachmittag. Ihre Mutter ist zu Besuch. Sie hat kurzes
blondes Haar und eine kräftige Stimme. Sie muss nicht mit am Tisch sitzen, um
dazuzugehören. Lautlos läuft der Fernseher. Anja setzt Kaffee auf. 

Liebevoll hat sie sich nach und nach
diese Wohnung eingerichtet. Wenn sie konnte, kaufte sie Möbel, wie die große,
graue Couch inmitten des Wohnzimmers, oder den großen Esstisch in der Nische
gegenüber. Hier sitzen wir. Vom Tisch aus überblickt man die einzelnen Zimmer.
Die Türen sind offen. Das Kinderzimmer ist sehr groß. Es ist teils blau
gestrichen – wie eine Welle zieht sich die Malarbeit über die Wände. In einem
Regal steht ein Foto ihres Vaters.

Anja erzählt von ihrer Wut, sich nicht
früher anders entschieden zu haben. „Wären die Kinder nicht gewesen, hätte ich
das nicht so gemacht“, sagt sie. Wäre nicht immer wieder zu Stefan zurück
gekehrt. Als sie nach vier Jahren am Boden lag, entschloss sie sich, nicht mehr
der Kinder wegen bei ihm zu bleiben. Und als es nicht mehr um die Kinder ging,
fiel es ihr viel leichter, auf Distanz zu gehen. Sie nickt, als wolle sie ihre
Worte vor sich bestätigen.

In einer versunkenen Pause sagt die
Mutter: „Ich habe das Gefühl, auf unserer Stirn steht: Bitte schlag mich.“ Sie
streicht sich mit dem Finger über ihre Augenbrauen. Ja, auch sie hat an ihrer
Tochter gezweifelt. Als die wieder und wieder zu Stefan zurückkehrte. Aber sie
würde eher auf Stefan losgehen, als jemals ihrer Tochter die Unterstützung zu
entziehen.

Anja vermutet, dass auch ihre jüngere
Schwester geschlagen wird. „Sie redet nicht darüber, aber es ist deutlich zu sehen“,
sagt sie. „Sie müsste es besser wissen. Einmal, als Stefan ausgerastet ist, hat
sie mich zusammen mit Papa aus der Wohnung geholt. Aber sie lässt nichts auf
ihren Freund kommen.“

Die Spirale der Gewalt dreht sich weiter.

Anja trägt die Gewalt bis heute in sich

Bis heute erlebt Anja die Gewalt in sich.
Es gab eine Zeit, da ertrug sie ihren älteren Sohn kaum. „Der war wie der
Vater. Ich konnte ihn nicht ansehen. Ich habe ihn nur angebrüllt“, sagt sie
kopfschüttelnd. Darüber dachte sie viel nach. Ihr wurde klar, dass es allein
ihr Problem war, dass es allein mit ihrem Verhältnis zu Stefan und zu sich
selbst zu tun hatte.

Das Sorgerecht für den älteren Sohn teilt
sie mit Stefan. Eine Woche ist er bei ihr, eine Woche ist er bei ihm. Das
entschied das Gericht. Sie versteht es nicht. „Wie kann das Jugendamt bei
seinem Vorstrafenregister entscheiden, dass das Kind bei ihm leben darf?“, sagt
sie.

Das jüngere Kind akzeptiert er nicht. Er
bezweifelt, dass es von ihm ist. Anja sagt, es ist seins. Es gibt keine andere
Möglichkeit.

Wenn der Große, er ist jetzt fünf Jahre
alt, übergeben wird, gießt Stefan gehässige Kommentare über Anja aus. Von ihren
„Stechern“ giftet er dann. Per SMS folgen Drohungen. Dann wieder
Liebesbekenntnisse. Sie wehrt beides ab. Den „Krach“, die Annährungsversuche.
Seine Kommentare gehen „nur hier rein und da raus. Sie habe das Muster aus
Gewalt, Reue und Liebkosungen durchschaut. „Das ist ein Machtspielchen“, sagt
Anja. Man müsse die eigene Verletzbarkeit im Griff habe.

Anja hat wieder Freunde, ein sicheres
Leben und liebkosende Beziehungen zu ihren Jungs. Sie ist jetzt 25. Sie fühlt
sich frei.

Dieser Artikel ist zuerst bei Correctiv erschienen. Wir freuen uns, dass wir ihn auch hier veröffentlichen können.

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